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Too Sexy For The Führerbunker

Von David

Kaffekranz um deutsche Popkultur am 14.01. in Berlin.

Zu den Geboten des Popantifa-Diskurses zählen wohl mindestens zwei. Das erste ist: Du sollst nicht mögen. Dieses Gebot ist sinnvoll und richtig, früher hätte man gesagt: gut und nicht schlecht. Das zweite: Wenn Du einen Aufruf o.ä. schreibst, sollst Du Blumfeld zitieren. Dieses Gebot ist nicht unbedingt sinnvoll, aber auch nicht schlecht. In Berlin hat sich eine bessere Hälfte schon zu AAB-Zeiten fast immer an das zweite Gebot gehalten, und auch das erste wurde im Rahmen des Möglichen einzuhalten versucht. Glücklicherweise haben Blumfeld im Laufe der Jahre ja soviel Lyrics produziert, dass die Popantifa wohl auch noch die nächsten Jahre lang immer wieder eine schöne Zeile Distelmeyer finden wird, die eine Veranstaltung betiteln oder eine respektable Über‑ oder Zwischenüberschrift im Demonstrationsaufruf abgibt. (Mein Vorschlag für’s nächste anstehende Ereignis: »Wir sind frei – heraus zum 1. Mai!«).

Unter dem Titel »too sexy for the führerbunker« luden kürzlich Eintracht Berlin aus dem Kritik&Praxis-Umfeld und Jungle World ins Kreuzberger Bethanien. Diskutiert werden sollte darüber, wer eigentlich im Pop brauchte. Anlass waren und KollegInnen, die während des Irakkrieges nicht nur Teil einer Friedensbewegung sein wollten, sondern darüber hinaus fanden, dass es »offensichtlich das Schönste an diesem Krieg ist: dass man endlich wieder ungehemmt für sein darf«, woraufhin bekanntermaßen Erich Frieds »Was es ist« für ihre Liebeserklärung an herhalten musste. Darüber sollten allerdings nicht nur Sami Khatib (De:Bug), Knarf Rellöm und Eintracht Berlin streiten, mit Nhoah und Inga Königsstadt, beide vom -Label R.O.T. und Initiatoren der »ANGEFANGEN«-Kampagne, saß das neue gleich mit auf dem Podium.

Es bleibt rätselhaft, was die Veranstalter dazu bewogen hat, die Popdeutschen selbst zum Streitgespräch zu laden, ihre Position also als verhandelbare anzuerkennen. Nun sind , die letztes Jahr noch die Begleitkapelle zur 1.Mai-Demo der kp_berlin abgeben konnten, ja so etwas wie die verlorenen Söhne und Töchter der Poplinken. Wollte man ihnen noch einmal pädagogisch beikommen und ihnen verraten, dass sie doch eigentlich verraten! sollen, wie es im Berliner Bündnisaufruf zum 3. Oktober hieß? Gemessen an diesem Anspruch scheiterte die Veranstaltung. Dafür wäre es wohl auch sinnvoller gewesen, man hätte und Komplizen die Teilnahme an einer junge-linke-Schulung über deutschen geschenkt.

Hatte man aber nicht, deshalb gab Sami Khatib Nachhilfeunterricht in Nationskritik und wiederholte unentwegt, das ein ideologisches Konstrukt sei, was natürlich stimmt, aber in der von ANGEFANGEN praktizierten geistigen Neubesetzung dieses Konstrukts ja schon implizit anerkannt wird. Da ANGEFANGEN aber nach eigenen Aussagen nur allgemein menschliche Werte (Respekt, Toleranz, Liebe, Mut) verbreiten will und sich damit, wie Khatib richtig bemerkte, in eine »vorpolitische, vordiskursive Selbstfindungsrhetorik« flüchtet, konnte es auch keine politische Auseinandersetzung mit ihnen geben. Die anwesenden Vertreter konnten dann auch nicht eine Frage, die ihnen gestellt wurde, beantworten. Etwa die von Moderator Jörg Sundermeier, warum sie einerseits behaupten, allgemein menschliche Werte zu vertreten, andererseits aber hochfahren wollen. Denn man habe ja gar keine Antworten geben wollen, sondern nur Fragen stellen, nötige Debatten anstoßen, Tabus brechen etc., wir kennen das ja. Und thematisiere man auch nur, weil’s halt zufällig »unser Lebensraum« sei.

Wussten sie die Antwort wirklich nicht? Der deutsche Mainstream jedenfalls weiß ganz gut, wer bei der Durchsetzung ihrer Werte im Weg steht: Die USA, die »anderen Kulturkreisen« nicht den nötigen Respekt zollen, während interesselos für allgemein menschliche Werte einstehe. Womit nicht behauptet werden soll, dass etwa Toleranz nicht ihre guten Seiten hätte – unendlich tolerant, wie man bei ANGEFANGEN nun mal ist, hatte Nhoah wohl auch vollstes Verständnis dafür, als Jörg Sundermeier ihm gegen Ende der Veranstaltung noch im Satz, leicht entnervt, aber dezent das Tischmikrofon wegzog. Am nächsten Tag sollten übrigens im Rahmen der Studentenproteste ein Konzert geben, das wegen gemüseförmigen Protests einiger Studenten allerdings abgebrochen werden musste. War dieser Protest nun vor‑ oder nachdiskursiv? Respekt verdient er allemal.


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