»Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.« (Jens Jeremies)
Ja, es kommt gerade ganz hart für unsere sensiblen antideutschen Seelen. Das Foul an Michael Ballack (über das ein Jan Wouters wahrscheinlich nur verächtlich gegähnt hätte), Lena, Gaza-Märtyrerflotte, Fifa-WM. Keine Woche vergeht, ohne das Aufgrunzen des nationalen Kollektivs, ausgelöst durch ein scheinbar banales Ereignis. Zwei Dinge überkommen mich angesichts der Reaktionen dabei immer wieder aufs Neue. Die eigentlich längst erlangte Erkenntnis, wie dünn die liberale Fassade des neuen Deutschland ist und die Ohnmacht, mit der ich diesen Auswüchsen gegenüberstehe. Ich verdränge, um nicht reagieren zu müssen. Aber nun ist Schluss: Es ist Fifa-WM. Vier Wochen lang wird wieder »mein« Sport durch den nationalen Dreck gezogen, von Idioten, vom Pöbel, von der Masse. Da hört der Spaß wirklich auf. Fast schon sehnsüchtig blicke ich auf Zeiten zurück, als man sich zumindest vor Linken ein verächtliches Augenverdrehen einfing, wenn man die Demo sausen ließ, weil man Samstag lieber selbst auf dem Platz stand. Als es anlässlich internationaler Fußballturniere lediglich einige junge, männliche Proleten waren, die die Innenstädte mit ihren deutschen und türkischen Fahnen belagerten. Eine Zeit, als zwar der Pöbel das Stadion regierte aber die Masse, im Sinne eines wirklichen Kollektivs, zu Hause blieb und in der Regel die Schnauze hielt, wenn es um Fußball ging. Beides ist längst ins Gegenteil umgeschlagen und an beidem ist nicht nur die Kommerzialisierung des Fußballs schuld, sondern auch der neue deutsche Nationalismus, also dieser ursprünglich noch rotgrün übertünchte. Aber das soll hier nicht Thema sein. Argumentieren will ich weder gegen diesen Pöbel noch die Masse. Es bringt einfach nichts außer Frust.
Fakt ist aber nun einmal: Der Vereinsfußball in seiner modernen kapitalistischen Ausprägung hat den Sport bis weit über die Schmerzgrenze vieler Fans kommerzialisiert. Aber dies war eben der Preis seiner Zivilisierung. In einem unglaublichen Tempo wurden zumindest aus den höheren Ligen männerbündlerische Gewalt weitest gehend verdrängt, Rassismus gebrandmarkt und, auch auf Grund eines Umdenkens des DFB, der völkische Nationalismus und Rassismus durch ein zumindest instrumentell liberales Verständnis von Staatsbürgerschaft ersetzt. Und während ein DFB-Präsident sogar offen über den Kampf gegen Homophobie in Stadien spricht, konnte einer seiner Vorgänger, Gerhard Mayer-Vorfelder, noch vor wenigen Jahren über den fehlenden Germanenanteil in den Bundesliga-Teams schwadronieren. Nach dem WM-Sieg der französischen Equipe Tricolore 1998 wusste der oberste Führer des deutschen Fußballs zu analysieren: »Es soll nicht chauvinistisch klingen, aber hätten wir 1918 die deutschen Kolonien nicht verloren, hätten wir heute in der Nationalmannschaft wahrscheinlich auch nur Spieler aus Deutsch-Südwest.«
Fakt ist nun einmal auch: sobald sich ein wild zusammen gewürfelter Haufen von Spielern alle paar Jahre zu diesen absurden »Länderkämpfen« treffen, fällt die dünne Fassade der Zivilisation. Wie die Ratten kommen sie aus ihren Löchern um über deutsche Tugenden, dumme Engländer, feige Italienern zu schwadronieren. Vom Feuilletonisten bis zur Wetter Tussi auf N24 wollen alle Teil des Ganzen sein.
Was im Sommer 2006 losbrach, war im Endeffekt der letzte nötige, weil wirklich massentaugliche, nationale Schulterschluss. Die Vervollständigung einer Mission die vordergründig 1998 mit der Wahl der rotgrünen Regierung, tatsächlich aber 1989 im Bundestag durch das Absingen des Deutschlandliedes begann. Schland ist wieder wer. Von vulgär-nationalistischen WM Songs über Werbeclips und Talkshows, bis hinein in die schmierigen Feuilletons der Tageszeitungen ist jegliche Distanz zum Kollektiv verloren gegangen. Nur so ist es erklärbar, dass ein ehemaliger Autor der Jungle World vor dem Serbien-Spiel in der taz schreiben kann, (natürlich schwer ironisch gebrochen): »Es gibt kein Land, das wir öfter geputzt hätten: 41–99–2010, so stimmen wir alle ein…« Vor allem auch in den Kommentarspalten von durchaus akzeptablen Fußball-Seiten wie 11Freunde schießt es aus ihnen heraus wenn ein Deutsch-Ghanaer den Führer Ballack durch ein etwas hartes Tackling die WM-Teilnahme versaut, oder ein Autor es wagt, die innersten Reichsparteitagsträume einer Frau »Müller-Obersalzberg« (Titanic) zu kritisieren. Sobald es den kleinsten Impuls gibt, reagiert und funktioniert der Schland-Fan nur noch als Teil der Volksgemeinschaft: wahnhaft, ressentimentgeladen, eben als deutsches Kollektiv.
Doch was dagegen tun? Wie einer aufklärungsresistenten Gemeinschaft ihr liebstes nationales Spielzeug ausreden, wenn man es ihnen schon nicht aus der Hand prügeln kann? Dass man Feuer oft am besten mit Feuer bekämpft, wissen wir ja nicht erst seit Metallica. Fußball hat eine solch emotionale Bedeutung für so viele Menschen, eben auch für mich, dass die Lösung im System selbst liegen muss. Abschaffen jedenfalls lässt er sich im Gegensatz zu Arbeitslosengeld nicht.
Die Idee für Folgendes kam mir »am Tag danach«: Mein Lieblingsclub der FC Bayern München hatte soeben verdient das Champions League-Finale gegen Inter Mailand verloren. Als Frustbewältigungsprogramm bin ich den nächsten Tag ziellos durchs Netz gesurft, habe zahllose Artikel gelesen und einige FC Bayern-Blogs besucht. Kein verbiestertes »Scheiß Italiener« wie noch zur WM 2006 (gut, es war ja auch kein Italiener auf dem Platz beim FC Internacionale), keine absurden Verschwörungstheorien über den englischen Schiedsrichter Howard Webb. Stattdessen immer wieder kaum erwiderte Stimmen, man könne auf die doofe WM gerne verzichten und wie absurd es sich irgendwie anfühle, all die tollen Spieler dieses Teams nun gegeneinander spielen zu lassen. Lieber einmal emotional durchatmen, bevor man sich und sein Nervenkostüm wieder auf die neue Bundesliga-Saison einstellen muss. Der nationale Schulterschluss von eigentlich verfeindeten Fans funktioniert nur durch die Spielpause der nationalen Ligen – und das nicht nur aus praktischen Gründen. Im Endeffekt verschmelzen Fußball-Fans für vier Wochen mit WM-Fans.
Und diese WM-Fans sind zum überwiegenden Teil Leute, die keinerlei Bezug und Zugang zu dem Spiel Fußball haben. Ihnen fehlt es an Respekt und Verständnis für diesen wunderschönen Sport. Der »Länderkampf« ist das ungebrochene Aufbäumen des archaischen Chauvinismus gegen die Herkunft zersetzende Waren produzierende Gesellschaft. In diesem Sinne ist eine Fifa-WM so modern wie ein Gladiatorenkampf, eine Sklavenauktion oder ein Aquädukt. Wo aber ist die Artillerie der Bourgeoisie, mit der sie »den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt« (Marx/Engels)?
Wieso nicht die offene Konkurrenz zwischen modernem Ligabetrieb und gähnend langweiligen Fifa‑ und Uefa-Turnieren? Wieso nicht eine Unvereinbarkeitsklausel für Spielerverträge einführen? Verein oder Nationalteam. FC Bayern oder Bundesadler. Als Vorschlag zur Güte dürfen Klose und Demichelis ablösefrei zu ihren Nationalteams wechseln. Und einmal im Jahr können sie mit ihrem FC Deutschland nach München kommen und sich von »meiner« heimatlosen Söldnertruppe zweistellig abschießen lassen. Die FIFA tritt offensiv als Gegenmodell zu den nationalen Ligen auf und wir überlassen das ganze, wie fast alles in der Geschichte, dem freien Markt. Mal sehen, wie viele Fußballverrückte bereit sind ihre Jahresdosis gegen eine Vier-Wochen-Ration einzutauschen. Lassen wir es auf uns zu kommen, ob es denn auch nur einen talentierten Spieler gibt, der bereit ist, für die nationale Ehre auf einen hoch dotierten Vertrag zu verzichten.
Da die Stadionränge bei Schland-Spielen dann im wesentlichen von Ballermann Reisegruppen, frustrierten Dynamo-Fans und anderen unsympathischen Proll-Deppen bevölkert wären, würde dem Klinsmann-Grinse-Nationalismus dann auch recht schnell seine Maske herunter gerissen und übrig bleibt neben denen, die eh schon offen Nazis sind, das widerliche Public Viewing-Publikum, die selbst in den weichgespülten Eventstadien der Bundesliga kein Mensch haben will. Bis dahin bleibt wie immer nur zu hoffen, dass Ghana am Mittwoch der Sache ein frühes, grausames Ende setzt, denn »diese Vuvuzelas sind nur ein Zehntel so nervig wie der Gedanke, dass Deutschland wieder ins Finale kommen wird.« (Daily Mirror)
Credits: Das Bild zu diesem Artikel ist aus der großartigen Serie »Fanmeile« (2006) von Johannes Paul-Raether.



