Navigation

Zutat: Pop

Von Janette

In Weimar, der angeblichen Kulturhauptstadt, trafen sich vom 28.01 – 30.01.2005 VerteterInnen aus Musik, Kunst und Kritik zum gemeinsamen Input bei der Konferenz »Popkultur und Politik«, veranstaltet vom »Archiv der Jugendkulturen« in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Wie progressiv ist Pop war die Frage, aber auf die wollte eigentlich kaum jemand eine Antwort.

Die Vorstellungsrunde haben wir zum Glück verpasst, ergo mussten wir nicht erklären warum wir da sind und auch nicht unsere Lieblingsplatte nennen (sic!). Zum Einstiegsreferat waren wir dann aber fast pünktlich. Die Referenten sprachen über die Entstehungsgeschichte der HipHop-Szene in den USA und machten dabei einen ziemlich souveränen Eindruck. Es gab einen umfassenden Bericht zu den verschiedenen Entwicklungen in der Subkultur der Breaker, Sprayer und DJ`s der Siebziger in Amerika. HipHop als eindeutig afroamerikanische Musik und Lifestyle-Attitüde kam erst später in Europa an und entwickelte sich hier auf Grund unterschiedlicher Asylgesetze in verschiedene Richtungen. Lag in Frankreich der inhaltliche Schwerpunkt bei der Bewegung als solches, den Partys in illegalen Clubs und dem Lebensgefühl einer Subkultur anzugehören, waren die migrantischen MC`s in Deutschland mit ihrem Status in dieser Nicht-Mehrheitsgesellschaft beschäftigt.

Nachdem wir nun quasi dazu avancierten, omnipotent in Fragen zur Entstehung und Kultur der weltweiten HipHop-Szene zu sein fehlten immer noch grundsätzliche Begriffsklärungen für Rezipienten und Referenten: Was ist Pop, was eine Popkultur und wo sind die Unterschiede zum Kulturbegriff im Allgemeinen? Das wäre eine interessante Frage geworden, zu sehen, wie weit Definitionen bei diesem Thema divergieren. Aber leider kam es nicht dazu. Der Fokus sollte ein ganz anderer werden…

Die Veranstalter haben sich große Mühe gegeben, möglichst alle Sparten von Pop an diesem Wochenende mit einem Referat zu bedenken. Das Hauptaugenmerk lag dabei eindeutig bei HipHop, ob der Grund dafür »HipHop-Partisan.net« ist, das Portal zum Thema des »Archiv der Jugendkulturen« oder einfach die Tatsache, dass HipHop momentan einfach wieder gut in den Charts und den Jugendkulturen funktioniert, kann ich nicht sagen, aber unterstellen. Das wohl häufigst genannte Thema war der junge Mann mit der Maske aus dem Märkischen Viertel in Berlin, Pädagogen in Aufruhr und nach Antworten suchend, die Szenekenner ruhig und gelassen. Sido scheint zum Streitpunkt in Schulen und am elterlichen Küchentisch geworden zu sein, sexistisch, Gewalt und Drogen verherrlichend, das kommt bei Mama und der Unterstufenkoordination nicht gut an. »Alles Provo« sagen die Experten. Und genau an diesem Punkt kristallisiert sich das Problem der Pädagogen und Sozialarbeiter heraus: Es mangelt an Reflexion. Bemerken tun dies aber nur ganz wenige. Pop wollte immer provozieren, in den 50ern war es der wilde Rock’n’Roll-Tanzstil, in den 70ern die Hippies, die Gesellschaft wird freizügiger, Tabus und ihre Grenzen verschieben sich. Provokation funktioniert durch Grenzüberschreitungen, wenn diese sich immer mehr verlagern, geht Pop halt mit. Obwohl sauber auf dem Teller serviert wurde, dass HipHop und Musik eben ein Teil der Gesellschaft sind, Möglichkeiten zur Reflexion jener bieten, wollte der Grossteil des Publikums jedoch immer noch nix begreifen. Ein wenig leid taten sie mir schon, die Lehrer, Lehrerinnen und Streetworker, die den weiten Weg nach Weimar auf sich genommen haben, um am Montag der Klasse oder der Clique vom Marktplatz das neue Handlungskonzept vorzustellen und nun doch ohne nach Hause fahren mussten. Noch mehr leid taten mir aber wohl die ReferentInnen, die angesichts der immer wiederkehrenden Fragen nach Konzepten per se verzweifelt waren.
Unglaublich, wie wenig von der eigenen Jugend zurück geblieben zu sein scheint, dass die Zeiten der Rebellion längst vergessen sind – vielleicht gab es sie aber auch nie so richtig. Also waren wir es, die sich deplaziert fühlten. Zur Sicherheit noch mal schnell das Seminarprogramm zur Hand genommen, gut, da steht nix von Handlungskonzepten und Pädagogik-Aufbaukursen … Okay, da mussten wir nun durch. Leider verdarben die ständigen Fragen zur Erreichbarkeit jüngerer Menschen und den entsprechenden Zugangscodes die durchaus informativen Veranstaltungen.

Sogar beim Konzert mit Egotronic kam ich mir komisch vor, die Pädagogen konnten sich ihrer Rolle nicht entziehen, rechts und links saßen sie neben der Tanzfläche, beobachtend, versuchend zu verstehen. Schuldisko. Toll!

Zum Highlight des Wochenendes wurde das Referat von Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag. Das Thema war kein Neues: Pop und Nationalismus. Und nach zwei Tagen heftigsten Kopfschüttelns tat das auch mal gut, zurückgelehnt im Stuhl zu flezen und zu nicken. Yes!

Neues aus dem Hause Mia gab es zu verkünden, haben die sich doch glatt geweigert, die Erlaubnis zur Veröffentlichung eines Films über ihre rebellische Band zu geben. Sundermeier durfte trotzdem ein paar Sequenzen sehen, mit welchem Inhalt erzählte er natürlich nicht. Fakt ist nur, dass alle Versuche, die Band zu denunzieren gescheitert sind, die Platten verkaufen sich besser als je zuvor, ihre Konzerte sind ausverkauft und die Story ist definitely to be continued! Der Plan, der Liebling der Nation zu werden ist perfekt aufgegangen. Willkommen in der Neuen Mitte. Schon die Goldenen Zitronen haben gewusst, die Nazis sollen nicht raus aus Deutschland, »denn hier gehör’n se hin!« Und endlich dürfen WIR, und endlich sind WIR wieder wer, Heppner und van Dyke machen den Soundtrack zu Guido Knopps widerlicher Doku über den Zweiten Weltkrieg, Rammstein frönen ihrem Antiamerikanismus und die Masse feiert sie in den vorderen Plätzen der deutschen Singlecharts.

Da hat selbst die NPD begriffen, dass mit Pop ’ne Menge geht, Mia. und Co werden also rezensiert und bestimmt auch gehört. Die Erkenntnis ist angekommen, Landser wird so schnell nicht im deutschen Radio laufen. Also supporten WIR wenigsten die, die sich was trauen, entledigen uns des lästigen Klotzes Auschwitz und blicken euphorisch in die Zukunft.
Die Zutat Pop ist bei der Meinungsbildung entscheidender geworden als jedes Wahlplakat oder jeder Radio Jingle. Der »Soundtrack zur Bewegung« wie Sundermeier es nannte, entscheidet über das drinnen oder draußen sein.

Und da die ganze Nation nun endlich nicht mehr fern ab vom Weltgeschehen steht, sich selbstbewusst gegen den »us-amerikanischen Aggressor« und gegen den »sinnlosen« Krieg im Irak gestellt hat, wird es nun auch Zeit das sagen zu dürfen, stolz zu sein und den Rest der Welt damit zu behelligen. Die Tatsache, dass Popmusiker, so sie denn einmal eine Plattform zur Meinungsäußerung erhalten haben, auch nicht aufhören wollen zu schwafeln bereitet hierbei zusätzliche Bauchschmerzen. Das Gefühl, etwas zu sagen zu haben ist ein gefährliches, wenn da de facto nämlich nichts existiert und die vermeidliche Attitüde in hohlen Phrasen endet. Im Gegensatz zur Bundestagsfraktion verfügt die Pop Riege über die entsprechenden Zugangscodes und erreicht die Massen.

Und weil wir von den Figuren hinter der Musik nicht viel erwarten können, sollten wir es mit dem großen Wort POP genauso halten – alles in allem ist Pop ein Teil der Gesellschaft und kann deshalb nicht »Einflussgeber« sein, solange das Umfeld, in dem er funktioniert so ist wie es ist. Der Soundtrack zum Alltag kann nicht die Lösung unserer Probleme sein. Von eben jenem hilft Musik doch zu entfliehen. Nach Hause kommen und die Welt draußen lassen. Egal was da gehört wird, in den Wohnzimmern, es ist Teil des Ganzen und spielt für den ein oder anderen eine unterschiedliche Rolle, nur weil sich Duschbad mit Tropenmusik im Hintergrund besser verkauft als ohne, heißt das noch lange nicht, dass Pädagogik mit Soundtrack besser funktioniert als sie es ohnehin schon nicht tut. Wenn »unsere Kids« weiter auf Lehrmeister à la »Nu ja, die Jugendlichen freuen sich, wenn sie mit mir und der Schulband auf Tour gehen können« zurückgreifen müssen, mach ich mir da keine Sorgen. »The Failure is not in you…«
Unter den gegeben Umständen müssen sich Pädagogen auch nicht sorgen, Arbeit und zu bearbeitendes menschliches Potential ist da. Und ein paar staatstreue Bankangestellte, Polizeibeamte und Wurstfachverkäuferinnen werden schon rausspringen. Da bin ich mir ganz sicher.


Artikel: versenden versenden   Drucken Drucken

Technorati Del.icio.us Digg Yigg Mr.Wong Webnews Netselektor Blogmarks Linkarena Newsvine 

Es wurde noch kein Kommentar abgegeben.

Reiss die Fresse auf:

XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>




Schubladen
Surftipps
  • Faites Votre Jeu!
  • Communique1
  • Kittkritik