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»Alexander Rodchenko. Revolution In Photography«

Von Hanno

London, The Hayward, 07.02.-27.04.2008

Es sei zuerst vorangestellt, dass der Autor sich hier als völliger Laie auf dem Gebiet der Fotographie äussert und auch weiterhin Kunst gerne betrachtet, aber in den wenigsten Fällen viel mehr von ihr versteht als dass, was ihm von dieser oder jener Seite dazu erzählt wird.

Die Hayward Gallery im Komplex des Londoner Southbank Centre, das eben jene Galerie, die Royal Festival Hall, die Queen Elizabeth Hall und die Saison Poetry Library beherbergt, richtete eine grosse Retrospektive (mit rund 120 Originalobjekten) auf Leben und Werk des russischen Konstruktivisten Alexander Rodchenko (1891–1956) aus. Sie wurde von dem Moskauer House of Photography organisiert und zeigte in breiter Weise die Entwicklung im Werk Rodchenkos.

In St. Petersburg geboren, zog er 1916 nach seiner Ausbildung an der Kunsthochschule von Kazan, wohin die Eltern mit ihm 1901 gezogen waren, nach Moskau, um am Stroganov Institut zu studieren. (An der Kunsthochschule in Kazan lernte er 1914 seine zukünftige Frau Varvara Stepanova kennen). Kurz nach einer Begegnung mit dem rusisschen Futuristen Vladimir Tatlin wurde Rodchenko zum Militärdienst eingezogen, dem die Februarrevolution von 1917, gefolgt von der Oktoberrevolution der Bolschewisten ein Ende bereitete. Rodchenko und andere Künstler der unterstützten (auch) jene zweite Revolution. Der Fotograph wurde 1918 Mitglied des Departments für visuelle Kunst im Volkskomissariat für Aufklärung und organisierte künstlerische Aktivitäten in Moskau. Er half, die die Zeitschrift der LEF () LEF und New LEF zu organisieren, die von dem Dichter Vladimir Mayakowsky herausgegeben wurden. Er gestaltete alle Titel der beiden Magazine. Die Künstler, die sich in LEF zusammenfanden, waren gleichsam Gefährten und Objekte des Objektivs Rodchenkos.

Knigi

Durch den relativen, staatlich erlaubten und regulierten Wettbewerb während der Phase von Lenins NEP begann Rodchenko auch – oft unter Text-Beteiligung Mayakowskys – Werbemontagen für Staatsbetriebe und Einkaufszentren, wie das Moskauer Mosselprom zu gestalten. Im Zuge dessen entstand auch das schon als allgemein bekannte Bild der rufenden Lily Brik, eine Anzeige für das Leningrader Department des staatlichen Verlags, mit der Aufforderung, mehr Bücher zu kaufen (implizit natürlich zu lesen, aber dies nur nach dem Kauf). Dieses Poster (KNIGI, 1925) war auch das einzige wirklich grossflächig farbige Exponat. Obwohl natürlich auch die Cover der LEF/New LEF und einige Collagen und nachcolorierte Fotos in der zu finden waren, so diente »KNIGI« doch als zentraler Blickfang: Wenn man die Ausstellungsräume betrat, blickte man zuerst auf das hinlänglich bekannte Plakat.

Die weitreichende Neugestaltung der jungen Sowjetunion war immer wieder Rodchenkos Thema. Neben der Roten Armee, deren Erster Kavallerie er ein ganzes Fotobuch gestaltete, stand ihm wiederholt die neue Architektur der Großstädte wie auch deren Bewohner Motiv. Die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zog den Anspruch nach sich, eine Revolution in der Fotographie und der Bildmontage zu schaffen.

Die Arbeitstechniken überschneiden und ergänzen sich bisweilen auch. Die Titel der »New LEF« sind Collagen, deren Stil der Typographie und Ästhetik der BAUHAUS-Büchern ähneln. Fotos wiederum sind Rodchenko das Ausgangsmaterial für die meisten Gestaltungen. Die Verbindung der beiden Elemente Fotographie und – es mag übertrieben klingen – gestalterischer Kunst ist auch in den Fotoillustrationen zu sehen, die er für ein Kinderbuch von S. Tretiakov im Jahr 1926 schuf. Aus Papier und Pappe gebastelte Puppen und Figuren, die mithilfe des Fotoapparats verfremdet wurden, bzw. bei denen das Spiel von Licht und Schatten ein besonderes Element des Arrangements bildet.

Mit dem Tod Lenins und der Übernahme des Vorsitzes des Politbüros der KPdSU durch Stalin trat die Revolutionierung der Fotographie bei Rodchenko zurück; er regredierte gleichwohl nicht vom Stand seiner technisch‑ästhetischen Neuerungen, sondern behielt das Niveau bei. Eine Fortentwicklung ist ab diesem Zeitpunkt aber nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass Rodchenko im Zuge der forcierten Neuorientierung in den Künsten – der politische Sozialismus in einem Land forderte auch von der Kunst einen Beitrag: den bolschewistischen Realismus – stark ’kritisiert’ wurde: zuerst wurde er beschuldigt, westliche ’imperialistische’ Fotographen zu kopieren und später ein kleinbürgerlicher ’Formalist’ zu sein. Schwerwiegender wirkte sich aber vielleicht das 1933 erlassene Gesetz aus, nach dem öffentliche Fotographie in Moskau nur noch mit Erlaubnis möglich war. Angegriffen und in seiner vormaligen Position geschwächt, erhielt Rodchenko meist nur die Erlaubnis, offizielle Kundgebungen und Aufmärsche, Theater und Zirkus zu fotographieren. In Moskau bannte er möglichst alles auf Film, was erlaubt war. Interessanterweise finden sich nun im Katalog der Londoner die Fotos von offiziellen Sportkundgebungen und Militärparaden in einem Kapitel. Was theoretisch schon immer deutlich war, die Affinität des Sports zum Krieg wird auch in den Fotos ausgedrückt: Eine Uniformität, die zwar das Auge schmeicheln mag, da Menschen zu Formen der bildlichen Komposition degradiert sind; aber die Gleichförmigkeit vermag auch noch der avangardistische Blick nicht aufbrechen.

Außerhalb Moskaus bemühte sich Rodchenko Fotoreportagen zu komponieren. Es erschienen mindestens zwei Reportagen als Bücher: USSR under Construction (1933) über den Bau des White-Sea-Baltic Canal und From Merchant Moscow to Socialist Moscow (1932), in dem neben Rodchenko B. Ignatovich und E. Langman Fotos besteuerten.

Mit der Konsolidierung des Faschismus in Europa begann eine Wende in Rodchenkos Werk einzutreten. Ende 1937 notierte er in sein Tagebuch: »Heute habe ich eine Menge nachgedacht und entschieden, dass ein entschiedener Einschnitt in meiner Arbeit wieder nötig ist. Ich muss etwas sehr warmes, persönliche, menschliches machen! In Antwort auf die Fortschritte des Faschismus, der Speichellecker und der Bürokraten … Der Mensch ist sehr allein heute, ein jeder hat ihn komplett vergessen.« – Eine Kritik, die sich eben nicht nur auf den Faschismus bezog, sondern ebenso auf die Herrschaft von Partei und Bürokratie in der Sowjetunion.

Rodchenko arbeitete noch an Bücher und Collagen, machte Fotos, doch er litt unter den Angriffen gegen ihn aufgrund des ’Verbrechens des Formalismus’, welche seine schwache Gesundheit immer mehr Angriffen – zusätzlich zu den Härten des Zweiten Weltkrieges. Während des Krieges beginnt auch seine große produktive künstlerische Arbeit zu Erliegen. Er arbeitet als Foto-Korrespondent für den »Stalin Shock-worker« und ausserdem mit Stepanova an verschiedenen Büchern, die nicht veröffentlicht werden. Während er in vorstalinistischer Zeit internationale Anerkennung erlangen konnte, wird er zwar 1948 mit einem Preis zur 800-Jahr Feier von Moskau geehrt, aber dennoch nicht in den wichtigen künstlerischen Organen der UdSSR anerkannt. Zum Jahreswechsel 1948/49 wünscht seine Tochter: »Liebster Papa! Ich wünsche, dass Du ein Buch dieses Jahr illustrierst. Bitte denk nicht, dass ich möchte, dass Du etwas in ’Sozialistischem Realismus’ machst. Nein, nur auf die Weise auf der Du es machen kannst.« Zwar arbeitete Rodchenko beständig weiter, es gelingt ihm aber nicht mehr, ähnliche Erfolge zu haben, geschweige denn zu publizieren, wie in den Anfängen der Sowjetunion. Er stirbt 1956 nach einem Schlaganfall.

Katalog
Moscow House of Photography (Hrsg.): »Alexander Rodschenko. Revolution in Photography«
Moskau, 2008. 223 Seiten.


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  1. Kunst gestern. « GrünundGrau 08.05.2008 / 9:03 am

    […] Beatpunk Webzine findet sich ein lesenswerter Artikel über eine Ausstellung der Bilder des russischen Konstruktivisten Alexander […]

  2. hanno 08.05.2008 / 3:37 pm

    ach, ich möchte interessierte noch wissen lassen, dass von 12.juni – 18. august 08 die rodchenko-ausstellung im berliner gropius-bau zu sehen ist.

    hier der link:
    http://www.berlinerfestspiele.de

    gruss.

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