Von Dennis
Christ On Parade, Warcry, Sunpower und Damaged Goods am 12.05.07 im Hof Ter Lo (Antwerpen)
08:19 Uhr Mein Bett. Die Augen gehen auf. Den Wecker kurz mit einem flüchtigen Blick gestreift – Gott sei Dank, denke ich, noch über 23 Stunden Zeit. Aber steht da nicht einer in meinem Zimmer und zischt mich an? Moment. Scheiße! Verschlafen! dämmert es grad noch, da sehe ich mich schon auf meinen Beinen stehen und schaue in dieses Allerweltsgesicht. Noch einmal zischt es mich an, sogar mit meinem Namen und auf eine Weise wie eigentlich nur Mütter es können, mit hingeberischer Empörung, vorwurfsvoll und doch unverächtlich. Allerdings ist es nicht meine Mutter, sondern ein aufgeregter, im Gegensatz zu mir aber bereits angezogener und startbereiter Shut The Frank Up, der offensichtlich in meine Wohnung eingebrochen ist und mich nachdrücklich daran erinnert, dass wir heute noch was vor hatten. Wenig später sitze ich bereits im Auto, wir fahren Richtung Westen.
13:51 Uhr Die Fahrt über passiert nicht viel Erwähnenswertes, was auch ein bisschen daran liegt, dass wir uns immer wieder gemeinschaftlich die Schlafmütze aufsetzen und unseren Fahrer, dem wir zu unendlichem Dank verpflichtet sind, allein lassen mit den äußeren Eindrücken, die der Lebensraum Autobahn für einen parat hält. So zum Beispiel unangekündigte Umleitungen oder einen schönen Stau. Irgendwo Ruhrpott-nah machen wir dann schließlich einen Halt für veganen Kaffee und ’ne Hackepeterknifte. Unsere Gruppenerscheinung – dominiert von einem Arrangement aus üblen Klamotten, voll üblen Tattoos, Kack-Frisuren und verbrauchten Turnschuhen – erscheint um einiges zivilisierter als das Sichtbare der restlichen Raststättenbesucher. Fußballfans auf der Durchfahrt. Hier hat heute jede/r sein/ihr Schalke-Hemdchen angelegt, um nach dem herannahenden Revierderby, das wenig später als die »Hinrichtung von Dortmund« in die Geschichte eingehen wird, auch schön blöd dazu stehen. Danach fahren wir über eine Stunde durch deutsches Regengebiet.
17:01 Uhr Unter den feinfühligen Klängen von The Cure passieren wir schließlich die Stadtgrenzen von Antwerpen. Just in time. Wo ist noch gleich der Weg zum Laden? Laut Routenplaner ganz einfach…
18:12 Uhr Nach einer schier endlosen Irrfahrt finden wir tatsächlich den Club und sind erstmal glücklich überhaupt angekommen zu sein. Fix die Karten geholt und ausfindig gemacht, dass DAMAGED GOODS, die erste von sechs Bands heute Abend, nahezu fertig ist mit spielen.
Na gut. Erstmal akklimanti.., akklimatti.., rumgucken. Ziemlich schnell ermittle ich den angeschlossenen Supermarkt direkt neben dem Hof Ter Lo. Aus erfrischungstechnischen Gründen verpassen wir auch noch den ersten Teil des SUNPOWER-Auftritts. Das was ich noch sehe, finde ich allerdings prima. Nicht besonders einfallsreich zwar, dafür aber hochsympathisch rödelt der belgische Fünfer sein Set runter, und trifft mit dem schnörkellosen Old School-Brett genau meinen Geschmack. Obligatorisch das Minor Threat-Cover, dann geht das Licht in der Halle auch schon an. Und siehe da: mit einer Kapazität von geschätzten 2000 Leuten ist das Hof Ter Lo gerade mal zur Hälfte gefüllt. Neben dem frühen Startbeginn, liegt das wohl auch daran, dass nicht wirklich intensiv Werbung für diese Show gemacht wurde. Konzertplakate in der Stadt gibt es keine und auch in Internetkreisen wurde die Show nicht übermäßig beworben. Nicht einmal draußen vor dem Laden findet man einen Hinweis auf die einzige Europashow von Negative Approach. Dass hat den positiven Nebeneffekt, dass so gut wie kein Bollo-Publikum den Weg hierher gefunden hat. Erwartungsgemäß ist trotzdem alles voll mit Deutschen, einige davon kennen wir sogar. Wir ersteigern erst einmal eine Stiege köstlichen »Kaisers« im Supimarkt und bereiten uns auf die nächste Band vor.
Auf Portlands WARCRY hatte ich mich besonders gefreut, ist doch hier eine Horde von Musikern am Werk, der man tatsächlich nachsagen kann, das, was kurant als Portland-Sound bezeichnet wird, zu einem eigenen, inzwischen tausendfach kopierten Stil festgenagelt zu haben. Die einzelnen Mitglieder und ihre Bands aufzuzählen würde zu bloßem name dropping verkommen, denn Warcry klingt eigentlich nach keiner der ehemaligen Bands der Akteure. Hastiger D-Beat, etwas Punk, Gitarrensoli und die bösen Ansagen von Sänger Todd, der ununterbrochen mit martialischen Gebärden post und irgendwann nervt. Hinten raus kommt nämlich nur mittelmäßiger Altherren-Crust, mit mehr oder weniger dem immer gleichen Song. Etwas enttäuschend.
Mehr als durchschnittliche Lieder und reichlich Pathos haben auch CHRIST ON PARADE an diesem Abend nicht zu bieten, was unter anderem daran liegt, dass die Bühne – wie für alle Bands eigentlich – viel zu groß ist. Ein immer schlechter werdender Sound tut ein Übriges, so dass außer der adonischen Erscheinung des Sängers sonst nur die eher adornitische des Gitarristen im Gedächtnis bleibt und die Band schlimm langweilt. Nach dem Auftritt beteuert dann Frank (Gestank) noch einmal, dass COP vor einigen Tagen im familiäreren Kreis des Zoros einen viel besseren Eindruck und auch überzeugenderen Gig abgeliefert haben. Nichtsdestotrotz, hier und heute, das war gar nichts.
Derweil hat die Bezugsgruppe kolossal beim Plattenstand zugeschlagen und mir wird nach kurzer Auswertung mein Unwissen unter die Nase gehalten. Unter verstärkt »kaiserlichem« Eindruck (s.o.) begebe ich mich wieder ins Innere des Hof Ter Lo und erwische eine alt gewordene Band dabei, wie sie einem ebenfalls alt gewordenem Publikum die lang erwarteten Hits vor die Rübe schießt. Jedoch: DISCHARGE 2007, übrigens nicht in Originalbesetzung, funktionieren nicht. Mehr kann man eigentlich gar nicht über deren Auftritt sagen. Zwar bieten sie spielerisch einen einwandfreien Gig mit viel Hingabe, die nachträglich sicher einige Blutdrucksenker und Beta-Blocker nach sich ziehen wird, aber die Atmosphäre alter Crust-Punk-Tage kann nicht wieder zum Leben erweckt werden. Es fällt zusehends schwer, die (jugendliche?) Unreflektiertheit und das rebellisch Ungestüme, das diesen Musik ja in gewisser Weise ausmacht, ins Jetzt hinüber zu retten, und der UK-Vierer scheitert schließlich auch daran. Der Großteil der Leute findet den Discharge-Gig trotzdem gut und feiert die Lieder, die mitunter schon 30 Jahre auf dem Buckel haben, entsprechend ab.
Es braucht die mit Abstand längste Umbaupause des Abends bis Detroits beste Exportwahre die Bühne betritt. Erst jetzt ist die Halle richtig voll. Vor allem mit Erwartungen. Auch ich hab große Bedenken, nach dem Discharge-Gig sogar noch größere, dass die alten Säcke heute gehörig abstinken werden. Aber schon nach zwei Liedern ist klar, dass das hier kein Reinfall wird und bei den Herren noch genug Wut im Bauch vorhanden ist, den für viele so wegweisenden Stücken erneut das nötige Feuer einzuhauchen. Klar, kann man 1982 nicht zurückholen, aber das brachial Subtile des NA-Sound hat die Zeit überdauert. Und: die Band macht kein Geheimnis daraus, dass sie keine Jungzwanziger mehr sind. Überhaupt lassen sich NA nicht unnötig feiern, spielen sogar nur unfreiwillig eine Zugabe. Das kurze Anfangsstatement es hätte dann doch 25 Jahre gebraucht bis man es hierher geschafft hat, ist auch die einzige Wortmeldung, die John Brannon an diesem Abend hervorbringt. Fortan konzentriert er sich ausschließlich darauf, den absolut über allen Dingen stehenden Songs seine unerwartet heftigen Vocals aufzusetzen. Die Menge tobt sich den Arsch ab. Zwischenzeitlich macht ein irrer Stagediver einen ziemlich unsittlichen Abgang von den Boxen und muss raus getragen werden, was Basser McCulloch dazu veranlasst etwas mehr Nächstenliebe zu predigen. Der Rest der Show vergeht wie im Flug. NA spielen so ziemlich alles was sie haben und gehen dann wieder. Allemal besser als sich minutenlang feiern zu lassen.
Insgesamt ein lohnender Konzertbesuch – vor allem wegen Negative Approach. Ein letztes »Kaisers« auf dem Parkplatz noch, dann gönnen ich mir den Luxus Rücksitzplätze gebucht zu haben. Die Edger-Fraktion unserer Fahrgemeinschaft übernimmt den praktischen Teil der Heimfahrt. Wir rasen mit 400 km/h wieder zurück Richtung mitteldeutsches Ödland. Und ich mache der Nacht ein längeres Zugeständnis.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback uri [?]