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Reinecke & Wimmer »Die Kirche im Dorf«

Ein Modell des Stammheimer Gefängnisses lehnt irgendwie beiläufig an der Wand. Es zeigt den geplanten Neubau und nicht dieses Hochhaus, in dem sich die RAF-Leute umgebracht haben sollen – woran bis heute manche zweifeln. Die Bodenplatte des Miniknasts hat das Künstlerduo »Reinecke & Wimmer« eigenhändig aufgestemmt, um ein Geheimnis preiszugeben. Oder, weil das hier Kunst ist, um eines zu erschaffen.

Das Modell Teil der Ausstellung »Die Kirche im Dorf«, die zur Zeit in der Galerie K’ (»K Strich« wie in »G Strich« mit Marx, Mehrwert und so weiter) zu sehen ist. Bevor es hier im Bremer Steintorviertel aufgestellt wurde, war es allerdings tatsächlich in Stammheim. Denn der marode Knast soll mit dem geplanten Neubau nicht nur energetisch günstiger im Unterhalt, sondern auch schöner werden. Und weil es die öffentlich Hand ist, die hier baut, konnten mit der Gestaltung nicht einfach die nächstbesten LandschaftsgärtnerInnen beauftragen werden. Es musste eine Ausschreibung her über die 200.000 Euro für die »Kunst am Bau«.

200 Künstler-Gruppen haben sich beworben. Reinecke & Wimmer aus Hamburg und Bremen kamen mit neun weiteren in der Endrunde und wurden zum Kolloquium nach Stuttgart eingeladen. Hier wurde den TeilnehmerInnen dann erklärt, worum es geht und vor allem, worum es nicht gehen soll. Um Politik nämlich, um die Geschichte dieses speziellen Knasts nicht und schon gar nicht um das, was Reinecke & Wimmer sonst so umtreibt: Die Suche nach der Macht in der Architektur.

An die anderen Regeln hat sich ihre Gestaltung der Innenhöfe dann auch gehalten: Keine Verstecke, keine Bauelemente, die sich als Waffe verwenden lassen – sowas. Schlichter Anthrazit-Schotter, der sich in der Vogelperspektive dann allerdings als stilisierter Schattenwurf des alten Hochhauses entpuppt. Irgendwann hat dann auch die Jury was gemerkt und die beiden aufgefordert, noch vor der Preisverleihung abzureisen.

Wieder zu Hause haben die Künstler ihr Modell aufgebrochen und in der Bodenplatte einen Hohlraum freigelegt, den sie wie folgt beschrieben: »Groß genug, um eine Wanze darin unterzubringen.« Wäre eine Wanze drin gewesen, dann hätte man die hinter verschlossenen Türen stattfindende Jurysitzung abhören können. Und da wird der harmlose Spaß um eine möglicherweise beknackte, ganz sicher aber mit den Polit-Künstlern überforderte, Jury plötzlich todernst.

Denn möglicherweise abgehört wurden auch die Zellen von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Heute spricht keiner mehr davon, dass sie hingerichtet wurden. Die Frage aber, ob Geheimdienste und/oder BKA von ihren Selbstmordabsichten wussten und sie gewähren ließen, ist hingegen immer noch unklar.

Daran erinnert die Ausstellung, ohne dass irgendwo ausdrücklich von der RAF die Rede wäre. Auch bei der Abhörung der Jury kann von Ausdrücklichkeit keine Rede sein. Man weiß nicht mal, ob das wirklich passiert ist. K’-Galerist Radek Krolczyk sagt dazu, es sei »möglicherweise fiktiv«. Er hat hörbare Freude an der Formulierung. Spaß dürften auch die Künstler gehabt haben, als sie die streng geheimen Baupläne des Gefängnisses geschreddert und zu einem Teppich verwoben haben.

An der Wand hängen Schnippsel des transkribierten Abhörprotokolls. Was da steht ist unvollständig und gar nicht schlimm: »Arbeit hier nicht weiter besprochen wird… weil: ich glaub’«oder »das ist natürlich, womit sie sich unangreifbar machen«. Keine belastbaren Aussagen, nur Fragmente, die Hinweise geben auf das mögliche Denken dieser Menschen. Und auf die Schwierigkeiten, die ihnen der Umgang mit der Provokation bereitet haben könnte. Das ist übrigens auch ein interessanter Blick hinter die Behörden-Kulissen. Im Buch zur Ausstellung ist neben diesen hilflosen Fragmenten auch der höchst reale Schriftverkehr zwischen Jury und KünstlerInnen dokumentiert.

Über die Wanzen bei Baader und den anderen hat der damalige BKA-Chef Horst Herold vor einigen Jahren zum Spiegel gesagt: »Die Möglichkeit besteht natürlich, aber man sollte sich hüten, die Möglichkeit zum Verdacht zu machen.«Darum geht es letztlich auch hier: Um den Umgang mit Verdacht, Wahrheit, Geschichte und Verantwortung. RAF-Kult ist das nicht.

Von diesen offenen Fragen ist die allererste vielleicht wichtigste: »Kann man Inhaftierten von heute staatlich kuratierte Kunst über Herrschaft von damals zumuten? Oder ist so ein sinnloses Schön vielleicht gar nicht so schlecht?« Den Wettbewerb gewonnen hat dann jedenfalls so ein Sternenhimmel für die Gefangenen.

Ausstellung bis 19. Dezember. Galerie K’. Alexanderstraße 9b, Bremen

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