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	<title>BEATPUNK WEBZINE</title>
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		<title>Deutscher Pop &#8211; schwere Sprache</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 19:47:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Chris</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschpop]]></category>
		<category><![CDATA[I Cant Relax In Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Popnationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sezession]]></category>

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		<description><![CDATA[Das neurechte Magazin »Sezession« macht sich auf ihrer Heimatseite Gedanken über Popkultur und hat sich dabei auch die von uns mitinitiierte Kampagne »I Can‘t Relax In Deutschland« angeschaut. Chris kommentiert.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das neurechte Magazin &raquo;Sezession&laquo; macht sich auf ihrer Heimatseite Gedanken &uuml;ber Popkultur und hat sich dabei auch die von uns mitinitiierte Kampagne &raquo;I Can&lsquo;t Relax In Deutschland&laquo; angeschaut.</strong></p>
<p>Deutsche Sprache ist wie deutscher Pop: schwer. Beide k&ouml;nnen sich gegenw&auml;rtig vor Liebhabern kaum retten. Dabei ist doch selbstverst&auml;ndlich: es gibt Worte, die klingen einfach sch&ouml;n. <em>&raquo;Milch&laquo;</em> beispielsweise. Vielleicht auch <em>&raquo;Rumpelstilzchen&laquo;</em> oder <em>&raquo;Ausbaldowern&laquo;</em>; und was w&auml;ren schlie&szlig;lich die scharfsinnigsten Texte der kritischsten K&ouml;pfe ohne feingegliederten Satzbau und sprachliche Finesse? Gleiches gilt f&uuml;r deutschsprachige Popmusik: manche Platte trifft nicht nur die angenehmen T&ouml;ne und Zwischenstufen, sondern auch noch den l&auml;ngst vergessen geglaubten Nerv eines kritischen Geistes: wie etwa das aktuelle Album von Tocotronic.</p>
<p>Andererseits: gibt es Popmusik und &Uuml;berbetonungen deutscher Sprache, die sich weniger sch&ouml;n anh&ouml;ren. Sie stimmen nicht nur im Klang negativ nach, sind und bleiben ohne jede &Auml;sthetik, wesen als sinn&#8209; und verstandslose Slogans vor sich hin &ndash; wie es Mia. einst taten, es Nena neuerdings tut und es eine Kampagne des Ausw&auml;rtigen Amtes fortf&uuml;hrt, die sich um die Sexyness der deutschen Sprache Sorgen macht. Weltoffene Musiker, die ihre abstrakte Liebe zum gemeinsamen Sprachraum in Songs wie <em>&raquo;Made in Germany&laquo;</em> zum Ausdruck bringen, Modemacher, die unter explizitem Verweis auf Deutschland ihr Label <em>&raquo;German Garment&laquo;</em> nennen oder nur allzu &uuml;berhebliche Standort-Apologeten im Ausw&auml;rtigen Amt sollten bei allen Unterschieden, die den genannten Beispielen innewohnen kurzum zumindest als das bezeichnet werden, was sie sind: zeitgem&auml;&szlig;e Spie&szlig;er, die im kulturellen Mief ihrer ideologischen Versatzst&uuml;cke dahind&uuml;mpeln und statt Gartenzwergen und Bierbank-Schunkeln pl&ouml;tzlich Pop im Sinne haben.</p>
<p>Im Gegensatz dazu und doch in molliger N&auml;he stehen die Autoren der Zeitschrift <em>&raquo;Sezession&laquo;</em>, die sich f&uuml;r besonders einfallsreiche, widerborstige, gebildete, konservative Schn&ouml;sel halten. Sie geh&ouml;ren zu einem besonders unangenehmen Schlag von Zeitgenossen, weil sie, im Unterschied zu Nena und anderen Pop-Patrioten &ndash; k&auml;me es darauf an &ndash; ganz sicher v&ouml;lkische Herrenmenschen sein wollen und demnach gef&auml;hrlicher sind als der Rest der zwar bornierten, deutscht&uuml;melnden, aber ganz und gar unv&ouml;lkischen Chause der Popnationalisten. </p>
<p>Die Betreiber jener verquerten Zeitschrift <em>&raquo;Sezession&laquo;</em>, Burschenschaftler, Rechtskonservative und v&ouml;lkische Freaks die unter dem poppigen Motto <em>&raquo;Right is right and left is wrong&laquo;</em> ihr Heft und ihre Heimatseite betreiben, sind jedenfalls neulich w&auml;hrend einer ihrer szeneinternen Diskussionen auf das von uns mitinitiierte Projekt <em>&raquo;I can&lsquo;t relax in Deutschland&laquo;</em> gestossen und mussten alsbald dem Tenor der Initiative zustimmen, der besagte, dass Popkultur in Deutschland zu einem nicht unbetr&auml;chtlichem Ma&szlig;e patriotisch agitiert. Die Protagonisten der &raquo;Sezession&laquo; wenden nun die besagte Erkenntnis zu ihren Gunsten: in nachdenklich-melancholischen T&ouml;nen und mit Freudschen Begrifflichkeiten (Vorbewusstsein) wird vorgeschlagen, dass jener Deutsch-Pop, den unsere Initiative kritisierte, als politisches Modell im Sinne von <em>&raquo;Volk&laquo;</em> und <em>&raquo;Vaterland&laquo;</em> verwendet werden k&ouml;nne. </p>
<p>Statt furchtbarem Schlagerkitsch und primitiven Nazi-Rock will die selbsternannte Rechtselite der <em>&raquo;Sezession&laquo;</em> nun also Abstriche machen und den Pop ins Rennen im Kampf um die K&ouml;pfe schicken: es wird dabei unter anderem an den gro&szlig;m&auml;uligen Patrioten-Rap von <em>Dissziplin</em> oder <em>De3x</em> gedacht, deren Wirkung man nicht untersch&auml;tzen solle: <em>&raquo;Sie bringen Begriffe wie ’Volk’ und ’Vaterland’ einer breiten Masse an Jugendlichen zur&uuml;ck ins Vorbewusstsein. Unter diesem Gesichtspunkt sehe ich auch patriotische bzw. in irgendeiner Weise konservative Filme. Nat&uuml;rlich sind diese Produktionen keine Kunst. Man darf sich jedoch keine Illusionen machen: In breite Schichten des Volkes transportiert man &uuml;ber Liebesschnulzen, Actiongeballer oder Sprechgesang den Inhalt &ndash; und nicht &uuml;ber ein Lyrikb&auml;ndchen&laquo;</em> meint ein Autor der <em>&raquo;Sezession&laquo;</em> und legt damit jene Argumentation vor, die f&uuml;r viele j&uuml;ngere Nazis, die sich sub&#8209; und jugendkulturell artikulieren, bereits seit Jahren en vogue ist: waren es doch die Autonomen Nationalisten, die erfolgreich linke Codes und Symboliken f&uuml;r sich beanspruchten und umcodierten, die Punkrock (wohlgemerkt antiamerikanischen) oder Hip Hop (wohlgemerkt patriotischen) h&ouml;rten und neben den komischerweise als diffus links besetzten Klamotten-Labels sicherlich auch den ein oder anderen Pulli von Red Stuff im Kleiderschrank liegen haben, weil man als postmoderner Popper-Nazi mittlerweile auch manch linke Klassenkampf-Parole unterschreiben kann.</p>
<p>Finstere Zeiten also &ndash; so oder so: Mit dem Pop ist nichts mehr anzufangen, wenn sogar Lyrikb&auml;ndchen-Faschisten und Hochkultur-Rechte diesen f&uuml;r sich beanspruchen. Er scheint trotz aller positiver Seiten zumindest f&uuml;rs Erste nicht mehr zu retten zu sein in einer Zeit, in der sich altbew&auml;hrte Interventionsmuster und linke Verl&auml;sslichkeiten im luftleeren Raum verlieren. Das musste die Poplinke in den 1990er-Jahren merken, als das Konzept, mit popkulturellen Angeboten Nachwuchs zu rekrutieren und die Verh&auml;ltnisse wegzutanzen, in die Hose ging, das merkte die Antifa als sie erkennen musste, dass die Form zwar wichtig, aber nicht den Inhalt &uuml;bertrumpfen sollte &ndash; und das bekamen wir mit <em>&raquo;I can&#8217;t relax in Deutschland&laquo;</em> zu sp&uuml;ren, als wir merken mussten, dass der Teil der Popkonsumenten, der f&uuml;r einen universellen, kosmopolitischen Popbegriff jenseits jeglicher nationaler Zwangskost&uuml;mierung gewonnen werden sollte, uninteressiert und mi&szlig;g&uuml;nstig blieb.</p>
<p>Dass nun ausgemachte Amerikafeinde und deutschnationale Burschenschaftler gerade wegen der von uns mitinitiierten Initiative auf den Schmi&szlig; gekommen sind und nun von Hollywood und vermaledeiter Popkultur lernen wollen, zeigt gleichwohl, dass <em>&raquo;I can&#8217;t relax in Deutschland&laquo;</em>, dennoch mit ihrer artikulierten Kritik an deutscher Vergesellschaftung am Beispiel der Popkultur bis heute recht behalten hat. Im Vorwort zum Buch hei&szlig;t es: <em>&raquo;In gleichem Ma&szlig;e, in dem Pop den existenten Nationalismus abbildet, bringt er ihn zugleich von Neuem hervor.&laquo;</em> Geschichte wiederholt sich manchmal eben doch.</p>
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		<title>Wenzel Storch &#187;Die Reise ins Gl&#252;ck&#171;</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 17:10:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maraike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Filme]]></category>
		<category><![CDATA[Wenzel Storch]]></category>

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		<description><![CDATA[An dieser Stelle bald der schier aussichstlose Versuch, dem spektakul&#228;ren Film eines schon wieder in den hintersten Reihen der cineastischen Erinnerung vergrabenen K&#252;nstlers zu huldigen, den das Flagschiff der Satire noch untertrieben den &#187;besten Regisseur Deutschlands&#171; nannte. Doch gut Ding will Weile haben (nech, Herr Storch!) und aus diesem Grunde zun&#228;chst: ein paar pers&#246;nliche Worte:
Lieber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An dieser Stelle bald der schier aussichstlose Versuch, dem spektakul&auml;ren Film eines schon wieder in den hintersten Reihen der cineastischen Erinnerung vergrabenen K&uuml;nstlers zu huldigen, den das Flagschiff der Satire noch untertrieben den <em>&raquo;besten Regisseur Deutschlands&laquo;</em> nannte. Doch gut Ding will Weile haben (nech, Herr Storch!) und aus diesem Grunde zun&auml;chst: ein paar pers&ouml;nliche Worte:</p>
<p>Lieber Wenzel Storch,<br />
seit ungef&auml;hr einem Jahr bin ich nun im Besitz Deines fulminanten Spektakelfilmes <em>&raquo;Die Reise ins Gl&uuml;ck&laquo;</em>. Sechs Jahre ist es her, dass ich die Ehre hatte, den wohl irrsten Streifen der Filmgeschichte im Kino zu sehen. Offenbarung! Monat f&uuml;r Monat, Jahr f&uuml;r Jahr habe ich daraufhin gewartet, dass Du endlich in die Puschen kommst und die DVD fertigstellst. Fegefeuer! 2009 dann endlich die ersehnte Ver&ouml;ffentlichung: Erl&ouml;sung! Doch seitdem stehe ich in Deiner Schuld&#8230; Sprachlosigkeit ist in diesem Fall wohl eher Fluch als Kompliment, und doch, wenn die &Uuml;bersetzung in Worte zwangsl&auml;ufig jedes Bild zum Kr&uuml;ppel macht, wie kann ich nicht eingesch&uuml;chtert sein, Deinen Film zu meucheln?  Ach papperlapapp! Man mag <em>&raquo;Die Reise ins Gl&uuml;ck&laquo;</em> beschreiben als Alice im Wunderland auf LSD oder die Augsburger Puppenkiste auf Klassenfahrt in Amsterdam &ndash; f&uuml;r mich ist es ein Meisterwerk des Manierismus! Doch das wird das Thema meiner eigentlichen Huldigung&#8230;</p>
<p>&#8230;bald, an dieser Stelle!</p>
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		<title>Kiernan &#187;Erde und Blut&#171;, Goldhagen &#187;Schlimmer als Krieg&#171;</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Feb 2010 11:15:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Joscha</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Auschwitz]]></category>
		<category><![CDATA[Ben Kiernan]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Jonah Goldhagen]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Verlags-Anstalt]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Siedler-Verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[Gleich zwei beachtenswerte Publikationen des letzten Jahres besch&#228;ftigen sich mit Historie und Genese des V&#246;lkermords, und geben der deutschsprachigen Leserschaft exemplarischen Einblick in das, was in den im internationalen Rahmen bereits weiter verbreiteten vergleichenden Genocide-Studies m&#246;glich ist.
Ben Kiernan legt mit seiner 2007 erschienen und nun ins Deutsche &#252;bertragenen Studie &#187;Erde und Blut&#171; (Der an die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Gleich zwei beachtenswerte Publikationen des letzten Jahres besch&auml;ftigen sich mit Historie und Genese des V&ouml;lkermords, und geben der deutschsprachigen Leserschaft exemplarischen Einblick in das, was in den im internationalen Rahmen bereits weiter verbreiteten vergleichenden Genocide-Studies m&ouml;glich ist.</strong></p>
<p><strong>Ben Kiernan</strong> legt mit seiner 2007 erschienen und nun ins Deutsche &uuml;bertragenen Studie <em>&raquo;Erde und Blut&laquo;</em> (Der an die NS-Ideologie angelehnte Originaltitel <em>&raquo;Blood and Soil&laquo;</em> findet sich somit in der deutschen Fassung nicht mehr) eine Arch&auml;ologie der bev&ouml;lkerungsgruppenbezogenen Gewalt vor. <em>&raquo;Am Anfang der Welt&laquo;</em> so leitet Kiernan seine Arbeit mit einem Zitat des Jesuiten Manuel de Nobrega ein, <em>&raquo;war nur Mord und Totschlag&laquo;</em>. Dennoch beginnt Kiernan den Bogen der systematischen Darstellung erst mit den <em>&sbquo;fr&uuml;hen imperialen Expansionen&rsquo;</em> der Neuzeit und spannt ihn &uuml;ber den Siedlerkolonialismus in Irland, Nordamerika, und Australien bis hin zu den Genoziden des 20. Jahrhunderts an Armeniern und europ&auml;ischen Juden, sowie den Massenmorden in Kambodscha und Ruanda. Kurz gesagt: hier wird eine negative Globalgeschichte par Excellence entworfen. Die Kapitelfolge ist chronologisch geordnet, differenzierende Vergleiche zwischen einzelnen Genoziden und ihren Ideologien, m&ouml;glich w&auml;ren etwa Nationalsozialismus, Maoismus, Stalinismus oder Islamismus, scheut der Autor dabei allerdings weitgehend. Kiernan geht gr&ouml;&szlig;tenteils deskriptiv vor, eine fundierte Analyse findet sich kaum. Lediglich in der Einleitung stellt er seine Kernthese auf, was dann folgt dient der Untermauerung seines Unterfangens: der Erkl&auml;rung ethnischer Gewalt aus dem Ursprung von Territorial&#8209; und Agrarideologie und romantisierender Rezeption der Antike und im 20. Jahrhundert vor allem vor dem Hintergrund des &Uuml;bergangs von Agrar&#8209; zu Industriekultur und imperialer Eroberungen. Die Verkl&auml;rung der Antike findet sich in Hitlers Idealisierung Spartas ebenso wie in der Gleichsetzung von irischen oder walisischen Untertanen mit skytheischen Barbaren durch englische Kolonisten. Der Wunsch nach Wiederkunft des Garten Eden war f&uuml;r die spanischen und englischen Eroberer ebenso wie f&uuml;r Al-Quaida pastorales Idyll. Der Ackerbau wurde zum Symbol und zur modernen Inkarnation der verlorenen fr&uuml;heren Macht und Reinheit, weswegen beispielsweise die Roten Khmer Hinduismus und Buddhismus als Verhunzungen ihrer urspr&uuml;nglichen reinen Kultur bek&auml;mpften.</p>
<p>Kiernan erl&auml;utert, wie die alttestamentarische Wertsch&auml;tzung von Boden und Ackerbau und die gleichzeitige Geringsch&auml;tzung des Sklaven sp&auml;ter in rassistische Zuschreibungen gegen&uuml;ber Schwarzafrikanern und Ureinwohnern Amerikas &uuml;bersetzt wurde und durch technische Entwicklung und koloniale Konfrontation zur Triebfeder von quantitativ ausgedehnten Genoziden werden konnte. Jedoch beschr&auml;nkt er die Bereitschaft gruppenbezogene Gewalt auszu&uuml;ben nicht auf die Seite wei&szlig;er und westlicher Usurpatoren. Im Gegenteil: er zeigt diese ebenso als Konstante bei <em>&sbquo;Indianern&rsquo;</em>, <em>&sbquo;Aborigines&rsquo;</em> und <em>&sbquo;wilden Schwarzen&rsquo;</em> und umgeht damit jede Fallschlinge kulturalistischer Zuschreibungen. </p>
<p>Die einzelnen Abschnitte erscheinen umfassend und informativ, wenn der Leser der Thematik mit relativer Unkenntnis gegen&uuml;bertritt, wie der Rezensent beispielsweise der genozidalen Gewalt w&auml;hrend der Kolonisierung Australiens oder der Geschichte des japanischen Militarismus unter der Kirschbl&uuml;tenherrschaft. Hier etwa findet sich eine stringente und materialreiche Darstellung und Charakterisierung des <em>&raquo;genozidalen Gedankens&laquo;</em> des japanischen Gemeinwesens durch Idealisierung der Bauern, Ackerbau und Boden. Die Urbanisierung l&auml;ndlicher Regionen Japans im 19. Jahrhundert f&uuml;hrte zur Verbreitung der <em>&raquo;Agrarideologie&laquo;</em>, einer Verkl&auml;rung von Klein&#8209; und Freibauern. Nationalkulturelle Spezifika finden sich in diesem Beispiel gruppiert um die spiritualistische <em>&raquo;ritterliche Moral&laquo;</em> (bushido) und auch konfuzianische Elemente der antiindustriellen Bedeutungsaufladung des Bodens als <em>&raquo;Wurzel&laquo;</em> des Handels und des Staats. Zeitlich ging die Entfesselung dieses Prozesses einher mit der vor allem agrarischen Expansion Japans in die Mandschurei und der Konfrontation mit Korea, Taiwan und Russland und anderen Nationen. Die Ambivalenz des Modernisierungsprozesses, &auml;u&szlig;eren Spannungen und innerem Druck durch Bev&ouml;lkerungswachstum, konnte f&uuml;r Japan nur unter den Begriffen von <em>&raquo;Rasse&laquo;</em>, <em>&raquo;Boden&laquo;</em> und <em>&raquo;Nation&laquo;</em> &uuml;berwunden werden und f&uuml;hrte 1937 zur Durchsetzung einer neuen Form des nationalen Gemeinwesens unter Ministerpr&auml;sident Fumimaro und dem Beginns des Krieges gegen China. Damit begann die systematische Ermordung und Umsiedlung von Chinesen zugunsten der Sicherung von Lebensraum der japanischen <em>&raquo;Yamato-Rasse&laquo;</em>. Die finale Niederlage gegen die US-Truppen auf der Pazifikinsel Okinawa sollte schlie&szlig;lich nichts von der gescheiterten Nation &uuml;briglassen. Zehntausende japanische Zivilisten wurden zum Massenselbstmord gezwungen.</p>
<p>Die englischen Siedler Australiens begegneten den <em>&raquo;Aborigines&laquo;</em> verbl&uuml;fft mit der Feststellung, dass diese gar keinen Feldbau kannten und zudem dar&uuml;ber <em>&raquo;gl&uuml;cklich in ihrem Unwissen&laquo;</em> waren, wie James Cook schrieb. Dies f&uuml;hrte dazu, dass in den Augen der Kolonisatoren ihnen auf den Boden auf dem sie lebten, den sie jedoch nicht in deren Sinne bewirtschafteten, kein Recht zustand. Interessant daran ist, dass den Aborigines keine Vernichtungsideologie entgegengebracht wurde: die britische Regierung verf&uuml;gte sogar den <em>&raquo;vorteilhaften Umgang mit den Eingeborenen&laquo;</em>, verbunden mit dem Wunsch der Umerziehung in bodenbewirtschaftende Bauern, also der Anpassung an die Siedlergemeinschaft. Trotzdem entwickelte sich eine genozidale Dynamik, in deren Verlauf es durchaus zu gegenseitigen Massakern kam. Die Folge waren Landnahmekonflikte, die ihren Antrieb auch in einer romantisierenden Antikerezeption der Siedler fanden.</p>
<p>Im weitgehend agrarisch gepr&auml;gten Russland konnte mit der Revolution der Bolschewiki kaum von einer ideologischen &Uuml;berh&ouml;hung des Landlebens gesprochen werden. Hier stehen Zwangskollektivierung und Modernisierung der Landwirtschaft im Interesse Kiernans, und er stellt fest, dass gerade die sowjetische Modernisierungsdiktatur in bezug auf seine Genozidthese der Sonderfall der Geschichte ist, da diese die Landwirtschaft und das damit verbundene Kulakentum in der traditionellen Form bek&auml;mpfte. Kein Sonderfall der Geschichte dagegen war das &uuml;blicherweise untersch&auml;tzte ethnische und nationalchauvinistische Moment in der Politik Stalins, welches sich nicht nur antiukrainisch und antipolnisch geb&auml;rdete, sondern vor allem ab 1938 h&auml;ufig in massenhafter Verfolgung nicht-russischer Bev&ouml;lkerungsteile endete: Der Vielv&ouml;lkerstaat war nicht vor der M&ouml;glichkeit ethnischer Verfolgung gefeit, dass in ihm ethnische Verfolgung m&ouml;glich wurde. Trotz des wichtigen Hinweises auf diese Tatsache, ist hier Kiernans Darstellung nicht pr&auml;zise genug, und er scheitert daran deutlich zu machen, ob und worin Unterschiede zu v&ouml;lkischer Ideologie, wie sie zeitgleich in Deutschland oder Japan grassierte, bestanden und warum genau Strafma&szlig;nahmen sich auch in der Sowjetunion an ethnischen Kriterien orientierten. Auch zur Genese antisemitischer Pogrome findet sich leider wenig. Die Millionen Toten des Prozesses der Bolschewisierung durch Hunger oder Krankheit werden von Kiernan immer als eine Form Kollateralsch&auml;den verzeichnet, aber zum Gl&uuml;ck nicht nach Ma&szlig;st&auml;ben die das <em>&raquo;Schwarzbuch des Kommunismus&laquo;</em> unter der Rubrik des Genozids verbucht. </p>
<p>Der Agrarkommunismus der Kommunistischen Partei Chinas dagegen setzte wiederum auf die Macht der Bauern, in der agraridealisierenden Darstellung des japanischen Putschisten Kozaburo errang diese ihren Sieg &uuml;ber die chinesische Milit&auml;rclique gerade, <em>&raquo;weil diese eine Armee der Bauern war&laquo;</em>. Tats&auml;chlich gab es in China weit mehr Bauern als in der Sowjetunion und diese waren wesentlich st&auml;rkerer wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt, sodass diese hier die einzige m&ouml;gliche revolution&auml;re Kraft darstellten.</p>
<p>&Auml;hnlich wie Goldhagen in seinem anschlie&szlig;end vorgestellten Buch sieht Kiernan den Genozid des 21. Jahrhunderts in erster Linie in islamistischen Ph&auml;nomenen wie Al-Qaida oder den Dschandschawid-Milizen im Sudan. Ethnoreligi&ouml;ser Fanatismus verbindet sich hier mit territorialem Expansionismus unter verkl&auml;render Bezugnahme auf die Eroberungen fr&uuml;hislamischer Feldherren. Vor den Anschl&auml;gen in Madrid w&auml;hnten sich die Attent&auml;ter, wie Tonbandaufnahmen belegen, vor den Toren des antiken Roms, das sie niederringen wollten. Bezeichnenderweise war Al-Qaida in den 90er Jahren im Sudan im wesentlichen eine landwirtschaftliche Bewegung und betrieb Ackerbau und Viehzucht. Dass Islamismus keine antikoloniale Bewegung ist, kann gerade in gegenw&auml;rtigen politischen Diskussionen nicht oft genug betont werden. Kiernan steht mit seiner These des genuin imperialistischen Charakters islamistischer Bewegungen in einer Reihe mit Goldhagen und nat&uuml;rlich Efraim Karsh, dessen Werk <em>&raquo;Imperialismus im Namen Allahs&laquo;</em> (M&uuml;nchen 2007) an dieser Stelle dem Leser ans Herz gelegt sei.</p>
<p>Doch was h&auml;lt ein derartig breites Panorama auf immerhin nur knapp 900 Seiten zusammen und welche Teile des teilweise penibel aneinandergereihten Materials lassen sich mit Gewinn lesen? Leider werden beide Fragen mit <em>wenig</em> beantwortet werden m&uuml;ssen. </p>
<p>Kiernan arbeitet in jedem Kapitel auf seine bereits erw&auml;hnte Kernthese hin, er breitet sie nicht aus. Dadurch entstehen Durstrecken, die nur noch anstrengender zu lesen werden, wenn nicht klar wird, warum einzelne Kapitel deutliche Unterschiede in Systematik und Gr&uuml;ndlichkeit erkennen lassen. W&auml;hrend der antichinesische Krieg Japans in S&auml;tzen abgehandelt wird werden immer gleiche Konfliktschemata der englischen Expansion in Australien &uuml;ber zig Seiten wieder und wieder detailliert aufgez&auml;hlt. Teilweise geht er auch gar nicht mehr auf seine Ausgangsthese ein und es finden sich rein deskriptive Darstellungen der historischen Entwicklung von Kontexten, in denen genozidale Handlungen vollzogen wurden. So nimmt sich Kiernan f&uuml;r seine Darstellungen zu China sehr viel Raum, um diverse Personalia der KPCh zu vorzustellen oder Erntezahlen und Produktionsziele zu erkl&auml;ren. Am Ende bleibt nicht viel mehr &uuml;brig als ein Einf&uuml;hrung in die Geschichte des chinesischen Kommunismus &ndash; eine Charakterisierung der spezifischen Gewaltformen ist es aber nicht. Dies sind Schw&auml;chen, die den geneigten Leser jedoch nicht abschrecken m&uuml;ssen, die Zusammenschau der Materialf&uuml;lle durchaus mit Gewinn zu lesen. Aufmerksamkeit f&uuml;r Vergleiche und Schlussfolgerungen muss man jedoch mitbringen, denn sie liefert Kiernan zu selten. Trotz des umfangreichen Materials ist es also wenig was Kiernans Werk zusammenh&auml;lt. Zu mehr ist seine Kernthese nicht innovativ genug und bisweilen auch unpassend. Zur Erkenntnis, dass Nationalismus und Territorialkonflikte, die mit Bev&ouml;lkerungstransfer und kolonialer Exploitation einhergehen, zu genozidalen Konfliktmustern f&uuml;hren, h&auml;tte es Kiernans Hinweis nicht bedurft. Antikerezeption und Agrarideologie konsistent nachzuzeichnen misslingt ihm sp&auml;testens bei der Darstellung der Genozide des 20. Jahrhunderts. Da Kiernan sich explizit nicht auf die Kolonialstrategien des christlichen Westens beschr&auml;nkt verstanden wissen will, sondern sich ebenso mit innerasiatisch ablaufenden Konflikte auseinandersetzt, ist es nicht plausibel, warum gerade Antikerezeption und alttestamentarische Konstellationen als Grundmuster der Agrarideologie und des Expansionismus herangezogen werden. Man k&ouml;nnte Kiernan hier ironisch einen gewissen Eurozentrismus vorwerfen. </p>
<p>Au&szlig;erdem liest es sich zwar noch plausibel aber nicht ersch&ouml;pfend dargelegt, dass der Nationalsozialismus (&uuml;brigens eines der Kapitel in denen auf chronologische Akribie verzichtet wurde) vor allem in Hinblick auf die Beweisf&uuml;hrung der <em>&raquo;Blut und Boden&laquo;</em>-These plus romantisierender Antikerezeption geschildert wird. Hierbei entsteht zwar nicht der Verdacht einer reduktionistischen Darstellung des Nationalsozialismus, die zentrale Elemente seiner Ideologie ausblenden w&uuml;rde. Es hat aber doch den Anschein, als w&uuml;rden Umfang und Detailtreue der Darstellung allein durch Beweisf&uuml;hrung zugunsten der Arbeitsthese des Autors motiviert. Unklarheit bleibt nach der Lekt&uuml;re auch dar&uuml;ber bestehen, ob er Genozid nun als Moment von Modernisierung oder einer permanenten Antimoderne versteht. Unter Inkonsistenzen dieser Art leidet dann, was eigentlich der einzige Nutzen von <em>&raquo;Erde und Blut&laquo;</em> sein k&ouml;nnte: eine universelle Arch&auml;ologie des Genozids zu liefern. W&auml;hrend <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> von Goldhagen politischen Gebrauchswert beansprucht, will Kiernan allenfalls das Feld f&uuml;r derartiges vorbereiten. <em>&raquo;Pr&auml;vention des Genozids durch UN-Soldaten&laquo;</em> wie er schlicht postuliert, k&ouml;nne nur gelingen wenn <em>&raquo;Prognosen &uuml;ber wahrscheinliche Ausbr&uuml;che (&#8230;) und vorrausschauendes Verst&auml;ndnis gemeinsamer Merkmale von Genoziden&laquo;</em> vorhanden sind. </p>
<p>An diesem Punkt kn&uuml;pft dann <strong>Goldhagen</strong> mit <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> an. Die n&uuml;chterne Unbedarftheit mit der er ans Werk geht, hat schon bei einigen Rezensenten &ndash; darunter prominente Vertreter wie Harald Welzer in der <em>Zeit</em> oder Wolfgang Wipperman in der <em>Jungle World</em> &ndash; f&uuml;r Turbulenzen gesorgt. Sein Buch stie&szlig; bisher fast ausschlie&szlig;lich auf Ablehnung. Goldhagen geht nicht wie Kiernan chronologisch, sondern vergleichend vor. Harry Truman, als Verantwortlicher f&uuml;r die amerikanischen Atombombenabw&uuml;rfe ist so neben Hitler, Stalin und Co. als Kandidat seiner vergleichenden Studie &uuml;ber V&ouml;lkermord zu finden, die abschlie&szlig;end in einem r&uuml;hrenden Pl&auml;doyer f&uuml;r eine neue Form internationalen anti-eliminatorischen Engagements endet. Ein Skandal beziehungsweise altbackener Relativismus also, wie die ersten Besprechungen verlautbaren lassen? Keineswegs, wie zu zeigen ist. </p>
<p>Mit seiner Einf&uuml;hrung des an <em>&raquo;Hitlers willige Vollstrecker&laquo;</em> angelehnten Begriffs des <em>&raquo;politischen Eliminationismus&laquo;</em> definiert Goldhagen seinen Gegenstand und distanziert sich gleichzeitig davon, nur von einem homologen Ph&auml;nomen zu reden. Vielmehr sp&uuml;rt er dem <em>&raquo;Eliminationismus&laquo;</em> in verschiedenen historischen Ph&auml;nomenen nach, die sich in f&uuml;nf Hauptformen gliedere: Transformation (Konversion), Unterdr&uuml;ckung, Vertreibung, Reproduktionsverhinderung und Vernichtung, die sich gegen s&auml;mtliche Dimensionen der gegnerischen sozialen Identit&auml;t richteten. Oftmals bestehe eine enge Verbindung zwischen diesen Hauptformen, jedoch zeichne sich die jeweilige Spezifik durch die unterschiedlichen Ausma&szlig;e dieser Einzelaspekte aus. <em>&raquo;Eliminationismus&laquo;</em> richte sich nicht allein gegen &raquo;Volksgruppen&laquo; wie der deutsche Begriff des <em>&raquo;V&ouml;lkermords&laquo;</em> den Schein erweckt, sondern auch gegen politische Gruppen wie Kommunisten oder Kulaken. Beim <em>&raquo;Eliminationismus&laquo;</em> handelt es sich nicht notwendigerweise um Geschehnisse in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von Massenmorden, und der ist Begriff ist, wie die f&uuml;nf Aspekte zeigen, auch nicht an den Akt des Mordens gebunden. Eliminationistisch handelte Truman ebenso wie Hitler oder die Roten Khmer, weil, so Goldhagen, derjenige eliminatorisch handelt, dessen Handlungen nicht bei milit&auml;rischen oder Guerillaaktionen gegen milit&auml;rische Einrichtungen, Streitkr&auml;fte oder Produktionsst&auml;tten Wirkung tragen. <em>&raquo;Wenn Hitler und Truman nicht gleich zu beurteilen sind, dann k&ouml;nnen auch ihre Taten, so der falsche R&uuml;ckschluss, nicht dasselbe sein&laquo;</em>. Diese Feststellung bedeutet f&uuml;r Goldhagen nicht weniger, als das Wesen der Taten dennoch definitorisch und moralisch als grundverschieden anzusehen. Wenn auch Truman als provokant gew&auml;hltes Beispiel verbucht werden kann, macht Goldhagens Vorgehen ansonsten durchaus Sinn und ist weit davon entfernt Gleichmacherei zu betreiben. V&ouml;lkermord entstehe weder durch &auml;u&szlig;ere Bestimmtheit noch aus einer m&ouml;glichen anthropologischen Konstante der Gewaltbereitschaft. Eher m&uuml;sste man sich die Frage stellen, warum einige Menschen in einer Situation t&ouml;ten, andere jedoch nicht (Diese letztlich individualisierende Betrachtungsweise macht sp&auml;ter dann auch Goldhagens Eintreten f&uuml;r eine globale Menschenrechtsjustiz neuen Typus verstehbar, in der konkreten T&auml;tergemeinschaften eine besondere Rolle beigemessen wird). </p>
<p>Kulturelle Spezifika seien demnach erste Hinweise zur Genese eliminatorischer Bedingungen, welche sich meist gegen Gruppen richten die &raquo;im Ruf stehen, dem Wohl der Mehrheit oder dem einer m&auml;chtigen Minderheit abtr&auml;glich zu sein&laquo;. Der transformative Charakter des modernen Staates und moderner Staatswerdung sowie historisch beispielslose Machkonzentrationen f&uuml;hrten zudem zu entsprechenden Dynamisierungen des Eliminationismus. Im Gegensatz zu Kiernan beginnt das <em>&raquo;Zeitalter der Massaker&laquo;</em> f&uuml;r Goldhagen erst mit dem Vorgehen der deutschen Kolonialisten gegen die Herero 1904. Er begr&uuml;ndet dies unter anderem damit, dass sich moderne Masseneliminierungen h&auml;ufig innerhalb der Grenzen eines Landes abspielten. Land der T&auml;ter und Opfer seien meist identisch, eliminatorische Handlungen dienten eher der Umgestaltung von Gesellschaften als imperialistischer Expansion wie in den vorherigen Jahrhunderten. Kiernans Konstante ist dagegen der expansive Charakter. Der Krieg an sich sei dabei allerdings nicht notwendige Bedingung oder Ursprung des Eliminationismus, allenfalls w&uuml;rden in dessen Zuge eliminatorische Praxen durchsetzbar und <em>&raquo;notwendig&laquo;</em>. Es kann vorweg schon festgehalten werden: einen funktionierenden ultimativen Erkl&auml;rungsansatz hat Goldhagen so wenig wie Kiernan. Auch ist seine Argumentation immer wieder uneinheitlich. F&uuml;hrt er wie eben genannt einerseits das transformative Potenzial des modernen Staates ins Feld, so spricht Goldhagen sich kurz darauf gegen den Reduktionismus staatszentristischer Auffassungen aus. Solcherlei Beispiele gibt es viele und man kann Goldhagen zugute halten, neben seiner Begriffssch&ouml;pfung des Eliminationimus sich nicht auch noch, wie Kiernan, an einer finalen Erkl&auml;rung aller Mordph&auml;nomene zu verheben. </p>
<p>In dem Abschnitt <em>&raquo;Warum sie anfangen&laquo;</em> stellt Goldhagen dar, wie es von der notwendigen Bereitschaft zum Eliminationismus zur Ausf&uuml;hrung kommt. Dieser ist oft auf wenige Entscheidungen einiger weniger Entscheidungstr&auml;ger zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und nicht das Ergebnis alleiniger Ideologie oder Strukturen: Ohne das Programm der NS-Eliten h&auml;tte der Antisemitismus der Deutschen nicht zum millionenfachen Judenmord f&uuml;hren k&ouml;nnen. Der Vernichtungsversuch an den Armeniern war auf vergleichbare Weise ein Werk sorgf&auml;ltiger Planung und Abw&auml;gungen des t&uuml;rkischen <em>&raquo;Zentralkomitees f&uuml;r Einheit und Fortschritt&laquo;</em>. Pol Pot entschied und verk&uuml;ndete die Richtlinien seines pers&ouml;nlichen Vernichtungsprogramms auf einer entscheidenden Konferenz. Die Umsiedlungen von &uuml;ber 1,5 Millionen Menschen aus <em>&raquo;Rebellengebieten&laquo;</em> mit ihren katastrophalen Folgen in &Auml;thiopien 1984 waren pers&ouml;nlicher Plan von Staatschef Mengistu Haile Mariam. In <em>&raquo;Wie sie durchgef&uuml;hrt werden&laquo;</em> stellt Goldhagen dar, dass eliminatorische Ma&szlig;nahmen aber keine <em>&raquo;F&uuml;hrerprogramme&laquo;</em> sein k&ouml;nnen und umfangreiche logistischer, institutioneller und menschlicher Ressourcen, kurz: der Zustimmung eines Kollektivs bed&uuml;rfen. Spontane Eliminierungen gro&szlig;en Ausma&szlig;es waren Ausnahmen: Die Reihenfolge von Elitenmord zu &uuml;bergreifenden Vernichtungsma&szlig;nahmen waren sowohl von Nationalsozialisten, Roten Khmer, als auch von T&uuml;rken und Hutu von langer Hand geplant. Die enormen Zahlen an T&auml;tern die an gro&szlig;dimensionierten Eliminationsprogrammen, ob in Bosnien, Ruanda oder Deutschland beteiligt waren, legt f&uuml;r Goldhagen auch die Unm&ouml;glichkeit des Zwanges nahe, sich an entsprechenden Ma&szlig;nahmen zu beteiligen. Doch was ist es dann, das die T&auml;ter zum Handeln bewegt? </p>
<p>Wichtig sei die Einsicht in ein exklusives zugrundeliegendes Rationalit&auml;tsprinzip, auf das sich die Beteiligten verst&auml;ndigen k&ouml;nnen: Wiederherstellung von Ordnung und Stabilisierung der zerr&uuml;tteten Gesellschaft wie in der T&uuml;rkei, Pr&auml;vention angeblicher Verschw&ouml;rungen wie in Ruanda oder wie im exemplarischen Fall des deutschen Polizeibataillons 101, das von seinem Major Wilhelm Trapp auf die anstehende Vernichtung der Juden von Jozefow mit dem kruden Argument vorbereitet wurde, der Heimat drohe die Bombardierung und so den noch furchtsamen M&auml;nnern einen <em>&sbquo;vern&uuml;nftigen&lsquo;</em> Grund f&uuml;r ihr anschlie&szlig;endes Handeln nahelegte. Goldhagen ist sich sicher, dass ein <em>&raquo;Terrorstaat&laquo;</em> der Zwangsma&szlig;nahmen ohne weitgehende Zustimmung aus&uuml;bt, nicht dazu im Stande ist, den organisatorischen Aufwand eines Eliminationsprojekts vollbringen zu k&ouml;nnen und illustriert dies mit zahlreichen Beispielen an den britischen Kolonialtruppen in Kenia, an Guatemala, Serbien und Darfur. Entscheidend f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des eigentlichen Anliegens von <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> das sich in dem Untertitel <em>&raquo;Wie V&ouml;lkermord zu verhindern ist&laquo;</em> ank&uuml;ndigt, ist die Lekt&uuml;re des Kapitels &raquo;Warum Sie enden&laquo;. Goldhagen zeigt eine Kontinuit&auml;t der erfolgreichen politischen Einmischung von Staaten in die Angelegenheiten anderer Staaten, fr&uuml;her durch Eroberung und Kolonialisierung, gegenw&auml;rtig weit h&auml;ufiger durch interdependente Prozesse von Wirtschaft, Staatenb&uuml;ndnissen und Rechtsnormen. Dies ermutigt ihn zu der These, dass somit Menschenrechtsinterventionismus grunds&auml;tzlich erfolgreich sein kann. Die tendenziell ablehnende Aufnahme von <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> im deutschen Feuilleton, ist auf dem Stand ihrer bisherigen Argumentation eher aufgeregt und inhaltsleer als begr&uuml;ndet. </p>
<p>Jan S&uuml;selbeck schrieb in der <em>taz</em> von <em>&raquo;Rechnerei mit Opferzahlen&laquo;</em> und sieht die Einzigartigkeit der NS-Judenverfolgung gef&auml;hrdet. Harald Welzer erkennt in Goldhagens Buch eine <em>&raquo;Simulation einer wissenschaftlichen Analyse, die entschieden gegen den Rechtsstaat und die demokratischen Prinzipien der Gewaltenteilung votiert&laquo;</em>. Der Hinweis auf die teilweise tats&auml;chlich erschreckend schlechte Lektorats&#8209; und Datenqualit&auml;t (<em>&raquo;Millionen Opfer in Bosnien und Kosovo&laquo;</em>) schm&auml;lert allerdings nicht Anliegen und Argumentationskette Goldhagens, welche unter Vergleichsaspekten wesentlich gehaltvoller ist, als die von Welzer als besseres Substitut f&uuml;r <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> zur Lekt&uuml;re empfohlene Studie <em>&raquo;Flammender Hass&laquo;</em> (M&uuml;nchen 2004) von Norman Naimark. F&uuml;r Goldhagens Interventionismus-Pl&auml;doyer hat Welzer in seiner Besprechung in der Zeit nicht mehr als eine kurze Polemik &uuml;brig und verweist auf einen bereits stattgefundenen <em>&raquo;Paradigmenwechsel im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen&laquo;</em> der <em>&raquo;bereits zur Intervention verpflichtet, wenn die Sicherheit der Bev&ouml;lkerung eines Landes gef&auml;hrdet ist&laquo;</em> und verbittet sich danach jede weitere Diskussion &uuml;ber ein <em>&raquo;misslungenes&laquo;</em> Buch. Goldhagen argumentiert jedoch gerade aus dem augenscheinlichen Scheitern dieser Institutionen heraus f&uuml;r die Konstitution einer neuen Form globaler Strukturen zur Pr&auml;vention eliminatorischer Ph&auml;nomene. Im Gegensatz zu Welzer fordert Wippermann in seiner Besprechung von <em>&raquo;Schlimmer als Krieg&laquo;</em> in der <em>Jungle World</em> eine Debatte um Goldhagens Thesen. Angeblich w&uuml;rde Goldhagen sich durch sein komparatives Vorgehen von der Singularit&auml;t der Shoa verabschieden. Goldhagens simple Feststellung <em>&raquo;wir m&uuml;ssen uns mit allen Massenmorden und&#160;&#8211;eliminierungen (&#8230;) befassen und sowohl die &Auml;hnlichkeiten als auch die Unterschiede ber&uuml;cksichtigen&laquo;</em>, zielt aber genau auf die Falle in der Wippermann gefangen ist. Der Singularit&auml;tsbegriff scheint f&uuml;r Wipperman prinzipiell ein analytisches Sprechen &uuml;ber die Shoa zu verhindern, das in aller Konsequenz gar kein Interesse daran haben kann, die Welt so einzurichten, dass auch <em>&raquo;nichts &Auml;hnliches&laquo;</em> (Adorno) geschehe. Als ob dem Historiker sein Lieblingsspielzeug genommen w&uuml;rde, gesteht er sich in seiner Buchkritik ein, m&ouml;glicherweise <em>&raquo;als 1945 geborener Sohn eines (vermutlichen) deutschen T&auml;ters, (…) der sich als Historiker so lange und so intensiv mit ihren Taten besch&auml;ftigt hat, einfach zu alt und zu deutsch [zu sein], um mich mit j&uuml;ngeren und nicht-deutschen T&auml;tern so intensiv zu besch&auml;ftigen&laquo;</em>. Goldhagen pl&auml;diert mit seinem Engagement emphatisch dagegen und weist darauf hin, dass die Shoa als Urbild des V&ouml;lkermordes auch gar nicht taugt, schlimmer noch im Falle Ruandas sogar noch verhindert habe, von V&ouml;lkermord zu sprechen: Der damalige UN-Generalsekret&auml;r Boutros-Ghali vermisste die Gaskammern. </p>
<p>Wenn Goldhagen Ausf&uuml;hrungen zu Shoa an solche zu <em>&raquo;Klassenmorden&laquo;</em> in der Sowjetunion oder in Kambodscha reiht, wird wie er und auch Kiernan belegen, gezeigt, dass diese mit dem Begriff <em>&sbquo;Klassenmord&rsquo;</em> allein schlichtweg nicht begriffen werden k&ouml;nnen und ebenso Aspekte konstruierter ethnischer Identit&auml;ten eine Rolle spielten. Dar&uuml;ber hinaus ist Goldhagens Begriff des Eliminationismus, unter dem tats&auml;chlich von Hiroshima bis zum Kosovo alles gefasst wird, gar nicht rein analytisch gemeint, sondern ein Hilfsbegriff f&uuml;r das politische Unterfangen, einer globalrechtlichen Verankerung der &Auml;chtung des systematischen Menschenmords. Diese w&uuml;rde bei ihrer unwahrscheinlichen Realisierung einen Begriff ben&ouml;tigen, um handlungsf&auml;hig zu sein. Dies ist Wippermann entgegenzuhalten, der in der Aneinanderreihung von <em>&raquo;so unterschiedlichen L&auml;ndern wie Bangladesh, Bosnien, Guatemala, Indonesien, Kenia etc.&laquo;</em> eine Aufz&auml;hlung sieht&sbquo; die mit Klassenmorden, Genoziden oder gar dem Holocaust nun wirklich kaum noch etwas gemein hat. Dass die Verhinderung von V&ouml;lkermorden, neben den anderen von Goldhagen aufgez&auml;hlten Ma&szlig;nahmen (Etablierung eines antieliminatorischen Diskurses, institutionalisierter Schutz globaler B&uuml;rger&#8209; und Menschenrechte, Ersatz der Vereinten Nationen durch einen demokratischen Staatenbund)  auch eine Form milit&auml;rischer Interventionen n&ouml;tig machen w&uuml;rde, liegt nahe. Und hier ist Wippermanns Verst&auml;ndnis von <em>&raquo;Verantwortungsethik&laquo;</em> und Diskussionsbereitschaft endg&uuml;ltig &uuml;berfordert: dieses w&auml;re <em>&raquo;v&ouml;lkerrechtswidriges Interventionsrecht&laquo;</em> dar&uuml;ber verweigere er sich jeder Diskussion. Die Verteidigung des internationalen V&ouml;lkerrechts liegt auch Welzer am Herzen, der ebenso wie Wippermann milit&auml;rischen Interventionismus prinzipiell zum Scheitern verurteilt sieht. </p>
<p>Ersatz und Erweiterung des Begriffs V&ouml;lkermord durch den des politischen Eliminationismus erm&ouml;glicht eine Grundlage interventionistischen Handelns, die weder Volk noch Staatsrecht entlehnt zu sein scheint und auf Basis derer somit nicht zugunsten des Rechtssubjektes <em>&sbquo;Volk&lsquo;</em> interveniert werden w&uuml;rde. Damit k&ouml;nnten laut Goldhagen vielmehr Individualrechte garantieren werden, welche dem Opfer gerade durch seinen spezifischen Opferstatus als Angeh&ouml;riger eines willk&uuml;rlichen Opferkollektivs &ndash; ungebunden an Volks oder Staatszugeh&ouml;rigkeit &ndash; zugeschrieben werden k&ouml;nnten. Die Frage, wie und warum zur Garantie eines solchen Rechtsverh&auml;ltnisses der <em>&raquo;Naturzustand zwischen den Staaten&laquo;</em> (Hegel), den auch bisherige Entwicklungen in Internationalem Recht und Weltwirtschaft nicht &uuml;berwunden haben, sich ausgerechnet zugunsten einer v&ouml;llig neuen Kategorie globaler Individualrechte verabschieden sollte, wurde Goldhagen mit angemessener Deutlichkeit bisher aber noch nicht gestellt.</p>
<p>Goldhagen macht einen entscheidenden Fehler nicht, den der im Gegensatz zu ihm fast durchweg gelobte Ben Kiernan begeht. Er erkl&auml;rt nicht seine Kernthese, er vergleicht. Das wird sp&auml;testens dann wichtig, wenn es darum geht Besonderheiten und Unterschiede stehen lassen zu k&ouml;nnen. Deswegen k&ouml;nnte man ihm fast sein apostelhaftes und redundant geschriebenes Buch verzeihen.</p>
<p><em>Ben Kiernan: Erde und Blut. V&ouml;lkermord und Vernichtung von der Antike bis heute, M&uuml;nchen 2009 (Deutsche Verlags-Anstalt DVA), gebunden, 911 S., 49,95&#160;&#8364;.</p>
<p>Daniel Jonah Goldhagen: Schlimmer als Krieg.Wie V&ouml;lkermord entsteht und wie er zu verhindern ist, M&uuml;nchen 2009 (Siedler Verlag), gebunden, 685 S., 29,95&#160;&#8364;.</em></p>
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		<title>von Braun/Ziege (Hg.) &#187;Das &#8216;bewegliche&#8216; Vorurteil&#171;</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Feb 2010 13:59:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Christina von Braun]]></category>
		<category><![CDATA[Eva-Maria Ziege]]></category>
		<category><![CDATA[Königshausen & Neumann]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Holz]]></category>

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		<description><![CDATA[Aspekte des internationalen Antisemitismus
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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Aspekte des internationalen Antisemitismus</strong></p>
<p>Seit der Zweiten Intifada und dem 11. September 2001 h&auml;ufen sich die akademischen Publikationen, die den <em>&raquo;neuen&laquo;</em> und <em>&raquo;internationalen&laquo;</em> Antisemitismus diskutieren, historische Entwicklungsstr&auml;nge nachzeichnen und/oder versuchen praktische Kriterien der Bewertung von anti-israelischen Anfeindungen und <em>&raquo;Kritiken&laquo;</em> zu entwerfen. Mittlerweile erscheinen j&auml;hrlich mehrere hundert B&uuml;cher, die mit dem weiteren Themenfeld <em>&raquo;Antisemitismus&laquo;</em> in Zusammenhang stehen. Sie reichen von lokalen Erinnerungsb&uuml;chern, &uuml;ber Studien von Einzelaspekten der antisemitischen Weltanschauung und ihrer Kritik, zu der Auseinandersetzung um Kollaboration in Europa und die Verflechtung verschiedener gesellschaftlicher Institutionen, Einrichtungen und Akteure in die NS-Herrschaft. Prim&auml;r sind die Darstellungen von gesellschaftlichen Konflikten gepr&auml;gt &ndash; die <em>&raquo;M&ouml;llemann-Aff&auml;re&laquo;</em>, der Skandal um die Paulskirchenrede Martin Walsers oder Daniel J. Goldhagens Studie zur Rolle der katholischen Kirche, sowie Auseinandersetzungen innerhalb des akademischen Feldes. Noch im Jahr von <em>&raquo;9/11&laquo;</em> erschien der erste Titel, der vom &raquo;Neuen Antisemitismus&laquo; sprach.<sup>1</sup> Mittlerweile ist der Begriff soweit angenommen, dass er intensiv diskutiert wird.</p>
<p>Zwischen 2001 und 2002 erschienen auch wegweisende Studien zum Nationalsozialismus. Klaus Holz <em>&raquo;Nationaler Antisemitismus&laquo;</em><sup>2</sup> ist eine davon, wie auch Thomas Haurys <em>&raquo;Antisemitismus von links&laquo;</em><sup>3</sup> und Matthias K&uuml;ntzels <em>&raquo;Djihad und Judenhass&laquo;</em><sup>4</sup>. Im Verbund mit dem von Hermann L. Gremliza herausgegebenen Sammelband <em>&raquo;Hat Israel noch eine Chance?&laquo;</em><sup>5</sup> und dem Projekt des <em>&raquo;Arbeitskreises Kritik des deutschen Antisemitismus&laquo;</em><sup>6</sup> zeigte sich dann ein Wandel, eine Neubestimmung antisemitismus-kritischer Positionen im Gef&uuml;ge der <em>&raquo;New World Order&laquo;</em> nach dem Ende der Blockkonfrontation an. Das hinterlassene Vakuum einer Neujustierung der politischen und geographisch-nationalen Tektonik der Welt erm&ouml;glichte es dem politischen Islam aggressiv voranzuschreiten und sich als Gegenkraft zur <em>&raquo;Globalisierung&laquo;</em> zu inszenieren.<sup>7</sup> Zeitgleich widmete das Fritz-Bauer-Institut sein Jahrbuch 2002 dem Themenkomplex des Nationalismus, Antisemitismus und ethnischen Konflikten in verschiedenen Kulturen.<sup>8</sup> Der Boom auf dem wissenschaftlichen Buchmarkt bliebt zwar aus, aber immerhin existieren mittlerweile ein paar B&auml;nde, in denen sich AkademikerInnen &uuml;ber den <em>&lsquo;neuen Antisemitismus&lsquo;</em> zu verst&auml;ndigen versuchen. Der Begriff selbst ist in die allgemeine Kommunikation &uuml;bergegangen.<br />
Diese Neuerung in der globalen Weltordnung ist auch Gegenstand der vorliegenden Aufsatz-Sammlung, der eine Vorlesungsreihe an der HU Berlin im Wintersemester 2003/04 und Sommersemester 2004 vorausging. </p>
<p>Christina von Braun besteht in ihrer detailreichen und anregenden Einleitung darauf, dass Antisemitismus, kein <em>&lsquo;westliches&lsquo;</em> Ph&auml;nomen sei, sondern durch den Komplex der <em>&raquo;Globalisierung&laquo;</em><sup>9</sup> kein Land der Erde unbetroffen lie&szlig;e. Im Gep&auml;ck der stetig vornschreitenden Verdichtung der Welt, wird der historische Abhub der <em>&raquo;toten Geschlechter&laquo;</em> (Marx) mitgeschleppt, tradiert und den jeweiligen nationalen Formen angepasst. Immerhin habe aber Antisemitismus in Begriff wie Praxis in Europa Form angenommen und gilt seitdem in v&ouml;lliger Negativit&auml;t als Leit&#8209; und Vorbild f&uuml;r antisemitische Bewegungen weltweit, wie Hamas und Hisbollah in mannigfaltiger Weise bezeugen.<sup>10</sup></p>
<p>En gros ist in dem vorliegenden Buch eine thematische Zweiteilung der Beitr&auml;ge zu ersehen. Auf die Einleitung folgt ein Part, der die Theorie und Geschichte des Antisemitismus behandelt und einer, der l&auml;nderspezifische Essays enth&auml;lt. Neben der Einleitung und dem Beitrag von Klaus Holz &uuml;ber <em>&raquo;Die Figur des &lsquo;Dritten&lsquo;&laquo;</em>, der den theoretischen Horizont er&ouml;ffnen soll, schlie&szlig;en sich historische Darstellungen an, die den Antisemitismus von der Antike bis zu Gegenwart behandeln. Sachkundigen sind die vorgestellten Theoreme durchaus bekannt. An den wiederabgedruckten Text Holz&rsquo; reihen sich Hubert Canciks Darstellung des <em>&raquo;antiken Antisemitismus&laquo;</em> und seine Rezeption einerseits durch sp&auml;tantike und christliche Autoren, andererseits durch Nietzsche und Lion Feuchtwanger, Reinhard R&uuml;rups gelehrter Essay &uuml;ber den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik, Philippe Burrins <em>tour de force</em> zu den <em>&raquo;Bilderwelten&laquo;</em> des nationalsozialistischen Judenhasses und Werner Bergmanns &Uuml;berblick &uuml;ber <em>&raquo;Formen und Funktionen des Antisemitismus in Europa nach 1945&laquo;</em>, eines Antisemitismus, der nicht nur trotz, sondern wegen Auschwitz fortlebt &ndash; darin liege seine neue Qualit&auml;t.<sup>11</sup></p>
<p>Den theoretischen und/oder historischen Darstellungen folgen spezifische Untersuchungen &uuml;ber die Zust&auml;nde einzelner L&auml;nder (Russland, Polen, Rum&auml;nien, Frankreich, arabische Welt), in denen der (klassische) Antisemitismus in vielerlei Hinsicht manifester auftritt als in Westeuropa, wo er &ndash; so konstatieren die Beitr&auml;ger &ndash; sich zwar als traditioneller Judenhass weitertr&auml;gt, jedoch sehr viel st&auml;rker vom <em>&raquo;sekund&auml;ren Antisemitismus&laquo;</em> gepr&auml;gt ist.</p>
<p>Vadim Rossman, Professor f&uuml;r Eastern European und Eurasien Studies an der Universit&auml;t von Austin (Texas, USA), konzentriert sich auf den einflussreichen F&uuml;hrer der Eurasischen Bewegung in Russland, Alexander Dugin; dessen ambivalente und <em>&lsquo;differentialistische Attitude&lsquo;</em> sei ein taktisches Moment, das bei vielen der f&uuml;hrenden Figuren der <em>&lsquo;Neuen Rechten&lsquo;</em> Europas zu bemerken sei. Beate Kosmala, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Zentrum f&uuml;r Antisemitismusforschung, geht dem Judenhass und Judenmord, der durch Polen auch nach der Befreiung von den Deutschen in Aktion trat und wahrscheinlich an die 1.500 Juden das Leben kostete, nach und untersucht Stereotype und Aktionen von 1944 bis in die Jahrtausendwende, in der Jan T. Gross mit seiner Studie &uuml;ber den Mord von Jedwabne eine erbitterte Debatte ausl&ouml;ste. Mariana Hausleitner, an den Universit&auml;ten Berlin und M&uuml;nchen t&auml;tig, erl&auml;utert, wie mit dem Sturz des Regimes von Ceausescus zwei Ikonen der rum&auml;nischen Rechten als Nationalhelden installiert wurden &ndash; Codreanu, Chef der <em>&lsquo;Eisernen Garde&lsquo;</em> und Marschall Antonescu, der Rum&auml;nien w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs regierte. Das Gedenken an beide wie an ihre Verbrechen &ndash; der Pogrom von Jassy und die Erschiessung von 40.000 ukrainischen Juden am Fluss Bug sind nur zwei &ndash; beginnen aber vermehrt Gegenstand der Kritik zu werden. Pierre-Andr&eacute; Taguieff, Professor an der Pariser Scienes Po, diagnostiziert eine <em>&lsquo;neue Judeophobie&lsquo;</em> in Frankreich, die nicht staatlicherseits, sondern seitens der <em>&raquo;B&uuml;rgergesellschaft&laquo;</em> auszumachen ist. Dieser <em>&lsquo;neue Hass&lsquo;</em> tat 2002 mit der Brandstiftung an drei Synagogen spektakul&auml;r in Aktion. G&ouml;tz Nordbruch schlie&szlig;t mit einem &Uuml;berblick &uuml;ber Judenfeindschaft in den arabischen L&auml;ndern die l&auml;nderspezifischen Beitr&auml;ge. Aufgrund des arabischen Quellenmaterials kommt er zu dem (mittlerweile nicht mehr &uuml;berrschenden) Resultat, dass die <em>&raquo;Protokolle der Weisen von Zion&laquo;</em> eine der zentralen und popul&auml;rsten Schriften im antisemitischen und anti-israelischen Denken des arabischen Raumes sind; ihr Gebrauch wirkt auf die Gesellschaften funktional in die Richtung einer antij&uuml;dischen <em>&lsquo;Vergemeinschaftung&lsquo;</em>.</p>
<p>Vor allem in diesen L&auml;nderbetrachtungen geht es um den besagten <em>&raquo;Neuen Antisemitismus&laquo;</em>, der seit der Zweiten Intifada ideologisch vorherrschen w&uuml;rde und den traditionellen, als <em>&lsquo;rassistisch&lsquo;</em> apostrophierten  Antisemitismus, als Leitideologie antisemitischer Bewegungen abgel&ouml;st haben soll, obschon beide Formen miteinander verschr&auml;nkt seien. </p>
<p>Dieser <em>&lsquo;Neue Antisemitismus&lsquo;</em> werde, so schliesst Brian Klug den Band, als neu deshalb wahrgenommen, da zum einen der Antisemitismus links konnotiert ist<sup>12</sup> und zum anderen die spezifische Form des Antisemitismus sich ge&auml;ndert habe: Feindschaft gegen Israel.<sup>13</sup></p>
<p>W&auml;hrend die nicht-j&uuml;dische Seite ihren Judenhass politisch hoff&auml;hig macht, ihn meint, als <em>&lsquo;Antizionismus&lsquo;</em> zu entsch&auml;rfen, affiziert der Hass auf den j&uuml;dischen Staat sowohl die diasporischen j&uuml;dischen Gemeinden und individuelle Juden au&szlig;erhalb Israels. Klug selbst differenziert aber in der historischen R&uuml;ckschau: <em>&raquo;According to the view under discussion in this paper, anti-Zionism is inherently or invariably antisemitic. But as this historical excursus has shown, anti-Zionism and antisemitism are in fact independent variables: one can exist without the other. Certainly, antisemitism can, and sometimes does, take the form of anti-Zionism; but as we have seen, it can also take the opposite form.&laquo;</em> (S.&#160;231).<sup>14</sup> </p>
<p>Klugs Problem liegt in seiner positivistische Herangehensweise, die weder Ideologiekritik kennt, noch eine Ahnung von der gesellschaftlichen Funktion hat, die der Antisemitismus erf&uuml;llt.<sup>15</sup> Zwar gesteht Klug zu: <em>&raquo;hostility is hostility&laquo;</em>; er pl&auml;diert aber daf&uuml;r, nicht bei jedem Anwurf gegen Israel vom Antisemitismus zu sprechen. Das w&uuml;rde die Differenzen und Nuancen &uuml;bersehen, die in verschiedenen antizionistischen Argumentationen stecke und sowohl den Gesellschaftsanalytiker wie auch das Handeln gegen Israel-Feindschaft l&auml;hmen. Andererseits w&uuml;rde der Begriff <em>&raquo;Antisemitismus&laquo;</em> seine Bedeutung verlieren, wenn er synonym mit Antizionismus gesetzt werde. Dies w&uuml;rde letztlich die Effektivit&auml;t des Protests mindern. (S.&#160;239) Soviel Differenzierungsverm&ouml;gen m&ouml;gen &ndash;&nbsp;auch vor dem historischen Panorama des nationalsozialistischen Antizionismus<sup>16</sup> &ndash; ersteinmal diejenigen an den Tag legen, die meinen ihre <em>&raquo;Kritik&laquo;</em> von (nicht zu leugnenden) Menschrechtsverletzungen oder von Staatlichkeit per se, zuallererst und vor allem bei Israel anbringen zu m&uuml;ssen. Und dies bei all ihrer blinden Wut, rastlosen Energie und pathischen Projektion.<sup>17</sup></p>
<p>Dieser Sammelband unterscheidet sich von nachfolgenden Sammelb&auml;nden zum Thema in der anger&auml;umten L&auml;nderthematik, die jedoch einen schnell verg&auml;nglichen wie ebenso aber konstanten Zeitkern besitzt.<sup>18</sup> In den Jahren nach 9/11 war die Perspektive der linken und linksliberalen &Ouml;ffentlichkeit vornehmlich auf Deutschland und die globale linke Bewegung fokussiert,<sup>19</sup>; es  waren vornehlich akademische Instituionen, die eine internationale Bestandsaufnahme wagten.<sup>20</sup> Deswegen, und weil er mittlerweile als eine Art <em>&lsquo;Standardwerk&lsquo;</em> gilt, ist der von von Braun und Ziege herausgegebene Band, bei allem m&ouml;glichen &Auml;rger, den man mit verschiedenen Beitr&auml;gen haben mag, eine anregende und lohnende Lekt&uuml;re. </p>
<p><em>Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.): &raquo;Das &lsquo;bewegliche&lsquo; Vorurteil. Aspekte des internationalen Antisemitismus&laquo;, W&uuml;rzburg 2004, 244 S., broschiert, 38&#160;&#8364;</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1383" class="footnote">Christina Tour-Kurth (Hrsg.): &lsquo;Neuer Antisemitismus &ndash; alte Vorurteile?&lsquo;. Stuttgart 2001. &ndash; Der Sammelband entstand aus einer Ringvorlesung an der Universit&auml;t Basel im Jahr 2000; in der Schweiz entz&uuml;ndete sich vor allem aufgrund der Berichte der Bergier-Kommission &uuml;ber die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg eine selbst antisemitisch gef&auml;rbte Debatte um Antisemitismus.</li><li id="footnote_1_1383" class="footnote">Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissensoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.</li><li id="footnote_2_1383" class="footnote">Thomas Haury, Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der fr&uuml;hen DDR, Hamburg 2002</li><li id="footnote_3_1383" class="footnote">Matthias K&uuml;ntzel, Djihad und Judenhass. &Uuml;ber den neuen antij&uuml;dischen Krieg, Freiburg 2002.</li><li id="footnote_4_1383" class="footnote">Hermann L. Gremliza (Hrsg.), Hat Israel noch eine Chance. Pal&auml;stina in der neuen Weltordnung, Hamburg 2001.</li><li id="footnote_5_1383" class="footnote">AK Kritik des deutschen Antisemitismus, Antisemitismus &ndash; die deutsche Normalit&auml;t. Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns, Freiburg 2001.</li><li id="footnote_6_1383" class="footnote">Vgl. Moishe Postone, Geschichte und Ohnmacht, in: ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005, S.&#160;195&ndash;212. F&uuml;r diesen Hinweis danke ich Volker Wei&szlig;.</li><li id="footnote_7_1383" class="footnote">Grenzenlose Vorurteile. Antisemitismus, Nationalismus und ethnische Konflikte in verschiedenen Kulturen, hrsg. im Auftrg des Fritz-Bauer-Instituts von Irmtrud Wojak, Frankfurt am Main u.a.&#160;2002.</li><li id="footnote_8_1383" class="footnote">Der Sachverhalt ist qualitativ nicht neu &ndash; eventuell quantitativ, da nach merkantiler und imperialistischer Welterschlie&szlig;ung nunmehr das neoliberale Kapital sich &uuml;ber den Erdball jagt.</li><li id="footnote_9_1383" class="footnote">Vor Augen sind mir gerade die Massenaufm&auml;rsche beider Organisationen mit &lsquo;Deutschem Gruss&lsquo;.</li><li id="footnote_10_1383" class="footnote">Vgl. Lars Rensmann: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus. Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t, Berlin u.a.&#160;1998.</li><li id="footnote_11_1383" class="footnote">Diese &lsquo;Linke&lsquo; hat mehr mit Nationalem Sozialismus und Nationalsozialismus zu tun, geh&ouml;rt also in die Traditionslinie einer sozialistischen Gegenaufkl&auml;rung &ndash; St. Simon und Proudhon lassen gr&uuml;ssen.</li><li id="footnote_12_1383" class="footnote">Antony Lerman, der ebenfalls zu dem &uuml;berschaubaren Kreis derjenigen geh&ouml;rt, die nach 9/11 auf verschiedenen Tagungen und Kongressen zum <em>&lsquo;Neuen Antisemitismus&lsquo;</em> zugegen war, sieht im Begriff des <em>&lsquo;Neuen Antisemitismus&lsquo;</em> keinen Nutzen, da der Antisemitismus auch nach den Anschl&auml;gen auf das World Trade Center und der Zweiten Intifada wesentlich der &lsquo;alte&lsquo; sei. Von &lsquo;Neuem Antisemitismus&lsquo; zu sprechen diene nur als Mittel &raquo;jegliche Kritik an Israel zu delegitimieren&laquo;. (Antony Lerman: &lsquo;Der neue Antisemitismus&lsquo;, Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, Heft 10, 2002, S.&#160;1245&ndash;1253, hier: 1250.</li><li id="footnote_13_1383" class="footnote">Was hier mit der &raquo;gegenteiligen Form&laquo;, dem antisemitischen Pro-Zionismus, gemeint ist, waren die virulenten Pl&auml;ne fr&uuml;hester bis nationalsozialistischer Antisemiten, die Juden aus dem jeweiligen &raquo;Volksk&ouml;rper&laquo; auszusondern. Der Zionismus schien f&uuml;r diesen Zweck ein praktikables Hilfsmittel zu sein. Noch die &raquo;Madagaskar-Pl&auml;ne&laquo; der Nazis zeugen von diesem Aussonderungsgedanken, der keineswegs philantropisch, sondern als Vernichtungsgedanke intendiert war. Zugleich kann der Antisemitismus nicht bei einer nationalen Abspaltung der Juden bleiben, sondern muss &ndash; wie nach der 1948 nur allzu deutlich ist &ndash; die Zerst&ouml;rung eines  jeden j&uuml;dischen Lebens verfolgen. Die heftig gef&uuml;hrten, aber obsoleten Auseinandersetzungen zwischen linken J&uuml;dinnen und Juden um den Zionismus &ndash; als Gruppierungen seien &lsquo;Bund&lsquo; und &lsquo;Poale Zion&lsquo; genannt &ndash; spielen hier gar keine Rolle.</li><li id="footnote_14_1383" class="footnote">Funktion ist hier (selbstverst&auml;ndlich) nicht im technischischen Sinne eines Marxismus-Leninismus, der Gesellschaft nur als Ensemble von wissenden verf&uuml;hrenden Einzelnen und unwissenden verf&uuml;hrten Massen kennt, gemeint, sondern von der Rolle, die Antisemitismus als &lsquo;konformistische Revolte&lsquo; als potentiell stabilisierendes Moment f&uuml;r das bestehende Gemeinwesen erf&uuml;llt: Affirmation der Herrschaft von Menschen &uuml;ber Menschen die als Befreiung von Herrschaft erscheint.</li><li id="footnote_15_1383" class="footnote">Dieser sollte einmal ausf&uuml;hrlich analysiert und ins Verh&auml;ltnis mit dem linken Antizionismus nach 1945 ins Verh&auml;ltnis gesetzt werden.</li><li id="footnote_16_1383" class="footnote">Es sticht hervor, dass immer wieder aus der Riege der Antisemitismus-ForscherInnen betont wird, dass Antisemitismus und Antizionismus nicht dasselbe seien und man sich vor Popularisierungen und Trivialisierungen h&uuml;ten m&uuml;sse. Eine kategoriale Bestimmung jedoch der vorgenommenen Differenzen und &Uuml;bereinstimmungen l&auml;sst bisher auf sich warten.</li><li id="footnote_17_1383" class="footnote">Aleksander Dugin bspw. ist immer noch ein Protagoniste der rechtsradikalen Szene in Russland.</li><li id="footnote_18_1383" class="footnote">Vgl. bspw.: AStA der Geschiwster-Scholl-Universit&auml;t M&uuml;nchen (Hrsg.): Spiel ohne Grenzen. Zu&#8209; und Gegenstand der Antiglobalisieurngsbewegung, Berlin 2004; Matthias Brosch et al. (Hrsg.): Exklusive Solidarit&auml;t. Linker Antisemitismus in Deutschland, Berlin 2007; Moshe Zuckermann (Hrsg.): Antisemitismus &ndash; Antizionismus &ndash; Israelkritik (Tel Aviver Jahrbuch f&uuml;r deutsche Geschichte XXXIII), G&ouml;ttingen 2005.</li><li id="footnote_19_1383" class="footnote">Neben der HU Berlin w&auml;re das &raquo;European Network for Research into Historical and Current Antisemitism&laquo; zu nennen, die 2005 und 2008 in England ausrichtete.((http://www.leobaeck.co.uk/English/projects0europeannetwork.htm</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Pantha du Prince &#187;Black Noise&#171;</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Feb 2010 22:30:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dominik</dc:creator>
				<category><![CDATA[Platten]]></category>
		<category><![CDATA[Dial]]></category>
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		<description><![CDATA[Am 22. Januar 2010 stellten Tocotronic im ausverkauften und mit viel zu vielen Menschen voll gestopften Hamburger Club Uebel &#38; Gef&#228;hrlich ihr neues Album vor. Nach ihrem etwas lustlosen Auftritt leerten sich die R&#228;umlichkeiten im hanseatischen Party-Flakturm sicherlich auch beg&#252;nstigt durch den auf Tocotronic folgenden Reggae-DJ recht schnell und auch ich zweifelte, ob sich eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 22. Januar 2010 stellten Tocotronic im ausverkauften und mit viel zu vielen Menschen voll gestopften Hamburger Club <em>Uebel &amp; Gef&auml;hrlich</em> ihr neues Album vor. Nach ihrem etwas lustlosen Auftritt leerten sich die R&auml;umlichkeiten im hanseatischen Party-Flakturm sicherlich auch beg&uuml;nstigt durch den auf Tocotronic folgenden Reggae-DJ recht schnell und auch ich zweifelte, ob sich eine Wartezeit von mehreren Stunden lohnen w&uuml;rde, nur um zum vierten Mal einem Live-Set von Pantha du Prince beizuwohnen. </p>
<p>Meine Begleiter_innen &uuml;berredeten mich zum Bleiben und so beschlo&szlig; ich, gem&uuml;tlich auf einer Empore in einem Ledersessel sitzend, dem Umbau zusehen: eine Leinwand wurde installiert und ein Musikpult, vollgestopft mit analoger und digitaler Technik zur Tonerzeugung und&#160;&#8211;verfremdung, auf die B&uuml;hne geschoben. Auf die Leinwand projizierte ein Beamer ein Bild einer an einem See und vor massiven Bergen gelegen Kirche, die sich umrahmt von herbstlich leuchtenden B&auml;umen in einem See spiegelte. Das Bild, das auch als Cover von <em>&raquo;Black Noise&laquo;</em> dient, verschwimmt und ersteht langsam und immer wieder neu in der Projektion. Pantha du Prince betritt schlie&szlig;lich die B&uuml;hne, sein Oberk&ouml;rper verschwindet in Pullover und Kapuze, als er sein Set beginnt. </p>
<p>Die ersten, analog erzeugten T&ouml;ne mischen sich mit stampfendem Bass und glucksendem Krach aus dem Computer. Sph&auml;rische Melodien verschmelzen mit treibendem Beat, animieren zum abschweifen, ausschweifen und tanzen. Ein neues St&uuml;ck beginnt, nicht bekannt von den fantastischen bei Dial erschienenen Vorg&auml;ngeralben <em>&raquo;This Bliss&laquo;</em> und <em>&raquo;Diamond Daze&laquo;</em>. Langsam erhebe auch ich mich aus der bequemen Position, die ich auf meinem Thron eingenommen habe. Die Musik zieht mich in ihren Bann, l&auml;sst mich nicht mehr los. Alles wird indifferent mit einem Mal und schie&szlig;t zusammen, nicht nur das Bild auf der Leinwand, das stetig neu gezeichnet und dann coloriert wird.</p>
<p>Viel zu schnell ist dann alles vorbei, die Jacken werden geholt und man steht in eiskalter Nacht irgendwo zwischen Schanzen&#8209; und Karoviertel. Es ist eine harte Landung in der Realit&auml;t, doch noch ist das Grinsen nicht aus den Gesichtern verschwunden, noch sp&uuml;rt man das unbeschreibliche Gl&uuml;cksgef&uuml;hl, das Pantha Du Prince einem verpasst hat. Ein Gl&uuml;cksgef&uuml;hl, das man beim Anh&ouml;ren von <em>&raquo;Black Noise&laquo;</em> zumindest erahnt. Was schon beim Live-Set zu sp&uuml;ren war, klingt auch auf der Platte durch: Die Musik ist noch sph&auml;rischer, noch tanzbarer, noch st&auml;rker von unversch&auml;mt eing&auml;ngigen Melodien durchzogen, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Nach mehrfachen Durchl&auml;ufen dieses Meisterwerkes zeigt sich, dass es bei Pantha du Prince definitiv lohnt an der Oberfl&auml;che zu kratzen und das unter ihr liegende Korallenriff voll bunter Klangkreaturen zu ergr&uuml;nden. </p>
<p>Was <em>&raquo;Saturn Strobe&laquo;</em> auf <em>&raquo;This bliss&laquo;</em> &ndash; ein &Uuml;berhit also &ndash; ist auf <em>&raquo;Black Noise&laquo;</em> <em>&raquo;Satellite Snyper&laquo;</em>. Der nachfolgende Track <em>&raquo;Behind the stars&laquo;</em> wabert hingegen lange unspektakul&auml;r und teils nervig vor sich hin. Er schlie&szlig;t dann aber mit einer Melodie, die sich f&uuml;r eine neue Zeit anempfiehlt, in der Romantik nicht mit der Reaktion in eins f&auml;llt und in der die Welt vern&uuml;nftig und auf die Bed&uuml;rfnisse der Menschen hin eingerichtet ist.</p>
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		<title>Rolf Tiedemann &#187;Theodor W. Adorno zum 40. Todestag&#171;</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Feb 2010 17:54:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Edition text+kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Kritische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Max Horkheimer]]></category>
		<category><![CDATA[Rolf Tiedemann]]></category>
		<category><![CDATA[Theodor W. Adorno]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Benjamin]]></category>

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		<description><![CDATA[Drei B&#228;nde aus der edition text+kritik.
&#187;Wo sind wir eigentlich?&#171;
&#187;Im Niemandsland.&#171;
&#187;Zwischen dr&#252;ben und dr&#252;ben?&#171;
&#187;Ja.&#171;
Edgar Hilsenrath1
Die drei B&#228;nde, die Rolf Tiedemann, ehedem Leiter des Theodor-W.-Adorno-Archivs und (Mit&#8209;)Herausgeber der Gesammelten Schriften Adornos und Walter Benjamins, zwischen 2002 und 2009 ver&#246;ffentlicht hat, tragen selber Spuren der Zeit an und in sich. &#187;Mystik und Aufkl&#228;rung&#171; ist die, in der Reihe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Drei B&auml;nde aus der edition text+kritik.</strong></p>
<p><em>&raquo;Wo sind wir eigentlich?&laquo;<br />
&raquo;Im Niemandsland.&laquo;<br />
&raquo;Zwischen dr&uuml;ben und dr&uuml;ben?&laquo;<br />
&raquo;Ja.&laquo;</em><br />
Edgar Hilsenrath<sup>1</sup></p>
<p>Die drei B&auml;nde, die Rolf Tiedemann, ehedem Leiter des Theodor-W.-Adorno-Archivs und (Mit&#8209;)Herausgeber der Gesammelten Schriften Adornos und Walter Benjamins, zwischen 2002 und 2009 ver&ouml;ffentlicht hat, tragen selber Spuren der Zeit an und in sich. <em>&raquo;Mystik und Aufkl&auml;rung&laquo;</em> ist die, in der Reihe <em>&raquo;Dialektische Studien&laquo;</em> wieder aufgelegte Dissertation Tiedemanns &uuml;ber Benjamin. Die B&auml;nde <em>&raquo;Niemandsland&laquo;</em>, sowie <em>&raquo;Mythos und Utopie&laquo;</em> versammeln hingegen verschiedene, kleinere Arbeiten des Autors aus den letzten vierzig Jahren. Trotz des Alters der Texte sind diese nicht lediglich r&uuml;ckw&auml;rts an die Zeit gebunden, sondern sie strahlen auch auf die Gegenwart aus. So sind die Essays, die das Zeitgeschehen aufnehmen, spannungsgeladene Nachweise, dass die Lekt&uuml;re Kritische Theoretiker hilft, Kritik der Gesellschaft zu betreiben.</p>
<p><strong>Niemandsland</strong><br />
Rolf Tiedemann ver&ouml;ffentlicht unter dem Titel <em>&raquo;Niemandsland&laquo;</em> (Unort und Utopie) eine Reihe von Essays, die wenn &uuml;berhaupt verstreut erschienen sind. Ihnen voran stellt er die Einsicht Oscar Wildes, dass hohen wie niederen Formen der Kritik auch stets etwas biographisches anhaftet. Die verschiedene Gewichtung im Thema sieht man den Texten aber kaum an. Allen ist ein Nucleus gemein, auf den Tiedemann insistiert und auch Detlev Claussen hingewiesen hat:((Detlev Claussen, Nach Auschwitz. Ein Essay &uuml;ber die Aktualit&auml;t Adornos, in: Dan Diner (Hrsg.), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt am Main 1988, S.&#160;54&ndash;68.)) dass die Dialektik der Aufkl&auml;rung und die Zerst&ouml;rung der Vernunftpotentiale der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft in Auschwitz endete und von dort an die gesellschaftliche Form ma&szlig;geblich bestimmt. Darin, in der Unabgegoltenheit des Verbrechens und der Tradierung seiner Bedingungen, liegt die auch heute noch g&uuml;ltige Aktualit&auml;t Adornos und der Kritischen Theorie. </p>
<p>Tiedemann arbeitet diese Einsicht in seinem Essay <em>&raquo;&sbquo;Wei&szlig;t du, wie das wird?&rsquo; Zur Aktualit&auml;t von Adornos Theorie der Gesellschaft&laquo;</em><sup>2</sup> heraus. Indem er den Gedanken und Wegen kritischer Theorie folgt &ndash; und zwar mit und &uuml;ber Adorno schreibt, aber sich mitnichten auf ihn beschr&auml;nkt<sup>3</sup> &ndash; gelingt es ihm, sie aktuell zu halten. Und zwar ohne an die im akademischen Betrieb erwarteten Ornamente der sprachtheoretischen Wendung Habermas&rsquo; nachzuvollziehen oder die Kritik als &auml;u&szlig;erlicher Zierrat der Theorie ihres Inhalts zu entledigen.</p>
<p>Alle Essays in <em>&raquo;Niemandsland&laquo;</em> bewegen sich im Kosmos von Topoi der <em>&sbquo;origin&auml;ren&rsquo;</em> Kritischen Theorie und widmen sich vor allem der Kunst, d.h. Theater, Poesie, Prosa, Musik und bildender Kunst, die &ndash; wie Tiedemann anl&auml;&szlig;lich seiner Reflektionen einiger Adornoscher Klavierst&uuml;ck festh&auml;lt &ndash; mit kritischer Theorie im <em>&raquo;Wahrheitsbegriff&laquo;</em> konvergiert (&raquo;Niemandsland&laquo;, S&#160;192). Die zu verschiedenen Anl&auml;&szlig;en verfassten Aufs&auml;tze und Reden, die hier abgedruckt wurden, spiegeln auch von ihrer Form und ihrer Intention den eminent praktischen Charakter kritischer Theorie wieder. Niemals ist es blo&szlig;er Selbstzweck, &uuml;ber und von Adorno, Beckett, Hamlet, Benjamin, Kafka oder Genet nachzudenken und zu schreiben, sondern Tiedemanns Texte sind (auch in der bisweilen recht &sbquo;bildungsb&uuml;rgerlichen&rsquo; Form) von der Intention der Aufkl&auml;rung getragen; dies selbst noch in einem Erfahrungsbericht des Autors anl&auml;sslich einer Reise nach Prag. Neben aller Gelehrtheit &ndash; die griechischen Begriffe stehen in Griechisch im Text, Kenntnisse im Franz&ouml;sischen und Englischen sind unterstellt<sup>4</sup> &ndash; ist Tiedemann aber nie belehrend. Tiedemanns Reflektionen mit Interesse zu lesen bef&ouml;rdert vielmehr den Eindruck, dass er selbst nicht unbedingt das Ende des Gedankengangs absehen konnte, als er begann, sich mit einem Gegenstand zu befassen. Der Weg der Reflektion ist entscheidend, nicht das schlie&szlig;ende Urteil. </p>
<p><strong>Mystik und Aufkl&auml;rung</strong><br />
<em>&raquo;Mystik und Aufkl&auml;rung&laquo;</em> &ndash; die Dissertation Rolf Tiedemanns &ndash; erschien erstmals 1965 in den von Adorno und Walter Dirks herausgegebenen Frankfurter Beitr&auml;gen zur Soziologie. Dass es 29 Jahre nach der zweiten Edition (1973 bei Suhrkamp, damals noch Frankfurt am Main) wieder erscheint, l&auml;sst sich auch wenig wohlmeinend interpretieren. So k&ouml;nnte man &ndash; die un&uuml;bersehbare Aufgebl&auml;htheit des hohlen (auch des akademischen) Individuums vor Augen &ndash; Tiedemann Selbst&uuml;bersch&auml;tzung unterstellen. Denn worin sollte in diesen modernen, weil beschleunigten Zeiten noch das Interesse an einem, verglichen mit dem Publikationsaufkommen zu Walter Benjamin, veralteten Buch liegen?<sup>5</sup></p>
<p>Gr&uuml;nde f&uuml;r die Aktualit&auml;t der <em>&raquo;Studien zur Philosophie Walter Benjamins&laquo;</em>, wie der Original&#8209; und heutige Untertitel lautet, sind nicht erst seit der eklektischen und sinnentstellenden Berufung des <em>shooting-star</em> der politischen Philosophie Giorgio Agamben auf Walter Benjamin evident.<sup>6</sup> Denn mit Benjamin haben wir einen Philosophen, vielleicht eher: einen emphatischen Beobachter, vor uns, der die Forderung an materialistisches Denken, in dem alles gleich weit zum Zentrum stehe, schon vor Adornos Diktum zu erf&uuml;llen suchte.<sup>7</sup></p>
<p>Wie auch Benjamin geht es Tiedemann in <em>&raquo;Mystik und Aufkl&auml;rung&laquo;</em> um Erkenntnistheorie, &Auml;sthetik, Kunstsoziologie und Geschichtsphilosophie. Adorno konstatierte in seinem Vorwort, dass es Tiedemann aber die <em>&raquo;vielfach esoterische Sprache&laquo;</em> Benjamins zur&uuml;ck in die traditionelle &uuml;bersetzte. Er stellte weiterhin fest, dass Tiedemanns Arbeit zur Grundlage der <em>&raquo;wissenschaftlich&laquo;</em> intendierten Besch&auml;ftigung geh&ouml;re. Ein Blick auf die j&uuml;ngste relevante Literatur best&auml;tigt dies: kein Werk &uuml;ber Benjamin (egal aus welchem Land) kann Tiedemanns Arbeit &uuml;bergehen.<sup>8</sup></p>
<p>Inhaltlich sind die drei B&auml;nde f&uuml;r diejenigen, die Interesse an kritischen und sprachgewandten Arbeiten haben, bedeutsam. Auch deswegen, weil Tiedemann die Kritische Theorie gegen ihre kritischen Kritiker in Schutz nimmt &ndash; und bei allen sprachtheoretischen, &auml;sthetischen und sonstigen Wendungen und Interpretationsweisen, den historischen Kontext als theoriebildend herausstellt: den Horizont des nationalsozialistischen Terrors, der Konzentrations&#8209; und Vernichtungslager, des entfalteten <em>&sbquo;Totalen Krieges&rsquo;</em>, sowie die theoretische Borniertheit des damaligen Subjekts der Emanzipation und die Herrschaft des Realen Sozialismus. Die Wahrheit hatte weder in der ersten H&auml;lfte des Zwanzigsten Jahrhunderts einen Ort in der Kommunistischen Partei, noch &ndash; eine grosse Entt&auml;uschung f&uuml;r die re-migirierten Horkheimer und Adorno &ndash; erf&uuml;llte sich die Sehnsucht Kritischer Theorie nach etwas Anderem<sup>9</sup> auch in den jungen StudentInnen der BRD nicht. Diese verstanden es, positiv(istisch) und weltanschaulich zu werden anstatt die Kritik der Zur&uuml;ckgekehrten aufzunehmen. Das Niemandsland, ein Verweis sowohl auf die zuk&uuml;nftige Utopie wie auf die verw&uuml;steten Fl&auml;chen der Weltkriege, verharrt im Stande der Negativit&auml;t der Kritik. Schon Marx hatte dieses wesentliche Moment &ndash; Negativit&auml;t &ndash; 1844 in den Deutsch-franz&ouml;sischen Jahrb&uuml;chern hervorgehoben. Adorno legte dies f&uuml;r den Sp&auml;tkapitalismus in den Zeiten der bin&auml;ren Weltordnung dar, wie er zugleich methodisch die (moralisch anti-moralische) Notwendigkeit ihrer &Uuml;berwindung festhielt. </p>
<p>Auf diese Notwendigkeit macht auch Rolf Tiedemann aufmerksam, der sich nicht scheut, sich als Epigone zu bekennen. Dies auch, weil es t&ouml;richt w&auml;re, sich quasi-geniale Gedanken einzubilden und das Subjekt wie den <em>deus ex machina</em> auf die B&uuml;hne der &Ouml;ffentlichkeit zu wuchten. Gerade gegen den Sch&ouml;pfungsanspruch der Theorien, die en vogue mit dem Zeitgeist sind, gelte es zu argumentieren.</p>
<p><em>&raquo;Niemandsland&laquo;</em> und <em>&raquo;Mystik und Aufkl&auml;rung&laquo;</em> werden zum 40. Todestags Adornos nun auch zusammen mit dem hier schon besprochene Buch Tiedemanns <em>&raquo;Mythos und Utopie&laquo;</em><sup>10</sup> als Paket angeboten. Nach all meinen lobenden Worten sollte f&uuml;r Interessierte der geringe Verkaufspreis<sup>11</sup> der handwerklich sehr sch&ouml;nen B&uuml;cher ein weiterer Anreiz sein, diese bei dem kleinen und hervorstechenden Verlag <em>edition text+kritik</em> zu ordern.</p>
<p><em>Rolf Tiedemann: Theodor W. Adorno zum 40. Todestag. Drei B&auml;nde von Rolf Tiedemann, edition text+kritik, M&uuml;nchen 2009, insgesamt 804 Seiten, 69&#160;&#8364;.</em></p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p><ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1371" class="footnote">Edgar Hilsenrath, Deutsch-deutsches Gespr&auml;ch, in: ders., Zibulsky oder Antenne im Bauch, Gesammelte Werke Bd.&#160;5, Berlin 2007, S.7.</li><li id="footnote_1_1371" class="footnote">&raquo;Niemandsland&laquo;, S.&#160;141&ndash;155.</li><li id="footnote_2_1371" class="footnote">Darin liegt das Eingest&auml;ndnis, dass Kritische Theorie ein kollektives Projekt gewesen war.</li><li id="footnote_3_1371" class="footnote">Oder die Texte bieten gute Gelegenheit, sich alles anzueignen.</li><li id="footnote_4_1371" class="footnote">Ein einsames Exemplar der Erstauflage ist derzeit antiquarisch f&uuml;r 50&#160;&#8364; zu finden &ndash; die private Verf&uuml;gbarkeit des Titels au&szlig;erhalb der Universit&auml;ten kann ein Motiv sein.</li><li id="footnote_5_1371" class="footnote">Vgl.: Magnus Klaue, Auschwitz ist &uuml;berall, in: Konkret 9 (2002), S.&#160;52 f. &ndash; Shimon Peres, der 86j&auml;hrige Pr&auml;sindent Israels hat in seiner Rede zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations&#8209; und Vernichtunglagers Auschwitz, Benjamin in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag genannt und ihn wohl erstmals in diesem Hause bekannt gemacht.</li><li id="footnote_6_1371" class="footnote">Zu Agamben und seiner ihm dienlichen Erfindung und Stilisierung eines Briefwechsels zwischen Benjamin und Carl Schmitt siehe Tiedemanns Leserbriefe an die FAZ und Konkret, die kommentiert in &raquo;Niemandsland&laquo; Eingang gefunden haben, S.&#160;88 ff.</li><li id="footnote_7_1371" class="footnote">Eines ist mir doch druckfrisch untergekommen: Der Sammelband &raquo;Walter Benjamin und das Wiener Judentum zwischen 1900 und 1938&laquo; (Hrsg. von Sascha Kirchner, Vivian Liska, Karl Solibakke, Bernd Witte, W&uuml;rzburg 2009), kommt ganz ohne Verweis auf Tiedemanns Schrift aus; es erschreckt zu sehen, dass hingegen Giorgio Agamben, der Affirmator des &sbquo;Ausnahmezustands&rsquo; die leitende Sekund&auml;rliteratur des Buches darstellt.</li><li id="footnote_8_1371" class="footnote">wie es Horkheimer im Spiegel-Interview vom 11. August 1969 ausdr&uuml;ckte.</li><li id="footnote_9_1371" class="footnote"><a href="http://www.beatpunk.org/papier/rolf-tiedemann-mythos-und-utopie/">www.beatpunk.org/papier/rolf-tiedemann-mythos-und-utopie/</a></li><li id="footnote_10_1371" class="footnote">Faktisch gibt es drei B&uuml;cher zum Preis von zweien.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Internationale Fernseh-Anfasserei. Berlin.</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 11:11:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janette</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[Cleaning]]></category>
		<category><![CDATA[Hölle Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Putzen]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere neue Artikelserie »Hölle Arbeit« wird sich um geistfreie und bisweilen vollkommen unnütze Tätigkeiten drehen, um Rauswürfe, Karrieren und arme Würstchen. Janette macht den Anfang und war putzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mal wieder der Versuch einer Fortsetzungsreihe. Mit diesem Beitrag startet unsere Artikelserie &raquo;H&ouml;lle Arbeit&laquo;, in der die unsch&ouml;nen Konfrontationen unserer AutorInnen mit der Welt der Lohnarbeit nachgezeichnet werden. Es geht um absurde, menschenfeindliche, geistfreie und vollkommen unn&uuml;tze T&auml;tigkeiten oder um an sich n&uuml;tzliche T&auml;tigkeiten, die aber unter den konkreten Verh&auml;ltnissen zum gr&ouml;&szlig;ten Schwachsinn zusammen schrumpeln. Janette macht den Anfang und war putzen. </strong></p>
<p>Meine Freundin K. und ich brauchen Kohle, wir brauchen sie schnell, wir sind bereit einiges daf&uuml;r zu tun. Seit Jahren arbeiten andere Freunde f&uuml;r eine Cleaning Organisation. Das sagen die so, weil <em>&raquo;putzen gehen&laquo;</em> scheisse klingt. Jene Organisation macht Event Management, Vor&#8209; und Nachbearbeitung von internationalen Veranstaltungen. Weltweit. Einer dieser Freunde hat von einem Bekannten geh&ouml;rt, dass der sogar schon in Amerika war. Wir bewerben uns. Wir bewerben uns st&auml;ndig. Wir vergessen, dass wir uns jemals beworben haben, weil nie eine Antwort kommt. Dann scheint es irgendwie pl&ouml;tzlichen Mangel am Cleaning Markt zu geben und wir bekommen eine Zusage f&uuml;r die IFA, wir arbeiten 12 Tage, wir arbeiten von 20:00&#160;Uhr bis 8:00&#160;Uhr und haben eine Stunde Pause. Wir haben genug Infos.</p>
<p>Eigentlich klingt das alles so dermassen ungeil, dass ich mich noch heute frage, warum zum Teufel wir das gemacht haben. Bei Freunden wird tags&uuml;ber gepennt und abends geht&#8217;s ab auf die Arbeit. Sch&ouml;n die Ringbahn zum ICC nach&#8230; wie heisst das da hinten &uuml;berhaupt?</p>
<p>Zum Gl&uuml;ck ist dieses ICC-Gel&auml;nde super &uuml;bersichtlich, besonders bei so einer Messe. Eine Millionen Sicherheitschecks, hundert Mal <em>&raquo;Keine Ahnung, wo ditte sein soll…&laquo;</em>. Viel zu sp&auml;t finden wir dennoch das Headquarter. Das Headquarter ist ein alter Schuppen voller Putzkram, vor dem ca.&#160;30 Leute rumstehen und &uuml;ber vergangene Eins&auml;tze oder ihr Excitement reden, endlich auch mal dabei sein zu d&uuml;rfen. Wir hassen jetzt schon alle Menschen.</p>
<p>Nachdem wir endlich in einer Excel-Tabelle erfasst sind, bekommen wir unsere Outfits und jeweils Eimer, Lappen und Schrubber… ach ja und unseren Teamleiter, den Anf&uuml;hrer, den mit der Verantwortung quasi. Unser kleines Gr&uuml;ppchen w&auml;chst auf sechs Personen an (ohne Leithammel) und man weist uns eine riesige Halle mit ca.&#160;200 B&uuml;ros und einem noch mal so grossen Ausstellungsraum zu. In den Hallen steht die Luft, die Klimaanlage l&auml;uft erst ab Messebeginn, meine Wasserflasche ist halb leer, auf den H&auml;hnen im Bad steht <em>&raquo;Kein Trinkwasser&laquo;</em>. K. und ich bekommen die B&uuml;ros. Wir saugen, wischen Staub, wischen Staub und wischen Staub, wir putzen Fenster, Telefone, T&uuml;ren und Trockenbauw&auml;nde und wir schwitzen wie bl&ouml;de, denn in diesen Kabuffs sind mindestens 28&#160;&#176;C. Wir hassen alle, besonders hassen wir jetzt den Leithammel. Der kommt st&uuml;ndlich vorbei und gibt uns Tipps zum Staubwischen, dabei lehnt er mit seinem Schwitzer&uuml;cken gegen die eben geputzte Glaswand und l&auml;sst uns von seinem reichen Erfahrungsschatz in der Cleaning Branche kosten. Dabei trinkt er Wasser. Wasser mit Kohlens&auml;ure. Trotz einsilbigen Kommentaren unsererseits geht er erst nach 30 Minuten.</p>
<p>Gegen vier sind wir mit den ganzen B&uuml;ros durch. Wir brauchen Luft und irgendwie finden wir, das wir fertig sind. Aber der Boss hat nat&uuml;rlich noch was f&uuml;r uns, also schrubben wir im Ausstellungsraum weiter. Der Rest unserer Crew schiebt v&ouml;llig lethargisch Staubsauger auf der Stelle hin und her. Der Boss findet, dass die <em>&raquo;Afrikaner faule Hunde sind&laquo;</em>. Wir finden der Boss hat einen kleine Kopf, sagen wir ihm aber nicht. K. muss die ganze Sache analysieren: der Typ hatte noch nie viel Verantwortung und geht in seiner Rolle auf. Er liebt es, Sachen zu regeln, Probleme zu l&ouml;sen und dabei immer einen lockeren Spruch auf den Lippen zu haben. Er tr&auml;gt Fantasymetal-Shirts, das sehen wir nach der Schicht, sein Brillenmodell war auch vor zehn Jahren nicht cool und die Haare gehen ihm aus, einen Bierbauch hat er auch schon und scheinbar wenig Sozialkontakt, denn er redet, als h&auml;tte man ihm acht Jahre das Sprechen untersagt und zu dieser Veranstaltung die Pforten wieder ge&ouml;ffnet. Wir finden er solle weggehen, aber dann nervt er die <em>&raquo;Afrikaner&laquo;</em>, also lassen wir ihn labern. Morgen nehmen wir iPods mit.</p>
<p>Mittlerweile ist es sechs: zwei Stunden trennen uns von der Heimfahrt mit der Ringbahn. Unsere Haut f&uuml;hlt sich an wie Sandpapier und wir k&ouml;nnten alles saufen, ja saufen, aber weit und breit gibt&#8217;s nichts. Staubsaugen scheint uns die entspannendste Arbeit zu sein, also saugen wir einen Quadratmeter Teppich bis es acht ist. Von den 30 Leuten ist nur noch die H&auml;lfte da, viele sind einfach abgehauen, weil <em>&raquo;sie wohl noch nicht so oft gearbeitet haben&laquo;</em>. Der Boss weiss echt auf alles &lsquo;ne Antwort, deshalb nennen wir ihn jetzt Bummi.</p>
<p>Die ganze R&uuml;ckfahrt m&uuml;ssen wir dar&uuml;ber reden, wie unglaublich das war, w&auml;hrend wir uns drei Liter Wasser in den Kopp kippen. <em>&raquo;Wenn das morgen wieder so ist, dann hauen wir ab. Scheiss auf die Kohle!&laquo;</em> Weil es so super mit uns war, ist Bummi auch am zweiten Arbeitstag (haha) wieder unser Chef, die <em>&raquo;Afrikaner&laquo;</em> hat er abgegeben &ndash; das was wir die n&auml;chsten Tage zu s&auml;ubern haben, schaffen wir zu dritt. Wir fragen uns wer Nummer 3 sein soll und wissen, dass wir wohl zu zweit schaffen m&uuml;ssen, was f&uuml;r drei bestimmt ist. Unsere Halle ist riesig, ein Ausstellungsraum, ganz weiss, weisses Plaste an Boden und W&auml;nden und ca.&#160;500 Plasma-Fernseher, Designer-M&ouml;bel, Boxen, Anlagen und eine Mensa mit K&uuml;che und Tresen und ca.&#160;200 Tischen mit jeweils vier St&uuml;hlen. Wir hassen alle Menschen, die auf Messen gehen, um dort Plasma-Fernseher anzugrapschen, sich auf Boxen zu stellen und in Mensen zu essen und das Essen fallenzulassen und Getr&auml;nke zu verkippen.</p>
<p>Da auf so einer Messe nat&uuml;rlich geklaut wird wie bekloppt, wird unsere Halle von f&uuml;nf Russlanddeutschen bewacht. Ich sage mal, rechts ziemlich weit offen und leider Gottes ziemlich gespr&auml;chig. Die h&auml;ngen mit ihren Riesen-Schuhen auf den Designer-Couchen rum und schauen bekloppte Ballerfilme auf russisch oder zocken bekloppte Ballspiele auf deutsch. Einer von denen ist gar kein Russlanddeutscher, er kommt aus Mahrzahn. Auch sch&ouml;n. <em>&raquo;Haste das gelernt?&laquo;</em> fragt er mich, als ich grade Staub vom Plasma-Fernseher wische. <em>&raquo;Was jetzt? Putzen?&laquo; &raquo;Na… ja.&laquo; &raquo;Nee!&laquo; &raquo;Achso.&laquo;</em> Der Bummi schliesst bald Freundschaft mit den Securitys, kann man mal sch&ouml;n daneben stehen und bisschen quatschen, Film schauen oder einfach nur stehen.</p>
<p>Damit wir nicht wieder verdursten haben wir diesmal zehn Liter Wasser mit. Das Gute am Cateringbereich ist das Catering, wir k&ouml;nnen alles Trinken und Essen, was da rum steht. Offiziell nat&uuml;rlich nicht, aber der Bummi ist &lsquo;ne richtig coole Sau, der macht das n&auml;mlich immer so und das ist noch nie aufgefallen. Ich hab nach vier Stunden so&#8217;ne &Uuml;berdosis Koffein, das ich viel zu schnell putze und K. mich ausbremsen muss. Der Plan ist so lahm wie m&ouml;glich zu arbeiten, damit der Bummi nicht auf verr&uuml;ckte Ideen kommt. Irgendwie wird&#8217;s Morgen und wir haben nur noch eine Stunde bis die T&uuml;ren aufgehen. Wir sind nicht mal halbwegs fertig und jetzt wird auch dem Bummi bange und er nimmt den Schrubber in die Hand. Wir m&uuml;ssen hetzen und bekommen noch <em>&raquo;Afrikaner&laquo;</em> zur Unterst&uuml;tzung. Ich bin froh und als einer von ihnen in Bummis Richtung nickt und <em>&raquo;Arschloch&laquo;</em> sagt, bin ich ganz froh, dass uns hier nicht wieder soziophobe Xenophobie unterstellt werden kann. Die Sache wird verdammt tight und K. und ich beschweren uns im Headquater, dass wir zu wenige sind, um dieses Riesen-Ding zu putzen und wir k&ouml;nnen die Afrikaner, also M. und R. behalten.</p>
<p>Wir hassen trotzdem alle Menschen und die Messe geht erst jetzt los. K. vermutet, dass wir mit unserer weissen Arena echt den Zonk gezogen habe. Ich sage, dass ist Plaste, das wird schon gehen… nach hause, schlafen, aufstehen, zur Ringbahn. Wir hassen alle Menschen.</p>
<p>Nat&uuml;rlich sollte K. recht behalten, &uuml;berall sind Grapschpfoten. Wer hat hier Eis verkippt? Wieso kleben hier Kaugummis und nat&uuml;rlich gibt&#8217;s zehn Millionen schwarze Striche auf dem Plasteboden von schwarzen Schuhsohlen. Die Dinger kann man nicht einfach wegwischen. Wir m&uuml;ssen auf dem Boden liegend mit Glasspray und Lappen ein Fussballfeld grosses Areal schrubben. Super. Nach drei Tagen bekommen wir Schmutzradiergummies, das sind handgrosse Schw&auml;mme. <em>&raquo;Die sind echt super daf&uuml;r&laquo;</em> sagt der Bummi. Ich will nicht mehr, ich leg mich hinter die Designer Couch und penne &lsquo;ne Runde. Ich habe die schlimmste Sehnenscheidenentz&uuml;ndung seit dem Schlagzeugunterrichtintensivkurs. Die bl&ouml;den Sicherheitsdeppen haben auch schwarze Sohlen und ziehen Streifen. Ich k&ouml;nnte meinen Schrubber fressen, aber ich habe keine Kraft. M. hat Kippen und geht mit mir rauchen, der Bummi kommt dazu und erz&auml;hlt, dass er schon einmal so krassen Fussboden hatte und dann da so mit Maschinen r&uuml;ber ist und das war alles verdammt aufregend und echt so krass und ich geh wieder radieren, alles ist besser als das. K. liegt hinter der Couch und pennt. Ich warne vorm Bummi und wir radieren gemeinsam. Ab dieser Nacht sind alle Fernseher an, auf allen l&auml;uft das gleiche Programm, Filmtrailer f&uuml;r <em>&raquo;Mama Mia&laquo;</em> und so einen ausgedachten Film mit Angelina Jolie und Kugeln, die um die Ecke fliegen. Der Ton ist auch &uuml;berall an, also l&auml;uft alle f&uuml;nf Minuten ein ABBA-Song &ndash; das kann dich echt wahnsinnig machen. Den Sicherheitsdeppen wird auch immer langweiliger, also m&uuml;ssen wir dran glauben. Wir werden alles gefragt. Wir denken uns irgendeine Scheisse aus, damit die Sache halbwegs ertr&auml;glich wird. Ausserdem reissen wir Kekspackungen in der K&uuml;che auf und essen frisches Obst aus dem K&uuml;hlhaus. Echte Revolution eben. Die D&auml;mpfe aus den Reinigungsmittel leisten eben auch ihren Beitrag. Wir hassen alle Menschen mit schwarzen Schuhen und wir hassen ABBA.</p>
<p>Irgendwie haben wir nach drei N&auml;chten Routine drin, wir sind gegen vier oder f&uuml;nf fertig und d&uuml;rfen gehen. Der Bummi ist zufrieden, muss aber immer erst alles checken. Das dauert fast eine Stunde, in der wir nur abh&auml;ngen. K. muss das alles analysieren, sonst kommt sie nicht klar. Ich sag ihr, dass das nicht gut ist, man darf beim Erledigen von sinnlosen Dingen nicht &uuml;ber deren Sinnlosigkeit nachdenken, das ist wie ABBA aber K. h&ouml;rt nicht auf. Wir arbeiten f&uuml;r rassistische, bekloppte Ausbeuter f&uuml;r einen Hungerlohn. Wir befinden uns in einer Endlosschleife, jeden Tag neue Fettfinger, neue Schuhrillen, neue Kaugummis, neue Weisheiten aus Bummis Kopf. Wir hassen alle Menschen. M. sagt, wir sind negativ und das findet er gut.</p>
<p>Der Arbeitsrhythmus hat uns voll gepackt. Wir haben nur zu uns Sozialkontakt, alle anderen schlafen, wenn wir wach sind oder haben einfach besseres zu tun. Wir lesen manchmal E-Mails, eigentlich wollen wir aber nur schlafen. Wir haben kaum noch was zu reden, ich bin Einzelkind, ich kann nicht immer reden, ich fahre einfach in den stand-by-Modus und bringe K. auf die Palme weil ich nicht mehr mit ihr spreche. Ich verschwinde v&ouml;llig in meinem Kopf und wische dabei &uuml;ber Bildschirme, ich habe tausend Ideen, kann sie aber nicht aufschreiben, weil ich keine Hand frei habe. ich kann sie mir auch nicht merken, denn ich bin m&uuml;de. Ich funktioniere. Mehr nicht. K. findet das doof und ich finde sie hat recht, aber ich kann nicht anders. Morgen werde ich mich bessern, heute muss ich schlechte Laune haben. W&uuml;rde einer kommen und sagen, <em>&raquo;Wir demonstrieren da vorn f&uuml;r ein besseres Leben und brennen den Laden hier nieder!&laquo;</em>, ich w&auml;re sofort dabei. Der Stumpfsinn macht aus mir ein freies Radikal, ich will alles umhauen, abbrennen, zertreten. Ich will meine Freiheit wieder, ich will Tageslicht, ich will andere Leute sehen. </p>
<p>Irgendwann ist es soweit, die letzte Nacht, wir geben uns keine M&uuml;he mehr. Uns k&ouml;nnen alle. Wir gehen st&auml;ndig aufs Klo, wir gehen rauchen, wir essen Obst, wir trinken, wir reden von unserer nahen Zukunft in Freiheit. Der Bummi will den Abschied dramatisch gestallten, wir geben unser Equipment ab und sagen <em>&raquo;Sch&uuml;ss!&laquo;</em> w&auml;hrend er mit offenen Armen vor uns steht. Wir lachen in der S-Bahn nach hause, die Sonne scheint und wir sind fertig. </p>
<p>Sollte ich jemals wieder als Cleaner arbeiten, dann so <em>&raquo;Leon &ndash; Der Profi&laquo;</em> m&auml;ssig. Da sollte der Bummi gut aufpassen!</p>
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		<title>Bernd Langer &#187;Die Kunst geht weiter&#171;</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Jan 2010 11:27:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Niklas</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Antifa]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Langer]]></category>
		<category><![CDATA[Katalog]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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		<category><![CDATA[Tacheles]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Blick zur&#252;ck nach vorn
Bernd Langer, seines Zeichens Berufsautonomer aus G&#246;ttingen, ist nicht zu stoppen. Zumindest wenn es um das Umsetzen seines Verst&#228;ndnisses von Kunst geht. Nach einer Vielzahl produzierter Gem&#228;lde und Demonstrationsplakate, mal alleine, mal unter dem Label KuK (Kunst und Kampf), einem bilingual verlegten Kunstband und seinem autobiographisch angelegten Schundroman &#187;Operation 1653 &#8211; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Blick zur&uuml;ck nach vorn</strong></p>
<p>Bernd Langer, seines Zeichens Berufsautonomer aus G&ouml;ttingen, ist nicht zu stoppen. Zumindest wenn es um das Umsetzen seines Verst&auml;ndnisses von Kunst geht. Nach einer Vielzahl produzierter Gem&auml;lde und Demonstrationsplakate, mal alleine, mal unter dem Label KuK (Kunst und Kampf), einem bilingual verlegten Kunstband und seinem autobiographisch angelegten Schundroman <em>&raquo;Operation 1653 &ndash; Stay rude, stay rebel&laquo;</em> folgt nun der n&auml;chste Streich: ein Bildband zur neuesten Ausstellung <em>&raquo;Die Kunst geht weiter&laquo;</em>, die im September 2009 im Berliner Kunsthaus Tacheles zu sehen war. Langer m&ouml;chte immer noch gerne <em>&raquo;Kunst aus der Bewegung f&uuml;r die Bewegung&laquo;</em> machen, es geht um nichts geringeres als Revolutionen, Kampf und Widerstand. In der kleinen Welt Bernd Langers scheint so ziemlich alles m&ouml;glich. Nur f&uuml;r Widerspr&uuml;che hat sie keinen Platz.</p>
<p>In seinen Bildern wird selbstbewusst mit allem gearbeitet was ein bauchlinkes Verst&auml;ndnis von der Funktionsweise dieser Gesellschaft als Feindbild so hergibt. Von der obligatorischen Krake &uuml;ber die Puppenspieler im Anzug (bemerkenswert: bei Langer tr&auml;gt der Kapitalist von heute Melone statt Zylinder, sehr stilsicher) bis hin zu bedrohlich im Hintergrund auft&uuml;rmenden Markenzeichen wird dem regressiven Bed&uuml;rfnis nach Personalisierung apersonaler Herrschaftsverh&auml;ltnisse Rechnung getragen. Es geht immer um alles und alles ist immer irgendwie gleich. Autonome bek&auml;mpfen Polizisten, Richter und Wehrmachtssoldaten und all das auch noch in einem Bild. Zu Recht zu kritisierende Kontinuit&auml;ten im &Uuml;bergang zur postnazistischen Gesellschaft werden in heroischen Schlachtengem&auml;lden benutzt, um einen einheitlichen Geschichtsverlauf zu suggerieren, der Zivilisationsbruch benutzt um dem autonomen Stra&szlig;enkampf legitim erscheinen zu lassen.</p>
<p>Man k&ouml;nnte Langer zu Gute halten, dass die herrausragendsten dieser Exponate in den 80igern entstanden und daher vielleicht zeitgeschichtlich noch von Interesse sein k&ouml;nnten. Doch diese werden weder kontextualisiert geschweige denn reflektiert. Es wird einfach weiter gemacht, mit dem vielbeschworenen <em>&raquo;Blick zur&uuml;ck nach vorne&laquo;</em>. Und so bleiben seine Bildmotive auch weiterhin in einem eng abgesteckten Rahmen: zumeist junge M&auml;nner, die ihre gest&auml;hlten Leiber selbstlos und ohne Furcht in die n&auml;chste Schlacht werfen und dabei von der &Auml;sthetik her irgendwo zwischen <em>&raquo;300&laquo;</em> und einem 80er-Jahre Schwulenporno liegen.</p>
<p>Wenn in der deutschen Gesellschaft selbst schon keine relevanten Spannungsfelder gibt deren Entladung ernstzunehmende Auseinandersetzung als Folge haben k&ouml;nnten, dann gibt Bernd Langer ihr wenigstens die kitschigen Wandposter dazu. Er liefert einer anachronistischen Szene das Lebensgef&uuml;hl des <em>&sbquo;streetfighting man&lsquo;</em>, und zementiert die Identit&auml;t der kompromisslosen K&auml;mpfer auf der Stra&szlig;e. Anstatt also den von ihm so sehr gew&uuml;nschten Drang zur Ver&auml;nderung zu schaffen, bietet Bernd Langer Lebensentw&uuml;rfe an. Das ist grundsolide, aktionistisch und bestimmt auch gut gemeint, nur in irgendeiner Weise progressiv ist es ganz sicher nicht. W&uuml;rde es Langer mit seiner Kunst tats&auml;chlich <em>&raquo;um alles&laquo;</em> gehen, so m&uuml;sste diese ihr eigenes Ende als Ziel haben. </p>
<p><em>Bernd Langer: Die Kunst geht weiter. Der Blick zur&uuml;ck nach vorn, 38 S., Paperback, Verlag Tacheles 2009, ISBN 978&#8211;3&#8211;9812503&#8211;9&#8211;8</em></p>
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		<title>Captain Gips &#187;Optimus Prime&#171;</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Jan 2010 12:26:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Abel vB</dc:creator>
				<category><![CDATA[Platten]]></category>
		<category><![CDATA[Captain Gips]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[Hip Hop]]></category>
		<category><![CDATA[Humor]]></category>
		<category><![CDATA[Rap]]></category>
		<category><![CDATA[SilberRücken-Records]]></category>

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		<description><![CDATA[Im neuen Jahrzehnt und dem noch jungen Jahrtausend stehen die Zeichen so gut wie nie, dass die Menschheit es endlich und ein f&#252;r alle mal schafft, sich von der widerlichen Praxis der Massenproduktion loszusagen. &#187;Gleich und gleich gesellt sich gern&#171; war gestern. Denn der gestiegene Grad der Technologisierung von Produktionsabl&#228;ufen erlaubt es der Industrie den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im neuen Jahrzehnt und dem noch jungen Jahrtausend stehen die Zeichen so gut wie nie, dass die Menschheit es endlich und ein f&uuml;r alle mal schafft, sich von der widerlichen Praxis der Massenproduktion loszusagen. <em>&raquo;Gleich und gleich gesellt sich gern&laquo;</em> war gestern. Denn der gestiegene Grad der Technologisierung von Produktionsabl&auml;ufen erlaubt es der Industrie den Konsumenten zu gleichen Kosten ma&szlig;geschneiderte Produkte anzubieten. Nie wieder den ganzen Tag am immer gleichen Fliessband stehen, sondern Heute hier und Morgen dort. Ob M&uuml;sli, Pralinen, ein sch&ouml;nes Fahrrad oder den neuen 5er, alles dank Zukunft genauso wie wir es m&ouml;chten. Dementsprechend war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Kulturproduzenten dieser Entwicklung folgen und nicht l&auml;nger nur eine Linie anbieten w&uuml;rden. Captain Gips aus Hamburg ist einer der Pioniere dieser erw&uuml;nschten Bewegung. Auf seinem neuen Album Optimus Prime pr&auml;sentiert er sich nicht nur als authentisch-ehrlicher Captain Gips, sondern auch als Blumentopflappen MC Fresh; er denkt sich in die Innenwelt des weltber&uuml;hmten Florida Rolf und bedient nat&uuml;rlich auch das Genre des lachhaften deutschen Gangster HipHop mit seinem Alter Ego King Fuck. F&uuml;r jeden das richtige.</p>
<p>Das Album gef&auml;llt nicht nur Dank des innovativen Konzeptes, sondern auch musikalisch. Die ersten Tracks kommen vom Captain pers&ouml;nlich und pr&auml;sentieren gewohnte Hip Hop Themen (Hood, Hate, Humour) in neuem Gewand. Statt blingbling und Schwanz-Vergleich geht es um die endg&uuml;ltige Ver&auml;nderung Hamburgs zum schicken Ghetto, um sexistische Rapper, Statussymbole und den Genuss, Morgens einfach liegen zu bleiben. Harter Tobak also. </p>
<p>Es ist eine schmale Planke auf der Captain Gips balanciert. Immer kurz vorm Absturz in ein Meer von erhobenen Zeigefingern und moralgeschw&auml;ngerten Phrasen. Aber man merkt dem Album an, dass mehr dahinter steckt, als Hass auf die Reichen, weil das eigene Leben nervt. Die politischen Texte versuchen nicht, krampfhaft eine Message zu verbreiten. Hier f&uuml;hlt sich niemand als Messias oder nimmt sich zu ernst: <em>&raquo;ich will mein leben so leben wie josef ackermann/ich kann tun was ich will/die anderen ackern, mann.&laquo; </em>Die Texte sind vielmehr eine Mischung aus klassischen Punchlines und smarten Querverweisen, in denen &ndash; selbst wenn sie von King Fuck kommen &ndash; nicht (nur) einfach Klischee an Klischee geknallt und danach zusammen dar&uuml;ber gelacht wird, sondern in denen sich die Figur des Gangster Rappers z&auml;rtlich dekonstruiert findet: <em>&raquo;das ist ultrabrutal/das ist hardcore/wir sind die schergen/und geld der diktator&laquo;</em></p>
<p>Bei Florida Klaus und MC Fresh driftet das Album dann zwar etwas in Richtung Comedy ab und ist nicht mehr wirklich h&ouml;rbar. Aber zum einen sollte man die Idee honorieren Florida Rolf solch ein Denkmal zu setzen und zum anderen hat man ja noch die Punchline aus dem Song +/- von Captain Gips im Ohr: <em>&raquo;ich hasse das/hasse das was die masse macht/euer comedy quatsch/thomas hermanns wor&uuml;ber die masse lacht.&laquo;</em></p>
<p>Und unterm Strich z&auml;hlt ja, was man nicht mag.</p>
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		<title>Tschilp &#187;Whole Days In The Trees&#171;</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/platten/tschilp-whole-days-in-the-trees/</link>
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		<pubDate>Wed, 27 Jan 2010 20:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Platten]]></category>
		<category><![CDATA[Fidel Bastro]]></category>
		<category><![CDATA[Tschilp]]></category>

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		<description><![CDATA[W&#228;hrend die Spex die Popkritik in ihr gemachtes Grab hinab kurbelt, ver&#246;ffentlichen wir Werbetexte? Nein, so einfach ist es nat&#252;rlich nicht. Aber vorausgeschickt werden soll es trotzdem: diese Rezension begann ihre Geschichte nicht als Rezension. Sie wurde nicht f&#252;r Beatpunk sondern f&#252;r die Band geschrieben, die ihre aktuelle Platte nicht selbst beschreiben wollte aber auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>W&auml;hrend die Spex die Popkritik in ihr gemachtes Grab hinab kurbelt, ver&ouml;ffentlichen wir Werbetexte? Nein, so einfach ist es nat&uuml;rlich nicht. Aber vorausgeschickt werden soll es trotzdem: diese Rezension begann ihre Geschichte nicht als Rezension. Sie wurde nicht f&uuml;r Beatpunk sondern f&uuml;r die Band geschrieben, die ihre aktuelle Platte nicht selbst beschreiben wollte aber auch keine Lust auf die &uuml;blichen Flachheiten und Lobpreisungen hatte. Das fand ich gut und habe gerne ein paar Zeilen zu Papier gebracht, die so auch unter anderen &ndash; und zwar den hiesigen &ndash; Vorzeichen geschrieben worden w&auml;ren. Nur unvoreingenommen und g&auml;nzlich unbeteiligt ist der Text nicht. Das nur als kleine Warnung im Vorabbereich.</strong></p>
<p>In der Zeitung wurde neulich berichtet, dass V&ouml;gel in Gro&szlig;st&auml;dten mit deren Hektik und Lautst&auml;rke konkurrieren. Wie auch in freier Natur singen zwitschern und tschiepen die gefiederten FreundInnen zwischen H&auml;userschluchten und Tiefgaragen, um ihr Revier zu verteidigen, Brutpartner anzulocken und andere zu warnen. Um gegen die Automassen und den Industriekrach bestehen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssen sie sich mit gro&szlig;en Anstrengungen f&uuml;r die Stimmb&auml;nder in ihrer Umwelt Geh&ouml;r verschaffen. In den St&auml;dten singen sie deshalb lauter als ihre l&auml;ndlichen Artgenossen oder verlagern ihr Krakeelen vom Tag weg, weit in die Nacht hinein. Diese Nachricht hat etwas mit der Band Tschilp und ihrer ersten Langspielplatte zu tun. Hinter Tschilp verbergen sich drei Musikerinnen, die seit nunmehr sieben Jahren zusammen im Proberaum und auf der B&uuml;hne stehen und die Anfang 2007 auf Fidel Bastro ihre Deb&uuml;t-7« ver&ouml;ffentlicht haben. Auch auf dem aktuellen Album <em>&raquo;Whole Days In The Trees&laquo;</em> zeigt das Hamburger Trio sowohl einen gewissen Faible f&uuml;r molllastigen Gitarrenpop, Postrock und Noise, als auch eine ausgepr&auml;gte Affinit&auml;t zum lieben Federvieh, wie allein der Bandname, der Album&#8209; und die wunderlich, lautmalerischen Songtitel verraten.</p>
<p>Mit Naturromantik, also der vertr&auml;umten Hinwendung zu angeblicher Urspr&uuml;nglichkeit und Ausgeglichenheit des Waldlebens, haben Tschilp deshalb aber noch lange nichts zu tun. Schon viel eher mit den urbanen BaumbewohnerInnen, die sich an Umgehungsstra&szlig;en oder Milchkaffee-Boulevards, &uuml;ber Ausgehclubs und Werkst&auml;tten ihr fragiles Nest bauen. Die acht Songs auf dem Album klingen nach traurigen, aber sch&ouml;nen V&ouml;geln, die sich in der Stadt eingerichtet haben, so unfreundlich sie auch sein mag. Sie nehmen sich hier ihren Platz und machen eben so laut <em>&raquo;k&auml;rr-arr&laquo;</em> oder <em>&raquo;dwi-dwi-dwi-dwui&laquo;</em>, wie es n&ouml;tig ist. Reduziert, minimalistisch und auch mal l&auml;rmend. Ihre <em>&raquo;Whole Days In The Trees&laquo;</em> gestaltet die Band mit Bass, Gitarre, Gesang und Schlagzeug und zieht gegen die Langeweile auch eine Loop-Station und ein Xylophon hinzu. Unterst&uuml;tzt wurden Tschilp bei den Aufnahmen schlie&szlig;lich mit Lapsteel Guitar, Synthesizer, Bass und Gesang durch befreundete MusikerInnen z.B. von Halma und xrfarflight.</p>
<p>Um aber auch das noch klar zu stellen: die Platte handelt trotz der ornithologischen Motive und Anspielungen von Menschen und nicht von V&ouml;geln. Auch erstere treffen in einer feindseligen Gro&szlig;stadt-Umgebung aufeinander, singen und krakeelen mitten in der Nacht. <em>&raquo;Wenn man auf dem Heimweg von der Kneipe einen Vogel h&ouml;rt, ist es wahrscheinlich ein Rotkehlchen.&laquo;</em>, l&auml;sst die Zeitung einen britischen &Ouml;kologen behaupten. Wenn im MP3-Player Tschilp l&auml;uft, k&ouml;nnte das stimmen.</p>
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