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	<title>BEATPUNK WEBZINE</title>
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		<title>Jochen Bonz, u.a. (Hg.) &#187;Lass uns von der Hamburger Schule reden&#171;</title>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 19:31:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hardy Funk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburger Schule]]></category>
		<category><![CDATA[Jochen Bonz]]></category>
		<category><![CDATA[Ventil Verlag]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen &#187;Informationen finden sie wichtig, Unterdr&#252;ckung prangern sie an, Kapitalismus finden sie schei&#223;e und dass Dialog nie funktionieren kann&#171;, sangen die Lassie Singers 1992 in &#187;M&#228;nnliche Mitmenschen...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen</strong></p>
<p><em>&raquo;Informationen finden sie wichtig, Unterdr&uuml;ckung prangern sie an, Kapitalismus finden sie schei&szlig;e und dass Dialog nie funktionieren kann&laquo;</em>, sangen die Lassie Singers 1992 in <em>&raquo;M&auml;nnliche Mitmenschen XY ungel&ouml;st&laquo;</em> auf ihrem Album <em>&raquo;Sei &aacute; Gogo&laquo;</em> und ein paar Zeilen weiter: <em>&raquo;Es ist ja nett von euch, dass ihr euch in uns rein versetzen wollt, doch das wird nichts, lasst das lieber sein, wir lieben euch, wir wollen euch, wir nehmen euch, so wie ihr seid!&laquo;</em> Auf unnachahmlich charmante Weise haben die Lassie Singers schon damals die Kompliziertheiten von M&auml;nnern des Typs <em>&raquo;Hamburger Schule&laquo;</em> besungen, die auch in <em>&raquo;Lass uns von der Hamburger Schule reden&laquo;</em> immer wieder thematisiert werden: Diskussionswut, Gerede von Gleichberechtigung, unn&ouml;tige Verkomplizierungen im Verh&auml;ltnis zu Frauen und allgemein das Scheitern darin, ein irgendwie besserer Mann sein zu wollen. Das Buch will unter anderem das Geschlechterverh&auml;ltnis in der Wahrnehmung der Hamburger Schule gerader&uuml;cken, will die Aufmerksamkeit einmal auf die Frauen lenken, die auf, aber gerade auch hinter der B&uuml;hne die Hamburger Schule entschieden mitpr&auml;gten. Das Hauptanliegen aber ist ein anderes: dank der Erweiterung des Blickfeldes auf, neben Musik, Grafikdesign, Journalismus, Promotion und Labelarbeit soll ein m&ouml;glichst vielseitiges Portr&auml;t der unter dem Begriff &raquo;Hamburger Schule&laquo; zusammengefassten Musik-Szene der 1990er Jahre entstehen.</p>
<p><em>&raquo;Lass uns von der Hamburger Schule reden&laquo;</em> ist das Ergebnis eines Studienprojektes des Studiengangs Kulturwissenschaften der Uni Bremen und bietet eine oral history der Hamburger Schule aus Sicht von zehn beteiligten Frauen. Allerdings nicht als fortlaufenden Text aus Interviewschnipseln, wie das in den letzten zehn Jahren Mode geworden ist (siehe <em>&raquo;Verschwende deine Jugend&laquo;</em>, <em>&raquo;Please Kill Me&laquo;</em>, oder auch <em>&raquo;The Beatles Anthology&laquo;</em>), sondern in einzelnen Interviews, die eben auch die jeweiligen Fragen mitliefern. So soll das angestrebte vielseitige Portr&auml;t der Hamburger Schule zustande kommen. Und das gelingt! Was eben auch daran liegt, dass ausschlie&szlig;lich Frauen interviewt werden, hat das doch die angenehme Folge, dass nicht nur Musiker (bzw. nicht nur Songschreiber) zu Wort kommen, sondern &ndash; neben trotzdem Musikerinnen, selbstverst&auml;ndlich &ndash; auch die Cover-Gestalterin Bianca Gabriel, die Ladomat-2000-A&amp;R Charlotte Goltermann, die Lado&#8209; und Buback-Promoterin Myriam Br&uuml;ger oder die Journalistin Katha Schulte. Das ist au&szlig;erordentlich wohltuend, denn es lenkt den Blick einmal weg von l&auml;ngst bekannten Geschichten und hin auf die meist unbeachtet bleibenden Seiten des Musikgesch&auml;fts. Und es macht klar: die Musik, das sind eben nicht nur die Musiker und Musikerinnen, das ist auch das ganze Drumherum. Es entsteht ein facettenreiches und lebhaftes Panorama der Hamburger Schule zwischen Heinz Kamers Tanzcaf&eacute; und (sp&auml;ter) dem alten Pudel Club (<em>&raquo;Abends wegzugehen und einen drauf zu machen, war die Hauptt&auml;tigkeit.&laquo;</em> &ndash; Katha Schulte) und dem B&uuml;ro von L&rsquo;Age D&rsquo;Or (<em>&raquo;Ganz viele Musiker hatten keinen festen Wohnsitz und hatten im Lado-B&uuml;ro so Postf&auml;cher. Und dann waren die da.&laquo;</em> &ndash; Charlotte Goltermann).</p>
<p>Dass es in einem Buch, in dem ausschlie&szlig;lich Frauen interviewt werden, auch um Geschlechterverh&auml;ltnisse gehen wird, scheint offensichtlich. Und dennoch: <em>&raquo;H&auml;tten die prominenten m&auml;nnlichen Repr&auml;sentanten der Hamburger Schule, Distelmeyer, von Lotzow etc., nach der damaligen Zeit befragt, auch von ihren Erfahrungen mit Geschlechterdifferenz gesprochen?&laquo;</em> Diese rhetorische Frage stellt Jochen Bonz, einer der drei Herausgeber des Buchs, in einem der zwei den Interviews vorangestellten kurzen Essays. Und in der Tat: was offensichtlich scheint, hat eben auch eine Basis in der jeweiligen Lebenserfahrung und ist nicht nur der Intention des Buchs geschuldet. Zu einem gewissen Grad ist es das jedoch trotzdem: die Interviews sind n&auml;mlich durchaus suggestiv gef&uuml;hrt, die Gespr&auml;che werden durch entsprechende Fragen in Richtung Geschlechterthematik gelenkt und verweilen dort auch l&auml;nger. So wird, bei allen individuell unterschiedlichen Erfahrungen und trotz auch zum Teil entgegengesetzter Aussagen, in jedem der zehn Interviews auf die ein oder andere Weise Bezug auf geschlechterspezifische Erfahrungen genommen. Zwei Haupt-Problemfelder kristallisieren sich dabei heraus.</p>
<p>Das eine sind Probleme als Band, von der m&uuml;hsamen Suche nach einem Label bis zu den Schwierigkeiten, mit der Band bzw. der Musik immer weitermachen zu k&ouml;nnen. Die Lassie Singers gingen schlie&szlig;lich zu einem Major, weil Indie-Labels sich auf ihre Anfrage hin noch nicht einmal zur&uuml;ckmeldeten, auch die Braut haut ins Auge sind aus diesem Grund zu einem Major. Was dann gleich neue Trennlinien schuf, denn das war in den fr&uuml;hen 90ern ja noch ein Riesending, Indie oder Major. Damals war Indie noch kein Synonym f&uuml;r mehr oder weniger langweiligen Gitarrenpop von Jungs in R&ouml;hrenjeans, sondern an eine alternative Praxis gebunden, an die auch politische Hoffnungen gekn&uuml;pft waren. Die Praxis, in offener Ablehnung des Mainstreams und der Major-Labels, Platten selbst rauszubringen, idealerweise auch den Bands nicht in ihre Musik reinzureden und sie nicht &uuml;ber den Tisch zu ziehen. Dem g&auml;ngigen Verst&auml;ndnis nach waren Bands, die bei einem Independent Label unterschrieben hatten, deshalb echter, ehrlicher und verwegener als ihre Kollegen mit einem Major-Deal. Bei einem Major zu unterschreiben hingegen galt als Verrat am Underground und dessen Idealen. Die Braut haut ins Auge haben sp&auml;ter die Band vor allem deswegen begraben, weil sie nicht genug Zeit daf&uuml;r aufwenden konnten, da sie im Gegensatz zu vielen ihrer m&auml;nnlichen Kollegen eben nicht von der Musik leben konnten. Was ja wieder mit der einer Band gew&auml;hrten Aufmerksamkeit von Label, Marketing und (Musik&#8209;)Presse zu tun hat. Lediglich DJ Patex kann der Geschlechterthematik auch etwas Positives abgewinnen, dass n&auml;mlich, wenn man sich einmal einen Namen gemacht hat, man als Frau etwas mehr wahrgenommen wird: <em>&raquo;Ich wei&szlig; nat&uuml;rlich auch, dass ich gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit bekomme, dass auch School of Zuversicht dadurch vielleicht ein bisschen mehr in den Fokus ger&auml;t, weil: &lsquo;Aha, das ist ja eine Frau, die das macht.&lsquo;&laquo;</em> Allerdings relativiert sie diese positive Erfahrung gleich wieder, denn, so Patex, <em>&raquo;andererseits habe ich das Gef&uuml;hl, dass man vorher mehr k&auml;mpfen musste, um ernst genommen zu werden.&laquo;</em></p>
<p>Das andere ist der Ausschluss vom Diskutieren, einem zentralen Aspekt der Hamburger Schule. Nicht umsonst bevorzugten und bevorzugen noch heute viele m&auml;nnliche Hamburger-Schule-Musiker  den Begriff Diskurspop, der die Idee ausdr&uuml;ckt, dass diese Bands mit ihren Liedern und Texten in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingreifen. Und dazu geh&ouml;rten eben auch die Diskussionen in den Bars, &uuml;ber die richtige Herangehensweise, &uuml;ber das eigentliche Ziel. Diese Diskussionen &ndash; und den eng damit verkn&uuml;pften Gestus der Ernsthaftigkeit &ndash; mochte man, wie Almut Klotz von den Lassie Singers, schlicht <em>&raquo;wahnsinnig humorlos und wahnsinnig unsexy&laquo;</em> finden, und deswegen erst gar keinen Drang versp&uuml;ren, sich daran zu beteiligen. Weswegen die Lassie Singers auch <em>&raquo;nur theoretisch&laquo;</em> gekr&auml;nkt waren, dass sie nicht zu den Wohlfahrtsaussch&uuml;ssen eingeladen wurden, denn sie <em>&raquo;h&auml;tten abgelehnt.&laquo;</em> Und den Vorwurf, dass es arrogant gewesen sei <em>&raquo;&lsquo;denen im Osten&lsquo; beibringen zu wollen, wie Demokratie funktioniert&laquo;</em>, (Almut Klotz) m&uuml;ssen sich die Wohlfahrtsaussch&uuml;sse, eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen in den fr&uuml;hen 90ern, inklusive Reise durch Ostdeutschland, an der sich zahlreiche Hamburger-Schule-Musiker beteiligten, durchaus gefallen lassen. Wollte man allerdings an den Diskussionen teilnehmen, musste man sehr selbstbewusst &ndash; und sehr laut &ndash; sein. Nicht selten wurde man, wenn man sich als Frau dann doch einmal aufraffte, etwas in die meist reine M&auml;nnerrunde einzuwerfen, schlicht ignoriert, wie Ebba Durstewitz von JaK&ouml;nigJa berichtet: <em>&raquo;Also, ich habe mich da einerseits nicht so reingedr&auml;ngt, weil ich auch immer das Gef&uuml;hl hatte, dass ich von der Musik und den Texten her, die ich mache, gewisserma&szlig;en nicht berechtigt bin, mitzudiskutieren. Da h&auml;tte man schon wieder lauter und aggressiver und, vor allen Dingen, politischer sein m&uuml;ssen, in dem, was man aussagt. Obwohl ich sagen w&uuml;rde, ich war zu der Zeit von Haus aus marxistisch recht gut geschult. [&hellip;] Aber es war eben so: Da sitzen dann so vier Typen am Tisch und unterhalten sich &uuml;ber was und man sagt dann was dazu und wird ignoriert. Das habe ich auch erlebt.&laquo;</em></p>
<p>All das hatte nat&uuml;rlich auch damit zu tun, dass Frauen auch in der Hamburger Schule bei Vielem eine Minderheit waren. Almut Klotz erz&auml;hlt, wie ihre ehemalige Bandkollegin bei den Lassie Singers, Christiane R&ouml;singer, das Geschlechter-Verh&auml;ltnis stets mit <em>&raquo;wie in der Astronautenszene&laquo;</em> quittierte. Das ist nat&uuml;rlich &ndash; gerade auch im Vergleich zu einer tendenziell machistischen Rocker-Szene &ndash; besonders problematisch, weil sich die m&auml;nnlichen Protagonisten der Hamburger Schule durch die Bank politisch links verorteten, alles immer vermeintlich <em>pc</em> war und Sexismus der Vergangenheit anzugeh&ouml;ren schien.</p>
<p>Klingt das bis hierher jetzt eventuell so, als h&auml;tte das Buch den Charme einer Alice-Schwarzer-Kolumne, muss man sagen, dass Geschlechterdifferenzen keineswegs das einzige Thema der Interviews sind. Im Gegenteil, ein ganzer Haufen interessanter Geschichten wird im Verlauf der Interviews ausgegraben. Da ist die so simple wie passende Philosophie hinter der Waschmaschinen&#8209;&Auml;sthetik von Ladomat-2000, die Charlotte Goltermann zusammenfasst mit: <em>&raquo;du konntest eben alles rein tun in die Waschmaschine: 30, 60, 90. Ganz banal gesagt. Man kann alles rein tun und dann wird es gemixt und dann kommt es wieder raus. Und die zweite Idee war eben: tehnische Ger&auml;te. Und dann ging es noch darum, damit zu spielen, dass es ein vor allem von Frauen bedientes Ger&auml;t ist. Ein Haus-Frau-Ger&auml;t. Aus Haus wurde H-O-U-S-E. Das war alles mit drin.&laquo;</em> Da ist das Auftauchen der Egoexpress-Leute Mense Reents und Jimi Siebels in der Szene, die der Hamburger Schule das Tanzen beibrachten: <em>&raquo;Das war ja unsere Tanzplatte: die Tanzplatte der Indie-Soft-Rocker. Es war eine wahnsinnige Euphorie, die diese Platte verbreitet hat [&hellip;], wo es tats&auml;chlich funktioniert hat, dass die Hamburger Diskurskneipenbesucher hemmungslos getanzt haben.&laquo;</em> (Myriam Br&uuml;ger) Da sind die &Uuml;berlegungen von Bianca Gabriel zu ihren Cover-Gestaltungen und ihrer Arbeitsweise <em>&raquo;wie ein Art Medium&laquo;</em> zu funktionieren, <em>&raquo;das f&uuml;r die Musik eine &auml;sthetische Entsprechung in einer anderen Form findet. Ich lasse es gewisserma&szlig;en inkubieren.&laquo;</em> Und da ist noch viel mehr, eben zehn halbe Lebensgeschichten, sehr genau beobachtet und angenehm reflektiert. Der Besondere Reiz dieser Geschichten ist, dass sie eben noch nicht hundertfach erz&auml;hlt sind, im Grunde halt: noch gar nicht. Dass sie den Szene-Begriff ausweiten auf all das, was au&szlig;er der Musik dazugeh&ouml;rt, und gleichzeitig neue Perspektiven auf die Hamburger Schule er&ouml;ffnen. Ebenfalls erfreulich ist, dass keine der Frauen hier verbittert wirkt oder gar einem irgendwie gearteten M&auml;nner-Hass verfallen ist. Im Gegenteil, es werden immer wieder auch Freundschaften und Beziehungen mit den <em>&raquo;tollen[n] Typen, wahnsinnig h&uuml;bsche[n] Typen&laquo;</em> der Hamburger Schule (Almut Klotz) angedeutet, oder einzelne Leute und Bands wie Knarf Rell&ouml;m, die Goldenen Zitronen oder Tocotronic von Pauschalurteilen ausgenommen. Auch l&auml;sst sich niemand hier zu Nostalgie verleiten, sowieso machen alle der hier interviewten Frauen nach wie vor spannende Sachen.</p>
<p>Etwas bl&ouml;d ist vielleicht, dass der Titel nicht nur den in fast allen Interviews als Fremdzuschreibung herausgestellten (und mit seinem Rekurs auf die Frankfurter Schule eben auch den verkopften, eher <em>&raquo;m&auml;nnlichen&laquo;</em> Aspekt der Szene betonenden) Begriff <em>&raquo;Hamburger Schule&laquo;</em> benutzt, sondern auch, dass es ein abgewandeltes Blumfeld-Zitat sein muss, dass hier als Buchtitel-Wortspiel dient. Die von einigen m&auml;nnlichen Bands favorisierte Alternative <em>&raquo;Diskurspop&laquo;</em> w&auml;re hier aber eben gerade keine Alternative, weil das ja wieder die von den meisten Frauen abgelehnte Textlastigkeit der Musik, die Ernsthaftigkeit der Texte und die Angestrengtheit der Diskussionen betonen w&uuml;rde. Es hat niemand gesagt, dass es einfacher geworden ist.</p>
<p><em>&raquo;Sei &aacute; Gogo&laquo;</em>, das eingangs erw&auml;hnte Lassie Singer-Album, eine EP von Concord, die ich mir praktisch nie anh&ouml;re, und das etwas aktuellere Album von DJ Patex&lsquo; School of Zuversicht sind &uuml;brigens das einzige, was ich an Hamburger Schule-Musik mit Frauenbeteiligung im Regal stehen habe. Ich kann mich also keineswegs ausnehmen, wenn es um das Ignorieren von Bands mit Frauenbeteiligung geht, genau so wenig kannte ich vorher irgendeine der Frauen hinter den Kulissen. Umso aufschlussreicher und interessanter war das Buch, und umso mehr gilt f&uuml;r mich nun, sich das alles mal wirklich anzuh&ouml;ren: die Braut haut ins Auge, Britta, Parole Trixi, Bernadette La Hengst, Concord, Abbau West, Christiane R&ouml;singer, TGV, Stella, JaK&ouml;nigJa,&#8230; Es bleibt (wieder einmal) die ern&uuml;chternde Einsicht, dass auch in vermeintlich korrekten Subkulturen Sexismus keinesfalls &uuml;berwunden ist und dass es auch in einem vermeintlich <em>&raquo;richtigen Leben im Falschen&laquo;</em> (das es ja bekanntlich eh nicht gibt) Sinn macht, die Augen offen zu halten.</p>
<p><em>Jochen Bonz, Juliane Rytz, Johannes Springer (Hg.): Lass uns von der Hamburger Schule reden. Eine Kulturgeschichte aus der Sicht beteiligter Frauen. Ventil Verlag, 175 S., 12,90 Euro</em></p>
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		<title>Walter Benjamin zum Ged&#228;chtnis</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/notizen/walter-benjamin-zum-gedachtnis/</link>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 19:16:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Arte]]></category>
		<category><![CDATA[Doku]]></category>
		<category><![CDATA[Walter Benjamin]]></category>

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		<description><![CDATA[Aus Anlass des 120. Geburtstags Walter Benjamins am 15. Juli sei auf David Wittenbergs Film »Geschichten einer Freundschaft« hingewiesen, der auf Youtube in voller Länge verfügbar ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus Anlass des 120. Geburtstags Walter Benjamins am 15. Juli sei auf den Film von David Wittenberg aus dem Jahr 2010 hingewiesen &ndash; <em>&raquo;Geschichten einer Freundschaft&laquo;</em> &ndash; der auf Youtube in voller L&auml;nge verf&uuml;gbar ist (Teil <a href="http://www.youtube.com/watch?v=WwdjcXJZ94Q">1</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=OOW0Lq7GMbs">2</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=uxkaKJhYvW8">3</a>, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=84HDpaciGTw">4</a>). Betitelt nach Gershom Scholems <em>&raquo;Geschichte einer Freundschaft&laquo;</em>, im Untertitel nach dem von Horkheimer und Adorno 1942 in Los Angeles herausgegebenen Erinnerungsband <em>&raquo;Walter Banjamin zum Ged&auml;chtnis&laquo;</em>, der unter anderem Benjamins <em>&raquo;Thesen &uuml;ber den Begriff der Geschichte&laquo;</em> enthielt. </p>
<p>Gesendet wurde Wittenbergs literarische Collage eines Lebens zwischen den Welten, anl&auml;sslich des Jahrestages von Benjamins Tod in Portbou 1940. Wittenberg streift durch Benjamins Leben, seine Freundschaften und Ver&auml;stelungen, er fokussiert sich, verst&auml;ndlicherweise, auf das Katastrophische in Benjamins Biographie, ihm aufgepresst durch eine Welt unter dem Verdikt des Weltungeistes.</p>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=4081&amp;md5=590dee471a92cae2dd9c534b37d57240" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Spotify Playlist 05/2012</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 12:36:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Mixtape]]></category>
		<category><![CDATA[Playlist]]></category>
		<category><![CDATA[Spotify]]></category>

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		<description><![CDATA[Habt vielen Dank für Eure Glückwünsche zu unserem neunten Geburtstag. Wir revanchieren uns mit unserem Spotify-Mixtape für den Mai.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heute vor neun Jahren ist unser kleines Magazin aus einer Altbauwohnung im Leipziger Norden online gegangen. Da hie&szlig; das noch nicht <em>&raquo;gelauncht&laquo;</em>, wie die Internet-Arschl&ouml;cher heute sagen. Wie immer werden wir kein gro&szlig;artiges Gewese um Geburtstage machen, sondern lediglich dieses kleine herzliches Dankesch&ouml;n f&uuml;r Eure netten Gl&uuml;ckw&uuml;nsche auf die Seite pinseln und Euch unser Mai-Mixtape mit auf den Weg geben. Zu guter letzt: f&uuml;r alle, die sich heute in Neubrandenburg oder Neum&uuml;nster den Nazis in den Weg stellen, bestes Gelingen und take care.</p>
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		<title>Thomas Henning &#187;Schanze, 1980&#171;</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/papier/thomas-henning-schanze-1980/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 16:39:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Fotographie]]></category>
		<category><![CDATA[Hamburg]]></category>
		<category><![CDATA[New Color Photography]]></category>
		<category><![CDATA[Schanzenviertel]]></category>
		<category><![CDATA[Stadt]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Henning]]></category>

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		<description><![CDATA[Die &#187;Schanze&#171; ist mittlerweile ein weit &#252;ber die Grenzen Hamburgs hinaus bekanntes Stadtviertel. Bekannt f&#252;r Shopping, Stra&#223;enschlachten, Caf&#233;s, die &#187;Piazza&#171; auf dem Schulterblatt, die Rote Flora. Zentrum der Hamburger Hipster, Siedepunkt der Gentrifizierung,...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die &raquo;Schanze&laquo; ist mittlerweile ein weit &uuml;ber die Grenzen Hamburgs hinaus bekanntes Stadtviertel. Bekannt f&uuml;r Shopping, Stra&szlig;enschlachten, Caf&eacute;s, die &raquo;Piazza&laquo; auf dem Schulterblatt, die Rote Flora. Zentrum der Hamburger Hipster, Siedepunkt der Gentrifizierung, das Einfalltor nach St. Pauli, auf den &raquo;Kiez&laquo;. Thomas Henning hat das Viertel vor dem Boom portr&auml;tiert.</strong></p>
<p>1980 sind die <em>&raquo;sozialdokumentarische Fotographie&laquo;</em> oder auch <em>&raquo;New Color Photography&laquo;</em> Joel Sternfelds, William Egglestons, Joel Meyerowitz&rsquo; und Stephen Shores nach zehnj&auml;hrigem Schaffen in die Museen und Kulturpal&auml;ste der USA eingezogen. &Uuml;ber den Atlantik hatte sie den Sprung bis dahin noch nicht geschafft. Hier war in k&uuml;nstlerischer Hinsicht weiterhin die schwarz-wei&szlig;-Fotographie ma&szlig;gebend. Der Fotograph und Grafiker Thomas Henning zog zwischen 1978 und 1985, die us-amerikanischen Vorbilder im Kopf, mit einer damals schon relativ alten Nikon F durch die Strassen des Schanzenviertels. Auf seinen Bildern ist auf den ersten Blick nicht Spektakul&auml;res zu entdecken. Jedoch zeigt sich gerade in Thomas Hennings Alltagszenen ein Wandel im Objekt der Fotographie, weg vom K&uuml;nstler&#8209; und Starportrait und hin zu den Menschen, Strassen und H&auml;usern. </p>
<p>Die Orte sind noch vorhanden, und zugleich auch nicht. Die Reste des schon damals 35 Jahre beendeten Zweiten Weltkriegs sind noch architektonisch sichtbar.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/thomas-henning-schanze-1980/#footnote_0_4068" id="identifier_0_4068" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Hervorragend hierzu auch: Ralf Meyer: Architektonische Nachhut. Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus, 2001&amp;#8211;2006, Bielefeld 2007.">1</a></sup> Die Bilder erscheinen gleichwohl wie eine Hommage an eine verlorene Zeit, deren Wiederauffinden durch die Ver&auml;nderung in der Zeit verstellt ist.</p>
<p>Was zu allererst auff&auml;llt: die Sprache der Reklame und der Gesch&auml;fte ist deutsch. Die abgebildeten Menschen hingegen sind es mehrheitlich nicht. Heute ist es umgekehrt: die Bewohner und Besucher des Schanzenviertels parlieren mehr oder minder gekonnt in allen Weltsprachen, also Englisch; die nicht-deutschen Bewohner der Hansestadt leben mehrheitlich an ihrem Rand. Die Menschen sind mit der Zeit verschwunden, verdr&auml;ngt durch die Sanierungen, Wellen der Gentrifizierung, <em>&raquo;Mietwucher&laquo;</em> hie&szlig; so etwas einstmals und wurde mit Mietstreik bek&auml;mpft.</p>
<p>Es f&auml;llt auch auf, dass Mann Anzug tr&auml;gt, nicht aufgedresst wie zum Ball oder Captain&rsquo;s Dinner, sondern Anz&uuml;ge halt. Auch hier zeigen sich Ver&auml;nderungen an, denn Anz&uuml;ge zu tragen hat heute zumindest im Schanzenviertel einen extravaganten Hauch. An den Milchkaffee-Tresen fragen pr&uuml;fende Blicke: <em>&raquo;Ist der von Herr von Eden?&laquo;</em>, dem mittlerweile emporgestiegenen Gesch&auml;ft im angrenzenden Karo-Viertel.</p>
<p>Auf Thomas Hennings Fotos fallen auch die Kinder ins Auge, die auf den Strassen spielen, und zwar vor allem auf den Strassen und wenig auf Spielpl&auml;tzen. Das ist ein Signum des gro&szlig;st&auml;dtischen Charakters, ein Indiz auf die proletarischen Familienverh&auml;ltnisse der Kinder. An den Hausw&auml;nden prangen Sponti-Graffitis, Reklame und &Uuml;berreste von alter Werbung. In verschiedenen Schichten ist damit die Historizit&auml;t des Viertels in die Fotographien eingeflossen. Gleich geblieben ist kaum etwas: das Pianohaus Tr&uuml;gber d&uuml;rfte eines der ganz wenigen Gesch&auml;fte sein, die &uuml;berdauert haben. Geblieben sind in der Schanze aber auch die linken Plakate und Parolen. Die Hochzeit der Hamburger Autonomen stand dem Schanzenviertel 1980 noch bevor. Heute ist sie l&auml;ngst vorbei. St&uuml;nde die Rote Flora nicht immer noch, wie ein fauler Zahn im polierten Gebiss, man k&ouml;nnte die zentrale Rolle der <em>&raquo;Schanze&laquo;</em>, dieser paar Stra&szlig;en, f&uuml;r die nahezu in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte autonome Szene dieser Stadt, leicht &uuml;bersehen. Von den H&auml;usern blieb oftmals nur die Form erhalten und wenig von den damals br&uuml;chigen Fassaden. Sie wurde h&uuml;bsch aufgearbeitet, neu verputzt und durchsaniert.</p>
<p>Hennings Bildband l&auml;dt ein zu einem Steifzug in die Vergangenheit. Was abgedroschen klingt weist auf etwas reales hin: Man wird nur noch wenig auf den Bildern finden, was man im Ged&auml;chtnis hat.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/thomas-henning-schanze-1980/#footnote_1_4068" id="identifier_1_4068" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die Differenz zwischen mneme (Ged&amp;auml;chtnis) und anamnesis (Erinnerung) borge ich von Yosef Hayim Yerushalmi: &amp;Uuml;ber das Vergessen, Freibeuter 56 (1993), S.&amp;#160;40&amp;#8211;52.">2</a></sup> An manchen Orten wird man sich an seine Bilder erinnern, etwas vom Alten im Erneuerten erkennen. Das Buch ist pr&auml;chtig und die Bilder mit Hingabe an ihr Objekt gemacht. Ihre Wirkung entfalten sie aber erst durch die Ver&auml;nderung in der Zeit, dadurch, dass die Schanze nicht mehr wie 1980 ist, sondern gr&uuml;ndlich umgew&auml;lzt. Die Differenzen lassen sich anhand von <em>&raquo;Schanze, 1980&laquo;</em> erahnen, bisweilen, mit dem Fotos im Kopf, auch deutlich ersehen. Dem Junius-Verlag kann nur gratuliert werden, diese ansehnliche und zugleich freundlich-unpr&auml;tenti&ouml;se Dokumentation der Geschichte des Schanzenviertels der breiten &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich gemacht zu haben. </p>
<p><em>Thomas Henning: Schanze, 1980, Hamburg 2011 (Junius Verlag), 96 Seiten, 65 Farbabbildungen, 25 x 19,5&#160;cm, gebunden, 19,90 EUR</em><br />
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<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ol class="footnotes">
<li id="footnote_0_4068" class="footnote">Hervorragend hierzu auch: Ralf Meyer: Architektonische Nachhut. Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus, 2001&#8211;2006, Bielefeld 2007.</li>
<li id="footnote_1_4068" class="footnote">Die Differenz zwischen mneme (Ged&auml;chtnis) und anamnesis (Erinnerung) borge ich von Yosef Hayim Yerushalmi: &Uuml;ber das Vergessen, Freibeuter 56 (1993), S.&#160;40&#8211;52.</li>
</ol>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=4068&amp;md5=093f6b69130528603f7fc3e70a5be3a8" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Spotify Playlist 04/2012</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/notizen/btpnk-spotify-playlist-04-2012/</link>
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		<pubDate>Tue, 17 Apr 2012 21:52:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
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		<category><![CDATA[Spotify]]></category>
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		<description><![CDATA[Um Euch tolle Neuveröffentlichungen und alte Kamellen nahe zu legen, werden wir Euch in Zukunft regelmäßig via Spotify mit einem Mixtape traktieren. Das könnt ihr Euch dann anhören.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es hat lange gedauert. Das schwedische Start-Up Spotify zog es vor, zun&auml;chst die Expansion in die USA abzuschlie&szlig;en, und erst danach den eigenen Streamingdienst in die dunklen Flecken Kontinentaleuropas zu bringen. Da ist er nun. Seit einigen Wochen l&auml;sst sich Spotify auch in Deutschland nutzen. Auch wenn die Plattform vielleicht nicht gleich die ganze Musikkritik in sich zusammen fallen l&auml;sst, einen weiteren Bedeutungsschwund muss das Schreiben &uuml;ber Pop trotzdem wegstecken. Denn warum noch neue Platten m&uuml;hsam rezensieren, wenn sich jede und jeder selbst mit zwei Klicks ein eigenes Bild machen kann. Den Gatekeeper im Musiksupermarkt  wollen wir jedenfalls nicht spielen. Genauso wenig wie die Schlaumeier, die ihre profunden Kenntnisse &uuml;ber irgendwelche abseitigen pophistorischen Referenzen ausbreiten und dabei mehr &uuml;ber sich selbst, als &uuml;ber den Gegenstand ihres Textes verraten. </p>
<p>Nunja, man kann gut sehen, wozu das bei Beatpunk gef&uuml;hrt hat. Die Platten sind in der Rezensionsspalte nahezu vollst&auml;ndig von der Seite verschwunden. Die Buchbesprechungen haben ihnen l&auml;ngst den Rang abgelaufen. Das ist schade, aber kaum mehr umkehrbar. Das h&auml;ngt an der eigenen Motivation und dem eigenen Anspruch. Wenn ausser der Plattit&uuml;de der Beschreibung oder dem Stumpfsinn der Angeberei nichts mehr &uuml;brig bleibt, sollte man sich die ausstehenden Plattenrezensionen rein vorsorglich sparen. Haben wir dann auch gemacht. </p>
<p>Trotzdem ist mir das bei vielen Bands unangenehm, deren P&auml;ckchen ich aus unserem Postfach ziehe, deren Mails ich lese und deren CDs bei mir im Auto laufen. Auch bei den Guten unter ihnen wei&szlig; ich schon vorher: sie werden leider als Kollateralsch&auml;den im Regal und nicht als Artikel auf der Seite landen.</p>
<p>Musik h&ouml;ren wir selbstverst&auml;ndlich dennoch; mit der Vermassung und der Dauerf&uuml;gbarkeit des musikalischen Backkatalogs der halben Welt vielleicht sogar mehr denn je. Um das auch auf Beatpunk mitzunehmen, um tolle Neuver&ouml;ffentlichungen vorzustellen, die ihr uns nat&uuml;rlich gerne weiterhin (nur bitte ohne Erwartungen und Drohmails) zusenden d&uuml;rft und sollt, werden wir in Zukunft regelm&auml;&szlig;ig via Spotify sch&ouml;ne Songs von heute und vorgestern zusammen stellen. Das k&ouml;nnt ihr Euch dann anh&ouml;ren, sofern ihr das <a href="http://www.spotify.com" title="Spotify">Programm bei Euch installiert</a> habt. Hier kommt der erste Wurf f&uuml;r diesen verregneten April.</p>
<p><iframe src="https://embed.spotify.com/?uri=spotify:user:1125464144:playlist:1FzOFPnC2ufFTMq86htrvV&#038;theme=white" width="500" height="580" frameborder="0" allowtransparency="true"></iframe></p>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=4044&amp;md5=f5f2ee3dd488353ee40d5bee5cc05c6b" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Heimat der Desillusion</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/</link>
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		<pubDate>Wed, 11 Apr 2012 19:24:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Stories]]></category>
		<category><![CDATA[An-Ski]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Birobidshan]]></category>
		<category><![CDATA[Dan Diner]]></category>
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		<category><![CDATA[Sowjetunion]]></category>
		<category><![CDATA[Stephen Katz]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Shtetl und das »sowjetische Zion«. Neuere Publikationen beschäftigen sich mit osteuropäischen Lebenswelten im 19. und 20. Jahrhundert, deren Polarität von der der erzwungenen Siedlungsform des Shtetls bis zur fehlgehenden staatssozialistischen Alternative reichte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Shtetl und das <em>&raquo;sowjetische Zion&laquo;</em>. Neuere Publikationen von Nathaniel Deutsch, Stephen T. Katz und Robert Weinberg besch&auml;ftigen sich mit osteurop&auml;ischen Lebenswelten im 19. und 20. Jahrhundert, deren Polarit&auml;t kaum gr&ouml;&szlig;er sein k&ouml;nnte: zum Einen die erzwungene Siedlungsform des Shtetls, zum Anderen die fehlgehende staatssozialistische Alternative, Birobidshan im Fernen Osten der Sowjetunion.</strong></p>
<p>Vor kurzem erlebte der Dibbuk einen &uuml;berraschenden Auftritt. Im Kino wurde er von Ethan und Joel Coen wieder ins Ged&auml;chtnis gerufen. In der wenig eing&auml;ngigen, auf Jiddisch gehaltenen <a href=" http://www.youtube.com/watch?v=n1R-zbgb5i0">Anfangssequenz von <em>&raquo;A Serious Man&laquo;</em></a> sticht Dora, der Frau Velvels, auf Reb Groshkover ein, weil sie ihn f&uuml;r einen Dibbuk h&auml;lt, einen b&ouml;sen Geist, denn Reb Groshkover starb ihres Wissens nach drei Jahre zuvor an Typhus. Hat der arme Rebbe, der den Vorwurf mit uneindeutiger Heiterkeit quittiert, recht oder die resolute Dora? Velvel, der den Schlamassel ausl&ouml;ste, ist zerrissen zwischen der Loyalit&auml;t zum Rebben und zu seiner Frau. Der blutende Groshkover verschwindet im Schneesturm.</p>
<p>Angesiedelt im Kosmos des osteurop&auml;ischen ashkenasischen Judentums, war der Dibbuk, wie Gershom Scholem f&uuml;r die <em>&raquo;Encyclopedia Judaica&laquo;</em> zusammenfasste, ein Zeichen daf&uuml;r, dass die Person, die von ihm befallen wurde, eine geheime S&uuml;nde begangen hatte. In der Figur des Dibbuk vermengen sich sporadische theologische Annahmen, j&uuml;discher Volks&#8209; und Aberglauben mit nicht-j&uuml;dischem Spuk. Die Ph&auml;nomene der Bessenheit weisen, so Scholem, auf klinische Hysterie und Schizophrenie hin.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_0_4006" id="identifier_0_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Gershom Scholem: Dibbuk, Encyclopedia Judaica, Second Edition, Vol.&amp;#160;5, S.&amp;#160;643 f.">1</a></sup> Popul&auml;r im j&uuml;dischen Volksglauben wurde die Figur des Dibbuk durch den Schriftsteller und Dramaturgen An-Ski Anfang des 20. Jahrhunderts. In dieser osteurop&auml;ischen Welt war die Topographie von Zentren des j&uuml;dischen Geisteslebens dominiert, von Vilna, Krakau, Minsk, Odessa, Shitomir, Kamenesz-Podolsk &ndash; St&auml;dte, die heute fast ausschlie&szlig;lich mit St&auml;tten der Vernichtung der Juden Europas in Verbindung gebracht werden. Diese Orte lagen im Westen des russischen Imperium, dessen Herrscher, die Zarin Katharina II. am Ende ihrer Regentschaft 1791 die Siedlungseinschr&auml;nkung f&uuml;r Juden dekretierte. Der <em>&raquo;Ansiedlungsrayon&laquo;</em>, der weite Teile Polen-Litauens und der Ukraine umfasste war damit in seinen Grundz&uuml;gen geschaffen. Wesentlich bestand er bis zur Revolution von 1905 fort, die ihn regelnden Gesetze wurden jedoch erst mit der Februarrevolution von 1917 endg&uuml;ltig abgeschafft. Auf dem Land, zwischen den urbanen Zentren, hatte sich bis dahin eine unerme&szlig;liche Vielzahl j&uuml;discher Ortschaften herausgebildet, sogenannte Shtetlech, St&auml;dtchen.</p>
<p>Die j&uuml;dischen Schildb&uuml;rger, die weisen Leute von Chelm, lebten in einer solchen Stadt, einem St&auml;dtchen, das laut Zensus von 1921 noch eine j&uuml;dische Bev&ouml;lkerungsmehrheit aufwies. Shtetl &ndash; jiddischer Diminuitiv von Shtot, Stadt &ndash; kann noch weiter vermindert werden: Shtetele, ein Flecken, und auch f&uuml;r einen Weiler einiger Geh&ouml;fte hat das Jiddische einen Ausdruck: Yishev, im Hebr&auml;ischen als Yishuv, j&uuml;dische Ansiedlung im historischen Pal&auml;stina vor der Gr&uuml;ndung des Staates Israel, zu Bekanntheit gekommen. Samuel Kassow versuchte, in seiner Einleitung der vorz&uuml;glichen Anthologie <em>&raquo;The Shtetl. New Evaluations&laquo;</em><sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_1_4006" id="identifier_1_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Samuel D. Kassow: Introduction, in: Steven T. Katz (Hg.): The Shtetl. New Evaluations, Elie Wiesel Center for Judaic Studies series, New York/London 2007, S.&amp;#160;1&amp;#8211;28.">2</a></sup> einzugrenzen, was mit Shtetl gemeint ist: eine <em>&raquo;face-to-face-community&laquo;</em>, mit einem hohen, bisweilen majorit&auml;ren Anteil j&uuml;discher Bev&ouml;lkerung, die in der Lage war, wesentliche religi&ouml;se Aufgaben aus eigener Kraft zu erledigen; dazu geh&ouml;rte auch der Minjan, eventuell eine Klaus oder eine Synagoge. Manche Shtetlech wie Volozhin, Mir oder Kleck waren die Heimat bedeutender Rabbiner und Yeshivot im 19. Jahrhundert. Die j&uuml;dischen Feiertage gaben den Jahreszeiten im Shtetl eine Resonanz, Rosh Hashanah und Yom Kippur im matschigen Herbst, Chanukka im schneebedeckten Winter, Purim und Pessach im Fr&uuml;hjahr, Shavout am Beginn des Sommers. F&uuml;r die Merheit war das Leben in den Shtetlech von Armut und Prekarit&auml;t in jeder Hinsicht bestimmt. W&auml;hrend die Kinder von klein auf ins Cheder geschickt wurden, um unter strengen srafenden Lehrern den Talmud zu lernen, verdingten sich ihre Eltern als Tagel&ouml;hner, Handwerker, Bauern, Zwischenh&auml;ndler, Schankwirte. In den Bildern Marc Chagalls, der im Shtetl Witebsk aufwuchs und zuerst k&uuml;nstlerisch t&auml;tig wurde, findet die Armut ihren Platz. Issac Deutscher, selbst der orthodoxen Lebenswelt des galizischen Shtetls<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_2_4006" id="identifier_2_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Aus Chrzan&amp;oacute;w, wo auch Masha Kal&amp;eacute;ko geboren wurde.">3</a></sup> in die Welt des Sozialismus nach England entflohen und, wie er sagt, <em>&raquo;&uuml;ber das Judentum hinaus&laquo;</em> zum Marxismus gegangen, lobte, Chagall gebe <em>&raquo;der Armut des Shtetl eine Seele und verwandel[e] sie in Poesie.&laquo;</em><sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_3_4006" id="identifier_3_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Isaac Deutscher: Marc Chagall und die j&amp;uuml;dische Vorstellungswelt, in: Ders.: Der nicht-j&amp;uuml;dische Jude und andere Essays, Berlin 1977/1988, S.&amp;#160;123&amp;#8211;132, hier: S.&amp;#160;126.">4</a></sup> Er sieht in Chagalls surrealistischen Arbeiten, vor allem der Anfangszeit, eine Spiegelung der Existenz des j&uuml;dischen Luftmenschen, die Vielzahl der &ouml;konomisch unproduktiven, die <em>&raquo;wie durch ein Wunder&laquo;</em> &uuml;berlebte.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_4_4006" id="identifier_4_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Ebd., S.&amp;#160;128.">5</a></sup> </p>
<p>Wie Deutscher war auch Man&egrave;s Sperber ein in den Marxismus und die Kommunistische Partei &uuml;bergetretenes Kind des Shtetls.  Sein Werk ist tief durchdrungen mit Reflexionen auf die Lebensrealit&auml;t des osteurop&auml;ischen Judentums. Sein eigener Lebensweg vom Cheder zur Kommunistischen Partei endet wie bei Deutscher im Bruch: mit der Religion schon lange, mit der Kommunistischen Partei noch zu den Hochzeiten ihrer Massenbasis. Gegen den Stalinismus behauptete Sperber seine geistige Unabh&auml;ngigkeit und artikulierte seine Kritik an der Tyrannei in der Sowjetunion, die, wie jeder Totalitarismus, antij&uuml;dische Z&uuml;ge trug.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_5_4006" id="identifier_5_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Man&amp;eacute;s Sperber: Churban oder Die unfassbare Gewissheit, Wien 1979, S.&amp;#160;72.">6</a></sup> Auf was zielt Sperber? Auf das zentrale Motiv des Judentums, wie er ausf&uuml;hrte, Gerechtigkeit &ndash; aber als s&auml;kularisierte Gerechtigkeit. Seine Erinnerungen an das Shtetl klingen bei aller Kritik an der verbohrten Orthodoxie nach einem Ort der W&auml;rme und Geborgenheit, des Stolzes auf die geistigen, religi&ouml;sen und sozialen Leistungen des osteurop&auml;ischen Judentums unter den bedr&uuml;ckenden Restriktionen und Anfeindungen. Ein Bild, das auf etwas wie eine verlorene Heimat zielen k&ouml;nnte. Verloren ist der Ort des osteurp&auml;ischen Judentums mit seiner Ausl&ouml;schung in den Vernichtungslagern und Massengr&auml;bern; Sperber hebt zur Wehklage an und erinnert an die ehemaligen gro&szlig;en Literaten des Jiddischen und seiner Welt: Sholem Alejchem, Joseph Opatoshu, H. Leivick (Leivick Halpern), Jacob Glatstein, Mandel Mann und Isaak Babel.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_6_4006" id="identifier_6_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Sperber, Churban, S.&amp;#160;163&amp;#8211;228. Noch tiefer zerst&amp;ouml;rte Auschwitz die Sprachwelt des Judenspanischen: Michael Studemund-Hal&amp;eacute;vy: Des vies sous les cendres. Apologie du judezmo et repr&amp;eacute;sentation de la Shoah dans la litt&amp;eacute;rature jud&amp;eacute;o-espagnole, in: Esther Benbassa (Hg.): Les S&amp;eacute;pharades en litt&amp;eacute;rature. Un parcours mill&amp;eacute;naire, Paris 2005, S.&amp;#160;159&amp;#8211;182.">7</a></sup> Selbst von diesen Schwergewichten der jiddischen Literatur vor dem Zweiten Weltkrieg sind nur noch einzelne bekannt.</p>
<p>Leider finden wir aus der Gruppe der <em>&rsquo;nicht-j&uuml;dischen Juden&rsquo;</em> niemanden in der Anthologie zum Shtetl wieder. Das mag daran liegen, dass sie prim&auml;r als Kritiker des Sowjetsystems in Erinnerung geblieben sind, nicht als antitotalit&auml;re Revolution&auml;re, die von der Revolution verlassen wurden. Ihre Insistenz auf die Notwendigkeit von Freiheit und Gerechtigkeit, welche die Blockkonfrontation &uuml;berdauerte, ist mit dem Fall des Eisernen Vorhanges in Vergessenheit geraten. Die Geschichte der Sieger kennt keine Differenzierungen, noch weniger das Denken in der Dialektik von Freiheit und Gleichheit, welches Sperbers und Deutschers Werk durchzieht.</p>
<p>Die Frage der Politisierung des j&uuml;dischen Lebens am Ende des 19. Jahrhundert als die traditionelle Notablenpolitik der <em>&raquo;Shtadlanut&laquo;</em> erodierte, bleibt bis auf einen &uuml;berblicksartigen Artikel von Henry Abramson ausgespart. Hinzukommt, dass die Lebensrealit&auml;t des Shtetls zugunsten ihrer literarischen Verarbeitung geradezu vernachl&auml;ssigt erscheint, oder umgekehrt: die Lebensrealit&auml;t wird aus der literarischen Bearbeitung des Shtetl-Topos in der j&uuml;dischen Literatur gefolgert. F&uuml;r die Juden Osteuropas, die in vom Westen differierenden kulturellen Orbit lebten, konstatierte Deutscher eine gr&uuml;ndliche Verachtung f&uuml;r die westeurop&auml;ischen Juden. Vor allem die osteurop&auml;ische j&uuml;dische Arbeiterklasse soll mit proletarischem Stolz auf die assimilierten Westler hinabgeblickt haben.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_7_4006" id="identifier_7_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Isaac Deutscher: Wer ist Jude, in: Ebd., S.&amp;#160;83&amp;#8211;99, hier: 85.">8</a></sup></p>
<p>Doch auch umgekehrt gab es lebendige Abneigung. Ostjuden geh&ouml;rten zum Vexierbild der aufgestiegenen, assimilierten Juden Westeuropas im 19. und 20. Jahrhundert. Die Vergleiche mit unliebsamer Verwandschaft sind Legion, wenig freundliche und durchweg abf&auml;llige. Untergr&uuml;ndig erregten die Vettern und Basen &ouml;stlich des deutschen Reiches Unruhe im verb&uuml;rgerlichten Judentum, da an ihnen das antisemitische Ressentiment sich allzu leicht anhaften konnte, waren die Stereotype doch allzuoft den <em>&raquo;Kaftanjuden&laquo;</em> nachgebildet. Sie waren nicht nur als Exilanten in den Metropolen Berlin, Paris und London, sondern vielmehr noch im Ansiedlungsrayon <em>&raquo;Luftmenschen&laquo;</em><sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_8_4006" id="identifier_8_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Zum Begriff des Luftmenschen siehe: Nicholas Berg: Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, G&amp;ouml;ttingen 2008 (Toldot, 3).">9</a></sup>, von weniger als von der Hand in den Mund lebend. Neben einem Ort lebendiger religi&ouml;ser Tradition, die den assimilierten Juden fehlte (man erinnere sich an eben jenen Vorwurf Franz Kafkas an seinen Vater im <em>&raquo;Brief an den Vater&laquo;</em>), war der Rayon die Heimat des j&uuml;dischen politischen Radikalismus. Nicht nur die prek&auml;re &ouml;konomische Existenz f&uuml;hrte zu einer starken und militanten j&uuml;dischen Arbeiterbewegung und einem signifikanten Anteil von Juden in der sozialistischen Bewegung, sondern ebenso zu der allgemeinen Forderung nach Freiheit und Selbstbestimmung. Der Chor war vielstimmig, von den Zionisten &uuml;ber Autonomisten und Sozialisten, sozialistischen Zionisten, zionistischen Sozialisten, liberalen Zionisten, liberalen Autonomisten, autonomistischen Sozialisten, Bundisten, revisionistischen Zionisten und vice versa. Hinzu kamen die verschiedenen Fraktionen und Str&ouml;mungen des orthodoxen Judentums, Chassidismus, Maskilim. Gemeinsam waren ihnen die elenden und bedr&uuml;ckenden Lebensumst&auml;nde, die seitens der weltlich ausgerichteten Gruppierung durch Menschenhand abgeschafft werden sollten. Konzepte daf&uuml;r lagen je nach Ausrichtung der politischen j&uuml;dischen Parteien vor; die religi&ouml;sen Str&ouml;mungen setzten auf den Messias. Gemeinsam war ihnen auch die Sprache, die im Westen &ndash; deutsch war eine Sprache der Hochkultur damals &ndash; abf&auml;llig <em>&raquo;Jargon&laquo;</em> genannt wurde, eine Nebensprache des Hochdeutschen, Jiddisch.</p>
<p style="text-align: center;"><strong>***</strong></p>
<p>In Jiddisch schrieb auch Shlomo Rappoport, der unter seinem Pseudonym An-Ski alle m&ouml;glichen Textgattungen verfasste; sein bekanntestes Werk ist das Theaterst&uuml;ck &raquo;Der Dibbuk&laquo; von 1914. Als Mitglied der Narodniki musste er aus dem Zarenreich fliehen und schloss sich in Paris dem Bund an, der gr&ouml;&szlig;ten sozialistischen Partei in Russland, einer j&uuml;dischen sozialistischen Partei. An-Ski arbeitete eng mit Simon Dubnow zusammen, der f&uuml;hrend in der Folkspartey wirkte, die ebenfalls wie der Bund das <a href="http://www.steinheim-institut.de/edocs/kalonymos/kalonymos_2008_4.pdf#page=15">Konzept der <em>&raquo;doigkeyt&laquo;</em></a> vertrat, nur ohne Sozialismus. Beide kamen regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r eine geplante J&uuml;dische Ethnographische Gesellschaft zusammen. Diese wurde erst nach der Revolution von 1905 in Sankt Petersburg gegr&uuml;ndet. In Analogie zu den westlichen Expeditionen zu den wei&szlig;en Flecken auf den Landkarten sollte eine Expedition in den <em>&raquo;dunklen Kontinent&laquo;</em> des osteurop&auml;ischen Judentums ihre Lage, Geschichte und Kultur erhellen. Eines der gr&ouml;&szlig;ten Zentren der Diaspora, das osteurop&auml;ische, sei, so An-Ski, im Gegensatz zu Babylon und Sefarad noch g&auml;nzlich unerforscht. Der Verweis auf die afrikanischen Expeditionen, die der radikalen imperialistischen Ausbeutung und Aufteilung des <em>&raquo;dunklen Kontinents&laquo;</em> vorausgingen, spielte auf das Stereotyp der Ostjuden als verwahrloste, primitive, zur&uuml;ckgebliebene Juden an, das sowohl von Antisemiten wie auch assimilierten westlichen Juden gepflegt wurde.<br />
Dubnow und An-Ski fanden einen gro&szlig;z&uuml;gigen Spender, der ihr Unterfangen zu finanzieren wagte. Der Kiewer Fabrikant und Philantrop Wladimir Goratsiewitsch Gintsburg gab 10.000 Rubel als Startkapital, zu Ehren seines Vaters Naftali Herz Gintsburg. Im Auftrag der J&uuml;dischen Ethnographischen Gesellschaft wurde An-Ski mit einem Stab von Ethnologen, Musikwissenschaftlern, Fotographen aktiv. Mit ihnen konnte er von 1912 an aber nicht den gesamten Rayon bereisen, sondern musste sich aufgrund der umfangreichen Recherchen und Kollektionen auf drei Provinzen beschr&auml;nken. Immerhin brachte die Expedition aus den sechzig D&ouml;rfern und Shtetlech, die sie aufsuchten, mehr als 2.000 Fotographien von Menschen, H&auml;usern, Synagogen, Friedh&ouml;fen mit und erwarb siebenhundert rituelle und allt&auml;gliche Gebrauchsgegenst&auml;nde. Sie sammelten f&uuml;nfhundert Manuskripte, darunter zahlreiche Pinkassim (Gemeindeb&uuml;cher), zeichneten achthundert Volkssagen, Legenden und Redensarten auf, 1.500 Volkslieder, 1.000 Melodien und 500 Wachszylinder mit Musik. Der Erste Weltkrieg brachte die Expedition zu einem Ende.</p>
<p>Das Projekt erkannte die Juden des Rayons als Volk an, in einem modernen, wenngleich nicht staatlichen Sinne: eine kulturell sich &auml;hnelnde Gemeinschaft, deren Verbindung nicht nur &uuml;ber die Religion gegeben war, sondern durch Alltagspraxis, Tradition, Kultur im Gegensatz zum stereotypen Ressentiment, die Juden seien entweder ein Atavismus oder eine parasit&auml;re Gruppe im nicht-j&uuml;dischen Volk. Die Oktoberrevolution beendete An-Skis Hoffnungen, dass er mit der Expedition eine Renaissance des J&uuml;dischen anregen k&ouml;nne. Er selbst, f&uuml;hrendes Mitglied der Sozialrevolution&auml;ren Partei, musste ins Exil fliehen und starb 1920 in Warschau. Die Sammlung der Expedition wurde 1917 und 1923 in Petersburg im J&uuml;dischen Museum ausgestellt, weniges fand seinen Weg zum YIVO in Wilna, dann nach New York. Der gro&szlig;e Rest verschwand auf lange Jahre in der Sowjetunion. </p>
<p style="text-align: center;"><strong>***</strong></p>
<p>Dieses <em>&raquo;Heimatland der Werkt&auml;tigen&laquo;</em> versuchte in Birobidshan, im Fernen Osten an Bira und Amur eine Heimat der werkt&auml;tigen Juden zu initiieren. Dieses <em>&raquo;rote Pal&auml;stina&laquo;</em> ist, obwohl es nicht nur unter sozialistischen Juden eine gro&szlig;e Bekanntheit bis zur Staatsgr&uuml;ndung Israels genoss, mittlerweile fast vergessen. Jiddisten d&uuml;rften eventuell noch Interesse an dem <em>&raquo;Birobidshaner Stern&laquo;</em> haben, einer der wenigen Tageszeitungen, die weltweit noch auf Jiddisch erscheinen. Dieses Vergessen mag auch daran liegen, dass de facto die massenhafte Ansiedlung von Juden in Fernost scheiterte. Immerhin wurde zum Ende des 20. Jahrhunderts Birobidshan mit einer Ausstellung im <a href="http://www.magnes.org">Judah L. Magnes Museum</a> bedacht. Als <em>&raquo;illustrated history&laquo;</em>, von Robert Weinberg herausgegeben, liegt unter dem Titel <em>&raquo;Birobidshan. Stalins vergessenes Zion&laquo;</em> im Verlag Neue Kritik eine deutschsprachige, erweiterte Fassung des Begleitbandes vor.</p>
<p>Birobidshan war als sozialistische <em>&raquo;L&ouml;sung der Judenfrage&laquo;</em> und als Puffer gegen den japanischen Satelliten Mandschukuo gedacht, die eine Schnittstelle von dem bundistischem Autonomiegedanken, der zionistischen Landarbeit und den Pl&auml;nen der sowjetischen Industrialisierung bildete. Hingegen, der bildlich dokumentierte Enthusiasmus steht in schreiendem Widerspruch zu den im Text geschilderten M&uuml;hen, Plagen und Repressalien, welche die UdSSR den Kolonialisten aufb&uuml;rdete.&#160;1934 offiziell zum <em>&raquo;J&uuml;dischen Autonomen Gebiet&laquo;</em> erkl&auml;rt, lie&szlig;en die Konjunkturen des Sowjetsystems bis zu seinem Ende auch diesen Flecken, 5.000&#160;km von Moskau entfernt, nicht unber&uuml;hrt. Wie allerorten fehlte w&auml;hrend der Gro&szlig;en S&auml;uberung und vor allem w&auml;hrend der Nachkriegskampagne gegen <em>&raquo;entwurzelte Kosmopoliten&laquo;</em> und <em>&raquo;bourgeoise Nationalisten&laquo;</em> nicht der antij&uuml;dische Unterton des Stalinismus und seiner Legitimationsideologie. Nach dem Terror war von dem Projekt, ein bl&uuml;hendes, lebendiges j&uuml;disches Autonomiegebiet zu errichten, wenig geblieben. Der Idee nach sollte Birobidshan dem Shtetl und der &ouml;konomischen Zwischenstellung ein Ende bereiten, es sollten gezielt arme Juden angeworben werden. Die Kolonisten empfanden selbst ihre Ver&#8209; oder Einpflanzung nach Birobidshan als Ende ihres Lebens als <em>&raquo;Luftmenschen&laquo;</em>.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_9_4006" id="identifier_9_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Marx erw&amp;auml;hnte die &amp;raquo;Intermundien&amp;laquo; in denen die polnischen Juden als &amp;rsquo;Handelsvolk&amp;rsquo; lebten, die so die Logik der Argumentation, der Fortschritt der b&amp;uuml;rgerlichen Produktionsweise obsolet mache. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen &amp;Ouml;konomie, Bd.&amp;#160;1, MEW 23, S.&amp;#160;93.">10</a></sup> Diese opake Zwischen&ouml;konomie des Kleinhandels und der Tagel&ouml;hnerei der <em>&raquo;Luftmenschen&laquo;</em> war den Bolschewisten im Horizont von Agrar&#8209; und Industrieproduktion generell suspekt. Neben der Notwendigkeit, die B&uuml;rger der neu zu erbauenden Sowjetunion in Produktivit&auml;t zu setzen, kam der Drang, allen Nationalit&auml;ten gem&auml;&szlig; der stalinschen Definition auch ein Territorium zuzuweisen zum Tragen. Denn ohne Boden war auch kein Staat zu machen, ein proletarischer schon gar nicht. Die Hoffnungen der nach Birobidshan ziehenden Juden auf einen Aufbruch aus der Enge und R&uuml;ckst&auml;ndigkeit des Shtetls, eine Verbesserung ihrer Lebensverh&auml;ltnisse angesichts der Gro&szlig;en Krise von 1929, wurden aber entt&auml;uscht. Seine Glanzzeit erlebte Birobidshan paradoxerweise 1936&#8211;1938, parallel zum Terror der S&auml;uberungen. Deren j&uuml;dischen Opfern wurde oftmals ihr zuvor noch der Parteilinie entsprechendes Eintreten f&uuml;r die Etablierung einer j&uuml;dischen Nation mit sozialistischem Inhalt in Anschlag gebracht. Als das sowjetische Regime diese Artikulationen der j&uuml;dischen Nationalit&auml;t kassierte, betraf das auch Birobidshan. An der Peripherie gelegen wurde es in aller Hinsicht abgeh&auml;ngt. Die Fundamente einer j&uuml;dischen und jiddischen Kultur wurden zerst&ouml;rt, einzig Propaganda auf Jiddisch war &uuml;brig geblieben. In bescheidenem Rahmen etablierte sich eine geringe kulturell-religi&ouml;se Aktivit&auml;t in Birobidshan im Zuge der Liberalisierungen der Chruschtschow&#8209;&Auml;ra. Ma&szlig;geblich den von geringem Niveau beginnenden Niedergang des <em>&raquo;J&uuml;dischen Autonomen Gebietes&laquo;</em> zu &auml;ndern, vermochte auch dies nicht.</p>
<p>Das fern&ouml;stliche Kultivierungsprojekt f&uuml;r sowjetische Juden scheiterte nicht nur an der Repression und ihrer bisweilen ambivalenten Haltung zu diesem <em>&raquo;sowjetischen Zion&laquo;</em>, es waren zus&auml;tzlich noch die katastrophalen Bedingungen von Wohnung, Hygiene und Arbeit, die eine Ansiedlung im <em>&raquo;J&uuml;dischen Autonomen Gebiet&laquo;</em> unattraktiv machten f&uuml;r diejenigen, die noch auf einen Aufstieg im Sowjetsystem hofften. Die illustrierte Geschichte Birobidshans von Robert Weinberg, ein durchaus bibliophiles St&uuml;ck,<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_10_4006" id="identifier_10_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Eine kritische Anmerkung sei erlaubt: Der Terminus des englischen Originals &amp;raquo;world Jewry&amp;laquo; kann in keinem Fall mit dem antisemitischen Neologismus &amp;raquo;Weltjudentum&amp;laquo; &amp;uuml;bersetzt werden, wie es leider geschehen ist.">11</a></sup> kann als der breiten &Ouml;ffentlichkeit gereichendes Komplement zur Studie Antje Kuchenbeckers (mit gleichem Entstehungszeitraum) gesehen werden.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_11_4006" id="identifier_11_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Antje Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion. Birobidzan: Idee und Geschichte eines j&amp;uuml;dischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000.">12</a></sup> </p>
<p style="text-align: center;"><strong>***</strong></p>
<p>Weit im Westen des sp&auml;teren Warschauer Pakts trugen An-Ski und seine Mitstreiter in den Jahren der Feldforschung &uuml;ber 2.000 Fragen auf Jiddisch in einem Fragebogen zusammen. An-Ski ver&ouml;ffentlichte diesen 1914, erhielt jedoch &ndash; aus vielleicht ersichtlichen Gr&uuml;nden &ndash; nie eine Antwort. Doch die Fragen selbst zeigen, dass das verbreitete Stereotyp von Torah, Partei und Zionismus nicht ausreicht f&uuml;r das Leben im Rayon; es geht um Fragen des Alltagslebens, der Essgewohnheiten, des Ehe&#8209; und Geschlechtslebens, von Kinderspielen, Aberglauben und K&ouml;rperregungen. Die Beziehungen zwischen den Menschen werden befragt, als M&auml;nner und Frauen, Eheleute, Kinder, Gro&szlig;eltern, Jungen und M&auml;dchen, Alte und Junge.</p>
<p>Diesen Fragebogen hat nun Nathaniel Deutsch, Professor f&uuml;r Literatur und Geschichte an der University of California Santa Cruz, in einer gesamten Fassung &uuml;bersetzt und kommentiert. Vorangestellt hat er einleitende und erl&auml;uternde Essays. Heutige Sozialwissenschaftler w&uuml;rden sich angesichts der mittlerweile recht einfach erscheinenden Methoden An-Skis und seiner Mitstreiter die Haare raufen. Angesichts des Umfangs der Fragen, ist ein gewisser Pragmatismus bei seiner Beantwortung nachvollziehbar. Der Fragebogen selbst ist ein Zeugnis des intimen Wissens um die armen und oftmals erb&auml;rmlichen Lebensumst&auml;nde im Shtetl. Er geh&ouml;rt zu einem Versuch aus der j&uuml;dischen Aufkl&auml;rung, der Haskala, heraus, eine Wissenschaft von innen zu betreiben: Aneignung der j&uuml;dischen Geschichte durch j&uuml;dische Insitutionen, die au&szlig;erhalb oder an den Grenzen der traditionellen Gemeinschaft standen. Erg&auml;nzend zum Fragebogen k&ouml;nnte der Bildband <em>&raquo;Yiddishland&laquo;</em> von G&eacute;rard Silvain und Henri Minczelles<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_12_4006" id="identifier_12_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&amp;Eacute;ditions Hazan, Paris 1999">13</a></sup> herangezogen werden. Diese Sammlung von Postkarten und Fotos zeigen eindr&uuml;cklich die Gestalt des bisweilen schreiend elenden Lebens der Juden im Rayon.</p>
<p>Ein neueres Interesse an osteurop&auml;ischer Geschichte, vor allem in ihrer s&auml;kularen Form, entspringt einem Bed&uuml;rfnis junger J&uuml;dinnen und Juden, die ein Identit&auml;tskonzept au&szlig;erhalb eines, sagen wir, zionistischen Narrativs des Establishments suchen.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_13_4006" id="identifier_13_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Bspw. die Organisation Reboot in der auch Nathaniel Deutsch eingebunden ist.">14</a></sup> Die ostj&uuml;dische Vergangenheit, die ein extremes Ende in der Shoah fand, wird hier in all ihren Facetten als Blaupause f&uuml;r gegenwartsrelevante Fragen von J&uuml;dischkeit herangezogen.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_14_4006" id="identifier_14_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Auch das deutsche Judentum bis 1933 wird auf solche Art befragt: Tagungsbericht Bund and Borders &amp;ndash; German Jewish Thinking between Faith and Power.&amp;#160;17.05.2009&amp;#8211;19.05.2009, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 23.07.2009.">15</a></sup> Damit geht auch ein Revival des Jiddischen einher, das manch einer aus der <em>&raquo;Dritten Generation&laquo;</em> noch als Fragment seiner Gro&szlig;eltern kannte.</p>
<p>Eine solche Revitalisierung j&uuml;discher Kultur ist erst nach dem Ende der bleiernen Jahre des Ostblocks m&ouml;glich, sowohl wegen solch profaner Dinge wie die M&ouml;glichkeit des &ouml;rtlichen Zugangs als auch wegen des Aufbrechens einer zeitlichen Zernierung. Die sowjetkommunistische Legitimationsideologie, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihre antisemitische Wende nahm, war verschwunden, allerorten wurde sich eine vergessene, vergrabene, verdr&auml;ngte, &uuml;berdeckte ethnische Geschichte zugelegt. Eine j&uuml;dische Geschichte ist nicht einfach vor Ort wiederzubeleben, dort sind ihre Akteure mehrheitlich ermordet. Sie kann als transnationale Geschichte, in einer Tradition eines nicht-nationalen Ethnos, zu einem Leben erweckt werden. Aber in den Dingen, im wieder zug&auml;nglich gemachten Eigentum, ist Geschichte aufgespeichert, welche darin in der Zeit &uuml;berdauert.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_15_4006" id="identifier_15_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dan Diner: Eigentum restituieren, in: Ders.: Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte, M&amp;uuml;nchen 2010, S.&amp;#160;207&amp;#8211;221.">16</a></sup><br />
Dies ber&uuml;hrt auch die etablierten Achsen j&uuml;discher Geschichtskonstruktion, die noch eine nationale Wiedergeburt nach der Katastrophe der Shoah in Erez Israel als j&uuml;dischem Staat Israel zum zentralen Topos hat. Um nicht falsch verstanden zu werden: die Notwendigkeit und politische Bedeutung des j&uuml;dischen Staats steht nicht in Abrede<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_16_4006" id="identifier_16_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Siehe das instruktive Interview mit Zeev Sternhell, aus der Haaretz vom 8. M&amp;auml;rz 2008, auf Deutsch publiziert im Newsletter der Israelischen Botschaft, einsehbar hier">17</a></sup>; was jedoch best&auml;rkt sein soll, ist die Alternative, die eine historische Realit&auml;t bis zur Vernichtung der europ&auml;ischen Juden gewesen ist &ndash; und was zugleich als Aktualisierung die nationalen Einengungen israelischer Politik &uuml;berwinden m&ouml;chte. <em>&raquo;Doigkeyt&laquo;</em> und kulturelle j&uuml;dische Renaissance waren Konzepte, die in Konkurrenz mit dem Zionismus um die Erneuerung der j&uuml;dischen Gemeinschaften der Diaspora rangen. Den Ausgang entschieden nicht die Konfliktparteien, sondern die Deutschen und ihre Parteig&auml;nger. Durch Auschwitz ver&auml;nderten sich auch die Achsen der verschiedenen Positionen zueinander. Das kann bei allen Versuchen um Wiederbelebung und Re-Traditionalisierung nicht au&szlig;er Acht gelassen werden.</p>
<p>Das <em>&raquo;J&uuml;dische Ethnographische Programm&laquo;</em> ist mehr als ein historisches Dokument. Es petrifiziert geradezu eine historische Situation, in welcher das j&uuml;dische Volk im Begriff war, sich selbst zum eigenen Erkenntnisobjekt zu machen.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/stories/shtetl-heimat-der-desillusion/#footnote_17_4006" id="identifier_17_4006" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Siehe dazu: Andreas Br&amp;auml;mer: Was ist &amp;rsquo;deutsch-j&amp;uuml;dische Geschichte von innen?&amp;rsquo; Einf&amp;uuml;hrende Bemerkungen, und: Michael A. Meyer: (German&amp;#8209;)Jewish History from Within &amp;ndash; Concluding Remarks, in: Ashkenas, Vol.&amp;#160;18/19, 2008/09, Heft 1 (S.&amp;#160;1&amp;#8211;8 und 147&amp;#8211;150).">18</a></sup> Durch die Reziprozit&auml;t der Stellung von Forscher und Erforschtem, es war auch immer die eigene Geschichte und Kultur, die im Fokus war, verdinglicht sich das Verh&auml;ltnis nicht. Die Lebendigkeit und der Wissensdurst, die Akkuratesse der 2.087 Fragen haben sich erhalten. Manche von ihnen dr&auml;ngen nicht auf eine Antwort, sondern auf eine Realisierung (wie Frage 2.087 selbst): <em>&raquo;What kind of life will there be after the Resurrection of the Dead?&laquo;</em></p>
<p><em>Nathaniel Deutsch: The Jewish Dark Continent. Life and Death in the Russian Pale of Settlement, Cambridge, MA/London (Harvard University Press) 2011, Hardcover, 374 Seiten, EUR 31,50.</p>
<p>Steven T. Katz (Hg.): The Shtetl. New Evaluations, Elie Wiesel Center for Judaic Studies series, New York/London 2007, New York University Press, Paperback, 352 Seiten, US$ 22.</p>
<p>Robert Weinberg: Birobidshan. Stalins vergessenes Zion. Illustrierte Geschichte 1928&#8211;1996, mit Beitr&auml;gen von Zvi Gitelman, Bradley Berman und Arno Lustiger, Frankfurt am Main 2003, Verlag Neue Kritik, 174 Seiten, 120 Abbildungen, EUR 22,50.</em><br />
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/095b98dddb144ae5be154b957af24d49" width="1" height="1" alt="">
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ol class="footnotes">
<li id="footnote_0_4006" class="footnote">Gershom Scholem: Dibbuk, Encyclopedia Judaica, Second Edition, Vol.&#160;5, S.&#160;643 f.</li>
<li id="footnote_1_4006" class="footnote">Samuel D. Kassow: Introduction, in: Steven T. Katz (Hg.): The Shtetl. New Evaluations, Elie Wiesel Center for Judaic Studies series, New York/London 2007, S.&#160;1&#8211;28.</li>
<li id="footnote_2_4006" class="footnote">Aus Chrzan&oacute;w, wo auch Masha Kal&eacute;ko geboren wurde.</li>
<li id="footnote_3_4006" class="footnote">Isaac Deutscher: Marc Chagall und die j&uuml;dische Vorstellungswelt, in: Ders.: Der nicht-j&uuml;dische Jude und andere Essays, Berlin 1977/1988, S.&#160;123&#8211;132, hier: S.&#160;126.</li>
<li id="footnote_4_4006" class="footnote">Ebd., S.&#160;128.</li>
<li id="footnote_5_4006" class="footnote">Man&eacute;s Sperber: Churban oder Die unfassbare Gewissheit, Wien 1979, S.&#160;72.</li>
<li id="footnote_6_4006" class="footnote">Sperber, Churban, S.&#160;163&#8211;228. Noch tiefer zerst&ouml;rte Auschwitz die Sprachwelt des Judenspanischen: Michael Studemund-Hal&eacute;vy: Des vies sous les cendres. Apologie du judezmo et repr&eacute;sentation de la Shoah dans la litt&eacute;rature jud&eacute;o-espagnole, in: Esther Benbassa (Hg.): Les S&eacute;pharades en litt&eacute;rature. Un parcours mill&eacute;naire, Paris 2005, S.&#160;159&#8211;182.</li>
<li id="footnote_7_4006" class="footnote">Isaac Deutscher: Wer ist Jude, in: Ebd., S.&#160;83&#8211;99, hier: 85.</li>
<li id="footnote_8_4006" class="footnote">Zum Begriff des Luftmenschen siehe: Nicholas Berg: Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, G&ouml;ttingen 2008 (Toldot, 3).</li>
<li id="footnote_9_4006" class="footnote">Marx erw&auml;hnte die <em>&raquo;Intermundien&laquo;</em> in denen die polnischen Juden als <em>&rsquo;Handelsvolk&rsquo;</em> lebten, die so die Logik der Argumentation, der Fortschritt der b&uuml;rgerlichen Produktionsweise obsolet mache. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen &Ouml;konomie, Bd.&#160;1, MEW 23, S.&#160;93.</li>
<li id="footnote_10_4006" class="footnote">Eine kritische Anmerkung sei erlaubt: Der Terminus des englischen Originals &raquo;world Jewry&laquo; kann in keinem Fall mit dem antisemitischen Neologismus <em>&raquo;Weltjudentum&laquo;</em> &uuml;bersetzt werden, wie es leider geschehen ist.</li>
<li id="footnote_11_4006" class="footnote">Antje Kuchenbecker: Zionismus ohne Zion. Birobidzan: Idee und Geschichte eines j&uuml;dischen Staates in Sowjet-Fernost, Berlin 2000.</li>
<li id="footnote_12_4006" class="footnote">&Eacute;ditions Hazan, Paris 1999</li>
<li id="footnote_13_4006" class="footnote">Bspw. die Organisation <a href="http://www.rebooters.net">Reboot</a> in der auch Nathaniel Deutsch eingebunden ist.</li>
<li id="footnote_14_4006" class="footnote">Auch das deutsche Judentum bis 1933 wird auf solche Art befragt: <a href="http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2704">Tagungsbericht</a> Bund and Borders &ndash; German Jewish Thinking between Faith and Power.&#160;17.05.2009&#8211;19.05.2009, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 23.07.2009.</li>
<li id="footnote_15_4006" class="footnote">Dan Diner: Eigentum restituieren, in: Ders.: Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte, M&uuml;nchen 2010, S.&#160;207&#8211;221.</li>
<li id="footnote_16_4006" class="footnote">Siehe das instruktive Interview mit Zeev Sternhell, aus der Haaretz vom 8. M&auml;rz 2008, auf Deutsch publiziert im Newsletter der Israelischen Botschaft, einsehbar <a href="http://www.israelnet.de/merkwuerdiges/Zeev_Sternhells_Israel.htm">hier</a></li>
<li id="footnote_17_4006" class="footnote">Siehe dazu: Andreas Br&auml;mer: Was ist &rsquo;deutsch-j&uuml;dische Geschichte von innen?&rsquo; Einf&uuml;hrende Bemerkungen, und: Michael A. Meyer: (German&#8209;)Jewish History from Within &ndash; Concluding Remarks, in: Ashkenas, Vol.&#160;18/19, 2008/09, Heft 1 (S.&#160;1&#8211;8 und 147&#8211;150).</li>
</ol>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=4006&amp;md5=0c21f775533f12ac51f7f687f07bdb71" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Horst A. Friedrichs &#187;Cycle Style&#171;</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Mar 2012 07:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanno Plass</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Cycling]]></category>
		<category><![CDATA[Fahrrad]]></category>
		<category><![CDATA[Hipster]]></category>
		<category><![CDATA[Horst A. Friedrichs]]></category>
		<category><![CDATA[Tweed Run]]></category>

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		<description><![CDATA[Horst A. Friedrichs horcht erneut am Puls der Zeit und vermag es, aktuelle subkulturelle Str&#246;mungen fotographisch zu dokumentieren und zu begleiten. Nach dem Mods und den Rockern hat er sich nun den Cyclisten...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Horst A. Friedrichs horcht erneut am Puls der Zeit und vermag es, aktuelle subkulturelle Str&ouml;mungen fotographisch zu dokumentieren und zu begleiten. Nach dem Mods und den Rockern hat er sich nun den Cyclisten zugewandt. Sein Bildband &raquo;Cycle Style&laquo; ist k&uuml;rzlich bei Prestel erschienen.</strong></p>
<p>Auch ich darf mich zu denjenigen z&auml;hlen, die ein Fahrrad mit einem Gang fahren. Zugegeben, es ist Zufall, dass ich es habe: ein Kellerfund. Das Tretlager quietscht, die Bremse hakt, die Kette wackelt und das Licht ist kaputt. F&uuml;r Puristen wohl noch schlimmer als &uuml;berhaupt Zierrat wie eine Lampe zu haben: statt das alte zu reparieren habe ich Blinklichter vorne und hinten anmontiert, die mir den Weg auf Hamburgs Strassen leuchten. Ein ausgebildetes Fixie oder One-Speed-Bike ist es sicherlich nicht, mit einem Gep&auml;cktr&auml;ger und Schutzblechen belaste ich meine Waden zus&auml;tzlich. Seit Jahren lieb&auml;ugele ich mit einem komfortablen Ledersattel von Brooks, doch der polstert noch immer nicht mein Hinterteil.</p>
<p>Kurz, ich bin f&uuml;rchterlich unambitioniert, mein Gef&auml;hrt mit solcher Hingabe zu behandeln, wie dies andere Menschen, vor allem die Single&#8209;/One-Speed-Cyclists tun. Mit dem <em>&raquo;<a href="http://www.tweedrun.com">Tweed Run</a>&laquo;</em> traten eine gro&szlig;e Zahl Londoner Radfahrer auf, die zwei Dinge gemeinsam hatten: Tweed-Kleidung im Stil der Radfahrer der Nachkriegsjahre und &auml;u&szlig;erst reduzierte Fahrr&auml;der.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/horst-a-friedrichs-cycle-style/#footnote_0_3993" id="identifier_0_3993" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das stimmt nat&amp;uuml;rlich nicht absolut, jeder darf beim Tweed Run mitfahren; dennoch sind Teilnehmer ermutigt, mit Tweed und Fixie zu erscheinen.">1</a></sup> Nicht erst seit dem ersten Tweed Run 2009 stiegen in einigen Metropolen und Kleinst&auml;dten (Oldenburg!) wieder vermehrt Damen und Herren auf die R&auml;der. Die Frage ist, warum?</p>
<p>Horst Friedrichs Portraits von Menschen und ihren Maschinen geht verst&auml;ndlicherweise &uuml;ber den isolierten Event des <em>&raquo;Tweed Runs&laquo;</em> hinaus. Die Radfahrer sind beim Schrauben und basteln oder beim Polo spielen abgelichtet &ndash; aber dennoch vor allem vor, hinter, neben und auf dem Rad. Diese Pose ist die der Coolness, des L&auml;ssigen, des Betonten. Der Blick verschiebt sich von den Menschen zu ihren R&auml;dern, die Fahrer wirken wie Staffage der Velos. Das unterstreicht die Kost&uuml;mierung der Radler und Radlerinnen: in einem Gro&szlig;teil der Abbildungen sind die Fahrer hergerichtet, als seien sie wahrlich aus einer anderen Zeit, altmodisch, out of place. Ein Hauch des Karnevals umweht die Szenerie, wenngleich wenige der durchgestylten Herren eine Miene verziehen (ja, vor allem die Herren lachen nicht).<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/horst-a-friedrichs-cycle-style/#footnote_1_3993" id="identifier_1_3993" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das Lachen ist denjenigen vorbehalten, die entweder normale R&amp;auml;der fahren oder wenig darauf setzen, ihrer Erscheinung das Distinktionsmerkmal des Konservativen und &amp;Uuml;berlebten zu verleihen.">2</a></sup></p>
<p>Was sich an habituellen Elementen bemerkbar macht, ist der Besitz: die Hand auf dem Rad, der Blick aufs Rad, das Zurechtzupfen der Kleidung, der pr&uuml;fende Blick des Warenbesitzers und&#160;&#8211;erwerbers, Repr&auml;sentation des Besitzstandes. Das Attribut des Konservativen mag nicht unmittelbar in eine politische Entscheidung &uuml;bersetzt werden, doch die Koketterie mit traditionellen und wertkonservativem Ornamenten reflektiert auf die derzeitige Eruption der Krise in Zeiten enormer gesellschaftlicher Beschleunigung, Signum der b&uuml;rgerlichen Moderne. </p>
<p>Gerade Geschwindigkeit hat bei dem Ph&auml;nomen der Cyclisten eine ambivalente Stellung. Zum einen ist es gerade eine Form der Entschleunigung, auf das Fahrrad zu setzen und sich aus der eigenen Beinkraft heraus fortzubewegen.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/horst-a-friedrichs-cycle-style/#footnote_2_3993" id="identifier_2_3993" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Hierin liegt ein Ankn&amp;uuml;pfungspunkt zum Fetischismus des DIY und der Muskelkraft: handgefertigte R&amp;auml;der, stramme Waden und Arme.">3</a></sup> Zum Anderen geb&auml;rden sich die Radfahrer mit unmittelbarer &Uuml;bersetzung der Pedalkraft &auml;u&szlig;erst rasant, ihre Fahrweise im Strassenverkehr affirmiert Geschwindigkeit und Waghalsigkeit. In dem durch Autofahrer und Fu&szlig;g&auml;nger verstopften Gro&szlig;st&auml;dten geh&ouml;rt das Fahrrad zu den schnellsten Fortbewegungsmitteln &ndash; nicht von ungef&auml;hr h&auml;ngt die ganze derzeitige Fahrrad-Subkultur mit dem Fahrradkurieren zusammen.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/horst-a-friedrichs-cycle-style/#footnote_3_3993" id="identifier_3_3993" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Eine interessante Beobachtung der letzten Jahre: es kommen bei Hamburger Fahrradkurieren immer mehr gew&amp;ouml;hnlichen M&amp;ouml;hren und alte Mountainbikes zum Einsatz. Die Fahrer erwecken den Eindruck des Improvisierten, der Not, des Uncoolen, schlecht Bezahlten. Der Branche geht offensichtlich der extravagante Status ab.">4</a></sup> Gleichwohl gelingt es Horst A. Friedrichs in seinen Fotographien die Grenzen der Cyclisten-Szene zu &uuml;berschreiten, denn auch normale Radler haben Eingang in <em>&raquo;Cycle Style&laquo;</em> gefunden.</p>
<p>Nachdem Friedrichs mit seinen Bildb&auml;nden &uuml;ber Mods und Rocker die Revivals der beiden gro&szlig;en Antagonisten der Jugendsubkulturen der 1960er Jahre mit der Linse untersucht hat, richtet er seinen Blick nun auf diese neue &ndash; ja, was eigentlich: Subkultur? Bewegung? Szene? Immerhin ist allen gemeinsam, dass sie aus dem Kosmos der Jugendkultur stammen<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/horst-a-friedrichs-cycle-style/#footnote_4_3993" id="identifier_4_3993" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Uli Krug: Pop Saved the Queen, http://jungle-world.com/artikel/2012/10/45038.html">5</a></sup> und als notwendige Beigabe &uuml;ber einen Zweiradbezug (Vespas, Harleys, Fahrr&auml;der) verf&uuml;gen. Die Komposition von Friedrichs Fotographien &auml;hneln sich durchaus, man kann sie auch in <em>&raquo;Cycle Style&laquo;</em> sofort als <em>&raquo;seine&laquo;</em> Bilder identifizieren. Neben Portraits, die den Akteur mit dem Ger&auml;t ins Zentrum stellen finden sich erg&auml;nzende Aufnahmen von Details &ndash; sowohl der Menschen und ihrer Bekleidung wie auch der R&auml;der. Auch die Posen der abgelichteten Fahrer auf den Fotos &uuml;berschneiden sich in Friedrichs B&uuml;chern, z.B. weil man auf seinem stehenden Zweirad nun mal zur Standfestigkeit immer mindestens einen Fuss st&uuml;tzend am Boden haben muss. </p>
<p>W&auml;hrend bei Mods und Rockern relativ eingegrenzte Kleidungsstile eine zentrale Rolle spielen, so ist es bei den Radlern ausgenommen der <em>&raquo;Tweed Runs&laquo;</em> weniger der Fall. Aber dass sich auch die Fahrradfahrer in Friedrichs <em>&raquo;Cycle Style&laquo;</em> modisch oder mindestens stilbewu&szlig;t kleiden, ist signifikant. Denn der Fahrer muss auch zum Gef&auml;hrt passen. Was ist ein cooles Rad mit einem uncoolen Radler? Was das Fahrzeug betrifft konzentriert sich Friedrichs auf modernen Fixies/One-Speed-Bikes: den Rahmen, die Zahnr&auml;der, die Front mitsamt der Wappen, denen die Wappen der Menschen (Tattoos und dicke Brillen) und ihre Waden zur Seite gestellt werden.</p>
<p>Ob und wie sich der Hype ums Rad erledigt, er verflachen und in den Mahlstrom des kulturell-industriellen Komplexes aufgesogen wird, werden die n&auml;chsten Jahre zeigen. Es bleibt die Hoffnung, dass mit der massenkulturellen Nivellierung des Bedeutungsgehalts der radfahrenden Bet&auml;tigung auch eine gewisse Entspannung einzieht: dass es ums Radfahren geht, als Mittel, nicht als Zweck.</p>
<p><em>Horst A. Friedrichs: Cycle Style, M&uuml;nchen, London, New York 2012 (Prestel), 176 Seiten, 200 farbige Abbildungen, &#8364; 24,95.</em><br />
<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/0128a037cac946458a67010c36af944b" width="1" height="1" alt="">
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ol class="footnotes">
<li id="footnote_0_3993" class="footnote">Das stimmt nat&uuml;rlich nicht absolut, jeder darf beim Tweed Run mitfahren; dennoch sind Teilnehmer ermutigt, mit Tweed und Fixie zu erscheinen.</li>
<li id="footnote_1_3993" class="footnote">Das Lachen ist denjenigen vorbehalten, die entweder normale R&auml;der fahren oder wenig darauf setzen, ihrer Erscheinung das Distinktionsmerkmal des Konservativen und &Uuml;berlebten zu verleihen.</li>
<li id="footnote_2_3993" class="footnote">Hierin liegt ein Ankn&uuml;pfungspunkt zum Fetischismus des DIY und der Muskelkraft: handgefertigte R&auml;der, stramme Waden und Arme.</li>
<li id="footnote_3_3993" class="footnote">Eine interessante Beobachtung der letzten Jahre: es kommen bei Hamburger Fahrradkurieren immer mehr gew&ouml;hnlichen M&ouml;hren und alte Mountainbikes zum Einsatz. Die Fahrer erwecken den Eindruck des Improvisierten, der Not, des Uncoolen, schlecht Bezahlten. Der Branche geht offensichtlich der extravagante Status ab.</li>
<li id="footnote_4_3993" class="footnote">Uli Krug: Pop Saved the Queen, <a href="http://jungle-world.com/artikel/2012/10/45038.html">http://jungle-world.com/artikel/2012/10/45038.html</a></li>
</ol>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=3993&amp;md5=b7344f5075f4d0e47cf875c6e3a295f6" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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		<title>Freiheit f&#252;r Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhin</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/notizen/freiheit-fur-nadezhda-tolokonnikova-und-maria-alyokhin/</link>
		<comments>http://www.beatpunk.org/notizen/freiheit-fur-nadezhda-tolokonnikova-und-maria-alyokhin/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 17:04:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Pussy Riot]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>

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		<description><![CDATA[Zwei Frauen, die der Mitgliedschaft in der Band Pussy Riot verdächtigt werden, sitzen wegen Putin-Kritik in Moskau im Gefängnis.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit der Religion ist das so eine Sache: m&uuml;hseelig adressiert man in Gebeten seine W&uuml;nsche an die &uuml;berirdischen Instanzen. Gehen die Gebete zuf&auml;llig in Erf&uuml;llung w&auml;re der Gottesbeweis erbracht. Bleibt die Einl&ouml;sung aus, dann hat man nur nicht aufopferungsvoll genug gebetet, sich nicht diszipliniert oder unterw&uuml;rfig genug dem Herrn im Himmel pr&auml;sentiert. Religion ist eben eine widerspruchsfreie Veranstaltung. </p>
<p>Die feministische Moskauer Punk Band <a href="http://pussy-riot.livejournal.com/">Pussy Riot</a> d&uuml;rfte aber weder an den Herrn im Himmel, noch an die Einl&ouml;sung von Gebeten glauben. Nicht mal der eigenen. Nichts desto trotz formulierten die K&uuml;nstlerinnen bei einer Performance vor einigen Wochen in einer Moskauer Kirche die Bitte an Gott, Russland doch endlich von Putin zu befreien. Dass all der religi&ouml;se Eifer umsonst war, wird wissen, wer in den letzten Tagen die Zeitung aufgeschlagen hat. Wladimir Putin sitzt nach einer lupenreinen &Auml;mter-Rocharde erneut und zwar f&uuml;r die n&auml;chsten sechs Jahre als russischer Pr&auml;sident im Sattel.</p>
<p>Gegen das abgefuckte und g&auml;nzlich undemokratische Putin-Medwedew-Regime spielt Pussy Riot schon seit l&auml;ngerem an. Zum Beispiel mit einem nicht-genehmigten Konzert auf dem Roten Platz, bei dem in einem St&uuml;ck auch die sch&ouml;ne Punchline <em>&raquo;Revolt in Russia! Charisma of protest!/Revolt in Russia! Putin pissed himself!/Revolt in Russia! We exist!/Revolt in Russia! Riot! Riot!&laquo;</em> aufgef&uuml;hrt wurde.</p>
<p><iframe width="620" height="349" src="http://www.youtube.com/embed/7kVMADLm3js?fs=1&#038;feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Mit dem Sto&szlig;gebet gegen Putin hat es die Band nach Ansicht der russischen Beh&ouml;rden nun aber zu weit getrieben. Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhin sitzen seit dem 03. M&auml;rz 2012 wegen der Performance in Haft und befinden sich momentan im Hungerstreik. Ihnen wird die Beteiligung an Aktionen von Pussy Riot vorgeworfen. Weitere Infos auf <a href="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,819928,00.html">Spiegel Online</a> oder im <a href="http://www.guardian.co.uk/music/2012/mar/06/russian-punks-pussy-riot-putin-protest">Guardian</a>. Auch wenn der zivilgesellschaftliche und sogar der klerikale Protest gegen die Inhaftierung der beiden Frauen in Russland langsam Fahrt aufnimmt, bleibt es dennoch wichtig, international f&uuml;r die Beiden Druck zu machen. Auf einer <a href="http://www.facebook.com/events/226062640824431/">Facebook-Seite</a> findet ihr deshalb den dringenden Aufruf zum Protest! <a href="http://www.youtube.com/watch?v=m5ciXfb_gR4">Up with the Punks</a>!</p>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=3982&amp;md5=5ec1e5d07a012addddd2f9a4a8089ddf" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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	</item>
		<item>
		<title>My first Candy Cigarette</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/notizen/ninja-tune-und-zeitstrafe-sampler-zum-frauentag/</link>
		<comments>http://www.beatpunk.org/notizen/ninja-tune-und-zeitstrafe-sampler-zum-frauentag/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 16:03:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Notizen]]></category>
		<category><![CDATA[Downloads]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Frauentag]]></category>
		<category><![CDATA[Ninja Tune]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitstrafe]]></category>

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		<description><![CDATA[Ninja Tune stellt zum Internationalen Frauentag einen Gratis-Sampler online. Zeitstrafe macht das (vielleicht terminlich unbeabsichtigt) auch.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ninja Tune stellt zum Internationalen Frauentag einen Gratis-Sampler online. Zeitstrafe macht das (vielleicht terminlich unbeabsichtigt) auch</strong></p>
<p>Nun schon zum wiederholten Mal stellt Ninja Tune anl&auml;sslich des internationalen Frauentages eine kleine Download-Compilation ins Netz. <a href="http://soundcloud.com/ninja-tune/sets/international-womens-day-2012">Sechs Songs an der Zahl</a>, die mit Ausnahme von Speech Dabelle aber auch nicht so der gro&szlig;e Wurf sind. </p>
<p>Eher im Fahrwasser unserer musikalischen Pr&auml;ferenzen segelt der <a href="http://www.zeitstrafe.pinktankarmy.com/myfirstcandycigarette.php">MP3-Sampler</a>, den das Hamburger Plattenlabel Zeitstrafe ebenfalls heute zum Download online gestellt hat. <a href="http://www.zeitstrafe.pinktankarmy.com/myfirstcandycigarette.php"><em>&raquo;My first Candy Cigarette&laquo;</em> enth&auml;lt 25 Songs aus dem Zeitstrafe-Backkatalog</a>, mit Liedern unter anderem von Antitainment, Nein Nein Nein, Grand Griffon, Trip Fontain und Escapado. Das gezeichnete Cover stammt von Nagel (Muff Potter, Wasted Paper, heute Literaturbetrieb), der bei uns ja auch schon mal <a href="http://www.beatpunk.org/interviews/nagel-muff-potter/">zu Wort kam</a>. </p>
<p>Das ist alles sehr sch&ouml;n, aber macht doch etwas nachdenklich: es gen&uuml;gt schon ein Blick auf die Band-Zusammenstellung von <em>&raquo;My first Candy Cigarette&laquo;</em> um eine Ahnung davon zu bekommen, wie ungebrochen m&auml;nnerdominiert die ganze Subkultur-Szenerie immer noch ist, in der wir uns bewegen.</p>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=3972&amp;md5=63441305c7cb19ee046cb12a5d37d23d" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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	</item>
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		<title>Henning Fischer &#187;&#8216;Erinnerung&#8216; an und f&#252;r Deutschland&#171;</title>
		<link>http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/</link>
		<comments>http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2012 16:54:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanning</dc:creator>
				<category><![CDATA[Papier]]></category>
		<category><![CDATA[Dresden]]></category>
		<category><![CDATA[Henning Fischer]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheitsbewältigung]]></category>
		<category><![CDATA[Westfälisches Dampfboot]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.beatpunk.org/?p=3967</guid>
		<description><![CDATA[Ein schlichtes, graues Plakat. In der rechten, unteren Ecke sind schemenhaft Tr&#252;mmer zu erkennen, &#252;ber die linke Seite zieht sich der Schriftzug &#187;13. Februar&#171;. In der Mitte sind die Namen von elf St&#228;dten,...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein schlichtes, graues Plakat. In der rechten, unteren Ecke sind schemenhaft Tr&uuml;mmer zu erkennen, &uuml;ber die linke Seite zieht sich der Schriftzug <em>&raquo;13. Februar&laquo;</em>. In der Mitte sind die Namen von elf St&auml;dten, alphabetisch sortiert, angeordnet: Coventry, Dresden, Grosny, Guernica, Hamburg, Hiroshima, Leningrad, Monrovia, New York, Sarajevo, Warschau. Dieses Plakat &ndash; von der Stadt Dresden zum 50. Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Februar 2005 gedruckt &ndash; findet sich bis heute auf der offiziellen Website der s&auml;schischen Landeshauptstadt. Dar&uuml;ber steht: <em>&raquo;Am 13. Februar gedenkt Dresden der Bombardierung der Stadt im 2. Weltkrieg. Dieses Datum und die Stadt Dresden sind zu einem Symbol geworden f&uuml;r die Vernichtung von Menschenleben, f&uuml;r Gewalt gegen Zivilpersonen und f&uuml;r Zerst&ouml;rung von Kulturg&uuml;tern durch Krieg und Gewalt. Aber dies ist nicht allein das Schicksal der Stadt Dresden, sondern Dresden m&uuml;sste eingereiht werden in eine &ndash; leider &ndash; lange Liste anderer St&auml;dte.&laquo;</em><sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/#footnote_0_3967" id="identifier_0_3967" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="http://www.dresden.de/de/02/110/03/c_025.php (Zugriff am 22. Februar 2012">1</a></sup>) </p>
<p>Das Poster zeigt in eindrucksvoller Klarheit den sich um die Bombardierung Dresdens rankenden Opfermythos, der sich nach wie vor in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit h&auml;lt. Durch die Ausblendung des historischen Kontextes der Bombardierung und die Universalisierung von menschlichem Leid ist durch diesen Mythos m&ouml;glich, was der Sache nach undenkbar sein m&uuml;sste: Leningrad, von der Wehrmacht im Rahmen des deutschen Vernichtungskrieges f&uuml;nf Monate lang ausgehungert &ndash; 1,1 Millionen Menschen fanden allein durch die Blockade den Tod &ndash; und die R&uuml;stungsstadt Dresden stehen gleichwertig in einer Reihe von St&auml;dten, die alle irgendwie aus der Luft angegriffen wurden. Scheinbar alles gleichwertig, gleich verwerflich, denn: <em>&raquo;&Uuml;berall kamen Menschen zu Tode&laquo;</em>.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/#footnote_1_3967" id="identifier_1_3967" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="ebd.">2</a></sup></p>
<p>In seinem 2011 erschienenen Buch <em>&raquo;&lsquo;Erinnerung&lsquo; an und f&uuml;r Deutschland&laquo;</em> untersucht der Historiker Henning Fischer die Entstehung, Entwicklung und politische Bedeutung dieses mit Dresden verbundenen Opfermythos. Es geht ihm darum, <em>&raquo;das historische Ereignis der Luftangriffe und das gegenw&auml;rtige Ereignis ihrer erinnerungspolitischen Rezeption &uuml;ber ihr gegenseitiges Zusammenwirken zu beschreiben&laquo;</em> (S.&#160;8). Fischer will aufzeigen, dass die &ouml;ffentliche Erinnerung an die Bombardierung Dresdens vor allem gegenw&auml;rtigen politischen Interessen und der nationalen Selbstvergewisserung der Deutschen dient &ndash; als Versuch, mit der historischen Schuld an Auschwitz umzugehen, <em>&raquo;den Bruch zu kitten, also das negative Ged&auml;chtnis positiv umzudeuten, um die Kontinuit&auml;t wieder herzustellen&laquo;</em> (S.&#160;34). Das Dresden-Narrativ biete die <em>&raquo;M&ouml;glichkeit einer positiven deutschen Identit&auml;t, begr&uuml;ndet durch die geschichtliche Rolle als unschuldiges Opfer des auf allen Seiten barbarisch gef&uuml;hrten Zweiten Weltkrieges&laquo;</em> (52). Im &ouml;ffentlichen Erinnern zeige sich dabei eine Opfer-Umkehr, denn die Thematisierung der Bombardierung Dresdens laufe immer Gefahr, <em>&raquo;die Opfer der nationalsozialistischen Politik und die Opfer des Krieges, der zu seiner Beendigung gef&uuml;hrt wurde, anthropologisierend zusammenzuf&uuml;hren und sie damit ununterscheidbar zu machen&laquo;</em> (S.&#160;32). </p>
<p>Um sich seinem Gegenstand zu n&auml;hern, rekonstruiert Fischer Begriffe und Konzepte von Walter Benjamin und Maurice Halbwachs. Von Benjamin entlehnt er vor allem die <em>&raquo;Unterscheidung in emphatisch-unkritische Einf&uuml;hlung und distanziert-erkennendes Eingedenken&laquo;</em> (S.&#160;24). Nur das Eingedenken, eine Form von Erinnerung, die um ihre Fundierung in den Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen der Gegenwart wei&szlig; und der emanzipatorischen Ver&auml;nderung dieser Gegenwart verpflichtet ist, k&ouml;nne Ziel kritischer Geschichtswissenschaft sein. Fischer kritisiert zudem die Vorstellung, Erinnerung sei ein individueller Vorgang. Vielmehr begreift er mit Halbwachs individuelle Erinnerung als kollektiv, also gesellschaftlich hergestellt und damit von politischen Interessen abh&auml;ngig. <em>&raquo;Vergangenheit als solche ist nirgends, sie existiert nur als Produkt der jeweiligen Gegenwart und deren Streben nach Sinn und Legitimation&laquo;</em> (S.&#160;38).<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/#footnote_2_3967" id="identifier_2_3967" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Fischer setzt daher konsequenterweise das Wort &amp;raquo;Erinnerung&amp;laquo; in Anf&amp;uuml;hrungszeichen, um deutlich zu machen, dass individuelle und kollektive Erinnerung mit den historischen Abl&amp;auml;ufen oft wenig zu tun haben.">3</a></sup> Insbesondere die <em>&raquo;imagined community&laquo;</em> (Benedict Anderson) Nation, so Fischer, sei f&uuml;r ihr Funktionieren und ihre allt&auml;gliche Reproduktion von Tradition und kollektiver Erinnerung abh&auml;ngig.</p>
<p>Mit diesem theoretischen R&uuml;stzeug rekonstruiert Fischer im zweiten Teil des Buches die Geschichte der Stadt Dresden im Nationalsozialismus und die Ereignisse der Bombardierung. Er belegt, dass die NSDAP hier schon 1926 Wahlerfolge erzielte und das Naziregime Schwierigkeiten hatte, von der Bev&ouml;lkerung ausgehende antisemitische Pogrome in den Griff zu bekommen. Au&szlig;erdem weist er auf die Bedeutung der Garnisionsstadt Dresden f&uuml;r die deutsche R&uuml;stungsproduktion hin. In einem Exkurs widmet er sich der Geschichte des <em>&raquo;Judenlagers Hellerberg&laquo;</em>, ein lange beschwiegenes Konzentrationslager am Rande der Stadt. Diese Rekonstruktion soll den Mythos der <em>&raquo;unschuldigen Stadt&laquo;</em> in Frage stellen. Besonders der Exkurs zu Hellerberg steht dabei als <em>&raquo;ein konkretes Beispiel der Geschichte des Nationalsozialismus, das von der Dresdener Opfererz&auml;hlung verdeckt wird&laquo;</em> (S.&#160;60).</p>
<p>Im dritten Teil seines Buches widmet sich Fischer den Dresden-Narrativen in der fr&uuml;hen BRD, der DDR und schlie&szlig;lich der Berliner Republik nach 1990. Er zeigt auf, wie in allen Erz&auml;hlungen von der Bombardierung  Elemente der NS-Propaganda reproduziert werden, die bereits kurz nach den Angriffen &uuml;bertriebene Opferzahlen verbreitete. Er belegt, wie der Dresden-Mythos in der DDR und der fr&uuml;hen BRD f&uuml;r die Exkulpation der Deutschen genutzt wurde. Sp&auml;testens Ende der 90er-Jahre, so Fischer, sei dann eine verst&auml;rkte Thematisierung <em>&raquo;deutscher Opfer&laquo;</em> zu verzeichnen. Dresden gewinne als Erinnerungsort an Bedeutung, mit einem H&ouml;hepunkt in den Jahren 2002 und 2003, als auch J&ouml;rg Friedrichs Buch <em>&raquo;Der Brand&laquo;</em> erschien. F&uuml;r diesen Zeitraum analysiert Fischer die gedenkpolitischen Debatten in und um Dresden. Besonders interessiert ihn, wie unterschiedliche Akteur_innen versuchen, das Gedenken an Dresden zu dominieren, und wie gleichzeitig im offiziellen Gedenken der Stadt versucht wird, die Deutungshoheit &uuml;ber die Erinnerung zu behalten und sie um eine krude Extremismustheorie zu erweitern, um sich von den seit 1998 j&auml;hrlich stattfindenden <em>&raquo;Trauerm&auml;rschen&laquo;</em> deutscher Nazis absetzen zu k&ouml;nnen. Fischer zeigt, wie sich das offizielle Gedenken langsam wandelt &ndash; auch durch massive Interventionen antifaschistischer Initiativen &ndash; sich der Mythos der zu Unrecht bombardierten, unschuldigen Kunststadt Dresden aber gerade im Privaten h&auml;lt. Als vorl&auml;ufig letzten H&ouml;hepunkt derartigen <em>&raquo;Gedenkens&laquo;</em> interpretiert er das TV-Melodram <em>&raquo;Dresden&laquo;</em>, das erstmals 2006 im ZDF gezeigt wurde. Hier werde letztlich nahegelegt, die Deutschen h&auml;tten schon in Dresden f&uuml;r die Verbrechen des Nationalsozialismus bezahlt: <em>&raquo;das kathartische Schicksal des &lsquo;Feuersturms&lsquo; hat (&hellip;) die Deutschen von der S&uuml;nde des Nationalsozialismus gereinigt&laquo;</em> (S.&#160;162).</p>
<p><em>&raquo;&lsquo;Erinnerung&lsquo; an und f&uuml;r Deutschland&laquo;</em> ist ein gelungenes und gut lesbares Buch, das nicht nur f&uuml;r eine Besch&auml;ftigung mit dem Dresden-Mythos, sondern auch als Studie zur kollektiven Produktion nationaler Erinnerung einen Gewinn darstellt. Im Kontext der aktuellen Debatten um das m&ouml;gliche Ende der Dresdner Naziaufm&auml;rsche kann es wichtige Argumente liefern, zumal auch aus den b&uuml;rgerlichen Medien derzeit differenziertere T&ouml;ne zu h&ouml;ren sind.<sup><a href="http://www.beatpunk.org/papier/henning-fischer-erinnerung-an-und-fuer-deutschland/#footnote_3_3967" id="identifier_3_3967" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="http://youtu.be/srGuIAdPwIE (Zugriff am 22. Februar 2012).">4</a></sup> An einigen Stellen w&auml;ren zwar mehr Details w&uuml;nschenswert, das zum Teil unvollst&auml;ndige Literaturverzeichnis ist &auml;rgerlich. Dennoch sei diese Studie all jenen empfohlen, die den deutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus am Beispiel Dresdens entschl&uuml;sseln wollen.</p>
<p><em>Henning Fischer: &raquo;Erinnerung&laquo; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik, Westf&auml;lisches Dampfboot, M&uuml;nster 2011, 184 Seiten.</em>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<ol class="footnotes">
<li id="footnote_0_3967" class="footnote"><a href="http://www.dresden.de/de/02/110/03/c_025.php">http://www.dresden.de/de/02/110/03/c_025.php</a> (Zugriff am 22. Februar 2012</li>
<li id="footnote_1_3967" class="footnote">ebd.</li>
<li id="footnote_2_3967" class="footnote">Fischer setzt daher konsequenterweise das Wort &raquo;Erinnerung&laquo; in Anf&uuml;hrungszeichen, um deutlich zu machen, dass individuelle und kollektive Erinnerung mit den historischen Abl&auml;ufen oft wenig zu tun haben.</li>
<li id="footnote_3_3967" class="footnote"><a href="http://youtu.be/srGuIAdPwIE">http://youtu.be/srGuIAdPwIE</a> (Zugriff am 22. Februar 2012).</li>
</ol>
 <p><a href="http://www.beatpunk.org/?flattrss_redirect&amp;id=3967&amp;md5=c23da9909ce41a7648edee2a66d7a518" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://www.beatpunk.org/wp-content/themes/btpnkbyaaki09/images/flattr.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
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