Von Igor
Menschen mit Stil und Geschmack bereitet es oft große Freude, sich über Schlagersänger lustig zu machen. Egal ob es sich um vermeintlich große Stars handelt, die regelmäßig ganze Stadthallen füllen, um dort ihrem Publikum beim Erreichen des absoluten Hirnstillstandes zu assistieren, oder ob es sich um die Sorte Sänger dreht, deren große Zeit vorbei ist (oder nie begonnen hat) und die sich mit Auftritten anlässlich von Baumarkteröffnungen oder auf Betriebsfeiern ihre Existenz sichern. Eine gewisse Belustigung über die ganze Erbärmlichkeit billiger Unterhaltung stellt sich immer ein.
So bisweilen auch im Film »Chanson d’amour« von Xavier Giannoli. Allerdings gelingt es dem Regisseur, die Person hinter der Schlagersängerfassade sichtbar und zur Identifikationsfigur seines Filmes zu machen. Die Handlung des Films, der im Original viel treffender »Quand j’étais chanteur« (Als ich Sänger war) heißt, ist simpel und schnell erzählt: Der in die Jahre gekommene Chansonnier Alain Moreau (Gérard Depardieu), der in einem kleinen Kaff irgendwo in Frankreich regelmäßig zum Tanz aufspielt, verliebt sich in die wesentlich jüngere Marion (Cécile de France), die einen Bekannten in jenes Etablissement begleitet, wo ältere Herrschaften ihre Körper im sanften Takt honigsüßer Melodien wiegen. Er versucht sofort auf etwas ungelenke Art, ihre Sympathie zu gewinnen und es gelingt ihm am Ende tatsächlich, die Nacht mit ihr zu verbringen. Als sie am Morgen danach in seinem Hotelzimmer aufwacht, wird sie Ihres »Fehltritts« gewahr und flieht, bevor er seinen voluminösen Körper in sein weißes Jacket zurück zwängen kann.
Der Rest des Filmes dreht sich nun eigentlich nur noch um das Werben des alternden Sängers um die hinreißend schöne und unterkühlte Marion. Dabei dringt der Zuschauer peu à peu in die Lebenswelt und Psyche des »großen« Alain Moreau vor. Ohne pathetisch oder kitschig zu sein, wird das Porträt eines Mannes gezeichnet, der jahrzehntelang mit und für seine Musik gelebt und es dabei zu einem gewissen Ansehen bei der Generation 50+ in der Provinz gebracht hat. Seine Fähigkeit zu Selbstreflektion und –ironie macht ihn sympathisch und man verfolgt mit einer Mischung aus Heiterkeit und Mitleid, wie er versucht das Herz seiner Angebeteten zu erobern.
Giannoli hat – so liest man – die Rolle direkt für Gérard Depardieu geschrieben, der im Film alles selbst singt und sich letztlich auch ein wenig selbst spielt. Das tut er recht eindrucksvoll. Der eigentliche Grund, sich den Film anzuschauen, heißt aber Cécile de France. Endlich darf sie mal wieder eine Rolle spielen, in der ihre selbstbewusste Ausstrahlung und ihre Schönheit voll zur Geltung kommen und eigentlich den Kern der Figur ausmachen. Vom ersten Moment, da man sie sieht, kann man verstehen, warum Alain Moreau so handelt, wie er handelt und den Schmerz nachempfinden, den er empfindet, als sie sich unnahbar und abweisend gibt.
Viele Kritiker bemängeln, dass »Chanson d’amour« sich in die Länge ziehe und eigentlich keine Handlung hätte. Na und? Was braucht’s eine Handlung, wenn man eine ganze Filmlänge hindurch Cécile de France beim spielen zusehen kann?
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