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Dexter »Season I, II«

Von Sebastian

»Normal ist das nicht« pflegen dauerempörte Wähler von Volksparteien dann lautstark zu proklamieren, wenn ihr Vorstellungshorizont überschritten wird. In Momenten also, in denen aus Lebenswelt-Schubladen der Boden kracht und ihr Inhalt auf dem Laminatfußboden aufschlägt. Normal sind je nachdem aber keinesfalls: Menschen mit Piercings oder Menschen mit Sachbüchern, Menschen, die ihre Kinder verhungern lassen, frohe Menschen ohne Job oder Menschen die in einer Bank arbeiten und dort auf Profitmaximierung verpflichtet sind. Wie gesagt: je nachdem. Die Idee der Normalität kommt immer dort zur Welt, wo Frauen und Männern die erdrückende Tristesse ihres Daseins unentrinnbar erscheint und sie den Wunsch nach deren Versteinerung an die Stelle individuell möglicher und eventuell befreiender Reflexion setzen. In juristische Formen gegossen – und Normalität redet von nichts anderem als einer Norm – meint Normalität einen Zustand, in dem nichts sein soll, das anders ist als der private oder als gesellschaftlich antizipierte common sense. Auf den identischen Gleisen, auf denen man sich selbst bewegt, soll möglichst jeder ab‑ und kaltgestellt sein.

Morgan ist nicht normal – wohl unter keinem Toleranzraster auch noch der liberalsten Vorstellung von Gesellschaft. Den Titelhelden der us-amerikanischen Fernsehserie »«, der seit kurzem nun auch auf dem deutschen Sender RTL 2 sein schlecht synchronisiertes Unwesen treibt, drängt es in die lauen Nächte von Miami/Florida hinaus. Ritualisiert betäubt er in malerischer Urlaubskulisse fremde Menschen, fesselt sie nackt an abgelegenen Orten in Klarsichtfolie, nimmt eine Blutprobe als Trophäe und schlachtet seine Opfer schließlich ab. Die zerstückelten Reste der Tat werden anschließend sauber in Müllsäcken verpackt und vor der Küste der Stadt im offenen Meer versenkt.

Auf der anderen, nicht mit Blut besudelten Seite dieser Medaille glänzt die gähnende Normalität der Hauptfigur Morgan: sein geregeltes bürgerliches Leben, zu dem die Freundin Rita und ihre Kinder, die Schwester Deb, der Job als Forensiker (zur Blutspritzer-Analyse) bei der Miami Metro Police, Donoughtrunden und Bowlingabende mit den Kollegen vom Revier gehört. Der Serienkiller wird in seiner Alltagsfassade statt in üblichen, nach außen gestülpten Psychopathologisierung allzu menschlich ausgepinselt. tritt nicht als der menschenscheue Irre auf, der sich in der Videothek unanständige Filme ausleiht und am Tresen den Blicken des Personals ausweicht. Er trägt keine grauen Bügelfaltenhosen zu beigen Blousons und schleicht nicht introvertiert und latent aggressiv ohne die Arme zu bewegen durch die Straßen. In schlechten Serienkiller-Filmen ist dies meist schon das Stigma bzw. das Stereotyp, das den Mörder aus der Gesellschaft ausschließt – ihn gut erkennbar zum Soziopath stempelt.1 versteht sich in der Vielschichtigkeit seiner Darstellung auf die Mimikry und stellt mit seiner ausgesprochen sympathischen Fassade auch eine Gesellschaft zur Schau, die so einfältig strukturiert ist, dass man Gefühl, Geselligkeit, Kommunikation, Nähe mal eben nachspielen kann. Der Genuss an der speist sich maßgeblich aus eben dieser Vertrautheit der Maskerade der bürgerlichen Gesellschaft beim Zuschauer. JedeR kennt doch das Einnehmen der erwarteten Rolle in der Schule, an der Uni, im Job und wahrscheinlich auch in der Partnerschaft. Die tragikkomischen Gedanken von , wie er am besten den (Sex)Partner für Rita spielt und dabei scheitert, können so auch als Radikalisierung des alltäglichen Vorgaukelns von potent-glücklichem Partnerleben interpretiert werden.

Aus eben diesem Zwiespalt der Lebensentwürfe, dem gefakten und dem versteckten, zieht die beim TV-Sender in den USA nunmehr in die 3. Staffel gehende ihren Reiz. Das eine Leben, das als Massenmörder ausweist und das andere, das er vorspielt, um nicht als Massenmörder ausgewiesen zu werden, stehen sich unversöhnt entgegen. Dieser Widerspruch ist bewusst. Er zieht sich durch die Folgen im inneren Monolog als stetiger Reflexion der zurecht gelegten Oberflächenexistenz. Sie erscheint ihm als eine, die sich bis in die letzte Faser fremd anfühlt und die dennoch mit einer Mischung aus Verwunderung, Abscheu und Neugier ertragen werden will. Gleichwohl befinden sich die beiden »Lebensformen« nicht derart diametral gegenüber, dass sie aneinander Funken schlagen müssten. So fallen dem Zuschauer der häufig sublimierte Triebabfuhrmöglichkeiten in der Sphäre der »Normalität« ins Auge.2 Im Gegensatz zu den meisten Menschen, genügen diese gesellschaftlich bereitgehaltenen Behälter jedoch nicht.

Was der in der Psycho-Skizze ihres »Helden« gelingt, ist genau jene Frontstellung innerhalb seiner beiden Leben nicht statisch, sondern dynamisch zu erzählen. Es tut sich was auf allen Ebenen. Am Anfang scheint lediglich als reiner Beobachter sowohl seines Fassadentreibens als auch des Mordens, ohne einen emotionalen Wunsch nach der einen oder der anderen Seite hin zu hegen.3 Zu Beginn der ersten Staffel kann sich noch gar nicht an sein Gefühlsleben und damit verbunden an tatsächliche eigene Wünsche heranwagen, weil der Kontakt mit seiner »fühlenden« Seite abseits der reinen kurzen Triebbefriedigung im Töten zu schmerzvoll ist. Der massenhaft durchgeführte Mord vermittelt zu diesem Zeitpunkt das einzige vertraute Gefühl, er liefert Ersatz für überhaupt jede affektive Beziehung zu anderen Objekten und zu sich selbst. Alles andere bleibt abgespalten. Es wirkt, als beobachte sein roboterhaftes Wesen fast ohne jede Wertung – eben nahezu als Unbeteiligter. Mit der Zeit reißt jedoch dieser Umgang mit dem eigenen ritualisierten Handeln zusehends auf. Man sieht, wie sich als Persönlichkeit psychologisch bewegt. Letzteres geschieht aber – hier sei nur ein Beispiel genannt – bisweilen ein wenig holzschnittartig: während sich eben auch das Sexuelle lediglich im Tötungsakt realisiert und an die Stelle jedes zwischenmenschlichen, körperlichen Kontaktes tritt, »entdeckt« im Laufe der ersten beiden Staffeln seine Sexualität mit Rita und seiner Affäre Lila. Das wirkt aber bisweilen ein wenig, wie in einem Teenie-Film, in dem es um Adoleszenz-Erlebnisse geht. Die Lust an der Lust bleibt merkwürdig unterbelichtet.

Es erstaunt bei der ansonsten detailreichen Fokussierung auf einen Massenmörder nicht, dass so etwas in der Rezeption der als anrüchig zur Kenntnis genommen wird. Wer auf die Suche nach Zeitungsartikeln und Internetpostings über geht, wird schnell einen ansehnlichen Berg an empörten Beiträgen zusammentragen können. So berichtet die New York Times, dass die Ausstrahlung der Pay-TV- auf dem frei-zugänglichen us-amerikanischen Sender CBS Protest hervorgerufen habe. Eine Organisation namens Parents Television Council wird mit dem Vorwurf zitiert, CBS beabsichtige eine Sendung auszustrahlen, die wirkungsvoll Mord verharmlose. Weiter heißt es: »the series compels viewers to empathize with a serial killer, to root for him to prevail, to hope he doesn’t get discovered.«4 Das Übliche eben: Skandalserie, Verharmlosung und Verständnis!5 Dass das völliger Quatsch ist, kann solchen Leuten nicht aufgehen. Verdrängt und abgespalten werden muss die Ahnung, dass der Trennungsstrich zu den »Bestien« nicht so einfach zu ziehen ist und dass ihr Werden und Sein eben jener Gesellschaft entschlüpft ist, die man mit der Programmhygiene verteidigen will.

Gleichzeitig scheinen mir an dieser Stelle die ProduzentInnen von – oder bereits die Romanvorlagen von Jeff Lindsay (ich kann das nicht einschätzen) – in eine Falle getappt zu sein: Die Angst genau die Sympathisierung mit einem Serienkiller vorgeworfen zu bekommen, hebeln sie mit einer billigen »ethischen« Setzung aus: mit Dexters Wahl seiner Opfer. Indem ihre Hauptfigur ausschließlich Mörder zur Strecke bringt, derer der Rechtsstaat nicht habhaft werden konnte, erheben sie ihn zum Racheengel. exekutiert die Gelüste vieler Bürger nach Selbstjustiz und kann sich sowohl innerhalb der (was als Thematisierung wiederum schlau ist) als auch in der Rezeption (was unglaublich dumm ist) des Beifalls sicher sein. Am Deutlichsten schmiert sich das ein Autor der Zeitung »Die Welt« zurecht: »Ich brauche einen Psychiater. Warum? Ich mag . Eigentlich ist das krank. Denn Morgan tötet Menschen. (…) Warum also diese verschämte Sympathie, die sich im Laufe der Folgen in unverhohlenes Mitfiebern wandelt? tötet Menschen, die töten. Kriminelle, die durch das Raster der Justiz fallen. Selbstjustiz in seiner grausamsten Perfektion. Was jeder schon mal am Stammtisch für einen Vergewaltiger oder Mörder gefordert hat, ist Dexters dunkle Passion.«6 Gerade so sieht Normalität aus: weil »jeder schon mal am Stammtisch« den Tod für andere Menschen »gefordert hat«, ist das eigentlich Schockierende kein Fernsehspiel-Psychogramm eines Massenmörders. Dass die unzähligen Wannabe-Killer mit Herrengedeck – wie der Journalist von Welt – nicht einmal fähig sind, zu realisieren, was sie dort aufschreiben oder in der Kneipe sagen, sollte mehr Angst verbreiten als die wohl kaum erfüllte Befürchtung, einmal selbst in der Plastikfolie irgendeines -Typen zu enden.

Anmerkungen

  1. Bessere Filme verstehen demgegenüber, den Bösewicht nicht in comichafter Manier schon an der Physiognomie kenntlich zu machen. Sie zielen vielmehr darauf ab, ihn als netten Nachbarn zu entzaubern. Man denke nur an Patrick Bateman aus »American Psycho«, der in vielen Punkten fast wie eine Blaupause der -Figur wirkt – so z.B. in der anal-zwanghaften Cleanness und Routiniertheit des durcheffektierten Morderns.()
  2. ganz großartig das Emmy-prämierte Intro jeder Folge, in dem die einfachen Tätigkeiten einer Frühstückszubereitung Gewalt aufblitzen lässt()
  3. wenn auch die bürgerliche Kulisse noch weniger mit affektivem Interesse bestetzt wirkt, als die große Bühne des Tötens()
  4. http://tvdecoder.blogs.nytimes.com/2008/02/15/critics-slam-cbs-for-celebrating-murder/()
  5. Auftrieb wird diese Position aber durch einen Mordfall in Kanada finden, dessen mutmaßlicher Täter wohl passionierter -Fan ist: www.sueddeutsche.de/panorama/715/316596/text/()
  6. www.welt.de/fernsehen/article2507038/Dexter-der-nette-Serienkiller-von-nebenan.html()

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