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Die Ästhetik der Rache

Von Max

Dead Man’s Shoes und

»Nichts ist vorbei! Gar nichts! Ihr könnt nicht einfach aufhören! Es ist nicht mein Krieg gewesen, ihr wolltet es so, ihr habt angefangen. Ich habe nur alles getan, um zu gewinnen, aber irgendjemand ließ uns nicht gewinnen. Als ich zurück kam in diese Welt, empfingen mich all diese Maden auf dem Flughafen. Sie haben gegen mich demonstriert, mich einen Babymörder und Frauenschänder genannt. Was haben die sich gedacht, gegen mich zu demonstrieren, hä? Wer sind die denn? Niemand von denen war da draußen in diesem Dschungel. Sie wussten gar nicht, worum es geht!«

John , Elitekiller in Vietnam, muss nach seiner Rückkehr in die Zivilisation schmerzlich erkennen, dass sein Typ nicht weiter nachgefragt wird und die ehemaligen Kumpels tot sind. »Da drüben flog ich einen Hubschrauber oder ich bin Panzer gefahren. Ich war verantwortlich für eine Million Dollar Ausrüstung. Und hier krieg ich nicht mal einen Job als Parkwächter!« Stattdessen setzt es Demütigungen und Prügel vom Sheriff des braven Städtchens Hope, der ihn wegen seines unattraktiven Pennerlooks direkt einsperrt. Kraft seiner zahlreichen unaufgearbeiteten Vietkong-Folter-Traumata kann sich jedoch recht schnell befreien, dem Sheriff noch zwei Friedensangebote unterbreiten (»Gib auf oder du bekommst einen Krieg, den du nie verstehen wirst«), um schließlich die halbe Stadt in die Luft zu sprengen und seinen Gegenspieler zu richten, an dessen Boshaftigkeit inzwischen kein Zuschauer mehr zweifeln kann. Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin und aufhalten kann mich nur noch der Über-Vater in Gestalt des ehemaligen Ausbilders, Col. Trautman.
ist dabei weder bei John noch beim Sheriff das eigentliche Leitmotiv. Die Gemeinsamkeit mit den im folgenden beworbenen zwei Filmen liegt eher in der Frage nach persönlicher Verantwortung, der Aufarbeitung durchlittener und verdrängter Traumata und Schuldgefühle und den moralischen Stolpersteinen, die ein Film seinen Zuschauern in den Weg zu legen bereit ist.

Dead Man’s Shoes beginnt mit der Rückkehr zweier Brüder zu ihrem Geburtsort, einer langweiligen englischen Kleinstadt, inmitten malerisch grüner Moorlandschaften und Berge. Während Richard, der ältere Bruder, acht Jahre lang als Berufssoldat unterwegs war, verkehrte der geistig behinderte Anthony mit einer Bande kleinkrimineller Drogen-Cockney-Schläger, die ihn als Boxsack der Gruppe missbrauchten und sich in immer brutaleren Psychospielchen über ihn belustigten. Richard ist gekommen, um seinen kleinen Bruder zu rächen und jedes Mitglied der Bande nach und nach nieder zu strecken. Langsam enthüllt sich das tatsächliche Ausmaß der Misshandlungen Antonys und die noch lebenden Schuldigen werden unbarmherzig zu Schuldgefühl und Selbstreflexion gezwungen.

Den Racheengel spielt Paddy Considine in einer derartigen Intensität, dass das ständige Aufflammen seines Hasses den Zuschauer unweigerlich in eine Mischung aus Faszination und Angst zieht, verstärkt durch den ausgezeichneten Soundtrack, für den sich u.a. Aphex Twin und Calexico verantwortlich zeigen. Meisterhaft versteht es der Film, den Betrachter immer wieder an der Nase herumzuführen, von einem Genre ins andere zu springen und alles mit tiefschwarzem Humor zu verkleben. Während man Richard bei seinem ersten Mord noch für eine zeitgemäße Version des Michael Myers (Halloween) hält, scheint bald die Präzision und »Lustlosigkeit« des Berufssoldaten durch, um sich später doch wieder etwas Spaß beim Morden zu gönnen.

Die Grenzen zwischen Krieg und normalen Zivilleben verschieben sich zunehmend. Die Lust der Bande ist die durch Drogen modifizierte Folter, die alles »nicht so ernst meint«, nur zum Spaß eben, während die des Bruders sich den gängigen Bilder der Nachrichtensender aus den Kriegsregionen der Welt bedient. Als wäre das noch nicht genug, ist die Handlung in derart durchkomponierten Bildern verpackt (Regisseur Shane Meadows kommt ursprünglich aus der Fotographie), unterlegt mit wunderschöner Musik, dass man meint, Landschaftsmalerei und Musikvideo hätten in einer langen Nacht zueinander gefunden. Daher ist Dead Man’s Shoes auf dem, dem Electro-Musik-Label Music angehängten Produktionsstudio Films, das auch den aktuellen Chris Cunningham Kurzfilm »Rubber Johnny« präsentiert, bestens aufgehoben. Im Gegensatz zu , tut man sich als Zuschauer hier schon wesentlich schwerer, das Töten zu rechtfertigen, die wirkliche Motivation des Bruders offenbart sich nur zögerlich und einfache Antworten kann man (zum Glück) nicht erwarten.

Die Hintergründe und Motivationen seiner Charaktere in ästhetische Rätsel zu packen, gelingt auch Park Chan-Wook mit , dem letzten Teil seiner -Trilogie, wieder spielerisch. Ähnlich wie schon in Old Boy, muss die Hauptfigur lange Zeit (13 Jahre) eingesperrt verbringen, diesmal in einem miesen Frauen-Gefängnis, da sie ein schreckliches Verbrechen begangen haben soll. Ob dem wirklich so war, warum sie sich schuldig bekennt und wer zum Objekt der wird, bleibt lange im Dunkeln. Im Knast ist sie als »die Gutherzige« bekannt und hat sich viele neue Freundinnen gemacht, die ihr bei ihrem Rachefeldzug behilflich sind. Ähnlich wie bei Kim Ki Duk’s Samaria ist mit christlicher Maria-Unschulds-Symbolik vollgeladen. So wird sie nach ihrer Entlassung von einem singendem Empfangkomitee mitsamt Priester begrüßt, der ihr feierlich einen weißen Tofublock überreicht, damit sie wieder wie ein unbeschriebenes, unschuldiges und weißes Blatt neu anfangen und beschrieben werden kann. Jedoch ist sie längst »befleckt« und sucht ihre Erlösung, ihre Katharsis in der . Visionen und Tagträume vermischen sich immer wieder mit der Realität, offenbaren tiefe Einblicke in ihr Seelenleben und bringen die in starke Bilder gegossenen Hassphantasien ans Tageslicht. Auf ihrem Weg kommen allerhand obskure Charaktere dazu, der Polizeichef, der sie hinter Gitter brachte, eine australische Familie und eine Gruppe anderer Personen, die ihre ganz eigene Rechnung offen haben. So nachvollziehbar die Selbstjustiz dem Zuschauer auch erscheinen mag, weder ihre Ausführung noch die Betrachtung können wirklichen Genuss versprechen.

Im Soundtrack dominiert die Klassik, breite Streicher untermalen die perfekt ausgeleuchteten Kulissen und die Detailarbeit, in der keine Worte nötig sind, um lange Geschichten zu erzählen, kann den hoch gesetzten Standart nach Sympathy for Mr Vengeance und Oldboy halten. In der Figur des Teufels, um weiter das Christentum zu bemühen, fällt der Film aber leider weit hinter das Niveau seiner Vorgänger zurück, zu widerspruchslos hassenswert ist das Böse diesmal charakterisiert. Ein deutscher Kinostart ist Mitte bis Ende dieses Jahres (2006) zu erwarten.


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