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Deutschrap halt’s Maul

Von Sebastian

Im Interview mit . Von Sebastian

Linksradikaler ist selten‑ vor allem in D-Land. Fernab vom Rödelheim Hartreim Projekt und den Fantastischen Vier, gibt es allerdings noch einige, wenige Perlen zu entdecken, die mit dem Sondermüll in Reimform, den viele Acts zu ihren Beats absondern, nun wirklich nichts gemein hat. Eine dieser erfrischenden Ausnahmen ist Chaoze MC aus Karlsruhe. Mit ihm sprach Sebastian.

Beatpunk: Wie bist Du zur Musik gekommen? Erzähl mal, wie das bei Dir mit losging.
Chaoze MC: Hm also angefangen hat eigentlich alles mit der alten E-Gitarre von meinem großen Bruder. Die hat er mir irgendwann geschenkt und ich fing dann an alte Punk Sachen nach zu spielen. Ich sass Stunden im Keller und schrammelte zu Ramones, Cranberries, Slime und den Toten Hosen mit. Das war ca als ich 14 Jahre alt war. Mein Bruder spielte selbst in einer Band und da war die Motivation natürlich gross, es ihm nachzueifern. Meine erste Band – DIARRHOE (R.i.p.) – gründeten wir, als ich 16 war, wir hatten allesamt keinen Plan von den Instrumenten aber es machte Spass und bis zu unserer Auflösung ein Jahr später hatten wir tatsächlich drei Lieder die wirklich von uns waren und einen Gig bei dem uns fast der Strom abgestellt wurde, weil wir so schlecht waren. Shanapu, der heute meine Auftritte mischt, war damals schon als Schlagzeuger dabei. Nungut, die Diarrhoe Zeiten waren vorbei und auch mein Musikgeschmack veränderte sich ziemlich. Ich fing an Ska und Reggae zu hören, vielleicht spielte da die Tatsache mit rein, dass zu der Zeit in der Neustadter Antifa-Szene Ska grade seine absolute Hochzeit hatte. But Alive wurde zu Rantanplan und ich begann von einer Ska Band zu träumen… Mir war es immer zu wenig nur Musik zu hören, ich wollte sie selbst machen…Also sass ich wieder im Keller – und spielte allein aber mit Ausdauer Offbeats. Nur gibt es bei Ska Bands bekanntlich ein Problem: So’n Projekt braucht nen Haufen MusikerInnen und finde mal neN fähigeN TrompeterIn in der Provinz. Die meißten die Fähig gewesen wären, waren abgeschreckt von der »Szene« oder passten sonstwie nicht rein.
Der »Wandel« vom Ska zum HipHop war dann auch wieder unter Einfluss der Antifa… Es gab einen Soli-Tape‑ Sampler einer Neustadter Antifa Gruppe, auf dem sich Tracks befanden von Tod und Mordschlag, Gut Pie Earshot, No Sports etc. Allerdings befanden sich auch Tracks von KRS-One, Kinderzimmer Productions und Anarchist Academy drauf. Ich kannte zu der Zeit Rap nur von »Puff Daddy« oder »Kriss Kross« und das war nicht mein Ding.
Aber als ich die Tracks von dem Tape hörte sass ich erstmal mit offenem Mund da und dachte »Shit, das hat Power«. Also fuhr ich los und kaufte mir meine ersten HipHop Platten. KRS-One »Return of the Boom Bap«, Kinderzimmer Productions »Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit« und Anarchist Academys »Rappelkistenkids«. Letztere Platte hat mein Leben bis heute ohne Unterbrechung begleitet, das ist und bleibt für mich die beste deutschsprachige
Rap-Platte die jemals das Licht der Welt erblickte. Und dann ging auch alles ganz schnell – ich hab alles zusammengekratzt was ich über HipHop kriegen konnte – Artikel, Bücher, Platten, Tapes ich war echt süchtig danach. Tja und irgendwann lief eben fast nur noch Rap (wobei ich bis heute auch noch gerne manche Punk, Ska oder Hardcore Sachen etc. höre)
bei mir, ich hab versucht für mich zuhause zu breaken, bekam aber immer Krämpfe in den Füssen. Ich hab versucht zu sprayen (natürlich nur in meinem Zimmer, lieber Staatsschutz), aber auch das war nicht gerade von Erfolg gekrönt. DJing war für mich nie ein Thema, dafür sind meine Finger zu langsam glaub ich… Aber wer weiß vielleicht kommt das noch.
Der letzte Schritt war dann 2000. Ich hatte einen Text geschrieben, der auf dem Schreibtisch vor mir lag, komponiert mit Gitarre in der Hand – KEIN Rap Text. Ich war grad im Internet und surfte auf der Seite vom Heidelberger MC Torch rum, da lief ein Instrumental als Hintergrund Musik. Ich hab dann aus Spass angefangen den Text über das Instrumental zu rappen – Das war der Anfang vom Ende. In mir ist dann irgendwie ein Knoten geplatzt und da es mir zu der Zeit eh ziemlich Scheisse ging hab ich einen Text nach dem andern förmlich ausgekotzt. So entstanden dann »Der Panther«, »Immer weiter«, »Wir kriegen euch« oder »Aufprall«. Ich hatte innerhalb von zwei Monaten ca 6–7 brauchbare Texte zusammen. Später kamen dann noch Sachen wie »Ohne Dich« dazu. Ein Bekannter produzierte damals Beats, das wusste ich – und wir haben uns dann getroffen um mal zu checken ob das klappen könnte… So entstand praktisch die »Neue Kreise« – die Sample Auswahl war von mir, mein Kollege machte die Beats. Leider gings dann irgendwann mit dem Ärger los, auf der Webpage von ihm waren Bildchen zu sehen mit halbnackten Frauen vor komischen Autos und ich dachte mir: »Das kanns nicht sein« und so haben wir uns dann getrennt.
Ich hatte aber inzwischen ungefähr Ahnung was ich wie machen muss, damit schlussendlich Musik und brauchbare Beats raus kommen also fing ich selbst an zu produzieren. Kohle für viel Equipment hatte ich nie und deshalb Produzier ich bis heute noch mit dem PC – wenn auch mit besserer Hardware inzwischen.

Als weißer Mann, mit vermutlich einer grundbürgerlichen Mittelstandskindheit, greifst Du musikalisch zu Rap bzw. , dem »schwarzen CNN«. Ist das die‑ bei Linken weit verbreitete‑ Liebe zu gesellschaftlich Marginalisierten? Der Wunsch, auch zu jenen zu gehören, die offen diskriminiert werden?
Ich habe ganz sicher nicht den Wunsch zu denen zu gehören, die offen diskriminiert werden, denn mein Wunsch ist es ja (klar ist das sehr Idealistisch), das diese Diskriminierung endlich aufhört. Aber seien wir mal ehrlich, es sieht nicht so aus als würden wir uns in nächster Zukunft alle in den Armen liegen. Im Moment sieht es so aus als ob es Krieg gibt und die wenigen oft Antisemitisch/Antiamerikanisch motivierte Proteste können mich da auch nicht trösten. Im Moment ist die Luft scheisse dünn für alles was irgendwie nicht »deutsch« genug aussieht, das sind alles potentielle Terroristen, ist doch klar! »Dummerweise« sind die Leute, die hier anscheinend das »Boot« voll machen schon seit der ersten Klasse mit mir in die Schule gegangen. Die sind hier geboren, die leben hier seit sie denken können. Die fühlen sich hier teilweise mehr zuhause als ich. Für mich gabs da nie so eine Trennung in weiß und anders. Meine Schule war im »sozialen Brennpunkt«, da hast du dich verstanden oder eben nicht. Klar gabs oft Stress aber das hatte selten was mit Nationalitäten zu tun.
Rap war nicht nur in den USA das »Black CNN«. Rap in Deutschland entstand nicht mit den vier Fantastischen Kids aus Stuttgart und »Die da«. Das war damals ein echter Schock für die wirkliche Szene. Die lebten seit Jahren einen Traum, hatten sich eine Kultur aufgebaut, eine kleine Familie die sich alle naselang irgendwo in ganz Deutschland traf um zu jammen. Die hatten sich da den Arsch aufgerissen um was aufleben zu lassen. HipHop ist die logische
Konsequenz aus dem Rassismus, dem offenen und dem latenten, der hier in Deutschland seit Jahrzehnten wieder offen liegt. HipHop ist die Lobby für die, die keine Lobby haben, die Stimme für die die keine haben und vielleicht auch die »Heimat« für die die keine haben. Ich hab mich in Kaltland nie zuhause gefühlt, genauso wenig wie ich mich in sonsteinem Staat zuhause fühlen könnte. Aber wohler als im HipHop hab ich mich sonst nirgendwo gefühlt. Und ich glaube dieser Spirit ist einfach das was mich zum HipHop gebracht hat. Da fahren ein paar Leute den gleichen Film wie ich – bei weitem nicht alle. Aber um die, die es tun, bin ich dankbar. Ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass ich meine Außenseiter Rolle bisher immer freiwillig gewählt habe. Ich hab den entscheidenden Vorteil, dass ich die Baggys gegen nen Joop Anzug tauschen kann und ne Banklehre machen kann und schon bin ich voll »integriert«. Das ist mir klar.

Hat für Dich ein emanzipatives Moment oder war es ernüchternd zu sehen, dass die Black Community, die Rap‑ Musik als ihr Sprachrohr begriff, als real Unterdrückte, ebenso antisemitische und sexistische Denkmuster reproduzierte?
Natürlich. Es ist hart mit anzusehen, dass es antisemitische Texte von denen gibt und gab die am radikalsten ihre Unterdrücker kritisieren. Es ist hart, dass Frauen in der Szene mit einem mehr als deutlichen Sexismus konfrontiert werden. Rapperinnen, DJanes, B-Girls, was auch immer – sie fallen immer noch auf in der Szene. Sie sind immer noch die, die besser mit dem Hintern wackeln sollen, wenn andere Leute »cruisen«. Es ist hart zu sehen, dass ein Kool Savas, ein B-Tight aus Berlin oder ein »Rhymin Simon« tatsächlich Platten verkaufen. Allerdings erwarte ich von denen auch nix anderes. Wenn ich aber Leute höre wie Denyo oder D-Flame, Leute die wirklich was im Kopf haben, die reflektiert genug sind Zusammenhänge zu erkennen, die die Rolle des Außenseiters gut genug kennen müssten – dann bin ich echt frustriert bei denen homophobe, sexistische Texte zu hören. Da ist dann bei mir auch Schluss mit der Liebe zum HipHop, da setz ich ne Grenze, da überwiegt mein menschlicher Anspruch.

Wie gehst Du damit um?

Das ist schwierig, ich verurteile das ganz klar, wie schon erwähnt. Ich versuche diese Themen in meinen Tracks aufzugreifen, versuche es anzusprechen, um vielleicht ein paar zum Nachdenken zu bewegen. Ich versuche auch, Leute in Gespräche zu verwickeln wenn so etwas vor kommt. Das ist zugegeben sehr schwer, da die Gespräche meist auf einer derart polemischen Ebene ablaufen, dass auch mir dann der Kragen platzt. Ich kann nur so damit umgehen, dass ich permanent und mit Nachdruck solche Leute kritisiere, sie in keinster Weise unterstütze. Aber viel Handlungsspielraum hab ich eben auch nicht. Ich hab auch schon mit Rappern gesprochen, die was von »schwulen MCs« gefresstylet haben, die danach meinten: »Was homophob!? Mein Bruder is schwul, ich hab nix gegen Schwule«. Klingt unglaublich, ist aber wahr. Womit ich trotzdem die vorhandene Homophobie, den Sexismus, den Antisemitismus, ja selbst den Rassismus den es durchaus noch gibt nicht entschuldigen oder beschönigen will! Ich denke, da muss Mensch einfach abtasten wie weit da tatsächlich eine feindliche Einstellung vorliegt. Der Typ kam ganz schön ins grübeln bei unserm Gespräch. wäre ich direkt auf Konfrontation gegangen, dann hätte er vielleicht nichtmal begriffen, warum ich gerade so austicke…

Sind Dir fitte MC‑ und DJ-Frauen, bzw. schwule HipHop Combos bekannt?
»Schwule HipHop Combos« kenn ich nicht, nein. Ich weiss von genau einem Rapper, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt – das ist Bö von Schönheitsfehler. DJanes kenn ich eher aus dem Reggae/Soundsystem Bereich, im HipHop fällt mir da spontan keine ein, aber ich bin auch nicht unbedingt der Superchecka was Crews angeht. Female MCs gibt es sicher einige die ganz gutes Zeug machen, mir perönlich gefällt da eher wenig von, das liegt aber eher an der Musik als an den MCs. Pyranja kann mensch da sicherlich erwähnen. Wer mich unglaublich fasziniert ist meli von Skills en Masse, mit der ich im September in Hamburg gespielt habe. Die Platte ist ein absolutes Ausnahmeteil im HipHop-realease-dschungel gewesen. Die Texte setzen sich auf sehr interessante Weise mit den Themen auseinander die Meli beschäftigen, mit Sexismus, Rassismus, dem leben in Deutschland als Mensch mit migrantischem Hintergrund. Wenn ich Melis Platte hör, dann hab ich das Gefühl sie rotzt mir ihre Texte vor die Füsse. Das ist ne unglaublich geile Attitüde die sie hat und die mich begeistert wie mich wenige MCs bisher so begeistern konnten.

Du versuchst politische, gesellschaftskritische Inhalte über Deine Musik zu transportieren. Siehst Du Dich selbst als rappendes Propaganda‑ Organ oder vielmehr als Künstler?
Selbstverständlich erhoffe ich mir, mit meinen Texten auch Leute zu erreichen – so wie jedeR MusikerIn sich das für ihre Musik wünscht. Insofern bin ich ganz klar auch Propagandist und trage Verantwortung für jedes Wort, was da auf dem Papier landet. Aber in erster Linie sehe ich mich – auf Musik bezogen – als Künstler. Wenn ich Musik mache dann um mich selbst zu therapieren, um zu verarbeiten was ich sehe, höre, fühle. Das ist meine Intention. Ich könnte ohne beides nicht auskommen, weder ohne radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen, noch ohne Musik.

Deine Vermittlung läuft sehr textbezogen, was sich bei Sprechgesang auch irgendwie aufdrängt. Ist deine Musik nur Beiwerk zu den Lyriks, also nicht viel mehr als die Butter unter der (Tofu‑)Wurst? Welche Bedeutung hat sie tatsächlich für Dich bzw. die Band?

Die Musik ist, auch wenn ich zugegeben sehr textbezogen Musik produziere, sehr wichtig. Musik kann dinge sagen, Stimmungen transportieren und provozieren, die 1000 Worte nicht sagen können. insofern achte ich ganz klar auf meine Sample Auswahl. Eine Melodie an sich kann eine aussage haben. Interessant wird es, wenn die Aussage der Musik nicht mehr zur aussage des Textes passt – eine Spielerei mit der z.B. auch Chumbawamba viel experimentiert. Leute gehen zu Chumbawamba in den Supermarkt um fürs Wochenende einzukaufen und hören dabei »give the fascist man a gun shot«. Diese Vorstellung macht mir Spaß. Auf der neuen Platte wird’s da auch ein paar Experimente geben.

Dein Kollege Jan Delay schmückt sich mit einer Verbalradikalität, die sich aus einer ganzen Reihe leerer Phrasen speist. In der Kulturindustrie wird immer mehr auf linke Codes gesetzt, wie das Punkrock Revival passend illustriert. Auch andere Branchen ziehen da munter mit. So hat Karstadt sich vor einiger Zeit eine Marke namens »Riot« eintragen lassen. Wie gehst Du mit diesem Radical Chic Ding um? Hast Du Angst vereinnahmt zu werden?
Nein. Jan Delay mag durchaus kritikwürdig sein, aber ich finde die Form, wie er mit den Themen umgeht durchaus ansprechend. Er hat ja durchaus eine große Fangemeinde und ihm jetzt einen Vorwurf draus zu formulieren, dass er nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache ist, das find ich fehl am Platz. Er transportiert Inhalt der relativ massenkompatibel verpackt wird, das allein find ich noch nicht anrüchig. Wenn die Industrie jetzt beginnt die Revolution zu vermarkten geht mir das auch am Arsch vorbei. Die vermarkten nur die Oberfläche, meine Ideale hat Karstadt noch nicht aufgekauft und so lange ich die noch in mir habe und mit mir du und alle andern da draußen, können die noch so viel vermarkten, sie werden uns nicht schwächen.

Naja, klar wird marxsche Kritik recht schwer zu advertizen sein. Aber es geht ja hier gar nicht darum, die dicken blauen Bücher popmässig aufzuladen. The (International) Noise Conspiracy, Boy Sets Fire und all die anderen linken Bands und Interpreten jedoch, die sich den Rahmen von Pop nutzbar machen, um Leute zu erreichen, spielen bewusst mit einer linken Symbolik. Sie laden ihre Performance, ihr Image mit radikalen Codes auf, um Distinktionsgewinne zu erzielen oder offensiv auf ihr Publikum einzuwirken. Das fällt den Bands aber auf die Füße, wenn geballte Fäuste, Rote Fahnen bzw. Sterne popkulturell zu einem Erkennungsmerkmal von »irgendwie, verrucht rebellisch« werden. Bedarf eine Linke überhaupt subkultureller Codes, oder sollte sie sich auf den nackten Inhalt beschränken?

Meine Homies von der Roten Antifa Karlsruhe haben immer einen nettes Motto: »Widerständisch und sexy«. Ich finde durchaus, dass sich eine Linke subkulturelle Codes schaffen darf, so lange diese nicht pflichtig als Erkennungsmerkmal dienen und sich der Code in Bewegung befindet. Wenn ein Jan Delay heute noch Palischals in seinen Videos trägt, dann ist das eindeutig daneben. Was ich damit sagen will ist, der Inhalt sollte den Code bestimmen, der Code darf nicht in den Mittelpunkt rücken. Eine Linke die sich nur noch auf Style beschränkt ist keine ernstzunehmende Bewegung mehr. Eine Beschränkung auf den nackten Inhalt wäre meiner Meinung nach aber dennoch absolut falsch. Es liegt immer noch an den Konsumenten, zu unterscheiden was »real« und was »fake« ist. Die Leute die sich ernsthaft mit linken idealen auseinandersetzen werden auch weiterhin merken, wer wirklich meint was er sagt und wer sich nur der Verkleidung bedient. Leute die nicht mehr fähig sind hier zu unterscheiden befanden sich auch vorher schon auf dem Holzweg, denke ich.

In Deinem Song »Der Panther« singst Du: »doch ich stell mich neben die, die heut im Schussfeld stehn, denn noch einmal darf keiner von uns weg sehn.« Der Ruf nach einem geläuterten, zivilgesellschaftlichen Deutschland?
Hm, für diese Zeilen hab ich schon einige sicherlich berechtigte Kritik einstecken müssen. Zu unterstellen, alle hätten damals weg gesehen erscheint mir heute eher falsch formuliert. Denn weg sehen tun die Wenigsten, das hat auch der feige Mord an Adriano gezeigt. Die haben nicht weg gesehen. Die haben hin gesehen. Und sich aufgeregt. Und sogar die Polizei verständigt. Wegen Lärmbelästigung. Was ich damit ausdrücken wollte war einfach diese apathische Stimmung, die die Menschen hier an den Tag legen. Ich erwarte nicht, jetzt Massen für die Revolution auf der Strasse zu sehen, das scheint mir mit Kaltlands »Lightkultur« doch mehr als unwahrscheinlich. Jan Delay hat gesungen »Jetzt kämpfen die Menschen nur noch für Hunde und Benzin«. Tun sie das denn? Hier kriegt keiner mehr seinen Arsch hoch, nicht mal mehr für Hunde und Benzin, höchstens noch gegen »die Amis«, aber für pauschalrassistische Aussagen haben die Deutschen anscheinend einfach ein Händchen.

Ehrlich gesagt, macht mich das auch nicht wirklich traurig. Mir sind lethargische Deutsche allemal lieber, als ihr moralisches Aufbegehren zur Volksbewegung. Wenngleich diese Analyse ernüchternd ist, trifft sie doch zu. Muss man sich nicht angesichts dessen, »was deutsch ist« von einem Begriff, wie dem der Revolution trennen, auf den Du Dich ja schon recht stark beziehst? Ist er nach Auschwitz in Deutschland überhaupt haltbar, wo doch klar ist, dass sich Revolution hier nur mit dem Präfix »National« machen lässt?
Eben das meinte ich, insofern ist auch da meine Hoffnung oder nennen wir es mein naiver Optimismus inzwischen gestorben. Aber für mich persönlich ist der Traum einer Revolution nicht tot zu kriegen – er ist und bleibt Motivation für mein handeln. Das ist sehr idealistisch, aber ohne Idealismus würde ich glaube ich verzweifeln in dieser Situation. Ich denke ich kann schon am Gedanken der Revolution festhalten, denn meine Vorstellung von Revolution unterscheidet sich genauso radikal von einer »deutschen Revolution«, wie sich mein Wunsch nach Frieden vom »deutschen Frieden« unterscheidet. Und genauso wenig wie ich jetzt mit Leuten wie der »bueso« auf der Straße stehe und für ihren scheinheiligen Frieden demonstriere würde ich später mit solchen Leuten auf der Straße stehen. Denn was deutsche »Volksbewegungen« bisher erreicht haben, wird ja heute leidenschaftlich verdrängt.

Ist Antifa als Bezugsgrösse einer Linken nach dem 11.September überhaupt noch haltbar? Hat sich doch gerade in der eklatante Lähmung nach den antisemitischen Taten in New York und Washington die Unfähigkeit der Bewegung gezeigt, Antifa auf die Höhe der Zeit zu bringen und den Begriff des Faschismus auch an den neuen Zuständen, dem Hass auf Israel und dem Aufbegehren der antisemitischen Internationalen zu schärfen.

Ein Thema an dem sich die Geister scheiden. Die einen leugnen den Antisemitismus vom 11 September, die andern schlagen sich mit ehemaligen GenossInnen über Israel und Palästina die köpfe ein. DIE Antifa gab es meiner Meinung nach nie und wird es wohl auch nicht mehr geben. Die Definition von Antifa wird sich im Verlaufe der Jahre immer wieder ändern und neu definieren. Wichtig scheint mir aber, dass die Leute, die eben diese Antifa »Szene« bilden auch zu Neudefinitionen bereit sind. Und da scheint mir oftmals eine Bereitschaft mehr als fragwürdig. Die Szene ist unheimlich träge und unheimlich traditionsfixiert, alte, längst nicht mehr tragbare Konzepte und Ziele werden verfolgt, andere vernachlässigt. Ich bin mir da selbst nicht schlüssig inwiefern »die Antifa« noch einen revolutionären Character hat. Trotzdem, es geht mir hier nicht darum das alles zu verteufeln. Wir müssen einfach beginnen weg von alten Stereotypen zu neuen Ideen zu kommen.

»Lasst euch nicht lähmen von Konsum und Genuss« heißt es in den »Neue(n) Kreise(n)«. Für mich steht Genuss und Maßlosigkeit für eine Leben ohne Entfremdung und Zurichtung? Ist es nicht trefflicher, ihn auch und vor allem in der heutigen Gesellschaft, als erste Abschlagszahlung auf den Kommunismus zu begreifen?
Der heutige Konsum und Genuss repräsentiert aber gewiss nicht den Genuss den ich mir vorstelle, nach der Revolution. Für beinahe alle meine Freuden müssen irgendwo andere leiden, an allem was mir Freude macht verdient der Staat ordentlich mit, vieles was ich konsumieren und genießen kann verfolgt mehr oder weniger den Zweck mich zu lähmen, mich vom nachdenken abzubringen, mich zu manipulieren, mich ruhig zu stellen. Ich kritisiere nicht den Genuss an sich, aber er soll zum Ziele des Genusses sein und nicht zur Befriedigung von Frustration oder als Ruhig‑ Stell‑ Droge. Krieg den Hütten – Paläste für alle!

Wie sieht’s bei Dir in der Zukunft aus? Ich hab gelesen, dass Du für den nächsten Sommer eine neue Platte planst. Erzähl mal was darüber.
Die Produktion der Platte läuft auf absoluten Hochtouren, 40 Minuten sind bereits komplett fertig recordet. Das teil wird – in Anspielung auf die vermehrte Justizpräsens hier in meiner Umgebung – »Rapression« heißen. Es sind einige Features geplant, unter anderem mit alten Bekannten aus der Szene, die inzwischen keine Musik mehr machen, es ist eine Kollabo mit Teilen der Bands »Positives Licht« und »Irie Revoltes« aus Heidelberg (www.irie-revoltes.com) geplant, die eher Ragga/Reggae machen, evtl. gibt es sogar eine Zusammenarbeit mit einem Hardcore Sänger, aber was daraus wird steht bisher noch in den Sternen. Der Sound hat sich ziemlich verändert im Vergleich zur »Neue Kreise«, auch der Rap Stil ist – hoffe ich – ein gutes Stück voran gekommen. Die Beats werden von vorne bis hinten nur von mir produziert sein, so dass das Teil wirklich im wahrsten Sinne des Wortes ne »Solo-Platte« wird. Geplant ist mit einem kleinen Indie-Punk/Hardcore Label auch eine kleine Stückzahl von Vinyl-Pressungen, die Release Party wird in der ExSteffi in Karlsruhe statt finden, aller Wahrscheinlichkeit nach im Juni/Juli 2oo3. Thematisch wird es eine Fortsetzung der »Neuen Kreise« sein, natürlich auf anderer Ebene behandelt und erweitert um einige Themen, wie z.B. auch dieses -Phänomen, dass Hannes und Murat in ihrem Buch »Fear of a Kanak Planet« behandeln.

Du sagtest gerade, dass Du Deine Platte auf einem Indie‑ Label rausbringen willst. Davon mal abgesehen, dass man einer kleinen Plattenfirma damit auf die Beine hilft, macht es überhaupt einen Unterschied, auf einem Major‑ oder einem Minilabel zu veröffentlichen? Kulturindustrie ist schließlich Beides.
Klar gibt es unterschiede. Da gibt’s zwei Aspekte, die ich besonders wichtig finde, der eine ist idealistisch zu betrachten, der andere ist meine ganz persönliche Empfindung. Zum einen sollte Kultur meiner Meinung nach eigentlich frei sein, ohne damit verbundene kosten. Ein major label ist natürlich, wie andere unternehmen auch, ein teil des Kapitalismus und kalkuliert z.B. die preise (die ja im Endeffekt für die KäuferInnen spürbar sind) nach Wirtschaftlichkeit – also möglichst billig produziert und dann am Oberlevel der Schmerzgrenze wieder verkauft. Ein Indie-Label ist meist von Leuten wie Dir und mir gegründet und betrieben, die stecken da Herzblut rein und haben selbst noch einen Anspruch, z.B. was sie »signen« und was sie eben nicht unterstützen. Und ich wage zu behaupten, dass Indie Labels versuchen den Preis so klein wie möglich zu halten und die Qualität so gut wie möglich herzustellen. Zumindest so, dass eben das Preis-Leistungs-Verhältnis (das hört sich alles furchtbar an) stimmt. Meine persönliche Vorliebe für Indies liegt zum einen darin dass sich sowieso kein Major für meine Musik interessiert, weil die Erfahrung zeigt, dass Rap mit politischen texten nun mal schwerer in den Regalen steht als das übliche Gesabbel. Zum anderen kenn ich gern die Leute die meine Musik »vermarkten«, denn sie spielen mit meiner Identität. Und wenn das halt die Andrea aus Dingenskirchen macht, die mich kennt und mich einschätzen kann, die ich jeden Samstag in der ExSteffi (besetztes haus in karlsruhe) auf Parties treffe dann ist das besser als wenn das die Telefonnummer 040–0815 macht, deren Gesicht ich höchstens gesehen hab als wir beim Geschäftsessen die Vertragsmodalitäten besprochen haben.

Noch ein paar Worte zum Schluss?
Wenn ich noch Werbung machen dürfte, dann würd ich gern noch sagen, dass es sich in nächster Zeit lohnen wird mal www.hiphop-partisan.net zu checken. Hannes loh, Murat Güngör, Microphone Mafia, Deadly T, meine Wenigkeit und viele andere initiieren da gerade ein Projekt, dass sich etwas kritischer mit der HipHop-Szene auseinandersetzt, die Homepage ist noch nicht online, aber ein Board gibt es bereits in dem schon heftige Diskussionen statt finden. Natürlich freue ich mich auch über euren Besuch auf www.chaozemc.de. Respect geht raus an die Partisanen, meine Acid Posse, Irie Revoltes, die Karlsruher, Heidelberger, die Liste ist lang…Danke für eure Unterstützung! Und nicht vergessen: »Rapression« kommt im Sommer dieses Jahr – und das teil wird ne Bombe! Und: halt’s Maul!


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