Gay Edge Liberation

Von Wauz

B. ist 22, liebt Hardcore und ist schwul. Alles klar? Leider nicht. Denn auch über 25 Jahre nach dem ereignisreichen Besuch der Bad Brains in Texas haben viele Hardcorekids noch nichts dazugelernt und Schwulenfeindlichkeit ist noch immer an jeder Ecke vorzufinden. Doch anstatt der Szene angewidert und frustriert den Rücken zu kehren hat sich B. entschlossen lieber aktiv was zur Veränderung der Zustände beizutragen und die Organisation Gay Edge Liberation ins Leben gerufen, mit der er konkret in der Punk‑ und Hardcoreszene Homophobie thematisieren und angreifen will.

Beatpunk Webzine (Wauz) : Gibt es sowas wie typische Fragen, die du immer zu hören bekommst, wenn deinem Gegenüber bewußt wird, dass du homosexuell bist? Was sind da so die Standardfragen, die immer gleich kommen?
Gay Edge Liberation (GEL): Bevor irgendwelche Fragen kommen, wird mir meist nur erstmal gesagt, dass sie nie geglaubt hätten, dass ich schwul bin, da ich keines der Klichees erfülle, die sowieso auf generellen Vorurteilen beruhen. Als Standardfrage kommt dann sehr häufig, wie ich es denn bemerkt hätte dass ich schwul bin, woraufhin ich dann immer die Gegenfrage stelle, wie man es merkt, dass man hetero ist. Man ist es einfach…

Wie sehr nervt es dich, deine eigene Sexualität in solchen Situationen erklären zu müssen? Das würde einem Hetero ja so nie passieren. Und: machen wir uns nichts vor, auch hier in diesem Interview ist schon wieder deine Sexualität, eigentlich deine Privatsache, ein Thema.
Also so wirklich nerven tut mich das nicht, da ich es nicht jeden Tag und jedem gegeüber erklären muss. Das sind, wenn, dann Freunde und Bekannte, wobei eigentlich alle meine Freunde sowieso Bescheid wissen und sowas schnell die Runde macht. Also ich muss auch nicht jedem auf die Nase binden, dass ich schwul bin, da das einfach meine Sache ist, aber wer mich anständig fragt, bekommt auch eine Antwort. Aber mit dem Fragen tun sich die meisten sowieso schwer wie ich gemerkt habe, da sie nicht genau wissen, ob ich nun wirklich schwul bin oder nicht … und die Frage wäre anscheinend peinlich wenn ich es dann doch nicht bin … von daher sehe ich das Ganze eher gelassen und mach mir da meinen Spaß draus!

Du hast vorhin schon das Thema Klischees angesprochen und dass du eben jenen nicht entsprichst. Was ist denn neben »unmännlich« so das gängige Vorurteil, dass dir entgegengebracht wird?
Viele haben eben doch das typische »Schwulenbild« im Kopf, von dem sehr femininen, Hüftjeans‑ und bauchfreiem Shirt tragenden und mit dem Arsch wackelnden Typ, der zudem auch noch durch sein total lautes und überdrehtes Verhalten auffällt. Sicherlich gibt es auch sehr viele dieser Typen, die das Bild auch noch festigen, aber genauso gut gibt es auch viele, denen man es nicht gleich anmerkt, da sich sich wie jeder andere Mann auch verhalten. Die Sache ist nur die, dass die Männer, denen man es nicht sofort anmerkt dann auch nicht auffallen und kein bestimmtes Bild prägen.

Gab es für dich einen konkreten Auslöser GEL zu gründen?
Einen konkreten Auslöser gab es so gesehen nicht. Schon seit längerem gingen mir die homophoben Äußerungen auf manchen Shows und auch generell total auf die Nerven und auch die Tatsache, dass Homophobie als Problem viel zu selten in der »Szene« angesprochen wird. Da es diverse Organisationen und Gruppen zum Kampf gegen Nazis gibt aber keine zum Kampf gegen Homophobie fande ich es längst an der Zeit, so etwas selbst ins Leben zu rufen.

Warum war es für dich wichtig, eine Aktion zu starten, die sich ganz spezifisch an die Punk/Hardcore-Szene richtet und nicht an die »Allgemeinheit«?
Da ich aus der Punk/Hardcore Szene komme und diese sich eigentlich nicht der Allgemeinheit zugehörig fühlt, wollte ich mich speziell an diese Menschen richten, denn meiner Meinung nach zählt eine anti-homophobe Einstellung genauso zu dem Punkt Toleranz und sich dadurch von der breiten Masse abzuheben. Für die Allgemeinheit gibt es diverse Organisationen und Veranstaltungen wie z.B. den Lesben‑ und Schwulenverband Deutschland (LSVD) und den Christopher Street Day.

Was macht für dich die Szene aus? Was zählt für dich alles dazu? Wo willst du intervenieren?
Zur Szene zählt für mich eben Toleranz, Akzeptanz, Gemeinschaft, Engagement, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, aber natürlich auch auf Konzerte zu gehen und vor allem auch kleinere Bands zu supporten, man selbst zu sein und sein Teil dazu beitragen, dass so eine Szene bestehen bleibt und sich vielleicht auch positiv weiterentwickelt. An Toleranz und Akzeptanz mangelt es doch noch des öfteren, da in der Szene teilweise die selben Vorurteile vorhanden sind, wie in der Gesellschaft generell. Ich finde es wichtig sich mit dem Thema Homosexualität auseinanderzusetzen, um festzustellen, dass diese Vorurteile wirklich nur Vorurteile sind. Mit Sicherheit gibt es auch Menschen, die diese Vorurteile bestätigen. aber auch mehr als genug, die das absolute Gegenteil sind, so wie bei allem eben. Jede/r sollte direkt verbal gegen homophobe Aussagen vorgehen, um diese zu stoppen.

Wie sehen solche Äußerungen aus? Ziehst du da eine Grenze zwischen einem »blöden« Spruch/Witz und konkret anti-homosexuellen Aussagen oder schlägt für dich beides in die selbe Kerbe?
Meiner Meinung nach sind gerade diese »blöden Sprüche« und Witze das gefährliche, denn es sind ja »nur« blöde Sprüche hinter denen angeblich nichts steckt. Leider lässt sich in blöden Sprüchen Ernst verpacken und jeder lacht darüber, weil es mit Humor rübergebracht wird oder echt nur als blöder Spruch abgestempelt wird. Ich denke, dass auch das Phänomen »Das ist doch voll schwul« (im negativen Sinne) als blöder Spruch aufgetaucht ist und mittlerweile aber von viel zu vielen Menschen benutzt wird, wodurch andere verletzt werden, es gesellschaftlich aber akzeptiert wird so einen Spruch von sich zu geben. Wenn hingehen jemand sagt »Scheiss Juden«, werden gleich die Ohren aufgestellt und dagegen vorgegangen.

Ich bin mir sicher, dass ein Haufen Leute dann in so einem Moment empört aufschreien und mit Argumenten kommen wie »Nur, weil man sowas sagt, ist man doch noch lang nicht schwulenfeindlich!«, oder dich als PC-Spaßbremse abstempeln. Was hast du dem entgegenzusetzen?
Klar sind blöde Sprüche nicht gleich schwulenfeindlich, aber sie sind genauso unangebracht, wie sich über behinderte Menschen lustig zu machen. Über einen dummen Witz von den richtigen Leuten kann ich durchaus auch lachen, aber etwas als »schwul« im negativen Sinne abzustempeln oder generell das Wort »Schwuchtel« lass ich mir von niemandem gefallen. Ich würde mich nicht als 100 % PC beschreiben, aber ich habe gewisse Grundsätze für die ich einstehe und die mir wichtig sind.

Dein Sampler heißt allerdings »Rotten Schwuchtel Sampler«. Willst du dem Wort die beleidigende Kraft nehmen, indem du es in einen so positiven Kontext stellst?
Genau so siehts aus! Hat aber auch eine kleine Hintergrundgeschichte, die mehr oder weniger witzig ist, aber der Name dadurch auch einfach entstand. Meine Schwester nannte mich mal irgendwann »dreckige Schwuchtel«. Habe das einem Kumpel erzählt, während wir gerade sinnlose Wörter in einen Online-Translator eingegeben haben. »Dreckige Schwuchtel« wurde dann mit »Rotten Schwuchtel« übersetzt und somit entstand aus einer negativen Aussage der Samplername.

Erzähl doch einfach mal die Geschichte dieses Samplers, von der Grundidee bis zur Fertigstellung. Wer hat mitgeholfen/ist beteiligt? Wie kam der Kontakt zu den jeweiligen Bands? War es schwer an manche ranzukommen? Es sind ja schon ein paar etwas größere Namen dabei.
Das war alles in allem eine sehr langwierige Sache den Sampler bzw. das Samplerpaket fertigzustellen. Die Idee zu dem Sampler kam mir, als ich – wie schon – erwähnt, festgestellt habe, dass es doch einige Bands mit anti-homophoben und pro-gay songs gibt, jedoch bisher noch keinen Sampler dieser Art existiert. Recht schnell habe ich dann mit den Bands von denen ich wusste, dass sie einen passenden Song haben Kontakt aufgenommen und gefragt, ob sie mir den Song kostenlos für diesen guten Zweck zur Verfügung stellen würden. Da das leider nur eine Handvoll Bands war habe ich dann noch andere Bands angeschrieben, die vermutlich auch solche Songs haben könnten und nach Empfehlungen gebeten, ob sie noch andere Bands wüssten. So kamen dann nach und nach immer mehr Bands zusammen. Hauptsächlich habe ich mich eher um die Hardcore Bands gekümmert und für die punkigeren Bands bekam ich Unterstützung von Meineid Buttons, der auch für das ganze Artwork, Layout usw. zuständig war. Der Samplername war dann auch recht schnell gefunden, wie in oben beantworteter Frage geschrieben. Wir wollten aber nicht nur einen einfachen Sampler rausbringen, sondern das ganze zu etwas Besonderem machen und so kam es dann zu dem Package bestehend aus Tape, Textblatt, Button, Aufnäher, Sticker und CD-R, verpackt in einer Art »Wundertüte« mit einem Infotext zu dem Sampler. Alles wurde aus eigener Tasche finanziert und teilweise auch drauf gezahlt, aber das war/ist das ganze wert.

Was sind deine Zukunftspläne für GEL? GEL ist ja mehr oder weniger ein Ein-Mann-Projekt, wird das so weitergehen, oder wird das expandieren?
An sich ist es ein Ein-Mann-Projekt das stimmt, aber ich hole mir immer wieder mal bei Bedarf Unterstüzung von Freunden und Bekannten wie z.B. in Sachen Grafiken. Ich denke das wird auch in Zukunft so weitergehen, da es ja nur ein kleines überschaubares Projekt ist. Als nächstes steht noch die Zweitauflage des Tapesamplers aus. Ausserdem würde ich gerne ein Konzert inklusive Vorträgen und anschließender Party organisieren, was aber noch sehr viel Planung bedarf. Aber das alles ist immer schwer realisierbar bzw. dauert seine Zeit, da ich das Meiste aus eigener Tasche finanziere. Mein Hauptanliegen mit GEL ist es in erster Linie sowieso Menschen zum Nachdenken zu bewegen und meinen Teil zum Kampf gegen Homophobie beizutragen.


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  1. critical mouse 10.03.2009 / 11:32 am

    GEL halte ich für ein wichtiges und dringend notwendiges Projekt. Danke dafür! Und auch für das Interview.
    Allerdings schade:
    Erstens der unnötige Vergleich zwischen Antisemitismus und Homophobie, der meines Erachtens eben auch nicht so gezogen werden kann.
    Zweitens die These des Interviewten, manche Schwule bestätigten Vorurteile. Homophobie ist Ausdruck identitärer Selbstvergewisserung und heteronormativer Abgrenzungsbedürfnisse und eben nicht Reaktion auf erfahrbare Eindrücke.

  2. […] soll das interview mit »gay edge liberation« auf beatpunk und das konzert mit dean dirg und anderen am samstag in der sturmglocke empfohlen […]

Reiss die Fresse auf:

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