Von Peter Stack
Es scheint, als würde ich die meisten interessanten Projekte, mit denen ich Interviews mache, durch Zufall entdecken. Diesmal war es eine Filesharing-Community, in der ich Filme von Guy Debord (Situationistische Internationale) fand. Ich hatte nach diesen Filmen schon sehr lang gesucht und war sehr entzückt über meinen Fund. Der Name der File hatte ein »Ubu.com« in Klammern – auf diese Weise hörte ich das erste Mal von UbuWeb. Das Interview habe ich mit Kenneth via Email geführt. Von Peter Stack
Woher kommt der Punk-Spirit bei UbuWeb?
Wenn es um Community und den radikalen Begriff von dezentralisierter Verbreitung geht, gibt es eine große Verbindung zwischen den Arbeiten, die wir auf UbuWeb präsentieren und der DIY Punk-Szene. »Mail art« wäre ein weiteres wichtiges Beispiel für UbuWeb’s Einstellung. Avantgardistische Soundexperimente – genauso wie Poesie, optische Poesie und »concrete poetry«, etc. – hatten zu keiner Zeit irgendeinen großen kommerziellen Wert und bettelten geradezu danach, weitergegeben und innerhalb einer kleinen Gruppe von interessierten Menschen, wie es zum Beispiel im fruehen Punkrock der Fall war, geteilt zu werden. Des weiteren haben die meist in kleinen Auflagen selbst produzierten Mediensachen auf UbuWeb ihren Weg durch den Underground gemacht. Also sehr ähnlich dem Punk und der frühen Independent Musik, mit dem Unterschied jedoch, dass es nicht der schrullige Plattenladen an der Ecke ist, der die Sachen vertreibt, sondern jetzt das Material für umsonst online zur Verfügung steht. Trotzdem ist es noch immer sehr Underground und du musst zumindest einen Anhaltspunkt haben, um das zu finden, was du suchst.
Eine weitere Verbindung könnte die Zurückweisung von Autorität sein, da ihr bei den Dingen, die ihr auf eure Website stellt, nicht um Erlaubnis fragt.
Natürlich. Ein Resultat des DIY‑/Punk-Ethos ist es, dass das intellektuelle Eigentum eines Individuums einer Community als eine gemeinsame Ressource für Bildung, Unterhaltung, etc. – eine kulturelle Ressource – zur Verfügung gestellt wird und im Gegenzug sicher sein kann, dass diese Gabe nicht für kommerzielle Zwecke missbraucht wird. Auf UbuWeb wird nichts verkauft, stattdessen werden die Sachen einer interessierten Community zugänglich gemacht. Auch bieten wir keine Arbeiten an, die noch erhältlich sind. Denen, die das Risiko eingehen, das Material zu vertreiben (wie klein der Gewinn auch sein mag), wollen wir nicht in den Rücken fallen. Sollten die Arbeiten aber nicht mehr erhältlich sein, dann verstehen wir es als einen Dienst an der Community, diese Arbeiten, ohne Erlaubnis, wieder in Umlauf zu bringen. Wie auch immer, wenn einE KünstlerIn darum bitten sollte, dann nehmen wir die Arbeiten von der Website – dies passiert allerdings kaum. Ganz im Gegenteil erhalten wir oft noch mehr Material, um es zu veröffentlichen. UbuWeb hat inzwischen so einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, dass viele KünstlerInnen es als wichtig betrachten ihre Arbeiten da vertreten zu sehen.
Dem wäre vielleicht nicht so, wenn UbuWeb weniger BesucherInnen hätte.
Nun ja, es war nicht immer so. UbuWeb existiert bereits seit 10 Jahren, und was als eine Lagerstätte für ausschließlich optische Poesie und concrete poetry begann, umfasst jetzt alle Aspekte der Avantgarde (was auch immer dieser Terminus bedeuten mag, da sich die Bedeutung von »Avantgarde« ständig verändert). Es ist abzusehen, dass UbuWeb in diesem erweiterten Feld der Avantgarde immer weiter wachsen wird, bis zu dem Punkt, wo Menschen, die etwas suchen, das ganz vage nur mit der Avantgarde zu tun hat, zuerst UbuWeb besuchen. Die Website beinhaltet bereits Texte, Bilder, Filme & Audiomaterial, und wird sich weiter vergrößern, bis alle Bereiche, auch Tanz und Theater, repräsentiert sein werden.
Auf eurer Website findet sich ein Statement, dass Material, welches nur für extrem hohe Preise oder kaum noch gefunden werden kann, auch verfügbar gemacht wird.
Ja, wir sind so etwas wie die Robin Hoods der Avantgarde. Wir nehmen die Sachen von Filesharing-Communities, zu denen nur ein paar wenige Menschen mit dem nötigen Know-How Zugang haben und machen sie für alle Menschen mit einer high-speed Internetverbindung zugänglich. Auch wenn wir normalerweise nicht mehr erhältliche Sachen wieder zugänglich machen, protestieren wir von Zeit zu Zeit gegen das Profitmachen auf Kosten der Avantgarde (gegen die, die mit dem Verlangen von Unsummen es den Menschen unmöglich machen an die Sachen zu kommen).
Kannst du mir ein Beispiel geben, für etwas, dass ihr aus Protest online gestellt habt?
Das sollte ich besser nicht tun.
Seid ihr jemals in Konflikt mit DEM GESETZ gekommen?
Nein, wenn es verlangt wird, dann nehmen wir die Sachen offline, entschuldigen uns und das scheint dann auch genug zu sein. Du darfst nicht vergessen, dass das Material, mit dem wir hantieren nicht wirklich als Einnahmequelle herhalten kann. Deswegen haben die Copyright-InhaberInnen auch kein Geld, mit dem sie uns Ärger machen könnten.
Wie entscheidet ihr, was auf UbuWeb online gestellt wird? Diskutiert ihr das Material im Vorfeld oder wird einfach alles genommen, was ihr bekommen könnt (und zur Avantgarde) gehört? Ich denke dabei an einen Film von Otto Mühl, über den ich ein paar sehr befremdliche Dinge gelesen habe. Er soll so etwas wie der Chef einer Kommune gewesen sein, die »Fickpläne« hatte, welche auch die Teilnahme von Kindern beinhalteten. Mühl ist deswegen auch verurteilt worden.
Es liegt voll und ganz beim Editor des jeweiligen Bereiches, was da erscheint. Die meisten Sachen erhalten wir via Filesharing und ja, wenn etwas zur Avantgarde gehört, hat es natürlich eine größere Chance mit aufgenommen zu werden. Besonders groß sind die Chancen im Filmbereich, der keiner Redaktion unterliegt und vielmehr eine Sammlung von Materialien ist, dass wir gefunden haben bzw. uns von BesucherInnen (u.a. über Yousendit.com) zugeschickt wurde. »Moral« ist ein schwieriges Thema und es sollte genügen, wenn ich sage, dass die größten KünstlerInnen nicht gerade vorbildliche BürgerInnen waren.
Die Annahme, was ein großer Künstler/eine große Künstlerin ist, mag sich auch ändern.
Ihr versucht also jede Form von Wertung außen vor zu lassen. Ich möchte dich nicht auf dieses Thema festnageln, aber Otto Mühl wurde zu 7 Jahren Gefängnis wegen Vergewaltigung und Missbrauch von Minderjährigen verurteilt. Dies ist doch eine ernste Angelegenheit, mit der ihr euch auseinandersetzen müsst, wenn ihr eine derart große (und vielfältige) Menge an Material akkumuliert.
Auf keinen Fall. Wir repräsentieren die Arbeiten der KünstlerInnen, sind jedoch nicht für deren Tun verantwortlich. Die Entscheidung, wie damit umgegangen wird, entscheiden die BesucherInnen selbst. Zensur oder moralische Einschätzung ist etwas, woran wir absolut nicht glauben.
Avantgarde scheint einer der Hauptentscheidungskriterien dafür zu sein, was zu UbuWeb passt und was nicht. Wie würdest du »Avantgarde« definieren und was macht sie so besonders?
Die Idee »Avantgarde« ist immer in Bewegung und definiert sich ständig neu. So wie sich die Website in den letzten Jahren immer mehr vergrößert hat, so hat es auch ihr Einfluss getan. Wir benutzen »Avantgarde« als ein Mittel, um viele Dinge, die möglicherweise auch als unpassend betrachtet werden, einzubeziehen. Vor 10 Jahren zum Beispiel wurde die »outsider«-Kunst überhaupt nicht in der Avantgarde berücksichtig, heute ist sie ein zentrales Moment. Die Außengrenzen bewegen sich nach innen und das Innen nach außen.
Hat die Avantgarde deiner Meinung nach eine besondere Mission, so etwas wie ein Gegengewicht zur Gesellschaft?
Ich denke schon, dass sie eine wichtige Antipode zur Zielstrebigkeit der westlichen Kultur und der Produktivität des Kapitalismus darstellt. Letztendlich ist dies vielleicht das größte Geschenk der Avantgarde. Nicht vergessen: Poesie erfüllt keinen Zweck. Und indem wir dies auf UbuWeb, einem kostenlosen und freien Raum, anwenden, versuchen wir Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Internets zu leisten.
Aber glaubst du nicht, dass es da ein Manko gibt? Die meisten KünstlerInnen, die UbuWeb ihre Werke anbieten, werden mit dem, was sie machen, Geld verdienen müssen. Von einem ökonomischen Standpunkt aus gesehen mag es eine weise Entscheidung sein, der gut besuchten und sehr umfangreichen Website Ubu.com das Material anzubieten, um damit neue potentielle Kunden anzulocken.
Die traurige Realität ist leider, dass innovative SoundkünstlerInnen kaum Geld mit ihren Arbeiten verdienen. Finanzieller Nutzen ist nicht das Ziel. Das ökonomische Model tendiert hier eher dahin, interessierten Menschen das Material zugänglich zu machen (»gift economy«). Es gibt keinen Menschen, der von Sound-Poesie jemals leben konnte, aber es gibt eine Menge toller anderer Folgen, die das Nutzen von UbuWeb hat.
Lass’ mich dir eine lustige Geschichte erzählen. Vor ein paar Jahren wurde ich zu einer Lesereise durch Skandinavien eingeladen. Die kompletten Ausgaben für mich und meine Familie wurden dabei übernommen. Ich hielt Lesungen vor begeisterten ZuhörerInnen in überfüllten Häusern, gab Radio‑ & Fernseh-Interviews und die größten Tageszeitungen waren voll mit meinen Gedichten. Und jetzt zur Pointe der Geschichte: Kein einziger Mensch in Skandinavien hatte jemals ein Buch von mir (ich habe 8 Bücher veröffentlich und nie Gewinn damit gemacht) in den Händen gehalten. Sie kannten meine Arbeiten einzig von UbuWeb. Du siehst also, was es für tolle und überraschende Effekte haben kann, seine Arbeiten, einer gut besuchten Website wie UbuWeb zur Verfügung zu stellen.
Ein weiterer Kommentar, den ich machen möchte bezieht sich auf deine Bemerkung vom »kostenlosen und freien Raum«. Dies erscheint mir irreführend zu sein, da UbuWeb für die BenutzerInnen kostenlos sein mag, aber trotzdem Geld und Zeit kostet, im Kapitalismus existiert.
Unsere ökonomische Struktur ist extrem einfach: Ich zahle $50 für meinen Internetprovider im Monat. Der Speicherplatz und die Bandbreite werden von verschiedenen Universitäten kostenlos zur Verfügung gestellt. Wir haben also große Freiheiten. Es gibt auch keine Angestellten, alles läuft auf freiwilliger Basis. Natürlich geht nichts ohne Kapital, wir versuchen jedoch uns so weit wie möglich davon fern zu halten.
»Concrete poetry«, du hattest dies bereits erwähnt, was bedeutet es?
Die »concrete poets« waren eine internationale Bewegung nach dem 2. Weltkrieg, die mit ikonographer und signatorischer Sprache versuchte, eine über die Landesgrenzen hinaus lesbare Sprache zu entwickeln. Die Sound-PoetInnen waren die auditive Parallele dazu. Zu den Köpfen der »concrete poetry« Bewegung gehörten Augusto & Haroldo de Campos aus Brasilien und Eugen Comringer aus der Schweiz. Die Geschichte der Bewegung ist auf UbuWeb ausführlich dokumentiert.
Als du über die Zukunft von UbuWeb gesprochen has, erwähntest du bereits Tanz und Theater als etwas, das du mit einbeziehen willst. Denkst du dabei an Videomitschnitte von Aufführungen und was kann von UbuWeb noch in der Zukunft erwartet werden?
Ich glaube, UbuWeb wird sich auch in Zukunft enorm vergrößern. Im Vergleich dazu, wie es in, sagen wir 5 Jahren, sein wird, ist es jetzt noch sehr klein. Dem Wachstum von Bandbreite und Speicherplatz sind keine Grenzen gesetzt und UbuWeb wird sich in die Richtung entwickeln, die die Avantgarde, die Extravaganz oder die Abenteuerlustigen zu nehmen gedenken.
Kenneth, vielen Dank für das Interview!
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