Es ist jetzt schon einige Jahre her, dass ich mich mit meiner damaligen Freundin und mächtig Stress im Gepäck auf der Suche nach einem, auch für mich bezahlbaren, entspannenden Urlaub machte. Obwohl Flugangst und Abneigung gegen große Gewässer, gepaart mit einer noch größeren Abneigung gegen Hinterwäldler und Hippies es eigentlich hätten verhindern müssen, landeten wir schließlich auf der so unglaublich kleinen aber wunderschönen Kanaren Insel La Gomera. Al s ich nun in der letzten Jungle World Ausgabe einen ganz netten Bericht über die Mini-Insel gelesen habe, kam mir die Idee, den nicht viel versprechend klingenden »Valle Boten« (eine Art Inselzeitung von und für deutsche Immigranten) mal anzuklicken und bin dabei auf einen sehr lustigen Beitrag über den »Ausnahmezustand im Valla Gran Rey« gestoßen.
Wie auch immer, eine völlig unnützer Blogeintrag meinerseits, aber »leicht« ironische und subjektive Berichte über Polizeieinsätze mit Sätzen wie »und wer glaubt, er könne auf Gomera uniformiert den Dicken machen und den Leuten hier zeigen, dass er sie im Grunde für nichts als eine Horde ungebildeter Bananenbieger am Dingens der Welt hält, der irrt sich. Und kriegt auf die Glocke«, bringen einfach mehr Spaß beim Lesen, als die von den hiesigen Zeitungen abgedruckten Pressemitteilungen der Polizei.
Nun sei dazu gesagt, just an der Stelle, wo sich die mäßig organisierte Staatsmacht aufstellte, um das Tal der Widerspenstigen zu stürmen, saß ich vor ein paar Jahren mit meiner Freundin und zwei Insulanern beim Kaffee und sprach über die »Frente Liberacion de Canaria /Gomera« Graffiti an manchen Wänden. Der studierte Taxifahrer mir gegenüber erklärte daraufhin, im seien die scheissegal. Wir befänden uns hier in seinem Arure (eben das Dörfchen) und er ist die Frente Liberacion de Arure. Damals fragte ich mich noch, ob der junge Mann mich nur verarscht und meine sehr beschränkten Spanischkenntnisse (»si«, »no« , »no hablo espanol«, »puta madre«) verhinderten einfach, eine eventuelle Ironie als solche zu identifizieren. Nach der Lektüre dieses, für eine Zeitung mehr als ungewöhnlichen Berichtes, musste ich jedenfalls an meinen Taxi fahrenden Freund von damals denken und stellte mir vor, wie er wohl so dasteht, mit einem großen Knüppel und einem noch breiterem Grinsen der anrückenden Guardia Civil entgegenstrahlt. Und immerhin auffällig, ein Polizeiknüppel wegen eines Joints auf einer Fiesta kann im vermeintlichen hippieesken »Tal der Könige« mehr (und besser organisierten) Aufruhr auslösen als es die Invasion von Francos Schergen auf La Gomera in den 30er Jahren bewirkte.
Vielleicht ist es ja auch die ungewöhnliche Zusammensetzung der Bevölkerung, die eine Erklärung hierfür bietet: Etwas hinterwäldlerische Insulaner, die, bei aller Sympathie für ihre Faulheit und Bequemlichkeit, genau den spanischen Staat und die EU so hassen, die sie seit Jahrzehnten mit Subventionen künstlich am Leben halten. Deutsche Immigranten, die zwar in Zeiten begannen hierhin zu kommen, als in ihrem Herkunftsland die Straßen brannten und lieber kiffend und trommelnd auf eine Insel zogen, die nicht viel größer ist, als ein Aldi-Parkplatz und wahrscheinlich trotzdem insgeheim noch wissen, wie man einen ordentlichen Volksmob organisiert. Und, nicht zu vergessen: die kubanischen Einwanderer, die nicht nur nette Cafes und Kneipen betreiben, sondern vielleicht auch dem aufmüpfigen und populistischen Bürgermeister als guerillataugliche Drohkulisse dienten, als er der Guardia Civil zu verstehen gab, »dass im Falle eines Einmarsches durchaus geschossen werden könnte«.



