Bernd Langer »Die Kunst geht weiter«

Von Niklas

Der Blick zurück nach vorn

Bernd Langer, seines Zeichens Berufsautonomer aus Göttingen, ist nicht zu stoppen. Zumindest wenn es um das Umsetzen seines Verständnisses von Kunst geht. Nach einer Vielzahl produzierter Gemälde und Demonstrationsplakate, mal alleine, mal unter dem Label KuK (Kunst und Kampf), einem bilingual verlegten Kunstband und seinem autobiographisch angelegten Schundroman »Operation 1653 – Stay rude, stay rebel« folgt nun der nächste Streich: ein Bildband zur neuesten Ausstellung »Die Kunst geht weiter«, die im September 2009 im Berliner Kunsthaus Tacheles zu sehen war. Langer möchte immer noch gerne »Kunst aus der Bewegung für die Bewegung« machen, es geht um nichts geringeres als Revolutionen, Kampf und Widerstand. In der kleinen Welt Bernd Langers scheint so ziemlich alles möglich. Nur für Widersprüche hat sie keinen Platz.

In seinen Bildern wird selbstbewusst mit allem gearbeitet was ein bauchlinkes Verständnis von der Funktionsweise dieser Gesellschaft als Feindbild so hergibt. Von der obligatorischen Krake über die Puppenspieler im Anzug (bemerkenswert: bei Langer trägt der Kapitalist von heute Melone statt Zylinder, sehr stilsicher) bis hin zu bedrohlich im Hintergrund auftürmenden Markenzeichen wird dem regressiven Bedürfnis nach Personalisierung apersonaler Herrschaftsverhältnisse Rechnung getragen. Es geht immer um alles und alles ist immer irgendwie gleich. Autonome bekämpfen Polizisten, Richter und Wehrmachtssoldaten und all das auch noch in einem Bild. Zu Recht zu kritisierende Kontinuitäten im Übergang zur postnazistischen Gesellschaft werden in heroischen Schlachtengemälden benutzt, um einen einheitlichen Geschichtsverlauf zu suggerieren, der Zivilisationsbruch benutzt um dem autonomen Straßenkampf legitim erscheinen zu lassen.

Man könnte Langer zu Gute halten, dass die herrausragendsten dieser Exponate in den 80igern entstanden und daher vielleicht zeitgeschichtlich noch von Interesse sein könnten. Doch diese werden weder kontextualisiert geschweige denn reflektiert. Es wird einfach weiter gemacht, mit dem vielbeschworenen »Blick zurück nach vorne«. Und so bleiben seine Bildmotive auch weiterhin in einem eng abgesteckten Rahmen: zumeist junge Männer, die ihre gestählten Leiber selbstlos und ohne Furcht in die nächste Schlacht werfen und dabei von der Ästhetik her irgendwo zwischen »300« und einem 80er-Jahre Schwulenporno liegen.

Wenn in der deutschen Gesellschaft selbst schon keine relevanten Spannungsfelder gibt deren Entladung ernstzunehmende Auseinandersetzung als Folge haben könnten, dann gibt Bernd Langer ihr wenigstens die kitschigen Wandposter dazu. Er liefert einer anachronistischen Szene das Lebensgefühl des ‚streetfighting man‘, und zementiert die Identität der kompromisslosen Kämpfer auf der Straße. Anstatt also den von ihm so sehr gewünschten Drang zur Veränderung zu schaffen, bietet Bernd Langer Lebensentwürfe an. Das ist grundsolide, aktionistisch und bestimmt auch gut gemeint, nur in irgendeiner Weise progressiv ist es ganz sicher nicht. Würde es Langer mit seiner Kunst tatsächlich »um alles« gehen, so müsste diese ihr eigenes Ende als Ziel haben.

Bernd Langer: Die Kunst geht weiter. Der Blick zurück nach vorn, 38 S., Paperback, Verlag Tacheles 2009, ISBN 978–3–9812503–9–8


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  1. […] Auf Beatpunk wird ein Bildband von Bernd Langer besprochen: »Er liefert einer anachronistischen Szene das Lebensgefühl des ‚streetfighting man‘, und zem…« […]

  2. Stepfordgonemad 30.01.2010 / 8:17 pm

    Ich sehe die 1980er und Anleihen bei den urdeutschen Jungen Wilden und ein bisschen Rumspielen mit Neville-Brody-artigem Lay-Out; ich sehe Staeck und ein wenig Agitprop, Seyfried-Suchsammelsurien und viel Pop Art, ein paar Dadaismus-Collagen-Anleihen und sozialistischen Realismus, Polit-Comics und Konzert-Plakate der 1960er/70er und 2001-Versand‑Ästhetik und street credibility heischende Graffiti-Anleihen, die in ihrer Wolkigkeit hübsche Albtraum-evozierende Kinderzimmerposter geben könnten etc. etc. etc. Ich sehe also vor allem wild wuchernden und bierernst gedachten Eklektizismus, der selbst mein Assoziationsvermögen überfordert. Ich sehe alles Mögliche und Unmögliche und vor allem viel zuviel. Was ich nicht sehe, ist 300-Sepia oder Schwulenpornos aus welchem Jahrzehnt auch immer.

  3. ad 31.01.2010 / 8:13 pm

    hey Stepfordgonemad, hat der vhs kunstkurs heute schon früher aus oder hast du dir extra frei genommen für deine schöne aufzählung?

  4. Sebastian 31.01.2010 / 9:26 pm

    Hey ad, Parole: sachlich bleiben. Die Kritik von Stepfordgonemad ist als inhaltliche Kritik formuliert. Wir von Beatpunk fänden es schon fein, wenn auf dieser Basis miteinander gestritten würde.

Reiss die Fresse auf:

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