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Chris Kraus »Torpor«

Sylvie und Jêrome sind zurück! In Georges Perecs 1965 erschienenem Romandebüt Die Dinge. Eine Geschichte aus den sechziger Jahren verkörperte das Paar seine Generation französischer Großstadtintellektueller, die, oftmals nach einem abgebrochenen Studium, in der Marktforschung oder in der Werbung tätig, von dem kleinen materiellen Glück träumen. In Die Dinge mussten Sylvie und Jêrome feststellen, dass die Genussfähigkeit, das kulturelle Kapital nicht einfach mit dem Einkommen zunehmen; als sie sich ein Essen in teureren Restaurants leisten können, finden sie die Speisen, die ihnen vorgesetzt werden, »einfach langweilig«.1

In Chris Krausʼ Roman Torpor, 2006 im Original erschienen und seit diesem Jahr auf Deutsch vorliegend, treffen wir Sylvie und Jerome wieder. Ihre Namen sind mittlerweile, nach dem »Ende Europas« und nachdem »New York zur neuen Welthauptstadt der Kultur« geworden war,2 amerikanisiert; die beiden leben in und um New York City – doch die Probleme sind die gleichen. Die Mieten in New York City können sich Sylvie und Jerome, obwohl als Dozent an einer Universität angestellt, kaum noch leisten, und das Milieu, in dem Sylvie und Jerome zu Hause sind, wird gleich zu Beginn so charakterisiert: »Carla, ein Model, macht gerade eine Ausbildung zur Möbelrestauratorin, weil sie sich mit ihren 28 Jahren alle Möglichkeiten offenhalten will. Jeff ist vor drei Jahren aus seiner Band ausgestiegen und verdient sein Geld jetzt mit der High-End-Sanierung von Wohnungen.«3 Zu den finanziellen Problemen kommen Beziehungskrisen hinzu: Sylvie, die »so gern« glauben will, dass das »Elend ganz einfach durch Glück ersetzt werden« kann,4 wünscht sich ein Baby; Jerome hingegen, der aus einer früheren Beziehung bereits eine Tochter hat, will kein weiteres Kind; ihr Kompromiss besteht darin, in Rumänien ein Kind zu adoptieren. Dieses Vorhaben scheitert, und auch die Beziehung zerbricht.

Georges Perecs Die Dinge beginnt mit einer seitenlangen Beschreibung der Inneneinrichtung im Konjunktiv, das heißt mit der Vorstellung, wie die Wohnung von Sylvie und Jêrome aussehen könnte, wenn sie das nötige Einkommen hätten. Auch Kraus arbeitet mit Zeit‑ und Möglichkeitsformen. So ist Sylvie nicht davon angezogen, was Jerome ist, sondern von dem, »was er hätte sein können«.5 Die prägende Zeitform in Torpor ist, dem Titel entsprechend, allerdings das Futur II. Nicht nur die Vergangenheit liegt hinter uns, auch die Zukunft ist bereits abgeschlossen. Perecs Die Dinge endet mit einem Zitat von Karl Marx, und Torpor versucht vor dem Hintergrund des Epochenwechsels 1989/90, dem Niedergang des Staatssozialismus, gleichfalls an Marx angelehnt zu beschreiben, wie der »Albtraum der Geschichte […] auf den Gehirnen der Lebenden« lastet.6

Auf den französischen Schriftsteller Georges Perec nimmt Kraus nicht nur literarisch Bezug. Perec, der heute neben Italo Calvino oder Oskar Pastior zu den bekanntesten Mitgliedern der Gruppe L’ Ouvroir de Littérature Potentielle (Oulipo) gehört, kommt in Torpor als Person vor. Während ihrer Studienzeit gehörten Jerome Shafir und Georges Perec zu einem Kreis jüdischer Linker, die eine nach dem Sergej-Eisenstein-Film benannte Zeitschrift La Ligne Generale herausgaben. Zwischen Jeromes und Perecs Schicksal bestanden, so Kraus, noch weitere Parallelen: »Wie Jerome hatte man auch Georges außerhalb von Paris sicher versteckt, während seine Eltern flohen. Wie Jeromes Eltern waren auch seine Eltern von Warschau nach Frankreich gezogen, nachdem die Nazis Polen überfallen hatten.«7 Bezogen auf Perec sind diese Aussagen nicht ganz korrekt. Perecs Eltern waren, wie man in seinem autobiografischen Roman W oder die Kindheitserinnerung nachlesen kann, bereits Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg nach Paris gekommen, und sie konnten nicht vor den Nazis fliehen. Perecs Vater fiel im Kampf gegen Nazi-Deutschland, seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert.8

Perec ist nicht die einzige Persönlichkeit, die in Torpor vorkommt, denn wie sich zeigt, ist Jerome ein begnadeter Netzwerker, der so wirkt, als hätte er eben mit dem Komponisten John Cage Schach gespielt, mit der französischen Nouveau-Roman-Autorin Nathalie Sarraute im Café gesessen und mit dem Beat-Poeten William Burroughs die Nacht durchgemacht. Tatsächlich kennt Jerome den Philosophen Félix Guattari, bei dem in Paris Sylvie und Jerome Ende 1989 den Fall Nicolae Ceaușescus live vor dem Fernsehen erleben. In Berlin wohnen Sylvie und Jerome neben Nan Goldin, essen mit »Peter und Heidi« vom Merve-Verlag und lernen den ehemaligen Stasi-Spitzel und Schriftsteller Sascha Anderson kennen. Damit beschreibt Kraus aber nicht nur Jeromes intellektuelles Netz, sondern markiert, wie sich noch zeigen wird, auch das Koordinatensystem, in dem sie selbst sich gern sähe.9

Wie diese Verweise zeigen, täte man Chris Kraus’ Roman Unrecht, wenn man ihn an Perecs oder Sarrautes Werk messen würde. Perec und Sarraute verfassten, auch wenn in ihren Erzählungen das zeitgenössische Milieu oder sogar reale Personen erkennbar waren, fictions und betonten diesen Charakter dieser Werke. So wahrten ihre Romane gegenüber realen Vorbildern eine wohltuende Diskretion. Torpor hingegen ist wie Kraus’ Romandebüt I Love Dick über weite Strecken ein autobiografischer Bericht, der mitunter auch formal Tagebuchcharakter hat, wie Sätze wie »Das wäre für Sylvie okay gewesen« deutlich machen.10 Karolin Meunier verrät es im Nachwort: Sylvie Green ist Chris Kraus selbst, Jerome Shafir ihr Ex-Ehemann Sylvère Lotringer, Gründer des Verlags Semiotext(e), der mit daran wirkte, den französischen Poststrukturalismus in den USA bekannt machte. Man mag von der Schonungslosigkeit beeindruckt sein, mit der Kraus in Torpor mit sich selbst ins Gericht geht. Dabei analysiert der Roman, wie Meunier schreibt, fraglos »die sozialen Bedingungen künstlerischer Produktion«, vor allem in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis.11 Ob man sich an den Einblicken in Guattaris Schlafzimmer freuen kann, muss jede Leserin und jeder Leser selbst entscheiden.

Um jedoch eine materialistische Analyse sein zu können, wäre es notwendig gewesen, dass Hauptfigur und Erzählerin noch stärker voneinander geschieden gewesen wären. Das gilt weniger für die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Liebesbeziehung als für den vergeblichen Versuch, den Charakter ihres Partners Sylvère Lotringer zu deuten, der von seinem Schicksal als Jude unter deutscher Besatzung gezeichnet zu sein scheint und dessen vermeintliche Ziellosigkeit Sylvie ein ewiges Rätsel ist. Von Sylvie heißt es an einer Stelle: »Ihr Wunsch, sich die Toten einzuverleiben und sie zu ficken, ist stärker als ihr Wunsch, einen festen Freund zu haben. Sie wünscht sich, überaus intim mit der Geschichte zu sein.«12 Doch so genau wollen es leider weder Sylvie noch Chris Kraus, wie der Fehler in Bezug auf Georges Perecs Biografie beispielhaft zeigt, gar nicht wissen. Sie möchten vor allem dabei gewesen sein.

Chris Kraus: Torpor (Roman), aus dem Amerikanischen von Stephanie Wurster, Berlin: b_books 2015, 280 S., ISBN 978–3–942214–06–3, € 16,-

Anmerkungen

  1. Georges Perec: Die Dinge. Eine Geschichte aus den sechziger Jahren, aus dem Französischen von Henryk Keisch, Berlin (Ost) 1969, zweite Auflage, S. 222.()
  2. Chris Kraus: Torpor, aus dem Amerikanischen von Stephanie Wurster, Berlin 2015, S. 78.()
  3. Kraus: Torpor, S. 11.()
  4. Kraus: Torpor, S. 40.()
  5. Kraus: Torpor, S. 146.()
  6. Kraus: Torpor, S. 129.()
  7. Kraus: Torpor, S. 131.()
  8. Georges Perec: W oder die Kindheitserinnerung, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Zürich 2012, S. 32–38.()
  9. Kraus: Torpor, S. 22.()
  10. Kraus: Torpor, S. 206.()
  11. Karolin Meunier: Heikles Terrain, in: Kraus: Torpor, S. 271–276, hier S. 272.()
  12. Kraus: Torpor, S. 144.()
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