Dietmar Dath »Sämmtliche Gedichte«

Von Sebastian

Ich, Es oder Über-Ich,
Kann mich nicht entscheiden
Wird wohl die Psychose sein,
Muß ich drunter leiden.

Es ist kalt geworden. Minus zehn Grad kriechen einem unter den Mantel, wenn man heute auf die Straße geht. In Hamburg ist die Außenalster zugefroren und alle warten darauf, endlich zu Fuß oder mit Schlittschuhen auf direktem Weg von Uhlenhorst nach Rotherbaum oder von St. Georg nach Harvestehude zu spazieren. Alstervergnügen hieße das, wenn Ole von Beust und sein Beamtenclub den See freigäbe. Bis dahin ohne Verkaufsbuden und ohne alle. Ich habe Dietmar Daths neuen Roman ausgelesen. Mir fällt auf der Straße sein Essay »Maschinenwinter« ein, das mit Empathie, Verwunderung und Abscheu vor dem gesellschaftlichen Lauf der Dinge gleichermaßen vollgepackt ist und das eine gewisse politkommissarische Anpackpose einnimmt. Dath schreibt darin Sätze wie den hier: »Weil es Kapitalisten sind, die den sozialen, politischen, polizeilichen und militärischen Druck veranlassen, der das Unrecht lebendig hält, müssen Feinde des Unrechts den Kapitalismus loswerden.« (Maschinenwinter, S. 121) Das ist jenseits von richtig aber diesseits von charmant.

»Maschinenwinter« hat kaum etwas mit dem neuen Roman zu tun und doch schießt mir eine schlichte Vorstellung (das übliche Wortspiel-Gedrehe mit Begriffen und Titeln) nach der Lektüre der »Sämmtliche(n) Gedichte« in den Kopf: Dietmar Dath als Wintermaschine. Auf einem stetig dampfenden und schnaufenden Produktionsband schraubt er bei klirrender Kälte Texte zusammen, pökelt Romanschinken und legt mit sibirischen Fäustlingen letzte Hand an die Politur von Zeitungsartikeln. Wie macht er das nur? Ich frage mit ehrlicher Verwunderung. Weil Dath in einer Frequenz und in einer Masse publiziert, bei der man sich kaum vorstellen kann, dass dieser Mann auch hin und wieder ein paar Stunden schläft oder Freunde trifft oder Schlittschuhlaufen geht. Zudem schreibt er anders als die meisten Plappertaschen aus den Feuilleton‑ und Kulturredaktionen. Nicht nur präzise und verdichtet formuliert Dath seine Sätze; nicht nur die Form trennt ihn vom Betrieb. Hinzu gesellt sich eine inhaltliche Radikalität bei der dann doch überrascht, dass Dath nicht mittlerweile an den Rand der kulturellen Öffentlichkeit gedrängt wurde. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Kommunist veröffentlicht bei Suhrkamp und ist selbst in konservativen Zeitungen ein gern gesehener Gast. In ihren spektaklistischen Medienfolgenlosigkeiten lässt man den linken Schriftsteller als armen Irren mit Freude denken und provozieren wie er will.

Daths neuer Roman ist aber ein wenig enttäuschend. Und das fängt mit der furchtbaren und unpassenden Umschlaggestaltung bereits an, die Willy Fleckhaus umbringen dürfte wenn er nicht schon tot wäre und die aussieht, als illustriere und verpacke sie ein schlechtes Jugendbuch. Keine abwegige Assoziation übrigens, wie sich schnell herausstellen soll. Joshua Middleton, der das Cover der Sämmtlichen Gedichte zu verantworten hat, umsorgt graphisch für gewöhnlich (Kinder‑, Kitsch‑ und) Comicliteratur.1 Dazu kann man Daths Bücher aber beim besten Willen nicht zählen. Auch das Neuste nicht.

Thematisch bewegt sich der Roman um den nicht mehr ganz jungen Dichter Adam Sladek, der sich einsaugen lässt in eine entrückte Welt von Luxus, Dekadenz und Schrankenlosigkeit. Der Unternehmer und Wissenschaftler Colin Kreuzer, selbstredend ein ambitionierter Multimillionär, lädt den Dichter auf sein Anwesen. Ein Ort, an dem es an nichts fehlt und der in einer gewissen Abgeschiedenheit ein eigenes Paralleluniversum eröffnet, in dem Sladek fortan lebt und arbeitet: »Das sei alles was man von ihm wolle, wird ihm treuherzig bedeutet. Er soll dichten.« (S.110) Kreuzer überzeugt Sladek zu einem merkwürdigen Stipendium, bei dem der Lyriker fortwährend mit Einflüssen konfrontiert wird, damit sich diese in seinen Werken niederschlagen. »Man werde Adam Texte zu lesen geben, man werde ihm Bilder und Filme zeigen. Davon könne er sich bewegen, rühren, ärgern lassen oder nicht, das stehe ihm frei. (…) Am Ende werde alles, was er schreibe doch veröffentlicht – ‚In einem Gedichtband, der zweifellos seine Wirkung tun wird‘, sagt Kreuzer, fast ein bißchen müde, die Augenbrauen hängen traurig runter.« (S.110) Der Gönner stellt einen oppulenten Sammelband in Aussicht, in dem alte Verse mit denen vermischt werden sollen, die in der Villa entstehen. »Es wird die erste Gesamtausgabe, verstehen Sie – wir nennen das Buch (…) einer alten, reinlichen Tradition folgend ‚Sämmtliche Gedichte‘ mit zwei m. Musik in gleichschwebender Temperatur, ein tafelkammerorchestrales Spiel webt dem Ironiker einen plätschernden Hintergrund. Der Dichter mault: ‚Zwei m. Wie affig.‘« Man ahnt es bereits: dem Mäzen geht es weder um die bildungsbürgerliche Gönnerpose, geschweige denn um die Kunst. Mit dem Dichter und seinem Werk oder vielmehr mit der Sprache ist hingegen ein perfides Forschungsvorhaben verbunden, von dem hier nichts verraten werden soll. Nur noch dies: in der Reflexion auf Sprache, Dichtung und Kunst liegt eine der Stärken des Buches. Darin findet Daths erwähnte Fähigkeit ihren Ausdruck, Radikalität in seine Romane zu tragen, indem er den Dingen bis auf den Grund nachspürt. Die Sprache wird in ihrer Gesellschaftlichkeit, also auch in der Rolle als Herrschaftsinstrument denunziert.

Natürlich ist diese Geschichte nicht linear erzählt. Über weite Strecken wechseln sich die Handlungen auf Kreuzers Anwesen mit der Schilderung einer aufkeimenden Liebeseziehung zu der Malerin Johanna Rauch ab, in deren Haus Sladek Unterschlupf findet, um sich vor Kreuzer und seinen Häschern zu verstecken. Ihre Beziehung entwickelt sich vom platonischen Zusammenwohnen zu einer körperlichen und romantischen Liebe, die jedoch ihre ersten Risse bekommt, als sich Sladek geradezu wahnhaft in seine Arbeit bzw. ihr Scheitern stürzt. Verrat und Denunziation führen die beiden Handlungsstränge schließlich zusammen. Was mich daran stört, ist nicht das was passiert, sondern wie es Dath beschreibt. Er zeichnet seine Figuren liebevoll und mit beigeisterter Rührung. Das ist schön, aber sprachlich in ihrer Klanghaftigkeit und im Dialogischen manchmal etwas flach. »Die zersummste Frau steht auf und schlingt sich dabei mehr unbeholfen als graziös die blaue Decke um die Hüften, schaut auf den Boden, als suche sie etwas, und sagt, von Gähnen, Schmatzen und reizenden kleinen Zusichkommgeräuschen unterbrochen: ‚Eh dann gibt‘s wieder nur noch mmmfff diese öaahhh trockenen Scheißcroissants drüben in der Deckbreck … Drecksbäckerei … mooohhmmm. Menno.‘« (S.178) Ich weiß, es ist unfair ein paar Sätze aus einem Roman zu reißen und vorzuführen, aber wenn es doch solche Sätze sind.

Wirklich schlimm ist in den Sämmtlichen Gedichten aber, dass Dath über Dath schreibt – er in seinem Buch selbst als Figur auftritt, nämlich als Handlanger und Berater von Colin Kreuzer. So etwas mag originell finden, wer will. Die Feuilleton-Redakteure dürften begeistert feststellen, dass in dem Text die Autorschaft des Autors thematisiert wird. Nun ja. Dath hält, wie er im Interview mit Hermann L. Gremliza verrät, die Romanfigur Dath für den »Versuch, mich als Mißratenen zu erfinden. Der Dath in den Sämmtlichen Gedichten zehrt davon, daß ich nach der Nominierung für den Buchpreis nicht mehr bloß einer war, der etwas geschrieben hat, sondern plötzlich eine Funktion hatte und eine Rolle im Spiel der Berichterstattung.« (konkret 10/2009) Er zeichnet sich negativ und unsympathisch, als Lohnarbeiter für den fiesen Mäzen und nimmt damit auf anderer Ebene ein Moment wieder auf, das eigentlich in vielen seiner Texte mitschwingt: die Dauerthematisierung seiner Zugehörigkeit zum Kulturestablishment, die nicht selten mit einer unnötigen und vor allem gleichzeitigen Entschuldigung‑, Rechtfertigung‑ und Verteidigungsgeste vorgenommen wird. Unnötig ist sie, weil wir alle in den Verhältnissen mitmachen und sie reproduzieren, ohne es vielleicht zu wollen: ob als Eisverkäuferin, als Müllfahrer oder FAZ-Redakteur. Aber der Schriftsteller reflektiert auf seine Rolle und das ist ja zunächst etwas gutes, weil bewusstes.

Nur wie er das macht, setzt sich der Gefahr aus, als Selbstverliebtheit wahrgenommen zu werden. An einigen Stellen wirkt der Roman-Dath einfach zu sehr als altkluger Bösewicht. »Und wo sagt Hacks, daß die Dinge in der Poesie aufhören, zu sein, und anfangen, zu bedeuten?«, lässt der Schriftsteller seinen Dichter fragen, »Dath, der an Bedeutung gar nicht glaubt, wüsste das vielleicht, der Dreckssack.« (S.220) Auch eine andere Figur des Romans, die hier keine Rolle spielen braucht, denkt an Dath als intellektuellen Märchenonkel und Schlaumeier: »Etwas, was Dath einmal zu ihr gesagt hat, kommt ihr in den Sinn: ‚Botho Strauß behauptet, alle Zusammenhänge hätten enttäuscht. Es ist aber genau umgekehrt: Alle Enttäuschungen hängen zusammen.« (S.171)2 Gleichwohl zeigt sich der Autor bemüht, jeden Vorwurf von Selbstverliebtheit zu zerstreuen, indem der »Held« des Romans, Adam Sladek, der Figur Dietmar Dath entgegen gestellt wird. »Der Dath im Gedichtebuch schreibt nicht mehr, liebt nicht mehr, lebt auch nicht mehr.«, gibt der Autor im konkret-Interview preis, »Der tut und tutet nur noch, als Antipode zum Dichter.«3 Mir ist diese Dath-Figur dennoch zu unmittelbar in die Handlung eingebaut. Ein anderer Name und ein anderer Hintergrund hätten letztlich auch und zwar subtiler erkennen lassen, worum es dem echten Dath in seinen Sämmtlichen Gedichten geht.

Wobei wir jetzt am Ende schließlich bei den Gedichten angelangt wären. Denn tatsächlich finden auch sie sich in dem Buch, das ihren Auftritt in gewisser Weise ja schon mit dem Titel ankündigt. Mitunter seitenlang hat Dath seinem Dichter Verse geschrieben, die zwischen die einzelnen Kapitel als Schwelle dienen. Sie erzählen eine eigene Nebenhandlung und Charakterisierung des Dichters, sind mal politisch, mal liebevoll, mal albern, naiv, schwer, doppelbödig, referenziell und wenige male langweilig. Ich mag Gedichte häufig nicht. Daths sind hingegen sehr schön und viel besser als sein neuer Roman.

Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte, 284 S., Gebundene Ausgabe (Hardcover), Suhrkamp 2009, 22,80 Euro

Anmerkungen

  1. www.joshuamiddleton.com()
  2. Gewiss bedarf es nicht der Erwähnung, dass der Dath als Romanfigur mit dem echten hinter der Schreibmaschine nicht zusammen fällt. Weil es hier um Literatur geht, muss die Figur Dietmar Dath nichts mit ihrem Erfinder gemein haben. Aber wer wird bei dem gleichen Namen schon so genau differenzieren?()
  3. Sladek kann Kreuzers rechte Hand dementsprechend nicht leiden, er schätzt nicht einmal dessen Bücher: »Adam mag nicht besonders, was er von diesem Dath bis jetzt gelesen hat. Seit Dath im Auftrag des Besitzers dieser Villa Adam in Berlin besucht und ihn hierher eingeladen hat, kämpft Adam mit dem unangenehmsten Gefühl, das Autoren füreinander empfinden können. Er fühlt sich bewundert (…) ohne zurückbewundern zu können.« (S.64()

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