»Frag nur, Frag,
Niemand weiß Antwort auf deine Fragen.«
Als der achtjährige Jakob am Morgen aufsteht, ist seine Mutter tot. Die Leiche ist bereits aus dem Haus und der Junge erfährt nur, sie sei auf eine lange Reise gegangen. Er nimmt die schonende Metapher beim Wort und macht sich auf, ihr zu folgen.
Dieser Einstieg lässt keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Comics »Jakob« von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder. In grenzenloser Naivität zieht der Junge durch surreale Landschaften und wird anstelle einer nüchternen Antwort mit zahlreichen Phantasmen konfrontiert, mit deren fragwürdiger Hilfe er schließlich ans Ziel gelangt und stirbt. Formal irgendwo zwischen Kinderbuch und Fabel wird die Geschichte vor allem von Felix Mertikats überraschend hellen Bildern in Aquarell und Bleistift getragen. Die spärliche Textblöcke sind von rätselhafter Symbolik geprägt und verdichten die Erzählung von sprechenden Tieren und zutiefst psychotischen Menschen zu einem kaum entwirrbaren Metapherngebilde, das ganz bewusst auf jede Eindeutigkeit verzichtet.
Der zunächst naheliegende Appell, dem Kind doch endlich mal die Wahrheit zu sagen, erübrigt sich in einer Welt, die kein vernünftiges Außen kennt. Auch wenn die Fabelwelt der Raben und Füchse neben einer menschlichen Gesellschaft existiert, sind die Grenzen verschwommen und in beide Richtungen durchlässig – Rationalität ist zumindest beiden fremd. Handwerklich ist »Jakob« zweifellos gelungen und als anerkannte Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg hat der Band das auch schriftlich. Das Arrangement der Panels vermittelt einen dynamischen Wechsel der Perspektiven und führt durch die Geschichte wie durch einen Film, ohne die Eigenständigkeit des Mediums aufzuweichen. Im umgekehrten Verfahren ist hier gelungen, woran jede Comicverfilmung notwendigerweise scheitern muss. Auch das Querformat des Bandes unterstreicht die Linearität der Erzählung und seine Nähe zum Kinderbuch, die »Jakob« zu wesentlichen Teilen ausmacht.
Die makabere Schönheit der Bilder und das dramaturgische Getragenwerden durch den Plot sind verführerisch und täuschen leicht über den bitteren Gehalt der Erzählung hinweg. So findet Jakobs Schicksalsergebenheit ihre Entsprechung in der Akzeptanz, die der Leser ihrer Ungeheuerlichkeit beizumessen hat. Die Verweigerung einer moralischen Aussage hinterlässt ein düsteres Geflecht der Ausweglosigkeit, in dem Jakobs unwissentliche Selbsttötung letztlich als gleichberechtigte und einzige Alternative zur eskapistischen Selbstaufgabe verbleibt. So wie es ein anderer Waisenjunge versucht, der sich in ein Leben als Schildkröte phantasiert – eine Erinnerung an ein Geburtstagsgeschenk seiner Eltern.
Vor augenscheinlicher Begeisterung für Tod, Elend und Verlust verkommen Leben und Freude zur grausamen Randerscheinung in Gestalt spielender Kinder, die Jakob davon jagen, weil er auf seiner Suche selbst auf magische Weise gealtert ist. Die Dichte an selbstreferentiellen Metaphern und Motiven überschreitet die Grenzen der Beliebigkeit, was zwar viele Deutungen eröffnet, aber zumindest auch eine ausschließt: Den Appell an die Aufklärung, nach dem es am Anfang noch so pädagogisch roch. Es bleibt nur die Form des Rätselhaften, die einen unsichtbaren Sinn andeutet, tatsächlich aber keine Lösung hat.
Im Blick durch Jakobs Kinderaugen ist die Welt wieder eine verzauberte, in der Melancholie und infantiler Kitsch nicht nur den Ton sondern auch den Sinn angeben. Und da die Erzählung all ihren Akteuren gewissermaßen Recht gibt, bleibt am Ende nur eine einzelne verbindliche Aufforderung: Um jeden Preis bis zum bitteren Ende durchzuhalten und im Angesicht des falschen Ganzen zu funktionieren. Ein in wirklich jeder Hinsicht bedauerlicher Schluss.
Felix Mertikat, Benjamin Schreuder: Jakob, Cross Cult, 64 S., 27×21 cm, Hardcover, 16,80 Euro



