Jerry Frissen/Guy Davis »Als Die Zombies Die Welt Auffrassen«

Von Jan-Paul Koopmann

Dass sich Zombie-Erzählungen für gewöhnlich als Kommentar auf unsere spätkapitalistische Zivilisation lesen lassen, dürfte sich in den vierzig Jahren seit George A. Romeros Night of the Living Dead allmählich herumgesprochen haben. Die Künstler Guy Davis und Jerry Frissen, die ihren Comic Als die Zombies die Welt auffraßen eben diesem Altmeister des Genres gewidmet haben, wissen es jedenfalls ganz offensichtlich. Obwohl sie sich der Traditionen und des Klischees ihrer Vorlagen bewusst sind, erzählen sie mit ihrer Serie eine andere Geschichte:

In den 60er Jahren des 21. Jahrhunderts erheben sich die Toten aus ihren Gräbern und kehren in die Welt der Lebenden zurück. Diesmal ziehen sie allerdings nicht als blutrünstiger Belagerungsmob vor die Tore der Shopping Malls, sondern schleichen vereinzelt und weitestgehend friedlich zurück in ihr altes Privatleben. Entsprechend der filmischen Vorlage erfährt der Leser nicht viel über das »wie« und »warum« dieser Auferstehungen. Zu Beginn der ersten Geschichte ist sie bereits erfolgt, und die Regierung hat sich der Sache angenommen: Es ist gesetzlich verboten, die toten Verwandten aus der Wohnung zu werfen, oder gar zurück ins Jenseits zu verfrachten – auch, wenn sie nach Verwesung stinken, oder ein mühsam inszeniertes Familienidyll stören.

Doch die verordnete Resozialisierung der Verstorbenen bleibt eine nette Idee. Ein paar Zombies – ’tschuldigung: ein paar vital beeinträchtigte Mitbürger – kommen ganz gut zurecht in der neuen Welt, die Mehrheit lungert allerdings monoton stöhnend auf den Straßen herum oder geht ihren Hinterbliebenen auf den Geist. Wo sich der Staat im Namen von Toleranz und Menschenrechten aus der Affäre gezogen hat, werden zweifelhafte Dienstleister wie Karl Neard und sein Team dafür bezahlt, sich solcher Probleme anzunehmen, und beispielsweise den geliebten aber verwesenden Herrn Papa ein für alle mal verschwinden zu lassen. Von diesen Leuten und ihren Klienten erzählt Als die Zombies die Welt auffraßen. Die klamaukige Zombiehatz erfolgt vor dem Hintergrund zerrütteter Familien und zwischenmenschlicher Grausamkeiten. Mit dem Worten »Nur einer von hunderten Vorfällen, die sich jeden Tag zur Dämmerung in Los Angeles zutragen« endet jede der kurzen Episoden und verbreitert das Bild auf die gesamte Gesellschaft. Es ist ein düsteres Bild, das da auf die Welt im Jahre 2064 geworfen wird, auch wenn es nur selten wirklich ernst wird.

Die Geschichten sind ausgesprochen skurril und witzig, vor allem aber eines: geschmacklos. Splatter ist ein zentrales Element des Comics, auch wenn er längst nicht auf jeder Seite inszeniert wird. Guy Davis’ Zeichenstil, der schon den Hellboy-Ableger B.P.R.D. ausgezeichnet ins Bild gesetzt hat, wirkt dabei auf eine fast beiläufige Art und Weise realistisch: Ob einem Chihuahua das Hirn aus dem Schädel gepresst wird, oder ob Pyjamahose und Schlabber-Shirt eine eigenwillige Erotik ausstrahlen – es gibt immer mehr zu sehen, als bloß abgebildet wurde. Die Zombies erinnern weniger an die Kunstblut‑ und Effektorgien neuerer Splatterfilme, als dass sie vielmehr jenseitig-unheimlich durch die Gegend schlurfen. Und kaum einer stellt die typischen tödlichen Wunden zur Schau, wo dezente Spuren der Verwesung und das unangenehm ausdruckslose Grinsen eines Totenschädels bereits genügen. Auf ihre Art sehen sie weniger ekelhaft aus, als ihre Splatter-Kollegen, denen die endlose Wiederholung des immer gleichen den letzten Grusel schon vor langer Zeit ausgetrieben hat. Die schönste Beschreibung solcher Zombies hat der Film Shaun of the Dead geliefert: »Vacant with a hint of sadness. Like a drunk who’s lost a bet.« Im Grunde harmlos, könnte man auch sagen.


Die eigentlichen Monster in Als die Zombies die Welt auffraßen sind aber ohnehin die lebenden Menschen. Je weniger abgedreht sie drauf sind, desto schlimmer werden sie. Freak und Zombiejäger Karl ist zum Beispiel eigentlich ein ganz netter junger Mann, der seine verwegene Desperado-Vermummung eigentlich nur trägt, um seine Akne zu verbergen. Sein bester Freund, der Belgier Freddy, mag ein brutaler Schläger (und übrigens auch der Hundeauspresser von oben) sein, meint es aber eigentlich gar nicht so. Es kann jedenfalls keinen Zweifel daran geben, wer die tatsächlichen Ungeheuer sind: Der herzlose Familienvater Seth, der seinen untoten Schwiegervater entsorgen lässt, oder die Rednecks unter den weißen Mützen des Ku-Klux-Klan, die ein junges Mädchen zu Tode treten, weil sie mit einem Zombie geschlafen haben soll.

Trotz dieser unschönen Einblicke lässt sich Jerry Frissens Geschichte an keiner Stelle zu plumpem Zivilisationshass hinab. Seine Welt mag hässlich sein, während sich Heldentum in sehr begrenztem Rahmen abspielt – der hämischen Nachruf lässt aber auf sich warten, und ich wage zu behaupten, dass die Welt auch die folgenden Bände überleben wird. Spannender wäre dann, welche bekannten Gesichter als nächste aus dem Grab klettern, wie sich die Liebesgeschichten entwickeln und ob Karl vielleicht doch noch zu einem vernünftigen Job kommt.

Der Band ist im ansehnlichen Hardcover erschienen und macht schon optisch eine Menge her. Die Übersetzung ist sehr gut lesbar, auch wenn eingedeutschter Slang ja nun immer etwas holprig klingt. Fans der Marke Zombie werden von Als die Zombies die Welt auffraßen nicht notwendigerweise begeistert sein. Es bedarf schon einiger Freude am schwarzem Humor und den Willen, sich mit einer bisweilen ziemlich unappetitlichen Geschichten auseinander zu setzen.

Jerry Frissen, Guy Davis »Als die Zombies die Welt auffraßen«, Cross Cult, 160 S., Hardcover 24.00 €


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  1. […] frisch von mir rezensierte Comic ’The Zombies That Ate the World’ (in der Übersetzung: ’Als die Zombies […]

Reiss die Fresse auf:

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