Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles. Kevin Vennemanns neues Buch erschien vor wenigen Wochen. Nach »Nahe Jedenew« und »Mara Kogoj« wendet er sich einem anderen literarischen Genre zu, dem Essay. Und einem anderen Sujet, Los Angeles, wie es gebaut, gesehen und wie in der Stadt der Engel gestorben wurde.
Peter-Stephan Jungk war im Kino. Mit Kevin Vennemann. In der »Welt« schrieb Jungk über den Besuch von »Toy Story 3« im Jahr 2010. Sie sprechen über die Bedeutung des Spielzeuges der Kindheit, das Leben der Dinge für die Kinder. Den Film, der dem Spielzeug virtuelles Leben einhaucht. Natürlich schreibt Jungk über Vennemann, nicht über sich. Zwei Bemerkungen weisen über den Filmbesuch hinaus: Vennemanns Umzug nach Brooklyn und seine Recherchen zu einem Buch, das »Red Hook« betitelt war.
»Red Hook« verweist noch auf New York, einen Stadtteil von Brooklyn. Im Mai 2012 erschien aber »Sunset Boulevard«, Los Angeles also, Kalifornien. Die Assoziationen, die sich beim Schreiben aufdrängen, können gegensätzlicher nicht sein. Ostküstenenge, Immigrantenelend, öffentlicher Nahverkehr, Schnee und Regen versus Westküstenweite, Einfamilienhäuser, Highways und nie endender Sonnenschein.
New York fungiert als Ausgangs‑ und Fluchtpunkt der Ausgrabungen, die Vennemann in Los Angeles vornimmt. Sein Thema, schon 2010 formuliert als Versuch »über die Zusammenhänge und Wechselbeziehungen zwischen dem Tod und der Architektur in Los Angeles« zu schreiben, die Filme zu beschreiben, die als »LA Noir« ein Bild der Stadt zeichen. »Im Grunde ist es eine Arbeit über das Scheitern der architektonischen Moderne«, so Vennemann 2010, ein Gedanke, der noch 2012 im Zentrum steht. Aber dennoch verändert ist. Denn auch wenn Vennemann mit der Architektur beginnt, so ist sie nicht selbstbezüglicher Gegenstand. Zum Thema macht er ihre gesellschaftliche Konstitution im kalifornischen Paradies der weißen Mittelklasse. Wie die moderne Architektur der »Klassischen Moderne« Resultat ihrer gesellschaftlichen Bedingungen ist, so reflektieren die Filme des »LA Noir« auf das zerbrochene Glücksversprechen, das die Zugezogenen in LA zu finden hofften. Oder vielmehr: Film wie Architektur verschleiern ihre gesellschaftliche Konstituierung in ihrer Erscheinung, die gesehen, gelesen, durchschaut werden muss, um beides als gesellschaftliche Phänomene erkennen zu können und nicht ihrem Schein aufzusitzen.
Ich frage mich, ob Vennemann eigentlich Julius Shulman, den Fotographen der »Klassischen Moderne«, zu treffen versucht. Seine Bilder machen aus den (nicht nur) kalifornischen Case Study Houses Kunstobjekte, seine Bilder gestalten die zum Wohnen entworfenen Gebäude um, sodass sie schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung weit über die Funktion, der die Form angeblich folgt, hinausgehen und ihren verdeckten Vernunftanspruch der richtigen Einrichtung des Hauses verlieren an die unvernünftige Einrichtung der Gesellschaft. Shulman produziert den Glanz, der von den Häusern abstrahlt. Hat Vennemann also Shulman wirklich intendiert zu treffen, oder handelt es sich um einen literarischen Kniff, der den Essay beleben soll? Das frage ich mich. Und ich frage mich auch: wie könnte von dem Gedanken der Einrichtung des Hauses ein Bogen gespannt werden zur Antike, wie zur Moderne über die Ökonomie, die Verwaltung des Haushalts, den nomos des oikos? Und: Wer kann sich so ein Haus leisten, was passiert mit denjenigen, die es sich nicht können? Wo liegt die Bronx von Los Angeles, kann es sie überhaupt geben? Die »Klassische Moderne«: »Vollindustrialisiertes Wohnen in einer vollindustrialisierten Zeit«, mit Material des »Maschinenzeitalters«, schreibt Vennemann. Er weiß auch, dass mehr dazu gehört: Das Zeitalter der industriellen Menschenvernichtung.
Vennemann streicht die historische Konzeption von Los Angeles gegen den Strich, geht gegen die notdürftig zusammengehaltenen Selbstbilder und Imaginationen an. Geht gegen das Vergessen der Stadt an. Den Opfern der Geschichte, der Stadt, der Verhältnisse gerecht zu werden, ist nicht möglich. Sie haben eine Geschichte, aber keine eigenständige, keine, die vom ihrem Tod, ihrem Sterben, von dem Sieg der Herrschenden – Verhältnisse, Klasse – unabhängig wäre.
Und hier an diesem Bogen, den ich spanne, findet sich Vennemanns Anknüpfung an die Gewaltgeschichte der Moderne wieder. Sie beginnt als Leiche im Film. Als Leichenberge, als geschundene Filmleichen, als Auseinandersetzung des »LA Noirs« mit den Produktionskodizes Hollywoods. Mit der Frage, was wir dort sehen, sehen können, was zu sehen wir zugelassen sind.Welches Publikum sah »LA Noir«-Filme? Nachdem ich Vennemanns Beschreibung der rassisistischen Grundlage gelesen habe, nehme ich ein weißes Publikum an. Niemand, der sich daran stört, nicht repräsentiert zu sein. Ich frage mich, wieviele Filme Vennemann gesehen hat. Nein, wieviele Stunden er die Filme gesehen hat. Wie er die sich wiederholenden Bilder auseinanderhalten konnte. Ob sie seine Träume besetzt haben.
Bilder okkupieren das Bewusstsein, hierin der Musik ähnlich, mehr als Gedanken. Sie präformieren, sie verstopfen das Denken, überdecken es, reißen Gedankengänge an sich. Adornos Versuch »mit den Ohren zu denken« gilt gleichermaßen für die Augen. Das Vergessen, nicht die Realität zeigen zu können, geschweige denn sich ihr anzunähern, ist den Bildern immanent. Noch viel schwerer wäre es, die Erfahrung der Wirklichkeit zu versuchen abzubilden. Sie entschwindet immer weiter, je mehr man sich ihr nähert.
Die in den Häusern aufgespeicherte Geschichte, nicht nur ihrer Entstehung, sondern auch ihrer ehemaligen und gegenwärtigen Bewohner, um diese geht es Vennemann. Denke ich. Ob er die Wohnhäuser Adornos und Horkheimers, Manns und Pollocks und Brechts in Pacific Palisades besucht hat? Ob er die Bemerkung zur Unmöglichkeit des Wohnens im Kopf hatte? Ob er, wie ich, denkt, dass eine richtige Architektur nur in einer richtigen Gesellschaft statthaben kann? Ob der andauernde Sieg der Geschichte, der Herrschenden (Verhältnisse, Klasse), des Weltungeistes über die Toten dann beendet werden kann. Ob der Sturm aufhört, vom Paradies zu blasen; ob Paradies und Hölle aufhören?
Während der Blick im Film, im Foto, beim Blick auf Gebäude geleitet wird, wendet Vennemann ihn nicht ab. Er richtet ihn durch die Dinge auf die Menschen. Er ist bemüht stand zu halten. Wann hat er genug gesehen? »Einen Moment noch.«
Kevin Vennemann: Sunset Boulevard. Vom Filmen, Bauen und Sterben in Los Angeles, Suhrkamp, Berlin 2012, 184 S., 14 Euro.



