Ein Phänomen der Mitte
Was an diesem von Monika Schwarz-Friesel, Evyatar Friesel und Jehuda Reinharz edierten Sammelband hervorsticht, ist die Gewichtung: es geht nicht um das Syndrom der »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« wie bei der Reihe »Deutsche Zustände« der Forschungsgruppe um den Bielfelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer, es geht nicht wie so oft, um die Frage des »neuen Antisemitismus«.
Zwar ist die allerorten wahrnehmbare Veränderung in den Phänomenen der antisemitischen Manifestation Anlass für den Band. Aber hier steht untergründig der aktuelle Inhalt des Begriffs von Antisemitismus zur Debatte – und nicht um die Indizierung einer Änderung des Begriffs durch das Attribut »neu«. Leider wird dies aber seitens der HerausgeberInnen nicht expliziert, sondern in aller Stille vorausgesetzt. Demnach folgen die Beiträge zumeist auch dem Schema, empirische Befunde unter den bekannten Parametern antisemitischer Artikulationen und Befindlichkeiten zu fassen.
Die Beiträger versuchen jene Kreise der Gesellschaft in den Blick zu nehmen, die sich keinesfalls als »rechts« verstehen würden. Die von dieser »Mitte« vertretenen politischen Ansichten unterscheiden sich, so ließe sich resumieren, keineswegs von denen der »Rechten«.1 Vielmehr zeigt sich die »Mitte« der Gesellschaft wie auch ihr linker Flügel als weniger gefeit gegen judenfeindliche und antidemokratische Einstellungen, als vom Alltagsbewusstsein gemeinhin angenommen wird. Sofern es überhaupt zulässig ist, von einer »demokratischen Mitte« der Gesellschaft zu sprechen.2
Diese Erkenntnisse mögen angesichts der durch die Zweite Intifada und die Anschläge vom 11. September 2001 angestoßenen Auseinandersetzungen durch die antinationale/antideutsche Linke, die sowohl politisch als auch erkenntnistheoretisch motiviert waren und sind, abgedroschen und erledigt klingen, vor allem, da die politischen claims abgesteckt erscheinen und die streitende Parteien im linken Kosmos eher verhärteten Schablonen der Anfeindungen folgen als vernünftiger Einsicht in die richtigen Argumente. Zumeist wird gar nicht mehr argumentiert.
Über ebenjene eingefahrenen Bahnen geht der Band hinaus, der größtenteils Vorträge eines internationalen Symposiums im April 2009 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena versammelt. Es wird das »Neue« am derzeitigen Antisemitismus einzukreisen versucht. Bei diesem sind drei Elemente signifikant: 1) dass kaum mehr allein Akteure der extremen Rechten die Träger des Antisemitismus sind, sondern eben weite Teile der »Mitte« der Gesellschaft, 2) dass Israel primärer Referenzpunkt der antisemitischen Rede ist, und 3) dass die Hemmschwelle zur Artikulation antisemitischer Inhalte deutlich gesunken ist.
Im Gegensatz zur Staatsideologie im Nationalsozialismus kommt dieser Antisemitismus »’von unten’, aus der Mitte der Bevölkerung und wird gerade gegen die offizielle und öffentliche Haltung der Bundesregierung populistisch kommuniziert und als eine Art ’außerparlamentarischer Widerstand’ konzeptualisiert und instrumentalisiert.« Die HerausgeberInnen stellen gar nicht in Abrede, dass auch ihr Sammelband die Kontroversen der Antisemitismus-Forschung um die Herkunft des Impulses des heutigen Antisemitismus’ wiederspiegelt; allein ob es von rechts, links, vom Islamismus herrührt, tradtionellen oder modernen Kanälen folgt, eines ist deutlich: wirkmächtiger Akteur ist nicht mehr allein der rechte Rand der Gesellschaft, sondern antisemitische Manifestationen treten in jeder politischen Fraktion, in jedem Zusammenhang, man möchte fast sagen: in jeder guten Familie, auf.3
Ins Auge fällt, dass die Quellenlage mancher Beiträge von der bei bisherigen Anthologien zum Thema gewohnten Methode der Sprach‑ oder Textanalyse abweicht. Wolfgang Benz und Holger Braune untersuchen Leserbriefe, ersterer ans »Zentrum für Antisemitismusforschung«, letzterer analysiert eine Sammlung von Zuschriften an deutsche Tages‑ und Wochenzeitungen. Weder nehmen die SchreiberInnen der Briefe ein Blatt vor dem Mund, bzw. sie artikulieren sich in der codifizierten Form des Antisemitismus nach Auschwitz, noch scheuen sie sich, mit Namen und Anschrift identifizierbar zu sein. Dies ist ein beachtliches Zeichen für die Erosion des Tabus über den Antisemitismus nach 1945.
Neben diesen Analysen der »alltäglichen Judenfeindschaft«, der auch Monika Schwarz-Friesel ihren Beitrag widmet, und Vergleichen der Entwicklungen in England und den USA, dreht sich ein Großteil der Artikel um antizionistisch legitimierten Antisemitismus der Gegenwart, »Anti-Israelismus«, wie die HerausgeberInnen dieses Phänomen nennen. Wenngleich in manchen Momenten beide, die vorgeblich nicht-antisemitische »Mitte« und die Akteure des Anti-Israelismus, zusammen fallen (wie auf Seiten der Linken), zeigen die anderen Autor/innen auf, wie tief das antisemitische Ressentiment in die gesamte Gesellschaft eingedrungen ist – und wie wenig es durch Sanktionsdrohungen oder Tabus gehemmt wird. Hier von Einsicht, Reflexion und Vernunft zu sprechen, ist bekanntlich eine Tautologie.
Vielleicht ist Adornos Bemerkung aus »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit« hinfällig: Die Deutschen sollten ihm zufolge mit dem Hinweis auf die eigenen Opfer lernen, ihren antisemitischen Furor im Zaum halten. Die jetzige Generation kennt diese Opfer zumeist allein aus der Familiensaga; der Hinweis auf jene Verluste und Schrecken – vor allem der Toten der alliierten Bombardements – dient aber vielmehr als Argument, neuen, moralisch gewendeten Revisionismus und reaktivierten Nationalstolz als approbierte Meinung oder pseudorevolutionären Tabubruch an den Tag zu legen. Dieses Verhalten schreibt sich fort und wenn es auf die Auseinandersetzungen Israels mit seinen Nachbarstaaten wie den Palästinensern kommt, kennt die »Mitte« der »Berliner Republik« kein Halten mehr. Der einzige Wermutstropfen ist, wie angedeutet, der nur impliziten Suche nach begrifflichen Veränderungen geschuldet, der die Artikel leider nicht folgen. Sie bleiben notwendig disparat und unterscheiden sich deutlich in ihrer Qualität wie auch in ihren unterschiedlichen Zielsetzungen. Für diejenigen, denen eine Kritik der oben umrissenen Zustände am Herzen liegt, sei die Lektüre der Beiträge den immer zu findenden Mängeln zum Trotz ans Herz gelegt.
Monika Schwarz-Friesel/Eyyatar Friesel/Jehuda Reinharz (Hg.): Aktueller Antisemitismus. Ein Phänomen der Mitte, Berlin/New York 2010, 254 S. gebunden, 49,90 Euro.
Anmerkungen
- Was bei der Selbstverortung in der »Mitte« von 60 Prozent der Bundesbürger kaum überrascht.(↩)
- Die Erosion der demokratischen Inhalte registrierte die Heitmeyer-Arbeitsgruppe hellsichtig, vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 9, Berlin 2010.(↩)
- Was, da es um ein gesellschaftliches Moment und kein allein milieuspezifisches Phänomen geht, kaum überraschen kann.(↩)



