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Oliver Polak »Ich darf das, ich bin Jude«

Von Jan-Paul Koopmann

Ich darf das, ich bin Jude behauptet mit dem Titel seines ersten Buches und provoziert den Aufschrei damit schon vor dem ersten Satz. Selbstironisches über das Judentum wird ihm selbstverständlich niemand übel nehmen, den heute weitestgehend historischen Vorwurf des »Gottesmordes« wohl ebenfalls nicht. Wo aber die Shoah Eingang in -Nummern findet, liegt die Kontroverse, über die sich Polak vorab amüsiert, tatsächlich in greifbarer Nähe. Wenn er etwa bei sterbenslangweiligen Autofahrten zum Gottesdienst auf »Juden-Deportationen« kommt, oder die Party zu seinem 18. Geburtstag »bis heute in einem Atemzug mit der Reichspogromnacht genannt« wissen will, verletzt er mehr als nur in deutscher Schuldabwehr ersonnenen Tabus. Er spielt über das Stilmittel des Vergleichs auch mit dem Antisemitismus von heute.

Nun wäre es allerdings reichlich verfehlt, Oliver Polaks Erzählung auf Provokation und Tabubruch zu reduzieren. Tatsächlich geht es um das alltägliche Leben der Erzählerfigur, die im Wesentlichen, wenn auch nicht zur Gänze, dem realen entspricht. Er schreibt von seinem Alltag, vom Leben im emsländischen Papenburg, das ungefähr so furchtbar zu sein scheint, wie in irgendeinem anderen norddeutschen Kaff. Die Erfahrung der Pubertät auf dem flachen Land unterscheidet sich für einen Sohn der einzigen jüdischen Familie der Stadt offensichtlich ebenfalls kaum von der christlich aufgewachsener Jungs mit eigenwilligem Musikgeschmack – sofern nicht grad Weihnachten oder Konfirmandenfreizeiten anstehen.

In der zweiten Hälfte des Buches wird es etwas turbulenter; es geht ins jüdische Internat nach England, wieder zurück nach Deutschland und direkt weiter ins Fernsehen – zu VIVA, in den Disney-Club auf RTL und zu Zack. Wer jetzt Promi-Geschichten befürchtet, irrt sich glücklicherweise: Polak bzw. die Hauptfigur seines Buches ist immer noch der gleiche sympathische Slacker aus Papenburg, auch wenn er jetzt anderswo unterwegs ist.

Im Grunde unterscheidet sich das liebenswürdige Geplauder über Alltägliches nur in puncto Sprache von anderen humoristischen Autobiographien junger Männer, wie wie sie im Gefolge Wladimir Kaminers seit Jahren auch in der allerletzten Bahnhofsbuchhandlung vorrätig sind. Mehr noch denn als Jude, sieht sich nämlich als »Comedian«, und leider schreibt er zwischenzeitlich auch so. Sein Text, den er auszugsweise auch im Quatsch Club und an ähnlich fragwürdigen Orten vorträgt, verkommt an einigen Stellen zur Jagd nach der Brüller-Pointe, während er deutlich witziger hätte weiter dahin plätschern können. Wirklich schlimm ist das zwar nicht, ein wenig schade um die ansonsten sehr schöne Erzählung allerdings schon.

Und das mit dem Tabubruch? Ist kaum der Rede wert. hat sich seine Grenzen gesetzt und amüsiert sich über die Welt, in der er lebt, besonders da, wo es eigentlich wenig zu lachen gäbe. Er spricht aus einer Normalität heraus, zu der neben der geistigen Ödnis der emsländischen Provinz und der geringen Größe seines Schmocks eben auch die Ermordung der eigenen Großeltern mit allergrößter Selbstverständlichkeit gehört. Es geht in dem Buch um deutsch-jüdischen Alltag nach der Shoah, nicht um Schuld und Vergebung. Als politisches Programm verstanden, mag das so kritikwürdig sein, wie Oliver Polaks Rede gegen die »Miesepeter« vom »Zentralrat der Juden und so weiter«. Gleichwohl: ein Programm stellt er nicht auf, ganz ohne jeden Zweifel nicht.

In den meisten Fällen lässt sich dem Ärger über vermeintliche Grenzverletzungen schon durch genaues Lesen vorbeugen. Eine Verharmlosung des Nationalsozialismus kommt in dem Buch genauso wenig vor, wie eine kritische Analyse des Antisemitismus. Stattdessen gibt es gelungene Unterhaltung, Einblicke in eine deutsche Normalität, die nie eine sein kann und einiges zu lachen wenn auch nicht unbedingt an den Stellen, die für das Comedypublikum reserviert sind.

, Jens Oliver Haas »Ich darf das, ich bin Jude«, , 192 S., Taschenbuch 8.95 €


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  1. […] Eine Rezension von Oliver Polaks ‹Ich darf das, ich bin Jude‹ bei Beatpunk. […]

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