»Was ein Künstler ohne Revolution macht? Na Kunst.«
Ronald M. Schernikau wäre heute auf den Tag genau fünfzig Jahre alt geworden. Er ist es nicht. »Ich wurde 1960 als Sohn der Krankenschwester Ellen Schernikau in Magdeburg geboren«, notierte der Schriftsteller seinen Lebensweg, »kam 1966 in die BRD und wuchs in Lehrte bei Hannover auf. Ich wurde 1976 in die Deutsche Kommunistische Partei aufgenommen, veröffentlichte 1980 mein erstes Buch ‘Kleinstadtnovelle‘, machte kurz darauf Abitur und zog nach Westberlin, um Germanistik, Philosophie und Psychologie zu studieren. Ich bin seit 1980 auch Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins. 1986 delegierte mich die Partei an das Institut für Literatur ‘Johannes R. Becher‘ in Leipzig.« Das schrieb Schernikau im März 1989 in seinen Antrag auf Übersiedlung in die DDR. Während viele Menschen im Osten nach »drüben« wollten, schlug der Westlinke die entgegengesetzte Richtung ein. Er zog in sein »schönste(s) Land der Welt« (S.135), das er nur knapp überleben sollte. Bereits im Oktober 1991 ist der Schriftsteller an Aids gestorben.
Ohne diesen traurigen Umstand würde von ihm wahrscheinlich keine Rede mehr sein. Schernikau war homosexuell, Kommunist und Freund der Popkultur. Er schrieb über die DDR und ihre Bürger, ihre Musik, ihre Brötchen. Über schwule Theatergruppen, über Andy Warhol, über HIV, über Schlager. Seine Themen sind die der 80er-Jahre, die ein Stück weit genauso angegilbt sind, wie das Jahrzehnt. Was Schernikau leidenschaftlich in Worte fasste, lockt dieser Tage keinen mehr hinter dem Ofen hervor.
Schwul zu sein, ist heute in Deutschland als Lebenspraxis weitgehend akzeptiert. Die etablierten Parteien von der CDU bis zu den Grünen schicken ihre behämmerten Discowagen zum CSD, der Aussenminister und die Bürgermeister von Berlin und Hamburg hatten ihr coming out. Kommunist zu sein führt heute hingegen geradewegs ins gesellschaftliche Abseits. Der Ostblock ist kollabiert und hat unter sich die Hoffnungen begraben, die Parteilinke wie Schernikau mit dem Realsozialismus verbanden. Wer noch immer daran hängt, kann das als privaten Spleen nicht aber als Schriftstellerei betreiben – jedenfalls wenn er kein slovenischer Philosophieentertainer oder kein ehemaliger FAZ-Redakteur ist. Das Verhandeln von Popkultur hängt schließlich längst in einer Redundanzschleife, in der viel Papier sinnlos vollgedruckt wird und so jemand wie Schernikau unter diesem Berg verloren ginge.
Wäre der Schriftsteller nicht tot, wäre er längst in dem daueraufgeregten Literaturbetrieb vergessen, in dem man zentrifugal an die Ränder schleudert, was sich nicht aktuell prima auf Thalia-Auslagetischen macht. Statt dessen wird Schernikau wieder entdeckt, wieder gelesen, in allen großen Blättern besprochen und mit Ehrungen bedacht. Zuletzt heute in Leipzig, wo eine Gedenkplatte an dem Wohnhaus enthüllt wurde, in dem er von September 1986 bis Juli 1990 lebte. Dass man seiner Notiz nimmt, ist dem Zynismus des Kulturbetriebs zu verdanken1 und nicht der Idee, dass sich großartige Texte einfach durchsetzen.
Dass es solchen Zynismus gibt, sollte man nicht denjenigen ankreiden, die sich lange Jahre darum bemüht haben, Schernikaus Bücher dem Vergessen aus den Fingern zu reissen. Der Rand des Literaturbetriebs kümmert sich um einen der Ihren: neben dem Einsatz von Schernikaus Freunden kann man vor allem dem konkret Verlag (»Kleinstadtnovelle«, »Die Tage in L.«, »Briefwechsel mit Peter Hacks«), Rotbuch (»Irene Binz. Befragung«) und dem Verbrecher Verlag dafür danken. Letzterer hat mit der von Thomas Keck herausgegebenen Textsammlung »Die Königin im Dreck« erstmals kleinere Stücke des Autors (wieder) veröffentlicht. Hier stehen Artikel, Reportagen, Glossen, Gedichtinterpretationen, Reden und Interviews des Schriftstellers nebeneinander und bieten einen charmanten Einblick in Schernikaus Werk.
Was mir nach dem Lesen besonders in Erinnerung blieb, war die rührende Sprache, mit der Schernikau Menschen beschreibt oder Dinge bewertet. Jede Distanz ist aufgegeben. Der Versuch sich selbst herauszunehmen und lediglich nüchtern zu beobachten, geht ihm ab. Nur ein Beispiel unter unzähligen: »Der Produktionsdirektor ist ein sympathischer, grauhaariger, schusseliger Mann, der immer seine Brille in der Hand hält. Wenn irgendein Problem besprochen wird, lächelt er mich an. Ich tue, als wüsste ich, worum es geht; er weiß, daß das nicht stimmt, ich weiß, daß er es weiß.« (S.141) Schernikaus Sätze sind einfach. Sie wirken wie runtergeschrieben. Ein klein wenig naiv aber geradezu zärtlich und empathisch charakterisiert er völlig Fremde in ihrem Alltag, enge Freunde wie Giesela Elsner und ihm unbekannte Prominente, wie Romy Schneider oder Andy Warhol. Er liebt sie, findet sie toll, reizend oder einen Film wunderschön. Noch ein Beispiel: »Helga moderiert Schlagersendungen in Rundfunk und Fernsehen. Das Tolle an ihr ist: hinter den ganzen Witzchen und lauten Rufen in die Kamera und dem Stimmeverstellen und so blinkt immer mal zwischendurch eine Frau durch, die uns sagt: Ihr wißt ja, das hier ist jetzt schrecklich komisch und es muß wohl so sein, aber zu Hause laß ich auch immer meine Erbsen anbrennen und ärgere mich auch bloß darüber.« (S. 120) Es gibt nur diesen Ton und den anderen. Schernikau ist genauso direkt und distanzlos, wenn ihm etwas mißfällt. Vor allem Verleger, Autoren und Herausgeber bekommen ordentlich eingeschenkt: dummes Geschwätz und quälendstes Blahblah nennt er folgerichtig auch genau so.
Schwer nachvollziehbar ist mir aber dennoch der affirmative DDR-Bezug. Mit einer unglaublichen Projektionsleistung pustet er den Realsozialismus zum Paradies auf Erden auf, das er nie war. Dort wirkt für Schernikau alles besser: selbst die Literatur, um deren Qualitätsverfall er nach dem Zusammenbruch des Ostblocks fürchtete: »mal sehen, wie lange die DDR-Autoren solche Höhe noch halten können, ohne DDR« ist etwa der letzte Satz des Buches. Dass es im Arbeiter‑ und Bauernstaat trotz der unbenommen positiven, sozialpolitischen Aspekte ein Höchstmaß an Überwachung, Repression und Muffigkeit gab2, wollte Schernikau nicht sehen. Dass ihn dieser Staat verrückterweise nicht einmal druckte, hätte seine Liebe doch zumindest ein wenig ankratzen müssen. In seinen Texten jedenfalls liest man keine Zweifel.
Ronald M. Schernikau: Königin im Dreck. Texte zur Zeit, herausgegeben von Thomas Keck, Verbrecher Verlag, 304 S., 15 Euro.
Interview mit Radio Corax zu diesem Artikel.
Anmerkungen




Ludwig
31.01.2011
Hmm. Wenn Schernikau 1960 geboren ist, wäre er genau am 11. Juli 2011 fünfzig Jahre alt geworden – nicht 2010. Stimmt´s?
Sebastian
31.01.2011
Ich bin auch nicht gut in sowas aber nein, deine Rechnung stimmt nicht.