Aufbau Verlag, DDR, DDR-Punk, DJ Westradio, Leipzig, New Wave, Ostpunk, Roman, Sascha Lange
Von Nellie
Zwischen Depeche Mode und Kinderfaschos
Im Online-Portal »studiVZ« gibt es eine Gruppe mit dem schönen Namen »Skeletor hatte gute Ideen, scheiterte aber an der Inkompetenz seiner Leute!« – Ähnliches wie über den Bösewicht der Trickfilmserie He-Man wird ja immer wieder auch vom real existierenden Sozialismus behauptet. Dies geschah seit der so genannten Wende vor allem literarisch: in schlimmen Ostalgie-Bekenntniswellen wurde allzu oft davon gesprochen und leider auch geschrieben, dass zwar nicht alles schlecht, aber vieles doch nicht passend für den eigenen Lebensplan war, außerdem wollte man reisen und frei wählen können… Heute, danach, wisse man aber, dass auch nicht alles Gold gewesen sei, was glänzte und Nudossi und Demokratiedefizit doch ein fairer Tausch gegen Vollbeschäftigung und Kindergartenplätze. Die Idee war zwar eben gut, aber die Welt noch nicht bereit. Selten bis nie wurden bei dieser entpolitisierten Lightdarstellung der Zeit um 1990 die wirklich handfesten Schwierigkeiten und brutalen Begleiterscheinungen der deutschnationalen Revolution beim Namen genannt: Munter wurden in den blühenden Landschaften des wiedervereinigten Monstrums Deutschland erste Pogrome veranstaltet, Hetzjagden auf linke Jugendliche durch Nazihorden waren an der Tagesordnung, die Montagsdemos, analog zur heutigen Situation, waren schnell Tummelplatz der Republikaner und anderer Braunhemden.
Sascha Lange, gebürtiger Leipziger, hat all das in Echtzeit miterlebt. Bestand der Mikrokosmos seiner Kindheit noch aus Westpaketen, Betriebsferienlagern und schulischer Wehrertüchtigung, war nun die Verteidigung seines Lebensraumes vor braunen Horden mit martialischen Namen à la »Hitlerjugend Schönefeld« Tagesaufgabe für den Leipziger Linken und seinesgleichen. Schnell war klar, dass, wer anders dachte und aussah, einfach mal von Faschos die Fresse poliert bekommen konnte.
Dieses Buch zu lesen ist für Ost‑ wie Westlinke gleichermaßen wichtig und richtig, auch wenn Sascha Lange in seinem Debüt nicht das Rad neu erfindet. Doch neben der flapsig-komischen Darstellung der eigenen Politisierung und dem Dasein als New Waver werden linke Bezugsgrößen nicht wegerinnert, sondern finden Platz im Buch, natürlich immer mit Leipziger Lokalkolorit eingefärbt (nicht wenig überraschend ist übrigens die Tatsache, dass »Kinderfaschos«, also braungesinnte Rotzbengel, scheinbar ohne eigenes Wissen den Mythos Connewitz genährt haben…). All das ist kurzweilig und amüsant, macht dabei jedoch erneut deutlich, dass das kollektive Gedächtnis der Berliner Republik so löchrig ist wie eh und je. Was heute unter der Camouflage der »Friedlichen Revolution« verhandelt wird, war so wenig friedlich, wie die DDR demokratisch war.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback uri [?]