Von Brigate
Kürzlich wurde mir aktuelle Ausgabe des TRANSMISSION zugespielt, eines meines Erachtens sehr feinen Grufti-Fanzines. Wer jetzt schluckt und bei »Grufti« an diese komischen Jugendlichen in schwarzen Kunstledermänteln und Teenie-Selbstmord-Gedichte-Blogs denkt, oder sogar an die zahlreichen Naziflaschen der »konservativen Kulturavantgarde Europas«, die sich zu Pfingsten der besonderen »Stimmung« des Völkerschlachtdenkmals hingibt, liegt zum Glück falsch. Das Heft beschäftigt sich vielmehr seit ungefähr drei Jahren schwerpunktmäßig mit den von mir ja sehr geschätzten Richtungen Wave, Goth, Deathrock, Punk, Postpunk, 80er, Minimal etc. Anders als bei sagen wir mal Beatpunk, scheint man bei TRANSMISSION übrigens wirklich alles zu besprechen was eingesandt wird – entsprechend redundant liest es sich dann allerdings stellenweise auch – und macht sich auch die Mühe interessante Bands mit einem jeder Ausgabe beigelegten Sampler zu featuren den man im übrigen wohl auch gratis unter www.transmission-magazin.net runterladen kann. Darauf finden sich z.B. GUTS PIE EARSHOT, GOD IS GAY und die von mir kürzlich hier besprochenen WEEGS. Auf älteren Samplern gab es Bands wie BOYSCOUT oder die SIXTEENS und zu hören.
Während die Band/Label-Interviews mich auf Grund meines ziemlich hartnäckigen 80er-Jahre-Fetischismus nicht wirklich in ihren Bann zu ziehen vermochten sind die Highlights des Heftes meines Erachtens das Interview mit der polnischen anarcho-feministischen Gruppe EMANCYPUNKS und ein Reisebericht aus Russland. Das lässt erahnen, dass, obwohl der Schwerpunkt des Heftes deutlich auf die Musik gelegt wird, auch politische und Off-Topic-Themen Platz finden. Sehr sympathisch ist mir daran die bei aller Liebe zur Musik bewahrte kritische Distanz zum subkulturellen Mief und den Grenzen der popkulturellen Form – etwa, wenn es um die damals der englischen SWP nahestehende Punkband CRISIS geht, die nicht nur in den 70ern in ihrem ziemlich bekannten Stück »Holocaust« gegen Holocaustleugner und Neonazis wetterten, sondern sich bekanntlich angesichts auch zunehmender politischer Differenzen auflösten, deren Charakter sich wohl an Hand der nachfolgenden Beteiligungen ablesen lässt: Während sich andere CRISIS-Mitglieder auch bei THEATRE OF HATE und den genialen SEX GANG CHILDREN wiederfanden schufen Tony Wakeford und Douglas Pearce mit DEATH IN JUNE die Blaupause des nazistischen Neofolk. Angesichts eines kürzlich unter dem fragwürdigen Titel »Holocaust Hymns« und mutmaßlicher Mitarbeit von Pearce veröffentlichten Bootlegs der alten CRISIS-Singles und des »Hitfaktors« der dem Oeuvre der Gruppe nach wie vor auf Parties und Konzerten der »punkig« angehauchten Subszene zugestanden wird stellt man fest: »Eine feiernde Meute die zu ‚Ravensbrück’, ‚Dachau’ und ‚Auschwitz’ ihren Iro schüttelt ist doch ein ziemlich befremdlicher Anblick.« Sehr gespannt bin ich auf den geplanten Ausbau des Off-Topic-Teils des Heftes; auch deshalb weil ein Bild von Woody Allen und ausgewählten Zitaten dieses großen Komikers das Backcover der Ausgabe zieren. Das ist gut, verweist meines Erachtens aber auch auf einen Schwachpunkt, nämlich, dass es keine Cartoons oder Glossen gibt, die einen ironischen Kontrapunkt zu dem ja meist recht düsteren Vorgestellten liefern könnten.
Fazit: Wer auf der Suche nach Gedichten im Bereich Friedhof/Selbstmord oder neurechtem Geschwurbel ist, wird leider enttäuscht. Wer sich aber ein Bild davon machen möchte, was wer ein Herz für Wave im oben genannten Sinn besitzt aber sich nicht völlig auf die goldenen 80er beschränken möchte heute so alles hören kann oder gerne lesen möchte, was aufgespürte ehemalige und heutige Protagonist/innen des Genres darüber so alles zu erzählen haben, dem/der ist dieses Heft unbedingt ans Herz zu legen.
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