»No Future« klingt heutzutage schwer nach gestern. Auch einfach so nach Italien zu trampen, hat im Zeitalter der Work and Travel Lebenslaufoptimierer zumindest einen schalen Beigeschmack bekommen, sofern es nicht gelingt, das Abenteuer als spleenigen Anachronismus zu verkaufen. Als Ulli Lust und ihre Freundin Edi sich 1984 auf den Weg gemacht haben, war das natürlich noch nicht nötig. So eine Reise war anrüchig und nicht ganz ungefährlich; für Minderjährige ohne Papiere sowieso – für Frauen in ganz besonderem Maße, wie sich erschreckend schnell herausstellen sollte.
Ulli Lust hat die Geschichte dieser Reise inzwischen aufgeschrieben und gezeichnet. Ein autobiographischer Comic von über 450 Seiten ist dabei heraus gekommen – ein Projekt, das zumindest in deutscher Sprache konkurrenzlos umfangreich ist. Der Titel »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« mag ein wenig gestrig klingen, erfasst Stimmung und Zeitgeist der Erzählung aber ziemlich treffend. Es wird viel gelacht, geraucht und rumgemacht. Das Dauerthema Sex zieht sich durch die ganze Geschichte, ist mal gut, meistens ganz ok, aber nie auch nur in der Nähe irgendwelcher Glücksversprechen. AIDS ist noch kein Thema, und sowohl zu Beginn der Reise in Wien, als auf dem Zwischenstopp in Rom bleibt Promiskuität weitestgehend eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Im späteren Verlauf der Reise ändert sich das dramatisch. Spätestens auf Sizilien werden aus lästigen Aufdringlichkeiten handfeste Übergriffe, die ihren entsetzlichen Höhepunkt in der Vergewaltigung Ullis finden. In der beklemmenden Darstellung wandelt sich der Mann vom Schatten zum wolfsähnlichen Monster und stellt erstmals eindeutig dar, was zuvor bereits angedeutet wurde: die Gleichsetzung dieser Männer mit wilden Tieren.
Auch wenn Mafia, Heroin und Prostitution im Täterkreis allgegenwärtig sind, werden sie von der Autorin doch in erster Linie als Italiener und nicht als beliebige männliche Gangster kodiert. Als Italiener, die immer schlimmer werden, je weiter man nach Süden reist, wo »die Brüder ihre Schwestern mit dem Maschinengewehr bewachen«, weil alle Frauen von Natur aus schamlos seien und man sie vor sich selbst schützen müsse. Die Anklage der barbarischen Zustände auf der Insel gerät dort in unangenehme Nähe zur rassistischen Zuschreibung, wo sie sich mit den Machismo-Analysen deutscher Italienurlauber überschneidet. Der Erzählerin – einer Jugendlichen, die unter diesen Umständen extreme Erfahrungen machen musste – lässt sich das kaum vorwerfen, unangenehm bleibt es aber dennoch.
Trotz aller Schrecklichkeit gelingt es Ulli Lust, einen Hauch von Unbeschwertheit zwischen rauem Bleistiftstrich und giftgrüner Tusche zu transportieren. Jenseits der Sprechblasen sind es vor allem die extrem ausdrucksstarken Gesichtszüge, die erahnen lassen, wo sich zwischen Gewalt und Hilflosigkeit noch ein kleines bisschen Freiheit erkämpfen lässt. Fast erstaunlich ist außerdem, dass die Geschichte im Grunde ziemlich witzig ist, auch wenn es nur selten Grund zum Lachen gibt.
»Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« ist eine harte Geschichte, die viele Fragen aufwirft, keine davon beantwortet und das vermutlich auch nie vorgehabt hat. Ein bisschen Punk hat seine Nacherzählung überlebt – wahrscheinlich, weil Ulli Lust nicht in erster Linie ihre Autobiographie geschrieben hat, sondern eine Geschichte erzählen wollte. Es ist trotz der ähnten problematischen Zuschreibungen ein sehr lesens‑ und vor allem auch sehenswerter Comic geworden, der hoffentlich auch jenseits der Comic-Szene Beachtung finden wird.
Ulli Lust: »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens«, avant-verlag, 464 S., Softcover, 29,95 €



