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Haaf, Klingner, Streidl (Hg.) »Wir Alphamädchen«

Von Ulrike

Viele junge Frauen wollen wieder über reden. Da es sich dies aber nicht schickt in Deutschland, weil gleich der Emanzenvorwurf angebracht wird, bevor das erste Argument genannt wurde, wird dieser verpackt und verjüngt und als oder »third wave of feminism« bezeichnet – anscheinend in der Hoffnung, dass niemand merkt, dass der Inhalt der Gleiche geblieben ist. Aber vielleicht ist der Inhalt nicht der Gleiche geblieben und den Autorinnen von heute geht es weniger um die Verknüpfung von Gesellschaftskritik und ungerechter Behandlung von Frauen, sondern mehr um ein gutes Sich-Einrichten im Falschen. Dies soll aber nicht Gegenstand des Textes sein, sondern es soll ein weiteres Buch vorgestellt werden, das bisher recht wenig Beachtung in der Debatte findet.

Es heißt »Wir Alphamädchen. Warum das Leben schöner macht«. Die drei Autorinnen, Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl, liefern kein revolutionäres, aber ein sehr erfrischendes Buch ab. Von jungen Frauen für junge Frauen, ohne sich unangenehm von Alice Schwarzer oder der Tradition des abgrenzen zu wollen. Sie sehen sich in der Tradition des , haben keine Scheu dies auch zu formulieren und finden dennoch die richtige Kritik an einigen Ansätzen des der 68er. Nach eigenen Aussagen kommen die drei Autorinnen nicht aus linken Zusammenhängen, sondern die Idee das Buch zu schreiben resultiert aus den Alltagserfahrungen junger Frauen, die mit dem Erwachsen werden vor der Entscheidung für Karriere oder Kinder stehen. Sie wollen eine solche Entscheidung nicht treffen, sondern statt dessen die Möglichkeit zu Beidem behalten.

Dennoch basiert das Buch nicht auf Alltagsgeschichten oder persönlichen Erzählungen, auch wenn der der Autorinnen aus diesem entstanden ist. Sie schaffen es, im Gegensatz zu Jana Henschel und Elisabeth Raether in »Neue deutsche Mädchen« (sic!) oder teilweise Sonja Eismann’s »« eine abstraktere Ebene zu finden und politische Konsequenzen zu ziehen.

Für die bereits etwas interessierte Leserin werden sich mit dem Buch keine großartig neuen Erkenntnisse ergeben. Die Themenbereiche sind, neben einem kleinen Abriss der Geschichte des und der Frauenbewegung, durchaus bekannt: Körper und Körperwahn, Porno und PorNo, Vereinbarkeit von Karriere und Familie, Medien und Macht. Aber als Einführung ist das Buch durchaus weiterzuempfehlen, nicht nur weil es eine thematische Grundlegung darstellt, sondern dabei auch eine Darstellung der Theorien von Freud bis Butler einbezieht.

Den Autorinnen des Buchs »Wir Alphamädchen« erfinden den gewiss nicht neu und können auch keine Antwort auf die Frage geben, was Geschlecht ist und warum es das überhaupt gibt. Sie stellen Kapitalismus und Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in keinen direkten Zusammenhang. Aber sie erkennen wenigstens, dass dem Ganzen anscheinend eine gesellschaftliche Struktur zugrunde liegt. Und sie scheuen sich eben nicht damit zusammenhängende Themen, wie beispielsweise die ungleiche Bezahlung oder die geringe Bereitschaft von Männern zum Vaterurlaub, zu benennen. Dabei verlieren sie nicht aus dem Blick, dass es vielleicht nicht für jede Frau machbar und attraktiv sein mag, sich allein mit Kind und fünf Jobs durchs Leben zu schlagen und abends doch noch gut gestylt bei der In-Disko der Stadt aufzulegen.

Darüber hinaus fällt positiv ins Gewicht, dass Haafs, Klingners und Streidls Buch dahingehen keine nationalen Grenzen kennt: sie sehen, wie sich die Lebensbedingungen von Frauen in anderen Ländern gestalten und verurteilen entschieden die Unterdrückung von Frauen egal wo, wie und zu welchem Zweck.

Dennoch ist ihr quasi politisches Manifest eins, das sich anbiedert. Sie stellen als etwas sehr Einfaches dar: bei ihnen ist jeder und jede FeministIn, wenn er oder sie etwas gegen Sexismus hat. Nun stellen die wenigsten Menschen sich hin und plädieren für Sexismus und ist das Verhältnis des gesellschaftlichen Mainstreams zum ressentimentbeladen. Die drei Autorinnen machen es sich sehr einfach, indem sie programmatisch suggerieren, es käme allein darauf an, dass nur alle aktiv werden und sich nicht unter kriegen lassen würden; dann würde schon alles gut. In ihren Augen haben alle Männer und Frauen etwas davon, wenn sie Feministen und Feministinnen sind. Stimmt durchaus, aber irgendwie auch nicht, alleine schon weil das Problem Ungleichbehandlung noch aktuell ist.

In dem Buch »Wir Alphamädchen« wird der von heute als schön und attraktiv dargestellt. Wie schwer und mühselig die Diskussionen, die Gegenwehr und die eigenen Überwindungen gerade für junge Frauen sind, wird in die Vergangenheit geschoben oder nicht erwähnt. Aber wenigstens setzen die Autorinnen nicht, dass jede Frau Kinder und Karriere will, sondern sie sehen, warum viele junge Frauen heute keine Kinder haben wollen.

Beispielweise Jana Hensel und Elisabeth Raether suchen in ihrem Buch »Neue deutsche Mädchen« einen eher literarischen Zugang zum Thema. Auch ihr Blick für schärft sich an ihren eigenen bzw. den Erlebnissen junger Frauen im Alltag und durch die Wirren des Erwachsen-Werdens. Wie der Titel des Buches erahnen lässt, kommt ihnen dabei nicht einmal ein emanzipatorischer Gedanke. Das Buch bleibt auf der Ebene von fragwürdigen Alltagserkenntnisse. Henschel und Raether fehlt jeder Begriff von Gesellschaft und nicht zuletzt deshalb bringen sie Sexismus in keinster Weise in Bezug mit der warenproduzierenden Gesellschaft. Ihr Lösungsansatz heißt: sich durchbeißen. Die Kanzlerin ist doch schließlich auch eine Frau. Ihre eigene elitäre und exponierte Position werden nicht reflektiert. Für sie gibt es nur den weißen Mittelstand und Berlin Mitte. Henschel und Raether reproduzieren Vorurteile, indem sie diese nennen, aber scheinbar vergessen, sie als Klischees zu kennzeichnen.

Überdies versuchen sie beim Leser und bei der Leserin Applaus zu erheischen, indem sie auf Alice Schwarzer einschlagen. An ihr wird kein gutes Haar gelassen; so scheint sie sogar die Schuld dafür zu tragen, dass junge Frauen es heute nicht immer so einfach haben, wenn die Kinder und Karriere unter einen Hut bringen wollen. Keinerlei Würdigung des jahrezehnte langen Einsatzes für Gleichberechtigung, sondern eher distinguierter Kitt für die Einheit der baldigen, jungen Elite Deutschlands. Henschel und Raether versuchen aus dem Bauch heraus Feministinnen zu werden, aber leider kommt nur ihre eigene Biographie literarisch verpackt heraus. Vielleicht sollte das Buch »Neuen deutsche Mädchen« aber auch als Ergebnis zweier selbstständiger und unter prekären Arbeitsverhältnissen lebender Frauen gesehen werden, die sich um des werbewirksamen Productplacements willen, die Eva-Herrmann-Karte spielen.

In »Wir Alphamädchen« wird indes nicht nur die eigene Position betrachtet und nur diese versucht zu verbessern, sondern die Rolle von Frauen wird mit einer internationalen und herkunftsunabhängigen Brille betrachtet. Wie bereits eingangs gesagt: die Ansätze sind nicht sonderlich revolutionär, aber als Einführung, Auffrischung oder als Motivation die täglichen Nervereien zu überstehen sehr empfehlenswert. Eine ganz wunderbare Anleitung den Alltag mit kritischem Blick zu sehen und zu erfahren, dass die Probleme nicht nur mit einem allein zusammenhängen, sondern mit dieser eigenartigen Gesellschaft – eine Sensibilisierungsmöglichkeit als Weihnachtsgeschenk für die kleine Schwester.

Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl (Hg.) »Wir Alphamädchen: Warum das Leben schöner macht«, 220 S., Hoffmann und Campe 2008.

Elisabeth Raether, Jana Hensel »Neue deutsche Mädchen«, 224 S., Rowohlt 2008


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  1. j 16.08.2008 / 11:29

    »für die bereits etwas interessierte leserin« – feminismus ist also nur für mädchen, oder wie?

Reiss die Fresse auf:

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