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Wolfgang Schivelbusch »Entfernte Verwandschaft«

Von Hanno

, , 1933–1939

Dass es einen Zusammenhang geben könnte zwischen gesellschaftlicher (politisch‑ökonomischer) Krise und den verschiedenen Ansätzen der Lösung, dämmerte sogar der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) im Oktober 2008. Dort aber versteift man sich auf eine nicht-staatliche Lösung der Krise, denn eine Direktion der Ökonomie sei gänzlich falsch – auch als , über den der Zeitungsartikel mit Abscheu berichtet. Mit Rekurs auf das Buch von festigt die FAS die neoliberale Mär, dass der Staatseingriff per se etwas mit einem wie-auch-immer-gearteten Antikapitalismus zu tun habe. Dies war – neben allen Anstrengungen, kritisch-theoretisch die »totalitäre Ordnung« (Horkheimer) zu begreifen – auch ein Ansporn für den Verfasser dieser Zeilen, in Schivelbuschs Text zu schauen.

Doch das Buch »Entfernte Verwandtschaft. , , 1933–1939«, das zu der aktuellesten Literatur zum gehört, enttäuscht. Zwar hält Schivelbusch zu Beginn den und die New-Deal-USA deutlich auseinander, doch vor allem den italienischen betreffend rekurriert der Autor auf die zeitgenössische Publizistik, die seines Erachtens »unbefangener« die eine Form des Staatseingriffs mit der anderen verglich (S. 16). Aber anstatt zu vergleichen – Ähnlichkeiten und Differenz material herauszuarbeiten – stellt Schivelbusch gegenüber, nebeneinander, zielt auf wirkungsvolle denn auf kohärente Darstellung. Was der Beweggrund der Untersuchung ist, bleibt ebenso fraglich, wie das Ziel, auf das der Autor sich zu bewegt. Sein Verfahren ist das der Kontratierung. Zwar weist Schivelbusch in einem eigenen Kapitel auf die nationalökonomischen Theorien in den USA, Deutschland und Italien und deren Deutungshorizont hin; wie aber die Vorstellung der Welt als »Lebensraum« oder als zu ordnender Fläche, was die britische Arts-And-Crafts-Bewegung und der deutsche »Werkbund« als gemeinsames verbindendes Moment aufweisen, bleibt der Darstellung äusserlich.

Ebenso fehlt es Schivelbusch an präzisem Ausdruck: »Ziel jeder Propaganda seit der römischen Kombination von Brot und Spielen ist, dem Publikum das Gefühl zu vermitteln, in der besten aller möglichen Welten zu leben oder auf dem Wege dorthin zu sein. Das hat man so einfach wie treffend als den ›feel good factor› bezeichnet. … [Es] vermochte die Propaganda in den dreißiger Jahren in den USA und in Deutschland die Konsumkrise zu ›überspielen›, indem sie einen erstaunlich wirksamen feel good factor hervorzauberte. Es war der eigene Schopf, an dem sich beide Regimes emporzogen.« (S. 94 f.; Herv. i. O.) Die polit‑ökonomische Analyse, die Schivelbusch meint zu leisten, begnügt sich mit einigen Verweisen auf John Maynard Keynes‘ Theorie des deficit spending; für Schivelbusch eine theoretische Legitimation des Staatseingriffs, und eine Theorie der Aufwertung des Bodens, beides Vorstellungen, die in der Krise von 1929 geboren wurden. Aber die ökonomische Diskussion ist eine Fussnote – wenn auch über eine Seite lang (S. 201ff.). Bezeichnender Weise spielt in Schivelbusch ökonomischen Übelregungen immer wieder der Hinweis auf die Lösung der Staatsverschuldung durch Krieg eine deutliche Rolle. Er entlehnt sie ohne weitere Prüfung den von ihm zitierten Zeitgenossen. Aber die Ausplünderung der deutschen und europäischen Juden ist ihm keine Zeile wert. Die Teilsanierung des Deutschen Reiches durch die »Verordnung über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« vom 12. November 1938 spielt genausowenig eine Rolle wie Göring, der als »Bevollmächtigter des Vierjahresplans« Herr der Institution war, die den Staatseingriff in die Ökonomie regelte und lenkte. (Göring beauftragte ausserdem am 31. Juli 1941 Reinhard Heydrich, den Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, mit der Planung der Durchführung der »Endlösung der Judenfrage«. Die Planung wurde dann im Januar 1942 auf der Wannseekonferenz abgesegnet.) Die Frage wäre hier auch, was er Vergleichbares auf der anderen Seite des Atlantik gefunden hätte. Schivelbuschs These, dass , und »zur Überwindung ihrer Wirtschaftskrise einer Rüstungskonjunktur und letzlich des Krieges« bedurften, bleibt Behauptung (S. 31).

Man muss dem Autor jedoch eines zugute halten: Seine Arbeit liefert einen grossen Teil des Materials, dessen es bedraf, um die Frage nach den verschiedenen Formen staatlicher Lenkung der Ökonomie zu betrachten. Aber der Versuch auf den wenigen Seiten Propaganda, Radio‑ und Freizeitkultur, dirigistische ökonomische Theorien und ihre Praxis, die historischen Vorläufer und Vordenker, sowie die Wandlung der bolschewistischen Revolution mit internationalem Anspruch in den »Sozialismus in einem Land« unter Stalin zusammen zu bringen, bedarf mehr, als salopp Zitate der zeitgenössischen Akteure (Hitler, Mussolini, Roosevelt samt dem gesamten Apparat an ghost writern, Zuarbeitern, Vordenkern) aneinander zu montieren. Manchmal wäre weniger Getöse und dafür genaueres Arbeiten am Gegenstand nicht nur sinnvoller und lesbarer, sondern auch fruchtbarer für die Frage nach der Gegenwart der Vergangenheit gewesen.

Die »« des Fischer-Verlages, mit dem verdienstvollen Walter H. Pehle als Herausgeber, changiert mittlerweile zwischen Trivialhistoriographie und dem – auch durch Analysen wie Franz Neumanns »Behemoth« oder Avraham Barkais »Das Wirtschaftssystem des « – gewohnt hohen geschichtswissenschaftlichen Standard. Es bleibt zu wünschen, dass dieses Niveau wieder eingeholt wird.

»Entfernte Verwandschaft. , , 1933–1939«, Frankfurt/M. 2008 (Fischer), 223 S., 9,95 Euro. (Erstveröffentlichung München/Wien 2005)


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