05.12.2007 / 7:09 pm
Von Sebastian
Sieben Tage sieben Köpfe, elf Lieder elf Rezensenten. Vielleicht muss das Spiel einmal so herum gespielt werden, nicht ohne, sondern mit Worten, nicht auf der Brücke über so much water, sondern wireless im trockenen Onlineknast. Jedenfalls bei etwas Besonderem könnte es einmal lohnen, die Eingetretenheit der Form zu verwischen und das große Abenteuer im Metadelta in elf – wie ich finde – tolle, kleine Wespenstiche zu zerlegen. Was die anderen wohl von »Wasser kommt, Wasser geht« halten werden? Gar nichts, natürlich. Wie sollten sie auch? Versuchsweise wird jetzt das zerrissen, was den derzeitigen Tendenzen der Musikindustrie sowieso zum Opfer fällt – das Album. Lediglich seine Atome hängen im MP3-Format Rezensentenmails an. Aus einem hübschen Blumenstrauß bekommt jeder nur eine geschenkt. Nur eine. Sie duftet nach einem äußerst reduzierten Blickfeld, nach Scheuklappen, mit denen eine Platte nicht in Spreu und Weizen zertrennt und feinsäuberlich entlang dieser Kategorien gesammelt und gestapelt werden kann – doch sie duftet gut. Was sich wohl trotzdem von einem einzigen Song sagen lässt? Was er wohl über ein homogenes Album und über eine Band verrät, wird sich zeigen. Wahrscheinlich brechen auch nur die verspleenten Musikvorlieben der Beatpunk-Belegschaft heraus, deren Verschriftlichung den Leser noch vollends verwirrt der alltäglichen Tristesse zurück überantwortet. Ehrlich, ich bin gespannt auf die getippten hundertzwanzig Sachen. Auftauchen zum Luftholen, Genosse. Hols Stöckchen bitte…
Wespenstich
Ein Song übers Davonlaufen, einer jedoch ohne Gewaltphantasien oder großartigen Kitsch. Die splittrige Stimme ergänzt sich mühelos mit der übrigen Instrumentierung, die Bilder, die der Sänger sprachlich hervorbringt tun ihm weh und irgendwann tun sie auch mir weh, denn sie sind nicht wirklich originell und auch ich beginne an Flucht, ans Weglaufen zu denken. Dann ist das Lied vorbei. Melancholisch, kraftlos, freudlos – ist es das was Emo können muss? Dieses Lied ist Schmerz in Reinkultur und trotzdem nicht völlig daneben. (Dennis)
Ohne Worte
Ohne Worte heißt mein Song – und viel vom Text lässt sich erstmal nicht raushören, die Betonung verspricht aber Bedeutendes. Klingt beim ersten Mal hören recht belanglos, beim achten Mal auch. Der Schluss des Liedes ist ganz gelungen. Von diesem Song aus zu urteilen, würde ich das Album nicht runterladen oder kaufen. (Max)
So Much Water
Nett. Aber: der kleine Bruder von nett ist bekanntlich scheiße. So richtig scheiße ist das zwar nicht, nur einfach irgendwie zu nett. (Chris)
Spreu vom Weizen
Das Rad kann nicht neu erfunden werden. Alles war irgendwie schon mal da und profitiert vom Hype und geht mit seinem Abklang unter. Trotzdem nerven mich zehnmal aufgegossene Teebeutel. »Spreu vom Weizen« ist so ein Teebeutel. Ich fühle ich mich peinlich berührt von verwendeten Bildern wie Ampeln auf grün, sich selbst in Zeitlupe sehen, der erste Kuss, ein geschlossenes Kino. Das ganze wird, wie es grad so angesagt ist, existentialistisch ins Mikro gepresst und schmiegt sich völlig kantenlos an die Gitarrenriffs an. Ausbrüche wie »ES ist auch dein Leben…!« kann ich auch nicht laut mitsingen ohne rot zu werden. Das ganze ist aber derartig mitreißend geschrieben, das Schlagzeuger poltert zügig los und die Gitarren hämmern verzerrt in die entscheidenden Ecken, dass man mit wippen muss. Klingt ja auch so, als hätte man das schon hundert mal gehört. Nicht meine Tanzveranstaltung. (Janette)
Sammeln und Stapeln
Jetzt habe ich mir das Lied ein paar mal angehört, und so langsam dämmert mir, warum ich mich so lange davor gedrückt habe, es zu besprechen: Ich kann mir vorstellen, dass die Musiker vielleicht recht nett sind, aber es gefällt mir einfach nicht. Irgendwo zwischen poliertem Indierock und was zumindest früher gern als Emopunk bezeichnet wurde, angezogenes Tempo und klarer Gitarrensound, eine treibend-melancholische Stimmung in der Musik. Der männliche Gesang tönt ebenfalls klar, verliert meines Erachtens aber durch eine Art Post-Screamo-Feel. Auch das genretypisch eingestreute Operieren nah an der Grenze zum Sprechgesang kann der monotonen Selbstmitleidigkeit des Stücks nichts entgegensetzen. Textlich gehts um Herbstdepressionen. Beschrieben wird eine Situation im September, »die Heizung steht auf drei«. Die singende Trauerweide sieht sich im Zimmer um und fragt sich: Was behält sie bis zum nächsten Sommer? Mir gefiel dieser alltagspoetisch aufbereitete Jahreszeitenkitsch noch nie. »Kitsch« deshalb, weil der Turnus der Probleme, die geeignet sind, mich in eine melancholischen Stimmung versetzen, nach dem Stand der Entwicklung der Produktionsmittel mit dem Wechsel der Jahreszeiten eigentlich fast nichts mehr zu tun haben. »Gefiel mir noch nie« deshalb, weil mich solcherart kreativ geäußerte Melancholie und Selbstmitleid einfach nerven. Gelegentlich melancholisch oder selbstmitleidig zu sein lässt sich schwer vermeiden. Wenn man dann aber einen Proberaum, viele schöne Instrumente, befreundete Musiker/innen und genügend Zeit hat, dann sollte man sich darüber sehr freuen, und die eigene Melancholie kritisch durcharbeiten und überwinden, anstatt sie bloß auszudrücken oder schlimmstenfalls im Studio nachzuempfinden. Und wenn man die Chance hat, eine Platte zu machen, dann soll man die nutzen, um diesen Prozess auch bei anderen anzuregen. Keep on keepin’ on! (Brigate)
Hunderzwanzig Sachen
Es ist wirklich eigenartig schwierig, ein einzelnes Lied zu besprechen, denn was kann ein Lied allein schon ausdrücken, meist nicht sehr viel. Und dieses Lied tut es auch wahrlich nicht. Hoffentlich liegt man bei »Hundertzwanzig Sachen« nicht mit der Vermutung richtig: kennste eines, kennste alle. An sich gefällt mir der Song, aber es ist nichts Herausragendes in der kleinen Welt der deutschsprachigen wir-sind-die-besten-Freunde-Punkbands. Der Text will zu Gedanken über Alltag und gesellschaftlicher Vereinsamung, mit einem hohen Anteil an eigenen Interpretations‑ und Identifizierungsmöglichkeiten, anregen. Die Musik ist sauber, glatt und irgendwie langsam langweilig. Weder Text von Musik stellen etwas Besonderes dar und die Emo-Spalte im Punk dreht sich im Kreis. Im Lied geht es im Entferntesten um die Frage – was ist zuhause – musikalisch kann ich nur raten, dass man einfach mal zuhause ausziehen sollte, dann stellt sich auch die Frage einfach nicht mehr. (Ulrike)
Hols Stöckchen bitte
Ich hör ja nicht soviele von diesen tollen Punkbands, weil ich drauf stehe, schlecht drauf zu sein. Nee, nee. Dann würd ich Atreyu oder Silverstein hören und mir die Tage »mal was gutes tun«. Zum Beispiel bei H&M ein neues Jäckchen kaufen. Ist ja auch hart alles. Gönn mir doch den Spaß. Na klar, aber geht schon. Ich komm auch so durch. Wenn man so vieles einfach mal seltsam-verstörend findet und zwar nicht nur weil es seltsam-verstörend ist, sondern man das eben findet (kompliziert!) legt man den Strohhalm einfach mal auf. Lustig irgendwie. Ist ne super Platte. (Abel vB)
Worte auf der Brücke
Dieses »Wort auf der Brücke« immer wieder und wieder, los schreib was dazu, los jetzt! O.K. es handelt vom losgehen, man soll nicht aufgeben, sondern es einfach tun. Deswegen tu ich das jetzt ja auch, einfach losschreiben. Aber ich höre da doch ein paar Zweifel raus: »es muss sich was ändern, nur was?« und dann kommt auch das ungeliebte »ich weiß es auch nicht«. Die Musik hingegen lässt keine Zweifel zu, sie denkt nicht nach, sie brettert nach vorn bis sie oben angekommen ist. Und so muss man es wohl tun, einfach los, nicht so viel nachdenken und schwupp ist man am Ziel. Ich auch. (Caro)
Abenteuer im Metadelta
Das Abenteuer im Metadelta hat keinen Anfang und kein Ende, die Zeit ist dermaßen gekrümmt, dass der Song im Kreis läuft (Repeat-Modus). Der Raum hingegen ist ganz wie immer, ein wenig schmutzig und groß genug, um darin zu tanzen – und das in satten drei Dimensionen. Dabei sollte unbedingt darauf geachtet werden, nicht hinzufliegen. Bockspringen auf der Autobahn kann zu erheblichen Verletzungen führen. (Oli)
Auftauchen um Luft zu holen
Schön: Melodiös-düsteres Intro, zack, präzise Breaks, treibende Drums, wütender Gesang. Der bleibt allerdings kühl genug, um Distanz zu wahren. Stellt klar, dass es sich hier immer noch um eine künstlerische/künstliche Abstraktion handelt und nicht um das emotionale Tagebuch einer Beziehung. Lässt bei allem klanglichen Mitreißfaktor Raum für eigene Bezüge. Zeilen zum Mitgrölen mit angesuckt-sein-Tragiknuancen, ohne dass man sich dabei doof vorkommen muss. (Antonia)
Zugehört
Hin‑ und hergerissen zwischen »schon zu oft gehört« und »nicht richtig hin‑ und zugehört« tendiere ich zum zweiten. Irgendwie schaffen es Captain Planet doch die richtigen Worte und Töne zu treffen, auch wenn man an einigen Stellen geneigt ist, den zugegebenermaßen unfairen Vorwurf zu formulieren, dass sie aus den eng gesteckten Genregrenzen nicht ausbrechen. Niemals die einzige Blume vor der Nase wegpflücken lassen! (Toralf)
05.12.2007 / 7:09 pm
für mich endlich endlich mal wieder ein richtig tolle deutsch/punk/rock/pop platte. und mit das beste das ich seit bordsteinkantengeschichten und raum und raum gehört hab….beim lesen des testes musste ich ununterbrochen den kopf schütteln? an was das wohl liegen mag?
voll daneben
05.12.2007 / 7:38 pm
Als Einziger, der die Platte bei obigem Testverlauf ganz kannte, war/bin ich über das Resultat selbst reichlich verwundert. Ich mag das Album, aber das steht da oben ja auch in der Einleitung.
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