Von Sebastian
Circa in der vierten Klasse zeigt sich in unnachahmlicher Grausamkeit, ob man es vermochte, während des bisherigen noch recht jungen Lebens seinem Umfeld mit Liebenswürdigkeiten zu gefallen. Dann nämlich und nur dann hält einem alle Nase lang jemand ein knallbuntes Büchlein unter die Nase, in das man auf ein Sammelsurrium skurriler Fragestellungen, Antworten wie »Knight Rider, Spaghetti, Feuerwehrmann und David Hasselhoff« zu schreiben hat. Man darf festhalten wer man so ist, was einen ausmacht und was man dem Eigentümer des Büchleins schon immer mal an Freundlichkeiten mitzuteilen gedachte.
Aber es gab dereinst auch andere Exemplare von Poesiealben – solche nämlich, die dem Eintragenden die nicht immer ganz einfache Aufgabe abverlangte eine schneeweiße Seite frei von diesem neumodernen Steckbrief-Schnickschnack zu gestalten. Wer langweilig war und auch sonst eine Niete suchte aus seinem eigenen Poesiebuch einen hübschen Spruch heraus, schrieb ihn in Schönschrift mit Füller ab und drapierte noch ein paar Blumenaufkleber drum herum. Wer hingegen was auf sich hielt, mühte sich um eine originelle Note und um ein wenig Individualität.
Katzenstreiks’ Album »IIII« ist ein solches Poesiealbum eingeschoben. Aufwendig layoutet und von allerlei Bekannten, Weggefährten, MusikerInnen, Veranstaltern und Labelbetreibern ausgefüllt. Es werden beste Wünsche, Anekdoten und verschriftlichte Plätzchen gereicht – höchstpersönlich versteht sich.
Wenn eine Band ein solches Heft anstatt eines handelsüblichen Plattenbeiwerks dem eigenen Langspieler beilegt, so hat das mehr zu bedeuten, als das posrige Vorzeigen der Freundschaftsbänder (Remember Wolfgang Petry!). Das Poesiealbum markiert vielmehr, welche Bedeutung und welchen Status sich Katzenstreik im deutschsprachigen Raum in puncto Emopunk im Laufe der Jahre erspielt haben und wie viel sie einer kaum überschaubaren Anzahl von Leuten bedeuten. Und das gewiss zu recht.
Mit einer beachtenswerten Liebenswürdigkeit schrauben die vier nun schon über Jahre an ihrer Musik, an ihren Texten, ihren Auftritten. Vielleicht allein mit ein wenig zu viel der Authentizität wird man auf »IIII« eingeseift, wenngleich die Platte den Grund dafür frei Haus mitliefert. Katzenstreik ist für die beteiligten Musiker mehr als ein mal schönes, mal beschwerliches Hobby. Es scheint, als sei es Fixpunkt in vier unterschiedlichen Leben, in vier Freundschaften, die genau dadurch zusammen gehalten werden. Wahrscheinlich nur so ist die große Distanz zwischen Bristol in England, wo es den Drummer Tobi mittlerweile hin verschlagen hat und zwischen Göttingen und Berlin zu überbrücken, wo der Rest lebt. Unter diesen Bedingungen zu proben, zu touren und sich zusammen weiter zu entwickeln dürfte Katzenstreik noch vor eine ganze Reihe von Herausforderungen stellen. Deshalb bleibt eine genauere Bestimmung des Gegenstands offen, weil ungewiss. Womit hat man es bei »IIII« nun eigentlich zu tun? Mit einem Rückblick, einem Ausblick oder einem vorgezogenen Adieu? Wer weiß das schon so genau?
Festhalten lässt sich bei »IIII« aber zumindest ein solides, wieder ein wenig dreckiger produziertes Punkrockalbum plus buntem Strauß sich eckender Schrulligkeiten, die am Ende der Platte versammelt sind. Wie dort hörbar, ist Katzenstreik alles andere als frei von Brüchen, nur steht wohl kaum eine Band so offen und sympathisch dazu. Beispielhaft dafür lässt sich das »Hasskappe Pt.2«-Stück anführen, in dem sich Tobi über eine eigene olle Kamelle aus der autonomen Mottenkiste der Bandgeschichte in einem schaurigen Elektroremix lustig macht. Neben der Portion Selbstironie deutet die dafür gewählte Form das Interesse von Katzenstreik an, ihr eigenes musikalisches Korsett ein paar Löcher weiter zu schnallen. So wildern die Vier wie erwähnt nicht nur im Disko, sondern wagen auch Ausflüge in Richtung Rap, Blues und Pop.
Und dennoch: meine Scheibe wird das nicht. Einige Lieder sind mir einfach zu hittig, andere zu stark an das eigene Plattenregal angelehnt: »Reißverschluss« spielt am Anfang Räuberhöhle, »Shakedown« im Intro Robocop Kraus und das Schlagzeug von »Home Again« hat sein Vorbild recht deutlich bei Hot Hot Heat’s »Bandages«.
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