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Mutter »Mein kleiner Krieg«

Ein neues Mutter-Album ist wie eine neue Liebe, ist wie ein neues Leben. Und da werden einem in der letzten Zeit einige neue Lieben und Leben geschenkt, befinden wir uns mit der exzentrischen Band doch noch immer in einem modernen Untergrund, den Mutter nun schon seit vor der Wende als ihren Raum behaupten: 2010, nach fast fünf Jahren Ruhe, beginnt die personell aktualisierte Mutter erneut ihren kreativen Feldzug.

Zuerst das durch Schuldverschreibungen finanzierte »Trinken Singen Schießen«, das sich mit frischem Wind an Gitarre und Bass nach erschöpfenden Besetzungsumbrüchen in der nun ein viertel Jahrhundert währenden Geschichte der Gruppe um Über‑/Lebenskünstler Max Müller und Filmproduzent Florian Körner von Gustorf wohl als das radiotauglichste Werk bisher vorstellte; dann das häppchenweise entstehende Out-Take-Patchwork »Kalendermusik«, ein Sammelsurium nichtveröffentlichter Demoversionen und ausgegrabener Stücke aus dem bisherigen Œuvre der Band (mit Bastelcover, jeden Monat als Download parallel zum aus der Feder Müllers stammenden Existenzialisten-Pin-Up erscheinend); noch erwartet und angekündigt zum Jahresende eine Doppel-LP mit ebenso raren Demos, Live-Mitschnitten und vergleichbaren Fundstücken für spezialinteressierte Jäger und Sammler; und nun überraschend: »Mein kleiner Krieg«! Folgte man den Äußerungen Müllers auf unser aller liebstem (?) Social Network vor, während und nach der Veröffentlichung des neuen Werkes (also genau zu den sinngebenden Zeiträumen, die für das unkommerzielle Kunstwerk in der digitalisierten Zeit nach der Post-Moderne generell relevant sind), konnte man nicht mehr differenzieren, was provokante und streitlustige (Bauchgefühl‑)Strategie der Verunsicherung war, und was ernstgemeinte Information. Von Coverversionen war die Rede, die sich nun auch irgendwo in den neun neuen Stücken entdecken lassen – doch konkret wurde es so gut wie nie. Einzig konkret war der Ort der Aufnahme: ein altes Landhaus in Italien, in dem schon die 1996er-CD »Nazionali« entstand. Und das ließ hoffen, produzierten Mutter dort doch vor immerhin 15 Jahren ihren härtesten Abgesang auf das Glück, »Die neue Zeit«, der noch immer nachhallende Mutter‑Über-Hit.

Nun schreiben wir das Jahr 2011 und »die Alten hassen die Jungen« – also genug des Historismus! Die neue Zeit: Das im bisherigen Veröffentlichungszyklus betriebene Spiel des Wechsels einer ruhigen, zugänglichen Platte, in Opposition zum überfordernden Bollwerk des Brachialen, scheint beendet. Auch die einzig verlässliche Erwartungshaltung gegenüber der Band ist somit überholt. Mutter haben die neue Konstellation ihres Zusammenspiels nach vorne getrieben, der neue Sound hat sich häuslich eingerichtet – also wieder und doch irgendwie neu: die alte Zeit ist tot! Alles scheint auf eine persönliche Art und Weise gereift, Müllers Gesang klingt selbstsicherer, das Schlagzeug folgt einer weichen Rhythmik, Gitarre und Bass wirken wie aus einem Guss, und Tom Scheutzlich, der einst als Live-Mischer begann und heute nicht mehr aus dem Zusammenspiel der fünf Freunde wegzudenken ist, bringt die Elemente mit seinen Tasteninstrumenten zusammen: Die Atmosphäre, die immer eine »Summe der einzelnen Teile ist« (Kante, eine ganz andere Band…), namentlich eben jener musikalischen und ganz klar auch derer, die sich aus dem Image einer Band aufbauen, konstituiert sich nicht zuletzt aus den vielschichtigen Synthesizer‑ und Keyboardflächen.

Beginnt das erste Stück »Von dem schönen Schein und dem dummen sein« mit einer eher synthetischen aber durchweg warmen und organischen Instrumentierung als wohl positivstes Stück der Platte, finden wir uns im nächsten Song, »Häuser ohne Augen«, bereits im entgegengesetzten Gefühlsentwurf wieder: langsame, tieftraurige und nur so dahintragende Instrumente, Tristesse umschreibende Sprechakte vor einem Refrain, der in seinem Aufbegehren doch vor dem transportierten Befund der Trostlosigkeit kapituliert. Textlich kleiden sich die beiden Stücke trotz ihrer scheinbaren Differenzen in einen Duktus, der Müllers Poetik in allen neun Stücken anhaftet: Der nachdenkliche Rückblick, verbunden mit einer Frage nach der eigenen Position in der Gegenwart! »Ich will einfach glücklich sein, in dieser kurzen Zeit, und mich umgeben mit den Menschen die ich mag«. Von ironischer Brechung keine Spur, so wie immer bei Mutter. Das zweite Stück jedoch, wie gesagt, scheint auch diesen anfänglichen, anteiligen Optimismus eingetauscht zu haben. Zumindest zeichnet es ein zutiefst düsteres Szenario, von verlorener Lebenslust im Alter, von Witwen, von schlechtem Essen. Mutter, das ist immer ein Spiel mit Gegensätzen gewesen, und so bleibt es auch in diesem Fall: Der Gesang richtet sich zwar nicht wie sonst so oft gegen die Instrumente, lässt aber im Verhältnis der ersten beiden Stücke eine ähnlich dialektische Bedeutung entstehen.

Im gleichen Takt geht es dann erst einmal weiter, im Heinz Rühmann-Coversong, der dessen Klamauk über die Vorzüge des Daseins als »Regenwurm« aufbricht und zu einer morbiden Todesballade macht, die vor dunklen Flächen (wieder: Scheutzlich!) und einem dominanten, trägen Schlagzeug vor gehaucht/verzweifeltem Gesang auf frühere Stücken verweist, wenn etwa die Perspektive eines Tuberkulose-Virus’ (»Ich bin so klein«) eingenommen wurde oder Müller aus Sicht des Schäuble-Attentäter sprach: »Ich bin er, ichbiner, SPINNER« (»Ich bin er«). So eine Aneignung eines Wirtschaftswunder-Hits assoziiert den grinsenden kleinen (Rüh‑)Mann eher in seinen Abgründen, in der Verbindung zu Familie Goebbels, kehrt seine nach außen getragene Bedeutung ins Gegenteil, in die Wirklichkeit. So ist Müllers Interesse am Unbegreiflichen ungebrochen und gestaltet sich heute eben nur eben kunstvoller, als noch vor 30 Jahren (damals manifestierte sich beispielsweise eine Affinität zum Serienmörder Fritz Honka in Müllers Punkband »Die Honkas«, welche, heute vergessen, überhaupt eine der ersten Punkbands in Deutschland war).

»Wie wir waren« kommt dann gar ohne Schlagzeug aus, ist mit dem gedoppelten, hohen Gesang im Refrain und der später noch einsetzenden Querflöte (als Gast: Regisseurin Antonia Ganz) am stärksten retroesque: als Vorschlag einer Referenz drängen sich längst vergangene Gruppen wie King Crimson geradezu auf. Die Ruhe vor dem Sturm zeigt Mutter filigran, zerbrechlich, weich. Der Text ist einfach und deutlich, es geht um Stillstand. Wenn Müller in den Refrain geht und die Stimme anhebt, wird hier auch direkt deutlich, wie sein Gesang, der eigentlich immer durch alle Raster fiel, über die Jahre einen ganz eigenen Schliff gefunden hat.
Und dann passiert das, was man eigentlich erwartet hätte: »Kanndies«! Ein sechseinhalb-minütiger Song der ganz klar einzuordnen ist, sind Mutter hier wie heute sonst höchstens noch EA80 eines: Punk! Schnell, angepisst, rausgespuckt, mit jugendlicher Naivität und nihilistischer Unzufriedenheit – ein Stück gegen das Wir-Gefühl, gegen die heuchlerische Gemeinschaft, misanthropisch gegen das Hausierengehen mit Talenten, gegen das Anbiedern mit der eigenen Kreativität, gegen das Ach-so-toll-finden der eigentlichen Belanglosigkeit. »Ich bin satt, von dem Brei, den ich ständig hören muss, weil er riecht, wie er schmeckt, der Vergangenheitsaufguss«. Ein harter Brocken, hart in der Behauptung wie auch im Takt!

Dass Mutter spätestens seit »Hauptsache Musik« auch eine Affinität zu herzschmerzenden Pop-Songs haben, zeigt dann (mein persönliches) Highlight der Platte: »Wo die Sonne nicht scheint«. Besser kann man es nicht machen, das ist MUSIK! Der Song, ohne Vorspiel direkt auf konstanter Geschwindigkeit, folgt einem unaufhaltsamen Drive, bricht nach unruhiger Pause in eine noch stärkere Dynamik, reißt einen an jeder Stelle mit, lässt einen nicht mehr los und erzeugt dieses eine bestimmte Gefühl im Körper, das sich kaum umschreiben lässt, und doch der Antrieb ist, weiter Platten zu kaufen. »Wo die Sonne nicht scheint« ist der unfassbar starke Song, der jeder Mutter-Platte innewohnt, in seiner musikalischen Raffinesse vergleichbar mit einem Notwist-Stück, das aber im Gegensatz zum hier verwandten pragmatischen Verfahren Jahre braucht, um zu einer vergleichbar vollendeten Form zu gelangen.

Das hohe Niveau wird weiter gehalten, wobei das folgende Lied, »Der Mensch ist eine traurige Maschine«, noch am ehesten einen Vergleich zu den Zeiten zulässt, in denen statt HF Coltello und Michael Fröhlich noch Frank Behnke und Kerl Fieser die Saiteninstrumente bedienten. Das Schlagzeug spielt einen pointierten und gebremsten Takt, der Bass schunkelt tief in Kreisen drum herum und die Gitarre setzt Akzente, der Gesang ruft und schreit leicht verzerrt darüber. Dann eine Zäsur im Song, drastische Verlangsamung, ein entfernt gedämpftes Klopfen, das klingt wie die Musik der Party von nebenan, verschluckt durch eine kahle Betonwand, dekoriert mit zaghaften und ebenso entfernten Gitarrenakkorden. Müller singt über die Menschen, »traurige Maschine«, wobei die depressive Dunkelheit des Zimmers, in dem er die Worte vor einem räumlich geöffneten Mikrofon dahinflüstert, unheimlich spürbar wird. Hier zeigen sich Mutter in ihrer neuen Ambivalenz: die Wut ist auf eine Ruhe getroffen, beide Zustände funktionieren synchron.

Das nachfolgende »Stimmen« baut instrumental ewig auf, ist sperrig und als Opener der vielen Live-Konzerte eine klare (und einladende) Provokation, wechselt dann in eine verzerrt plänkelnde Gitarrenmelodie, erst spät der Gesang. Mit elf Minuten das längste Stück erfordert es auch das größte Maß an Konzentration, verlangt vom Hörer eine verstärkte Aufmerksamkeit, um am Ball zu bleiben. Später dann die Belohnung: lustlos gesprochen die Frage, »Kennst du die Stimmen?«, weit weg und inbrünstig geschrien dann »Du kennst sie sicher nicht!«. Obwohl hintergründig abgemischt, tritt die stimmliche Intensität Müllers hier in den Vordergrund.

Und mit dem Titelstück, unüblicherweise am Ende der Platte, sind wir dann auch am Ende: »Mein kleiner Krieg« erzählt von der Verlagerung des Kampfes gegen die Welt da draußen ins Private, ist textlich intelligent, ordnet sich musikalisch ein zwischen Chanson und Ballade. Nur von einem Klavier begleitet erinnert der Song an »Damals in Berlin« vom 2001er Album »Europa gegen Amerika«, das zufällig und ungewollt zum Skandal wurde, da viele Kritiker und Hörer vorschnell Titel wie Cover als Positionierung im 9/11-Kriegsdiskurs interpretierten. Dass das Album einen Tag vor diesem Einschnitt in die Menschheitsgeschichte veröffentlicht wurde, übersahen die meisten. Mischten sich Stücke wie »Krieg ist vorbei« damals ein, bezogen eine interpretierbare Position zum Weltgeschehen, richtet sich das letzte Stück der Platte heute, zehn Jahre später, auf das Zwischenmenschliche, ist intim und persönlich. So endet auch die Platte.

»Mein kleiner Krieg« nimmt im Katalog der Band eine ähnliche Stellung ein, wie »Hail To The Thief« bei Radiohead (haben diese beiden Bands sonst auch so gut wie nichts gemein): Es bringt alle bisherigen Phasen zusammen, alle Talente, alle Genres und Stile, in denen sich die Band ausprobierte. Mutter graben tief in ihrem Potenzial, besuchen ihr Archiv. »Mein kleiner Krieg« ist ihr persönliches Meta-Album.

»Mein kleiner Krieg« ist am 10. Oktober auf dem bandeigenen Label »Die eigene Gesellschaft« (DEG) auf CD erschienen, die Vinyl-Version ist für Mitte November angekündigt.

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Was soll ich sagen?Ich fühle mich verstanden,und möchte mich bedanken,
    Aber nicht weil es nett ist sondern weil es wahr ist.

Auch mal das Maul aufreissen?

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