1984, DDR, DDR-Punk, Dresden, Kaltfront, Majorlabel, Ostpunk, Paranoia, Punk, Realsozialismus, Rundling, Too Much Future
Von Sebastian
Auch am 3.Oktober diesen Jahres war frei – wie frei, vermittelten die Bilder, die der Norddeutsche Rundfunk in einer nicht enden wollenden Sondersendung aus Schwerin übertrug, wo die offiziellen Feierlichkeiten zum »Tag der deutschen Einheit« begangen wurden. Dicht gedrängt schoben sich Menschenmassen durch Kinderfeste und Bowlebuden, vorbei an Drachenboot-fahrenden Ministerpräsidenten und dem Auftritt der Musikgruppe »Die Prinzen«. Die sächsische Band, die auf dem »Alten Garten« live ihr Bestes gab, unterhielt das Publikum mit Zeilen, wie »Das alles ist Deutschland – das alles sind wir. Das gibt es nirgendwo anders – nur hier, nur hier.« Dass das Lied eine andere Volte besitzt, als zu vermuten, wird wissen, wer es schon einmal aufmerksam gehört hat. Was als Homezone gewalttätiger Faschisten, als law-and-order‑ und Spießer-Paradies vorgestellt wird, findet sich im modernisierten Zeitgeist lieb gemeint besungen – als ein klein wenig mahnendes, aber letztlich recht herzliches Ständchen für den historischen Radaubruder.
Die Note Nachdenklichkeit sollte in dem Soundtrack nicht weiter für Missklang sorgen, der in Schwerin zur 18. – diesmal symbolischen – Grablegung der DDR ausgewählt wurde. Für viele Westlinke stellt die Tote nach wie vor eine ungebrochene Identifikationsfläche, ein halluziniertes besseres Deutschland dar, das nur bedauerlicherweise im Kalten Krieg erfror. Aber in gut, gar besser lag es nie in der Auslage. Weil es in der postnazistischen BRD um gesellschaftliche Emanzipation ziemlich schlecht stand und steht, muss es am anderen Pol des damaligen politischen Koordinatensystems nicht fundamental anders gewesen sein. Der Beamtensozialismus aus regulierter Arbeit und reguliertem Leben, aus bodenständiger Proletarierbespaßung und bodenlosem Sicherheitswahn hatte wenig mit einer kommunistischen Assoziation freier Menschen gemein.
Das zeigen unter anderem die staatlichen Reflexe auf jene Jugendkulturen, die sich nicht in FDJ-Hemdchen und FDGB-Freizeiten abgespult sehen wollten. Besonderes Interesse erregt darunter seit einigen Jahren Punk aus oder vielmehr in der DDR. Nachdem Jürgen Teipel mit »Verschwende Deine Jugend« das Genre der 70er und 80er in Westdeutschland abgegrast hatte, geriet nun zusehends der Realsozialismus ins Blickfeld kultureller Rückblenden. Dies schon aus einem billigen Grund: lieferte er doch den passenden Setzkasten für einen guten romanhaften, filmischen oder künstlerischen Plot.
Die DDR bot im Verhältnis zum Punk all das auf, das im Westen nur pro forma – als Seufzen der Alten über das dämliche Outfit der Jugend – existierte. In der Zone war der Subversionsmythos Punk hingegen keiner, weil der Staat ihm unablässig Leben einhauchte. Verhaftungen, Stasi-Spitzel in diversen Punkbands und Auftrittsverbote sorgten für genug Tragik, Bitterkeit, Wut und Widerstandsgebaren – kurzum für die Ingredienzien aus denen Authentizität zusammen gerührt wird. In ihr liegt schließlich die Faszination begraben, die eine breite Beschäftigung mit DDR-Jugendsubkulturen in der letzten Zeit anschob und begünstigte.
Auf dieser Welle reitet auch die vorliegende Veröffentlichung oder vielmehr Wiederveröffentlichung der Platte »1984« der Dresdener Band Paranoia. Sie wurde von den beteiligten Tonträgerproduzenten – dem Major Label und Rundling – anlässlich von »too much future – Punk in der DDR« in Angriff genommen. Bei letzterer handelt es sich um eine Initiative, die seit einiger Zeit mit Ausstellungen in Berlin und Dresden, sowie einem gleichnamigen Dokumentarfilm um einen umfassenden Überblick über den Punkrockstandort DDR bemüht ist. Auch in Zukunft wird sie wohl noch mit der Veröffentlichung eines Buches und eines Musiksamplers von sich Reden machen. Surft man die Website von »too much future« an, wird Selbstkritisches zur Begrüßung gereicht. Das Interesse der Initiatoren beziehe sich »nicht auf eine Heimatkunde der DDR Subkultur in den 80er Jahren. Indem wir die Geschichte von Punk im Osten Deutschlands porträtieren, widmen wir uns der Wirkungsgeschichte von Punk bis zum heutigen Tag – mit all ihren Konsequenzen, mit all ihren Abweichungen.« Dieser halbwegs nüchterne Anspruch, der um den Romantizismus heutiger Kulturinteressierter weiß, wird von den Herausgebern des Paranoia-Albums nicht übernommen. »1984« ist eine Nostalgikerplatte aus einer anderen Zeit und erreicht so auch sein Publikum. Ein ausführlicheres Booklet, das nicht nur die Lyrics abdruckt, sondern sich bemüht, das Quartett zu ihrer Schaffenszeit von 1983–1985 in Beziehung zu stellen, hätte diesen Eindruck leicht zerstreuen können.
Es wäre über das zu berichten gewesen, was auf der Rückseite des Covers in elf spärlichen Zeilen abgehandelt wird. Ein längeres Papier oder Interview, das noch einmal Licht auf die staatlichen Repressalien – von Ordnungsstrafen wegen Auftritten ohne eine im Osten erforderliche Spielerlaubnis bis zur Inhaftierung zweier Bandmitglieder – wirft, hätte die Bedeutung und den Reiz einer Neupressung deutlich erhöht. Nun wird man stattdessen allein auf die Lieder verwiesen, die die Musiker raubeinig, rotzig und charmant aus den Boxen spucken: »Wir müssen kämpfen, zum Überleben. Wir müssen hassen, zum Überleben. Wir müssen bluten, zum Überleben. Wir müssen sterben, zum Überleben.«
Hits, wie das namensgebende »Paranoia«, dem die zitierten Zeilen entnommen sind, dürften sich auch dort einiger Bekanntheit erfreuen, wo die Band bislang kein Begriff war. Dies liegt wohlmöglich an dem beliebten Paranoia-Nachfolger Kaltfront, der einige der hier versammelten Stücke in sein Repertoire übernommen hat, an der Coverfreudigkeit punkrockspielender Nachwende-Liebhaber oder aber an Paranoia selbst. So hat die Band beispielsweise den Blitzkrieg-Song »Frisch aus England« auf die realsozialistische Realität umgebürstet. Ihre Badges, Shirts und Platten kamen nicht aus dem unerreichbaren imperialistischen Ausland, sondern »Frisch aus Ungarn«.
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