Von Sebastian
the important people are standing on your side
Zu einer Zeit, in der sich das Fach »Punk, intelligent« größter Beliebtheit erfreut – die schon das letzte Mal aufgelisteten Muff Potter oder Turbostaat nunmehr dazu ansetzen, in bis dato ungeahnter Dimension Jugendzimmer und Single-Haushalte zu erobern – schert ein nicht ganz so bekannter Genreprimus aus. Die FreundInnen des Erstlingswerkes »World« dürfte vielleicht verstören, was die Hamburger Schneller Autos Organisation unter dem Titel »Noch mehr Hoffnung für noch mehr Menschen« aktuell an den Mann und die Frau bringt. Ihre neuen Lieder sind weniger treibend und der Gesang eindeutiger, klarer. Im Gegensatz zum Debütalbum der Band vermisst er nicht mehr das Niemandsland zwischen Singen, Sprechen und Rufen. Er bewegt sich nicht mehr unentschieden dazwischen. Nils, der den Part am Mikro versieht, stürzt sich stattdessen kopfüber in die Melodien. Das sticht auf Anhieb hervor. Ebenso, wie die Orgel von Carsten Trill, für den man in drei Stücken einen Pappteller mehr auf den bandeigenen Wohnwagen-Klapptisch gestellt hat.
Vom Punkrock auf den die Hamburger bislang gebucht waren, bleibt auf dem neuen Tonträger nur noch der Appeal übrig. Ansonsten gelingt der Band eine großartige musikalische Weiterentwicklung in Richtung Pop, die dem Plattentitel etwas Programmatisches verleiht. Während Punk häufig über Exklusivität funktionierte, eine Band umso brillanter erschien, je weniger Menschen um sie wussten, je limitierter die Platten waren – konnte Pop mit solch sakralem Mumpitz weit weniger anfangen. Eine rare 7’’ musste nicht im Keller angebetet werden, sondern durfte – sofern sie gut war – möglichst viele, also »noch mehr Menschen« erreichen.
Dass die Schneller Autos Organisation ihnen nun nicht allein gute Musik, sondern auch noch Hoffnung verspricht, passt in den Popzirkus und fällt gleichzeitig aus ihm heraus. Pop verhandelt Sehnsüchte und Wünsche: entweder nach dem Leben der Starletts, nach tollen Autos, attraktiven Sexualpartnern und repräsentativen Anwesen oder in den so genannten »Indie«-Spektren nach der wahren Liebe, den Freuden der Natur und dem Zauber des Moments. Dass es noch einen anderen Begriff von Hoffnung gibt, als den kapitalistischer Teilhabe oder Neo-Romantik, weiß die Schneller Autos Organisation, hätte sie in der Intro sonst wohl kaum »das Prinzip Hoffnung« des marxistischen Philosophen Ernst Bloch herbeizitiert, in dem dieser einen sozialutopischen Begriff des Hoffens entwickelt und stark macht. »Das Leben aller Menschen ist von Tagträumen durchzogen, darin ist ein Teil lediglich schale, auch entnervende Flucht, auch Beute für Betrüger«, schreibt Bloch, »aber ein anderer Teil reizt auf, lässt mit dem schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden, lässt eben nicht entsagen. Dieser andere Teil hat das Hoffen im Kern (…).«
Die Texte der organisierten Sportwagen auch. Sie bewegen sich im indifferenten Raum zwischen dem Privaten und dem Politischen, in ihren Verzahnungen und Vermischungen. Dabei lassen sie sich weder vom Gefühlsstrudel einsaugen, der die Realitäten ausblendet, in denen und aus denen heraus empfunden wird. Noch machen sie den Fehler, das Subjekt für eine Bewegung oder »die gute Sache« zu annullieren, wie es das grausige, linke Postulat vom Privaten, das politisch sei, tat. Auf »Noch mehr Hoffnung für noch mehr Menschen« geht es eben auch und hauptsächlich um Menschen. Die Band sammelt mit Empathie über sie, gegen sie und für sie mit Textfragmenten beschriebene Zettel, die nicht immer klar erkennen lassen, in welches Armaturablagefach sie eigentlich gehören. Um die Ordnung im KFZ-Innenraum schert sich aber niemand, der sie gegen die Wand fahren will!
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