
Von Sebastian
Während die Spex die Popkritik in ihr gemachtes Grab hinab kurbelt, veröffentlichen wir Werbetexte? Nein, so einfach ist es natürlich nicht. Aber vorausgeschickt werden soll es trotzdem: diese Rezension begann ihre Geschichte nicht als Rezension. Sie wurde nicht für Beatpunk sondern für die Band geschrieben, die ihre aktuelle Platte nicht selbst beschreiben wollte aber auch keine Lust auf die üblichen Flachheiten und Lobpreisungen hatte. Das fand ich gut und habe gerne ein paar Zeilen zu Papier gebracht, die so auch unter anderen – und zwar den hiesigen – Vorzeichen geschrieben worden wären. Nur unvoreingenommen und gänzlich unbeteiligt ist der Text nicht. Das nur als kleine Warnung vorneweg.
In der Zeitung wurde neulich berichtet, dass Vögel in Großstädten mit deren Hektik und Lautstärke konkurrieren. Wie auch in freier Natur singen zwitschern und tschiepen die gefiederten FreundInnen zwischen Häuserschluchten und Tiefgaragen, um ihr Revier zu verteidigen, Brutpartner anzulocken und andere zu warnen. Um gegen die Automassen und den Industriekrach bestehen zu können, müssen sie sich mit großen Anstrengungen für die Stimmbänder in ihrer Umwelt Gehör verschaffen. In den Städten singen sie deshalb lauter als ihre ländlichen Artgenossen oder verlagern ihr Krakeelen vom Tag weg, weit in die Nacht hinein. Diese Nachricht hat etwas mit der Band Tschilp und ihrer ersten Langspielplatte zu tun. Hinter Tschilp verbergen sich drei Musikerinnen, die seit nunmehr sieben Jahren zusammen im Proberaum und auf der Bühne stehen und die Anfang 2007 auf Fidel Bastro ihre Debüt-7« veröffentlicht haben. Auch auf dem aktuellen Album »Whole Days In The Trees« zeigt das Hamburger Trio sowohl einen gewissen Faible für molllastigen Gitarrenpop, Postrock und Noise, als auch eine ausgeprägte Affinität zum lieben Federvieh, wie allein der Bandname, der Album‑ und die wunderlich, lautmalerischen Songtitel verraten.
Mit Naturromantik, also der verträumten Hinwendung zu angeblicher Ursprünglichkeit und Ausgeglichenheit des Waldlebens, haben Tschilp deshalb aber noch lange nichts zu tun. Schon viel eher mit den urbanen BaumbewohnerInnen, die sich an Umgehungsstraßen oder Milchkaffee-Boulevards, über Ausgehclubs und Werkstätten ihr fragiles Nest bauen. Die acht Songs auf dem Album klingen nach traurigen, aber schönen Vögeln, die sich in der Stadt eingerichtet haben, so unfreundlich sie auch sein mag. Sie nehmen sich hier ihren Platz und machen eben so laut »kärr-arr« oder »dwi-dwi-dwi-dwui«, wie es nötig ist. Reduziert, minimalistisch und auch mal lärmend. Ihre »Whole Days In The Trees« gestaltet die Band mit Bass, Gitarre, Gesang und Schlagzeug und zieht gegen die Langeweile auch eine Loop-Station und ein Xylophon hinzu. Unterstützt wurden Tschilp bei den Aufnahmen schließlich mit Lapsteel Guitar, Synthesizer, Bass und Gesang durch befreundete MusikerInnen z.B. von Halma und xrfarflight.
Um aber auch das noch klar zu stellen: die Platte handelt trotz der ornithologischen Motive und Anspielungen von Menschen und nicht von Vögeln. Auch erstere treffen in einer feindseligen Großstadt-Umgebung aufeinander, singen und krakeelen mitten in der Nacht. »Wenn man auf dem Heimweg von der Kneipe einen Vogel hört, ist es wahrscheinlich ein Rotkehlchen.«, lässt die Zeitung einen britischen Ökologen behaupten. Jedenfalls wenn im MP3-Player Tschilp läuft, dürfte das stimmen.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare (Kommentar verfassen)
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback url [?]