Rechten Strukturen und den darin verhafteten Musikern den Saft abzudrehen, haben sich die Turnitdown-Leute mit der gleichnamigen Internetplattform und diesem Sampler vorgenommen. Dazu versammelt wurde ein Haufen sehr guter Bands aus dem Emo‑, Punk‑, Screamo und Hardcorespektrum. Die Palette reicht von Düsenjäger und Katzenstreik über Koyaanisqatsi und El Mariachi bis hin zu Lattekohlertor und Mad Minority. Auch die Auswahl der (mir) unbekannten Bands ist durchweg geschmackvoll und wenn es eine Quote für gute Musik geben würde, dann wäre allen Songs massiver Airplay sicher.
Die Absicht der Compilation über rechte Musik zu informieren und Leute für dieses Thema zu sensibilisieren ist absolut unterstützenswert und geschmacksquotenkompatibel, aber es stellt sich doch die Frage, inwieweit »gegen rechts« in dem Kontext, in dem der Turnitdown-Sampler rezipiert wird, nicht sowieso schon Konsens ist. Der Einfluss der Platte im Teil der Punk‑ und Hardcoreszene, auf den sich der Wirkungsbereich wegen der getroffenen Bandauswahl beschränken wird, ist zu hinterfragen. Den Slogan »Rechtsextremismus bekämpfen« (oder so ähnlich) als kleinsten gemeinsamen Nenner würden derzeit wohl alle politischen Lager bis hin zum reaktionärsten CSU-Wähler unterschreiben. Wozu also offene Türen einrennen in einer Szene, die sich als aufgeklärt über rechte Phänomene wähnt?
Problematisiert werden die Einwände, die sich gegen noch eine Aktion »Gegen Nazis« machen lassen im umfangreichen Booklet auch von den Samplermachern selbst. Hinter dem Leitmotiv – rechte Strukturen in Musik‑(Sub)Kulturen – steht zum einen das Phänomen rechte Musik im »klassischen Sinne«, welches nach wie vor als identitätsstiftendes Moment bei der Konstitution der rechten Szene herausragende Bedeutung hat. Zum anderen soll aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit Inhalten der eigenen Subkultur angeregt werden. Denn neben Bands, die eine klare faschistische Ideologie vertreten und sich der jeweiligen szenetypischen optischen und musikalischen Codes bedienen um so auch »unpolitische« Menschen zu erreichen, gibt es in Subkulturen wie Hardcore/Punk, Darkwave und HipHop mehr als fragwürdige inhaltliche Tendenzen wie Sexismus, Nationalismus oder Homophobie, die oft kritiklos akzeptiert werden. Dass auch in vermeintlich informierten Kreisen Handlungs‑ und Informationsbedarf besteht, zeigt nicht zuletzt das Negativbeispiel des als HC-Mailorder gestarteten »Lost & Found«, der neben allerlei Punk‑ und Hardcorescheiben eindeutig rechte Bands wie One Life Crew oder Ultima Thule vertreibt. Eine Reflexion jenseits der Schwarzweißmalerei von Nazi vs. Nichtnazi, jenseits von »T-Shirtspruchpolitik« wäre in den oftmals sinnentleerten Lifestyleangeboten mit gesellschaftlicher Integrationsfunktion, wie sie eben auch Hardcore und Punk sind, wünschenswert. Der Informationsanspruch der Compilation wird auch dadurch untermauert, dass englische und spanische Übersetzungen sowohl der Artikel als auch sämtlicher Lyrics im Booklet enthalten sind und so das Verständnis des Anliegens den deutschsprachigen Rahmen überschreiten kann.
Insgesamt eine musikalisch wertvolle und inhaltlich sinnvolle Aktion, die als Unterstützung für das Internetportal Turnitdown.de gedacht ist. Neben der ansurfenswerten Homepage als Kommunikations‑ und Vernetzungsmedium mit einer Menge Informationen über rechte Bands, Labels und Symboliken, werden auch Konzerte unter dem Turnitdown-Logo organisiert, außerdem sollen Sampler, die musikalisch auf andere Subkulturen abzielen, folgen.



