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Xiu Xiu »Women As Lovers«

Von Chris

»beim verkaufen als verkäuferin, dem starberuf, hat die liebe hundertmal am tag die gelegenheit und die chance hereinzukommen« schreibt Elfriede Jelinek in ihrem Roman »Die Liebhaberinnen« und stellt für eine der beiden Protagonstinnen ihrer Geschichte um Frauen in dieser Gesellschaft und ihr Verhältnis zur Liebe weiter fest: »paula träumt wie alle frauen von der liebe. viele ihrer früheren schulfreundinnen, viele ihrer jetzigen arbeitskolleginnen, träumen ebenfalls davon.«

Jamie Stewart hat sich diesem Blickwinkel auf seiner neuesten Veröffentlichung angenommen. Das einzig feste Bandmitglied des mittlerweile zum Quartett gewachsenen Projektes beschreibt in wieder einmal poetischen Worten die Rolle der Frau in einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft und knüpft damit bewusst an Jelinek und ihre Kritik des Bestehenden an. Und dies ist durchaus im wörtlichen Sinne zu verstehen. Nicht nur, dass eben jene Rolle ansprechen, öffentlich machen, veräußern – sie setzen in gewisser Weise mit ihrer Musik die Ästhetik des Jelinekschen Stils popkulturell fort.

Der schwierige Stil der Autorin, mit dem man sich erst einmal zurechtfinden muss, äußert sich in den Texten Stewarts und zieht sich durch das gesamte Album. Die Radikalität und die provokante Pose der Romane Jelineks findet sich aber vor allem in der musikalischen Instrumentierung und Struktur wieder. Wo Jelinek mit hartem Ton sensible Themen anzureißen vermag und vor den Kopf stößt, warten mit Dissonanzen und elektronischer Unstruktur auf, die erst nach mehrmaligem Hören zusammenfindet.

Wie von Stewart gewohnt, geht es auch auf »Women As Lovers« chaotisch, nervig, sensibel, zerbrechlich, todtraurig zu – obwohl der Neuling doch eingängiger ist, als dessen Vorläufer. Die Trostlosigkeit einer Gesellschaft soll dargestellt werden, in der die Liebe oftmals kälter zu sein scheint, als der Tod – und dennoch an ihr festzuhalten bleibt. Was Jean Améry einst damit meinte, als er betonte, dass für ihn »die einzige Trostmöglichkeit beschlossen in der Trostlosigkeit« ist, »also im Denkprozess selber, der vor nichts zurückschreckt«, ist als hoffnungsvolles Moment in den vermeintlich hoffnungslosen, gothic-angehauchten Soundcollagen Xiu Xius angelegt: »there is no right, there is no wrong in why we live, there is only wrong so radical.« Die Darstellung der Trostlosigkeit als radikale Trostmöglichkeit blitzt immer wieder auf.

So wenig Jelinek nicht als einfach »lesenswert« eingestuft werden darf, wie es bei anderen deutschsprachigen Schriftstellern möglich ist, die beliebig vor sich hinschreiben, so wenig sollte man mit einem nebensächlichen Hördurchlauf abtun. Ähnlich eines Hörbuches erwartet die Platte Konzentration. Konzentration, die den radikalen Denkprozess angesichts einer Welt voller Herzscheiße ankurbeln kann und nebenbei den wichtigen Zynismus Elfriede Jelineks mit nachdenklichem Songwriting ganz schön toll zu verbinden weiß – damit immerhin von der Liebe weiter geträumt werden kann, ohne vollends den Verstand zu verlieren.


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