08.09.2009 / 10:48 am

Warum die Popmusik an einem Ende angekommen ist – und was wir in Zukunft noch von ihr erwarten können
Die Popmusik wird nicht einfach verschwinden wie ein obsoletes Medium oder eine esoterische Kunstfertigkeit, nicht leise in Bedeutungslosigkeit versinken wie Feldhandball oder in unguter Musealität untergehen wie New Orleans Jazz. Auch das Abtreten eines ihrer Monarchen schadet ihr nicht. Das Ende, das ihr bevorsteht, wird eher dem des Stummfilms ähneln: ein Umbau, bei dem die ästhetischen und kulturellen Funktionen sich radikal ändern werden, aber die Komponenten und einige der sie erzeugenden Energien und Industrien erhalten bleiben. Im Gegensatz zu dieser Parallele haben aber Ende und Umbau der Popmusik zunächst nichts mit einer Erweiterung um eine Dimension zu tun, wie die Einführung des Tonfilmes, eher mit dem umgekehrten Fall: Bilder, Graphik-Design, Selbstdarstellungen, Posen treten in der Kultur des Daten-Nutzens statt Objekte-Sammelns in den Hintergrund. Aber das allein macht auch noch nicht den aktuellen Umbruch aus.
Das, was wir heute Popmusik nennen, ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Dennoch kann man sagen, dass es seit 50 Jahren (plus minus 5) ein kulturelles Format gibt, das davon lebt, dass seine Rezipienten es in ihrer Lebenswelt selbst zusammensetzen. Es besteht aus Tonaufnahmen (der Bezugspunkt ist immer die Aufnahme, nicht der Song) von singulären, abweichenden, nicht schönen oder kunstfertigen Stimmen und Klangeffekten, die von eher konventionell gebauter Musik umgeben sind. Diese Aufnahmen werden einerseits durch Zeitschriftenbilder, häufige Fernsehpräsenz und mit Porträts und graphisch designerischen Stilen operierenden Plattenhüllen in Bedeutungskomplexe eingebaut, andererseits durch eine physisch auftretende und viszeral rezipierte Musik in der Körperlichkeit der Rezipienten verankert. Ein reales Geräusch der Welt, phonographisch aufgezeichnet, die indexikalen Spuren des Sängers, auch Effekte von neuen Maschinen, werden zunächst zu Hause, oft allein in intimen Situationen gehört und mit einer imaginären Welt verbunden; um dann aber draußen, in einer Öffentlichkeit, bei Live‑ und Club-Erlebnissen bei hoher Lautstärke und gesteigerter körperlicher Präsenz wiedererkannt zu werden. Das macht immer wieder so euphorisch, als hätte man sich zum ersten Mal im Spiegel erkannt. Der symbolisch-sprachliche Gehalt, der bei dieser Zusammenführung von intimem Imaginarium und öffentlicher körperlicher Partizipation ermittelt wird, ihr Inhalt, ist immer eine Attitüde, eine als Pose aufgeführte Haltung zur Welt, die so noch nicht formuliert worden war.
Letzteres muss nicht objektiv wahr sein, es muss einem aber so vorkommen. Jugend begünstigt dieses Empfinden, Alter verstärkt die Vorstellung, alles sei schon einmal da gewesen, weil die Bereitschaft, auf das Neue zu wetten, sinkt: Der alte Mensch hat nichts davon, dass nach ihm eine Zukunft kommt. Wenn man aber jung ist und von der Wette auf das Neue profitiert, prägt dies auch die besondere Rolle der Rezeption in der Popmusik: Diese beginnt ja bei einem Gefühl von Individualität und Alleinsein, verläuft über Momente vager sozialer Identifikation mit den Sounds und Bildern dieser von Popmusik vermittelten Posen und landet bei einem gesellschaftlich tragfähigen Selbstbild in einer popkulturellen Identität.
Dieser Weg erscheint denen, die ihn gehen, aber als historisch, weil er sich im Regelfall als neu geriert. Wenn meine individuelle Neuheit – also Jugend – sich als historisch neu empfinden darf, erfährt sie eine enorme Ermächtigung. Diese historische Ermächtigung gewinnt an Kraft durch die Verbindung einer Entwicklung (mehrere Stadien, Unsicherheit, soziales Aushandeln) und der in den letzten fünf Jahrzehnten Popmusik gestiegenen und professionalisierten bis industrialisierten rituellen Möglichkeiten der Bestätigung dieser Entwicklung als historisch (Aktualitätssemantik, epochenbezogenes Clubbing, Dekaden-Shows). Diese Initiation mit ihrer öffentlichen Verschränkung der Subjektivität des Aufwachsens mit der Objektivität von Geschichte erzeugt oder verstärkt das Gefühl, in eine bestimmte Zeit zu gehören und eine Gegenwart zu erleben, die zugleich in Zukunft geschichtlich sein wird. Der Entwurf der Subjektivität bezieht sich immer auf ein Futur II, so werde ich gewesen sein: In »In My Life« entwirft der 24-jährige John Lennon einen Lebensrückblick, den später der steinalte Johnny Cash ohne Rollenkonflikte covern können wird. Das sich entwerfende Subjekt der Popmusik-Rezipienten – ähnlich übrigens wie Fashion-Fans – entwirft sich von einer Euphorie aus, die jetzt hier einen intensiven Moment erlebt und ihn zugleich schon im Fotoalbum der Geschichte sieht.
Die einzelnen Akte – intim ungeschützt entstandene Begeisterung, deren Anschluss an Abbilder von Personen oder Styles, die physische Verknüpfung mit einem an das Körperempfinden anschlussfähigen Groove, schließlich das sozialisierte und sozialisierende Wiedererkennen in einer kollektiven Inszenierung und die Übersetzung des ganzen Vorgangs in eine Attitüde – ergeben zusammen das Funktionieren von Popmusik.
Es konnten immer wieder einzelne Elemente unwichtiger werden und andere dominanter, entscheidend aber blieb, dass dieser ganze Vorgang sich in der Alltagszeit der Subjekte abspielt und nicht in der Traumzeit des Kinos.
Das Kino war auch ein neues kulturelles Format, das die verschiedensten ästhetischen und sozialen Erfahrungstypen neu zusammensetzte, aber es zwang sie schließlich in ein dunkles Lichtspielhaus, in dem man sich traf, um in eine andere Welt zu geraten. Die Temporalität der Popmusik-Rezeption spielt zwischen Alltag und Freizeit, Normalität und Ausnahme, Individualität und Kollektivität. Sie setzt sich aus ästhetischen Erfahrungen, reflexiven Abschweifungen und nichtästhetischem Alltagshandeln zusammen.
Eine solche aus Kunst und Alltäglichkeit zusammengesetzte, expansive und auseinanderstrebende Koproduktion von Kulturindustrie und Individualismus, von Identifikation und Rebellion, deren Produkt eher Haltungen als Träume waren, hatte auch politische Vorteile. Popmusik mobilisierte, sie generierte aktive Teilnehmer – der ewige Wunschtraum jener Kulturkritik, die die Passivität des Kinozuschauers geißelte –, sie setzte mit der Ermächtigung der Rezipienten unmittelbar in deren Lebenswelt an, sie war voraussetzungslos, was Bildungswissen betraf, aber voraussetzungsreich, was anderes Wissen, unter anderem Alltagswissen betraf; zuweilen, auf alternative Art: elitär. Vor allem aber war sie, da sie erst in der Lebenswelt der Rezipierenden sich als Format vervollständigte, eng mit dem je aktuellen Inhalt dieser Leben verbunden.
Entscheidend für das Funktionieren dieser Konstruktion war aber ein großes Publikum. Popmusik konnte nur deswegen so zeitgenössisch sein, weil sie die ganze Breite der Gesellschaft bespielte; sie kannte in ihren großen Momenten keine Klassengrenzen. Mindestens virtuell waren immer alle gemeint und alle Formen zugelassen: höhlenmenschenhaftes Biergrölen und delikateste Dandyismen fanden im selben Universum, in denselben Kneipen und vor demselben Publikum statt. Natürlich gibt es die Elemente dieser Konstellation auch heute noch, aber sie gehören nicht mehr auf starke Weise zusammen: Das Publikum setzt sie nicht mehr selber und in Verbindung mit seinem Alltag zusammen, sie sind, wie es schön doof heißt, einen Mausklick entfernt. Das Zusammentragen von Einsamkeitserleuchtungen und Öffentlichkeitserfahrungen geschieht nicht mehr auf persönlich durchschrittenen Wegen, sondern durch die Nachbarschaft in einem gewaltigen Angebot, das zwar potentiell alles verknüpft, aber darum auch wieder nichts: das Internet.
Die politischen Fortschrittshoffnungen, die mit dem Erkämpfen neuer Popmusik‑Öffentlichkeiten noch durch Hardcore-Hausbesetzer und skatende Situationisten, durch befreite Rave-Zonen und gehackte Soundarchive gehegt wurden, sind weitgehend enttäuscht worden. Jede Bereicherung des künstlerischen und sozialen Repertoires wurde mit dem Verlust von Publikum, Einfluss und Öffentlichkeit bezahlt.
Je besser es gelang, sich unter sich in einer spezifischen Subkultur zu amüsieren, desto weniger bewegte man sich zur nächsten, desto weniger arbeitete man an ihren Fortschritten. Differenzierung findet nun nicht mehr diachronisch zwischen den Zeiten statt, dem Heute, der Zukunft, der Geschichtlichkeit der Traditionen, auf die ich mich beziehe und die ich verwerfe. Die Differenzierung findet in der Synchronie eines enthistorisierten Angebots an Lebensentwürfen statt.
Unter diesen Bedingungen ist heute eine Popmusik entstanden, deren hochspezialisierte Versionen großartiger, interessanter und zahlreicher sind als je zuvor, die aber nie das Licht einer gemeinsamen Öffentlichkeit sehen. Das gerne von der Pop-Lexika-Werbung erklärte Versprechen, ein Gebiet »von Abba bis Zappa« abzudecken, traf ja tatsächlich die gesellschaftliche Funktion von Popmusik: Sie konnte die entferntesten Lebensentwürfe miteinander verschalten. In drei Aggregatzuständen können die Bauelemente des Popmusik-Komplexes heute noch sehr lebendig aufgefunden werden: In dem Casting-Show‑, Reality-TV‑, Big-Brother-Universum wird körperliche Präsenz, individuelle Verwundbarkeit bis zur Peinlichkeit, nichtsouveränes Nichtverfügen über die eigenen Mittel – lauter Ingredienzien der klassischen Popmusik-Attraktionslogik –, ja prekäre Authentizität nunmehr im Namen von Disziplinierung inszeniert. Der Impuls der klassischen Popmusik, jemanden zu verehren und seine elektronisch verbreitete Körperlichkeit zu adorieren, weil sie so einmalig und abweichend ist, wird hier in eine widersprüchliche Inszenierung umgelenkt: Star ist zwar noch immer, wer auffällig, irre und besonders ist, zugleich werden aber harte Arbeit und Disziplin als Ursache dieses Erfolges ausgegeben und disziplinarische Imperative verhängt. Der exponierte Einzelne wird bei Balance aus Spott und Verehrung ins Zentrum der Attraktion gestellt, aber die Botschaft lautet: »Seid normal, arbeitet an euch, diszipliniert euch!«, kombiniert mit dem anderen Befehl: »Sei authentisch! Sei, wie du wirklich bist!«; so produziert man hochprofessionell bescheuerte, gleichwohl restunterhaltsame Trottel ohne jede Würde, die im Erfolgsfall Celebritys genannt werden und häufig öffentlich heiraten.
Bei vielen Nutzern kann man eine Regression ins Musikalische feststellen, ins reine Hören einzelner Files und Songs, das sich um den Zusammenhang so wenig kümmert wie die unengagierte Rezeption von arbeitenden Radiohörern. Diese populäre Musik, die man nebenbei hört und von der man sich den Alltag ölen lässt, hatte nichts mit der emphatisch rezipierten Popmusik zu tun, von der hier die Rede ist. Aber auch in den Spielformen der Rockmusik und ihrer Nachbargebiete herrscht Musik als Musik. Weil die Intensität der Verbindung zwischen der öffentlichen und der privaten Seite der Popmusik-Rezeption nachlässt, konzentrieren sich die Indie-Rock-Szene und insgesamt das in der Mittelschicht sozialisierte Pop-Publikum auf Verfeinerung und fetischistische Pflege des Erreichten. Dominant sind zwischen Folk und Punk, phantasievollen Progressismen und sagenhaft angewachsenem technischen Können die klassische Formen, die aber nicht als Revival neu aufgeführt und umgewertet werden, sondern unabhängig von historischen Markierungen verfeinert und ausgebaut werden. Ihr Bezugspunkt ist ein Wohlklang in einem etwas anders sozialisierten Ohr, nicht eine Attitüde und nicht die Gegenwart.
Schließlich gibt es avantgardistische Spielformen, die sich durchaus auf das Ganze des Popmusik-Komplexes beziehen und Außermusikalisches nicht zu kurz kommen lassen, aber nicht als Weiterentwicklung oder Gegenwartsanschluss des klassischen Modells, in dem breite Öffentlichkeit und intimes Selbstgefühl die Pose als Medium der Attitüde hervorbrachten, sondern als hochkünstlerisch kritische oder melancholische Auseinandersetzung mit dem Ende oder Umbau des alten Modells. Diese Musik, wie sie von den Angehörigen des hässlicherweise sogenannten New Weird America mit ihrem Horden-Free-Folk, Hip-Hop-Einzelgängern wie MadLib, japanischen Krach‑ und Sound-Artisten und Gesamtkünstlern wie dem Satanicpornocultshop produziert wird, ist aber ästhetisch wie soziologisch High Art, Galerienkunst: voraussetzungsreiche, selbstreflexive, genaue und kritische Kultur für eine intellektuelle Minderheit. Sie dekonstruiert und diskutiert die Posen, aber sie nimmt sie nicht ein. Ganz großartig, aber keine Popmusik.
Die Zukunft der Popmusik-Bestandteile liegt dort, wo das Internet aus dem Meer der Daten‑ und Angebotsungewissheit einerseits sich erhebt und andererseits nicht einfach nur weitertreibt, was es schon gab (Kontaktanzeigen und Flohmärkte). So wie die vieldiskutierten Formate des Web 2.0 etwas anderes waren als einfach nur Nachbarschaft, sondern bereits neue Verknüpfungskulturen erkennen ließen, wenn auch noch lange nicht so brisant, wie es die sozialen und ästhetischen Verknüpfungsleistungen der Popmusik sind, könnte man sich ein Web 3.0 vorstellen, das sich in die Realwelt ausdehnt und Formate herstellt, die maximale Verknüpfungsmöglichkeiten mit Körperlichkeit, Architektur, Außenweltaktivitäten verbindet. Popmusik hat ihre ästhetischen Formen oft aus Verabredungskulturen gewonnen: Harmony Vocals und Punk-Rock-Unisoni sind unmittelbar umgesetzte Alltagslebenstechniken aus bestimmten Jugendkulturen, die entdeckt haben, dass wenn man nichts Spezifisches kann und zu sagen hat, man dieses nur verabredet tun muss. Einsamkeit und Gemeinsamkeit vor sich hin skatender Großstadtkids tauchte in den oft tonal unvermittelten superschnellen Soli des Speed‑ und Deathmetal wieder auf. Vielleicht wird man bald wissen, wie Facebook klingt.
In so einer Zukunft würde auch eine konnektive, unausgesprochene Haltungen und Posen schnell aushandelnde Musik einen Platz haben. Das Musikalische wäre aber restlos integriert in größere Zusammenhänge und würde nicht mehr den Status und die Ontologie des Zusammenhangs bestimmen. Schon heutige Teenager hören Popmusik nicht mehr als in erster Linie musikalisches Ereignis, das man mit dem Leben in eigener Aktivität verknüpfen muss: Sie leben ein maximal kulturell verknüpftes Leben, in das auch Formen von Popmusik eingebaut sind. Ob diese Musik in der bevorstehenden neuen Konstellation ihre Fähigkeit behält oder wiedergewinnt, den gelebten Augenblick historisch-politisch zu markieren, das individuelle singuläre Leben an politisch-historische Erzählungen anzuschließen, hängt allerdings auch davon ab, ob es noch gute Gründen geben wird, an solche Erzählungen zu glauben.
Wir danken Diedrich Diederichsen für die freundliche Erlaubnis, seinen, am 03.08.2009 in der Süddeutschen Zeitung erschienenen, Essay hier zu veröffentlichen.
08.09.2009 / 10:48 am
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