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Nanjing – Massenmord und Karaoke

Kulturelle Unterschiede sind zu begrüßen, können aber unter Umständen verwirren. In seinem letzten Bericht konnte Max uns schon einige Differenzen aufzeigen, deren Opfer er auch prompt selber wurde. Doch aus Anfängerfehlern lernt man. Inzwischen bewegt sich der Seppl souverän im Land des Lächelns, grinst zurück, und räumt u.a. mit dem kuriosen Vorurteil auf, dass sich der Durchschnittsdeutsche ständig philosophisch betätige. Denn eigentlich geht der viel lieber auf Arbeit. Wo die Chinesen noch nach Superstars und dem richtigen Umgang mit ihren Gedenkstätten suchen, sucht Max inzwischen das totale Entertainment und findet es schließlich auch. In einer Karaoke Bar.

Endlich raus aus der verchlorten Finanzmetropole Shanghai erreichten wir nach kurzer und überraschend komfortabler Zugfahrt (da es offiziell keine Klassenunterschiede geben darf, kauft man Tickets nicht 1. oder 2. Klasse sondern »Hart‑ oder Weichsitz«) Nanjing – übersetzt etwa: mittlere Hauptstadt, was ihre geographische und frühere politische Bedeutung ausdrückt. Bekannt war mir der Name Nanjing bereits durch das 1937 verübte Massaker der Japaner an chinesischen Zivilisten, das mit geschätzten 200.000 Toten, »strategischen« Massenvergewaltigungen und der Enthauptung von Frauen und Kindern als schlimmstes Kriegsverbrechen der Japaner im zweiten Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Bis heute wird »The Rape Of Nanjing« in beiden Ländern kräftig ausgeschlachtet. Die japanische Regierung versuchte den Massenmord aus den eigenen Schulbüchern zu streichen, japanische Nationalisten bestreiten die Ausmaße des Gemetzels und die chinesische Regierung nutzt die Stimmung gegen Japan um einen bislang noch kaum vorhandenen chinesischen Nationalismus zu pushen.

Um ganz ehrlich zu sein, war mir das Massaker weniger durch geschichtliches Hintergrundwissen als durch meine frühere Faszination für besonders brutale Splatterfilme bekannt. Der Historien-Splatterfilm »Man Behind The Sun« von Tun Fei Mou, der mir aufgrund seiner extremen Folterdarstellungen im Gedächtnis geblieben ist, beschäftigt sich mit den Gräueltaten einer japanischen Spezialeinheit, während der Nachfolger des Films, »The Black Sun«, eben das Massaker in Nanjing kommerziell ausschlachtet. Während die Streifen in Europa lediglich Die-Hard-Splatterfans über einen holländischen Spezialversand zugänglich sind (in den meisten Ländern sind sie verboten, da sie die historischen Ereignisse vor allem als günstige Vorgabe für möglichst viele Gore-Szenen nutzen), werden in chinesischen Buch‑ und Souvenirshops Video-CDs verkauft, auf denen Zusammenschnitte eben der heftigsten Filmszenen mit antijapanischer und pro-chinesischer Propaganda gemischt werden.

Welche Formen der Auseinandersetzung die staatliche Gedenkstätte in Nanjing mit dem Kriegsverbrechen bietet, wollte ich durch einen Tagesbesuch herausfinden. Auf dem weitläufigen Gelände, dessen Architektur mich unangenehm an Nürnberger NS-Bauten erinnerte, sind zahlreiche übergroße Grab‑ bzw. Gedenksteine verteilt, die die jeweiligen Kernpunkte der Stadt symbolisieren, an denen größere Menschenansammlungen ermordet wurden. Auf den Steinen sind Tafeln mit Informationen zu den Toten sowie genauere historische Daten zu finden. Hat man das Gelände überquert, geht es unter die Erde in eine Gebeinekammer, die die Knochen der Toten unter Glas ausstellt. Abschließend gelangt man in einen großen Informationsraum mit Fotos, Originaldokumenten und einer Sammlung aller Bücher, die zu dem Thema bereits veröffentlicht wurden. Hier finden sich auch Fotos von Delegationen anderer Länder, die die Gedenkstätte bereits besucht haben, darunter auch zahlreiche japanische Gruppen. Sämtliche Schilder und Tafeln sind sowohl in chinesisch als auch englisch gehalten.

Die chinesische Vorliebe fürs schnelle Spektakel und die Unfähigkeit, nicht immer und überall Herumzuschreien, fallen in einer Gedenkstätte freilich besonders unangenehm ins Auge. Die obligatorischen chinesischen Reisegruppen versuchen in Rekordzeit das Gelände abzurennen und dabei so viele Fotos wie möglich zu schießen. Den Wettbewerb um das geschmackloseste Bild gewannen spielerisch zwei Schulmädchen, die auf einen der Gedenksteine kletterten, um sich dort mit der in Asien so beliebten »Peace zeigen und möglichst dumm Dreingrinsen«-Pose von ihren Freundinnen per Handy abknipsen zu lassen. Die Hinweisschilder aus Respekt in den Räumen in denen die Gebeine der Toten ausgestellt werden zu schweigen, wurden gewissenhaft übergangen und lautstark telefoniert oder die mitgebrachten Balgen zur Ordnung geschrieen. Die leichte Beschallung des gesamten Geländes mit trauriger Musik, die mir zunächst schwer befremdlich erschien, kann unter diesen Umständen als verzweifelter Versuch gesehen werden, den Besuchern etwas Trauer und Empathie beizuprügeln.

Nanjing war aber auch der Ort, an dem wir nach fünf Wochen China den ersten richtig sympathischen und des Englischen mächtigen, chinesischen Freund kennen lernen sollten. Ort der Begegnung war ein Youth-Hostel, wie es kauziger kaum sein könnte: Zweistöckig in einem alten heruntergekommenen Haus mit ranzigen Zimmern, die schön billig sind und der Option, auch auf dem Flur schlafen zu können, was noch weniger kostet. Darunter ein riesiger Aufenthaltsraum, mit Billard, Internet, Haufen von Infoflyern und zahlreichen, von früheren Gästen zurück gelassenen Reisebüchern. Außerdem eine kompetente und freundliche »Managerin«, die sämtliche Tickets und andere Dinge besorgen kann. Besonders Letzteres, also sympathisches und hilfsbereites Personal, das nicht nur auf den schnellen Yen aus ist, findet sich in China eher selten.

Bevölkert werden diese Etablissements von stets derselben Klientel: Individualtouristen aka Travellers, die vor lauter Individualität fast alle gleich aussehen, also überteuerte North Face/Outdoor-Klamotten tragen, Bergsteigerstiefel oder Spezial-Sandalen, aufgepeppt mit Hippieumhängen oder authentischem Ureinwohnerschmuck. Dazu redet man stets über dieselben Themen und ist geneigt, schnell den Reise-Schwanzvergleich machen zu wollen, also wer jetzt schon wie viele ganz authentische und versteckte Orte in kürzester Zeit auf möglichst vielen Kontinenten entdeckt hat. Um aber als wirklich erfahrenen Traveller gelten zu können, muss man sich über die eigenen Klischees ständig mit den anderen Travellern entrüsten und sich davor erhaben fühlen. Wie auch immer, wer so gut chinesisch spricht wie Ich, freut sich, im Youth-Hostel einen Anlaufpunkt zu haben, an dem man andere Touris nach Rat fragen kann. Neben den üblichen Engländern, Amis und Israelis hatten sich hier ungewöhnlicherweise auch eine Gruppe chinesischer Reisender einquartiert. Ungewöhnlich deshalb, da chinesische Null-Sterne-Hotels noch wesentlich billiger als Jugendherbergen sind, was leider nur den Chinesen nützt, da den Absteigen die Lizenz fehlt, Ausländer beherbergen zu dürfen.

Was dem westlichen Reisenden möglichst viele Orte in möglichst kurzer Zeit, sind den Chinesen möglichst viele fotografierte exotische »Freunde« in noch kürzerer Zeit. Jedenfalls wollten sich sehr oft völlig unbekannte Chinesen mit uns Arm in Arm ablichten lassen, so auch hier im Youth-Hostel. Nach etlichen Fotos und etlichen Bieren mehr, erfuhren wir die Hintergründe des Besuchs der chines. Reisegruppe, nämlich ein in Nanjing stattfindendes Casting für »China sucht den Superstar«. Unser jugendlicher Kandidat wurde aber trotz seines herausgeputzten Äußeren und gewissen Kompetenzen aufgrund eines professionellen Gesangstudiums nicht zur nächsten Runde berufen. Wie auch im Rest der Welt kann man sich in China vor allem per Fremdscham am Elend der peinlichen Kandidaten beteiligen, wofür unser Mann aber leider zuwenig Kuriosität anzubieten hatte.

Dafür hatte er seinen äußerst sympathischen Cousin zur Unterstützung mitgebracht, mit dem wir die restliche Nacht durchzechten. Der war von den chinesischen Verhältnissen und dem Elend der Jugendkultur (mehr dazu hier) genauso angekotzt wie wir. Leider mussten wir ihm die Enttäuschung zumuten, dass sein Deutschlandbild, in dem die hilfsbereiten Einwohner ihre Beschäftigung mit klassischer und anspruchsvoller Musik nur für philosophische Diskussionen unterbrechen, nicht ganz den Tatsachen entspricht.

Da unsere Jugendherberge am nächsten Morgen Opfer der ständig stattfindenden Umstrukturierung von Stadtteilen wurde und der akute Räumungsbefehl Managerin wie auch Gäste unvorbereitet in Hektik aus dem Gebäude trieb, quartierten wir uns mit unserer neuen Bekanntschaft spontan auf dem riesigen Unigelände der Stadt ein.

Bevor unser Freund in sein Heimatdorf zurückkehren würde, mussten wir ihm versprechen, zusammen mit seinen alten Studienkollegen eine Karaoke-Bar zu besuchen. Wir willigten ein und begannen sogleich uns Mut anzutrinken. In der Bar angekommen betraten wir einen nicht enden wollenden Flur, der uns mit seiner Shining-mässigen Tapete, gehalten in reflektierendem Gold, das Blut in die Augen trieb. Die zahlreichen KTV-Zimmer, die jeweils einer Gruppe von 8 Personen gemütlichen Platz boten, waren nicht weniger geschmacklos tapeziert. Die Kommilitonen unseres Freundes hatten bereits begonnen, chinesische Schnulzen zu trällern, deren Texte zu schmierigen 80-Jahre-Ami-Filmen auf einem Fernseher angezeigt wurden und wir orderten erstmal einen Korb Bier. Schnell wurde uns klar, dass Karaoke hier zu der Lieblingsbeschäftigung nicht nur der Jugend zählt und dabei auf guten Gesang mehr Wert gelegt wird als auf die Höhe des Trash-Faktors. Später, mit genügend Courage im Blut, versuchte ich mich an »American Pie«, das leider in einer mir unbekannten live-Version abgespielt wurde und mich die falsche Melodie lallend einen grandios peinlichen Auftritt hinlegen ließ. Wie in China üblich, war der Abend bereits um 23 Uhr gelaufen und die Kommilitonen machten sich auf den Heimweg. Glücklicherweise konnten wir unseren Freund, inzwischen genauso abgefüllt wie wir, überreden, uns noch zu der einzigen um diese späte Stunde geöffneten Disko zu führen (und das in einer Stadt mit 6 Millionen Einwohnern). Dort mussten wir der chinesischen Upper-Class dabei zusehen, wie schlecht man auf US-Gangsta-HipHop tanzen kann. Neben uns betrachteten das traurigen Treiben noch etwa 10 Bullen in Uniform, die mitten auf der Tanzfläche standen! Angeblich hatte es in dem Club schon mal Probleme mit Drogen gegeben. Dies wurde von den Bütteln zum Anlass genommen, ohne Eintritt zu zahlen den Dicken in der Disco zu machen und im Kampf gegen den Drogenkonsum ihre wachsamen Blicke an den Ärschen der tanzenden Frauen kleben zu lassen. Den anwesenden Jugendlichen schien dies nicht sonderlich außergewöhnlich. Wir verließen diesen Ort der Schande um für den nächsten Tag noch etwas Schlaf zu tanken, schließlich sollte die Reise weiter an die Küste nach Quingdao gehen.

1 Kommentar zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Hallo Max,

    das Lesen deines Artikels über Nanjing hat mir sehr viel Spaß bereitet. Ich sitze gerade im 16. Stock meines Hotels blickend in die trübe Luftsuppe von Nanjing und bin beim Suchen von Reiseberichten über eben diese Stadt auf deinen Bericht gestoßen.
    Wirklich sehr lebendig und interessant geschrieben, Glückwunsch.

Auch mal das Maul aufreissen?

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