30.03.2008 / 12:24 pm
Von Max
Kein schöner Land in dieser Zeit. Deshalb empfiehlt es sich auch bei guter Gelegenheit den heimischen Hort der Qualen zu verlassen und sich auf die Suche nach Impressionen zu machen, die den deutschen nicht im Geringsten ähneln. Zusammen mit einem Freund hat sich Beatpunk-Weltenbummler Max auf den Weg gemacht und ein bisschen in Asien umgeschaut. Wie sich zwei umherreisende Kartoffeln im Reich der Mitte anstellen, ob bei Verständigungsproblemen tatsächlich der Ton die Musik macht und dass Bauernepp in einer globalisierten Welt auch bei den Chinesen prima funktioniert, dokumentiert folgend der erste Teil seines Reiseberichts.
Der Plan: Von Shanghai ausgehend wollten wir an der chinesischen Ostküste empor über Nanjing nach Peking reisen, um uns von dort weiter in mittlere Regionen und den Westen vorzuwagen. Nach durchgemachter Nacht und elendlangem Flug erreichten wir reichlich übermüdet den Ort, an dem unser Reiseführer in Shanghai eine günstige Jugendherberge empfohlen hatte, um dort feststellen zu müssen, dass diese nicht mehr existiert. Damit hatten wir gerechnet, schließlich wird in China schneller abgerissen und gebaut als irgendwo sonst, also machten wir uns auf die Suche nach einer alternativen Schlafmöglichkeit, die laut Reiseführer ganz in der Nähe sein müsste. Schnell war die erste Lektion gelernt: Passanten nach dem Weg zu fragen macht nicht viel Sinn. Ob es am mangelnden Englisch-Verständnis liegt oder an der Angst sein Gesicht zu verlieren, wenn man den Weg nicht nennen kann: stets wurden wir lächelnd in die verschiedensten Richtungen geschickt, von denen uns keine zu unserem Hotel führte. Nach einer durchgeschwitzten Stunde fanden wir per Zufall eine bezahlbare Herberge, um bis zum nächsten Morgen durchzuschlafen.
Am zweiten Tag hatten wir dann das Vergnügen, Opfer eines billigen Bauernfängertricks zu werden. Um sich dem stinkenden und lärmenden Hochhaus-Moloch Shanghai vorsichtig anzunähern, ließen wir uns an einem großen öffentlichen Platz auf einer Parkbank nieder und beobachteten aus sicherer Entfernung das geschäftige Treiben. Ein chinesisches Pärchen nahm neben uns Platz und wir kamen schnell ins Gespräch. Sie stellten sich als Englisch-Lehrer aus der Landesmitte vor, die auch grade erst in Shanghai gestrandet wären, um in der großen Stadt auf Jobsuche zu gehen. Man unterhielt sich sehr nett über dies und das und schließlich kamen unsere Gegenüber auf das heute stattfindende »Tee-Festival« zu sprechen, ob wir denn nicht auch davon gehört hätten, sie würden da ja unbedingt hingehen wollen und was wir denn davon hielten, sie zu einer solchen »traditionellen Tee-Zeremonie« zu begleiten. Na klar, Kontakt mit sympathischen Einheimischen suchten wir ja sowieso, und so schlossen wir uns dem Pärchen erfreut an.
Auf dem Weg zum Festival wurden wir von beiden pausenlos vollgelabert und ausgefragt, was durch das holprige Englisch der Chinesen und ein Sprechen im Maschinengewehrtakt dermaßen viel Konzentration kostete, das wir gar nicht erst groß zum Nachdenken kamen. Schließlich erreichten wir ein im zweiten Stock eines Einkaufscenters gelegenes, nobel aussehendes Geschäft, in dessen ausgeschmücktem Zimmer wir Platz nahmen, um dort die Tee-Zeremonie zu empfangen. Hinter einem kunstvoll geschmückten Holztisch, der mit allerlei Tee-Utensilien geschmückt war, saß die »Tee-Meisterin«, die nun im Minutentakt Tees aufbrühte und servierte und dies mit einem nicht enden wollenden Schwall von Erklärungen und Erläuterungen unterlegte (freilich auf chinesisch). Unser eben kennengelerntes Pärchen übersetzte simultan und lieferte die zu empfindende Bewertung des Ganzen gleich mit (»Oh Interesting! Beautiful! Look, Look!! Very good!! So Nice!«), während wir damit beschäftigt waren, fünf verschiedene Tees aus winzigen Schälchen in der uns vorgemachten Trinkhaltung (Finger abspreizen) und Schluckabfolge zu »genießen«.
Zuvor zeigte man uns eine Preiskarte, die eine Teevorführung mit umgerechnet vier Euro pro Person verrechnete, was uns preislich ziemlich ok und für China angemessen erschien. Zum Tee wurden Nüsse gereicht und wir erfuhren, welcher Tee den Rauchern die Lungen wieder frei bläst und welcher für die ewige Liebe sorgt. Nach einer halben Stunde war die Show vorbei und uns wurde die Rechnung präsentiert. In China ist es üblich, dass eine Person die gesamten Kosten für alle übernimmt und die Höflichkeit gebietet es, sich um diesen Posten zu streiten. Da sich die Rechnung aber auf einmal auf 140 Euro belief, verzichteten wir auf diese Höflichkeit und wollten »lediglich« unseren Teil von immerhin 90 Euro begleichen. Obwohl der Preis um mehr als das zehnfache höher lag als angekündigt, waren wir in diesem Moment viel zu perplex und überwältigt und gaben uns zudem selbst die Schuld, zuvor wohl etwas falsch verstanden zu haben und zahlten somit das Geld. Außerdem saß uns noch die übliche China-Reiseliteratur im Hinterkopf, die einem einbläut, dass schlimmste für die Chinesen sei es, in der Öffentlichkeit ihr Gesicht zu verlieren, und das wollten wir unserem neu kennen gelernten Pärchen natürlich nicht antun.
Wieder auf der Strasse und immer noch mit dem Pärchen unterwegs meldete sich langsam unser Verstand zurück und so trennten wir uns erstmal von den Beiden um einen klaren Kopf zu bekommen und darüber nachzudenken, was da eigentlich grade passiert ist. Mit dem Begreifen meldete sich die Wut zu Wort und wir überlegten, was wir wohl tun könnten, das abgetrickste Geld wiederzubekommen. Wir begaben uns also zurück zu jenem Tee-Geschäft, um dort auf das Pärchen zu warten, sie auf frischer Tat (also mit neuen Touristen im Arm) zu ertappen und dann durch Drohen mit der Polizei unser Geld einzufordern. Während des Wartens vor dem Geschäft wandelte sich unser Mut leider mehr und mehr in Paranoia und wir bekamen die fixe Idee, alle herumstreunenden Jugendlichen in unsere Nähe seien Mitglieder der »Tee-Gang«, die ihr Geschäft sicherlich mit handfester Gewalt gegen unsere Verpfeif-Drohungen schützen würden. Mit der Angst im Rücken, von der »Tee-Mafia« verfolgt zu werden, steuerten wir Richtung einer Touristen-Informationsstelle, um dort nach Rat zu fragen.
An diesem Informationspunkt, immerhin einem der größten in Shanghai, gelegen in der Haupt-Shopping-Meile, empfing uns ein verdutzter Jugendlicher, der weder Englisch sprach noch verstand. Ihm den Vorfall mithilfe von Gesten mitteilen zu wollen, verwirrte ihn nur noch mehr und nach etwa 15 entnervten Minuten schrieben wir ihm »Police« auf einen Zettel. Das googelte er dann im Computer nach und gab uns eine Telefonnummer, die allerdings nicht funktionierte. Immerhin durften wir kostenlos sein Telefon benutzen, um sämtliche Notfallnummern aus unserem Reiseführer abzuklappern, die entweder
a) kein Anschluss
b) chinesische Bandansagen oder
c) ratlose Chinesen ohne englisch Kenntnisse
an den Hörer brachten.
Schließlich erreichten wir jemanden von der deutschen Botschaft auf dessen Privat-Handy, der uns mitteilte, wir sollten doch einfach mal die 110 anrufen. Und tatsächlich, recht schnell hatten wir einen englisch-sprechenden Bullen am Hörer, der uns auch direkt eine Streife vorbeischickte. Von dieser wurden wir zur nächsten Wache gefahren, wo sich gleich alle Beamten einfanden, um sich den Arsch über die verrückten Langnasen abzulachen, die 90 Euro für 30min Tee-Zeremonie berappt hatten. Während wir über Bier und Fussball befragt wurden, wuchsen meine Zweifel, ob es nicht ein schwerer Fehler gewesen war, sich mit den chinesischen Staatsorganen einzulassen.
Im Eifer des Gefechts hatte ich ganz verdrängt, dass die chinesischen Bullen ja vor allem für ihre menschenfreundlichen Foltermethoden bekannt sind und wegen meiner lausigen 90 Euro wollte ich sicherlich niemanden hinter chinesischen Gardinen sehen. Doch für einen Rückzieher war es jetzt zu spät. Nach einer halben Stunde traf ein Streifenwagen von der für uns zuständigen Wache ein, wir wurden nach der Adresse des Tee-Geschäfts gefragt und aufgefordert, zwei (nicht englisch sprechende!) Bullen dorthin zu begleiten. Auf der Fahrt zum »Tatort« stand uns ordentlich der Schweiß auf der Stirn. Mit zwei nur chinesische sprechenden Bütteln, ohne Beweise, das muss doch schief gehen! Im Tee-Laden angekommen fing der Oberbulle erstmal an, alle Anwesenden auf chinesisch anzuschreien, worauf zu unserem Glück aus einem der Zimmer der vermeintliche Englisch-Lehrer unseres Pärchens herausstürmte und abzuhauen versuchte. Sein Versuch misslang und somit hatten wir zumindest einen »Schuldigen«, den wir identifizieren konnten. Nach weiteren fünf Minuten Schreierei seitens der Bullen bot uns der Tee-Abzocker an, uns das Geld zurückzuzahlen und die ganze Geschichte damit ruhen zu lassen. Wir mussten zwar noch um den genauen Betrag feilschen, bekamen die Kohlen dann aber tatsächlich wieder. Die Bullen verhandelten dann nochmal etwa 10 Minuten um die Höhe ihres Bestechungsgeldes und das war’s dann (Wie wir später erfahren sollten, versuchen sämtliche Wachen die Kriminalitätsstatistik ihres Bezirks möglichst gering zu halten, um von Oben keine Rüge zu riskieren und nehmen daher lieber direkt Geld als den Fall auf). Zum Abschluss schüttelte der Oberbulle uns noch etwa 40mal die Hände und wiederholte dabei die einzigen Worte, die er auf englisch gelernt hatte: »Welcome to Shanghai! Welcome to Shanghai!«
30.03.2008 / 12:24 pm
Hallo, hätten wir diesen Beitrag bloß vor unserer Chinareise gelesen. Wir sind auf denselben Trick reingefallen und haten nicht den Mut, uns da noch einmal blicken zu lassen. Also an alle Reisenden: auf der Nagling Donglu und dem Volksplatz lungern die Gestalten immer noch herum und suchen ihre Opfer! Mal zu zweit oder zu dritt….. nachdem wir gezahlt hatten (70 euro), kamen auch wir erst wieder zur Besinnung, irgendwie glaubten wir bis heute immer noch an das Gute im Menschen…..naja…wieder was gelernt….
11.11.2008 / 4:12 pm
Auch in China insbesondere in Shanghai gilt, erst denken und dann bezahlen!
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