Worst Case Scenario

Von Dennis

Kinder sind eine fragwürdige Sache, wie ich finde. Anarchisch in ihrem Sozialverhalten, zu klein, um zu revoltieren und eine ständige Gefahr für sich und andere. Trotzdem finden die meisten Menschen sie irgendwie süß. Als ausgewiesener und inzwischen 2-jähriger Onkel eines solchen tatsächlich höchst entzückenden Geschöpfs, hat sich auch meine Toleranzschwelle in ungeahnte Weiten verschoben. Ein Zustand mit dem sich prima leben lässt. Dass man von seinen Vorurteilen aber so schnell nicht geheilt werden kann, zeigte sich mir kürzlich, als zu viele der lieben Kleinen ihre komprimiert schlechteste Seite zeigten und damit bei mir für einen ungebremsten Rückfall in alte Zeiten kinderfeindlicher Ressentiments sorgten.

Schon in der Wartehalle beschlich mich dieses komische Gefühl, dass sich unter uns normalen Menschen überproportional viele Klein‑ und Kleinstkinder befanden. Während wir darauf warteten endlich an Bord gehen zu dürfen, mehrte sich die Stückzahl schreiend umherlaufender Zwerge sogar noch, sowie derer, die verhältnismäßig frische Minimenschen auf dem Arm oder irgendwo anders am Körper trugen. Mein Gefühl erwuchs zu einem beinharten Verdacht, das hier könnte schlimm werden.

Es kam wie es kommen musste. Mein Sitz war umzingelt von reisefibrigen Kindern und schon vor dem Start machten sich die ersten von ihnen warm und schlossen lautstarken Kontakt mit potentiellen Mitstörern. In einer der Ecken waren die Rotzer sogar so konzentriert, dass ich sie zeitweise in der Überzahl glaubte und eigentlich nur darauf wartete, dass eine Flugbegleiterin auch mir so einen kleinen Schreiapparat auf den Schoss legen würde. Etwas vor mir, sass eine Mutter, die zwar offensichtlich zur Anschaffung ihrer zwei Zöglinge fähige gewesen war, jetzt aber, und das erschreckte mich zu diesem frühen Zeitpunkt unserer Reise schon sehr, kaum Anstalten machte ihre ein‑ bzw. zweijährigen Teufelchen in Zaum zu halten und den beiden schon vor dem Start freie Hand lies beim Herumzerren am Geduldsfaden aller Anwesenden. Was müssen diese Stewardessen doch für disziplinierte und willensstarke Menschen sein, dachte ich, denn sie begegneten dem infantilen Super-GAU mit berufbedingtem Laecheln, waehrend sich meine Hassblicke durch die Sitze nach allen Seiten bohrten.

Die folgenden 15 Stunden Flug vergingen wie im Stau und wurden ohne Unterbrechung von kindlichem Schreien, Kreischen und Rumrennen beschallt. Ob als Solonummer oder unisono in Orchesterlautstärke, das Lärmbedürfnis in der Kabine klang niemals ab und frass an den Nerven aller Anwesenden wie ein schwer zu ertragener Krampf im Hintern. Endlich war es auch unseren Flugbegleiterinnen im Gesicht abzulesen, dass sie das akustische Dauerfeuer nicht unbeeindruckt lies und ich dankte ihnen im Stillen dafür. Der Baby-Terror an Bord hingegen ging weiter und ich fragte mich, wann sich endlich einer dieser Skymarshalls erheben und eingreifen würde, aber es geschah nicht. Die meisten Mitpassagiere ertrugen den Krawall vorbildlich und mit Verständnis für Mutter und Kind, andere wiederum hofften augenscheinlich darauf, dass die Maschine doch bitte abstürzen möge und auch ich wünschte mir nichts sehnlicher als die kleinen Racker zum spielen nach draussen zu schicken.

Irgendwann setzten wir auf dem Boden auf und alle atmeten etwas ruhiger. Die Quengeleien und das Geschrei in der Kabine gingen zwar weiter, aber ein Ende war jetzt in greifbarer Nähe und lediglich eine Frage von Minuten. Ich wartete sogar bis die meisten Passagiere an mir vorbei waren, dann nahm auch ich meinen Rucksack und bewegte mich Richtung Ausgang. Ohne Groll, dafür etwas mitleidig, blickte ich jetzt auf die sichtlich erschöpften Mütter und Väter, die versuchten ihren Nachwuchs für die Aussenwelt zu präparieren, und wünschte ihnen noch ne tolle Zeit mit ihren Braten. Es sind ja doch nur kleine Menschen.


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  1. Melanie Haase 16.02.2009 / 10:37 pm

    Für »Tante Denne«:
    Der kleine Mensch sitzt am Tisch. Spielt. Mit einem Löffel, einem Auto. Entspannte, erzählende Geräusche dringen an mein Ohr im Nachbarraum. Mit warmem Herzen und stolzer Brust denke ich: ’ganz schön weit für ihr Alter die kleine Maus’. »…bisschen Zucker noch … – ja Mama?« »Klar…« Innehalten. Ähm … doch mal gucken. NEEEIIIIIN! Der Salzstreuer liegt fest in ihrer kleinen Hand. Wie kleine Schneeflocken kriechen die Kristalle in Mengen in jede Ritze der Laptoptasche. »Is gut Mama… Zucker nur – gut schmeckt!«
     – was kann man da noch sagen?

    Gruß Maja und Mel.

Reiss die Fresse auf:

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