13.12.2007 / 2:02 am
Von Niklas
Ein Lifestyle-Magazin bucht einen Mahler.
Spätestens nach der medialen Beschäftigung mit Eva Hermans Ansichten zur nationalsozialistischen Familienplanung und dem daraus resultierenden Skandal, der angesichts der zu erwartenden massiven Zustimmung des deutschen Volksmobs eigentlich keiner war, hat sich gezeigt, wie gut man derlei Schmierentheater zur Zeit verkaufen und damit verbunden auf exzellente Auflagen‑, bzw. Einschaltergebnisse hoffen kann.
Zu dieser Erkenntnis ist nach zwei Wochen nun endlich auch die Vanity Fair, das wöchentlich erscheinende Zentralorgan für jung-dynamische Modernisierungsverlierer, in Gestalt ihres Herausgebers Ulf Poschardt gelangt. Um die fehlende Aktualität wieder wettzumachen wurde diesmal als Interviewpartner auf eine Person zurückgegriffen, bei der der Eklat von Anfang an vorprogrammiert war: Horst Mahler, seines Zeichens notorischer Holocaustleugner und zudem ehemaliger RAF-Chefideologe, angeklagt u. a. wegen Volksverhetzung nachdem er im Jahr 2000 in seinem Aufruf »Aufstand der Anständigen« das Verbot der jüdischen Gemeinden in Deutschland sowie die Ausweisung aller Asylbewerber gefordert hatte.
Um das Ganze kulturindustriell kurzweilig und unterhaltsam zu verpacken, musste Michel Friedman als Interviewer herhalten. Nachdem das Setting also geradezu auf eine vermeintlich tabubrechende Konfrontation ausgelegt war, wundert es nicht, dass Mahler direkt mit einem selbstbewussten »Heil Hitler« ins Gespräch einstieg. Im weiteren Verlauf des Interviews werden dann von Holocaustleugnung über antisemitischen/antiamerikanischen Verschwörungstheorien bis hin zu diffus religiös gefassten nationalsozialistischen Heilsversprechen so ziemlich alle Themen angeschnitten, denen im öffentlichen Diskurs eigentlich kein Raum gegeben werden sollte.
Interessant wird es einzig dann kurz, wenn Mahler über Kontinuitäten zwischen seiner Denkweise während seiner Zeit in der RAF und seines heutigen Wahns berichtet. Durch seine Entwicklung zeigt er anschaulich, dass es auch zum 30jährigen Jubiläum des sogenannten »deutschen Herbstes« noch keinen Grund gibt, den bewaffneten Kampf der 70er unkritisch zu glorifizieren.
Eine Rechtfertigung, das Interview überhaupt abzudrucken, ist dies allerdings bei Weitem nicht. Wie lässt sich also erkären, dass es trotzdem gedruckt wurde und Poschardt und Friedman damit weit hinter alle bisherigen Standards zum medialen Umgang mit Nazis zurückfallen?
Friedman sieht seine Motivation darin, Mahler und seine nazistischen Bestrebungen öffentlich zu demaskieren. Klingt gut gemeint, nur braucht es dafür kein Interview. Denn an expliziten Äußerungen mangelt es nun wirklich nicht, im Gegenteil. Man wird auf einschlägigen Seiten geradezu erschlagen von Mahlers Ansichten sowohl zum aktuellen als auch zum historischen Weltgeschehen. Seine Strafakte spricht ebenfalls Bände, gehört doch in Deutschland schon eine gewisse Hartnäckigkeit dazu, als Nazi tatsächlich rechtskräftig verurteilt zu werden.
Interessanter ist da hingegen schon die Begründung Poschardts: Das Interview hätte gerade deshalb veröffentlicht werden müssen, weil die darin geäußerten Ansichten von »zu vielen Deutschen geteilt [würden]«. Während dies für eine Person wie Poschardt zunächst einmal relativ progressiv und emanzipatorisch klingt, verkehrt sich diese Intention bei genauerer Betrachtung ins Gegenteil: Denn fatalerweise wird hier das Außergewöhnliche gezeigt, wo die Darstellung von Normalität geboten wäre. Mahler lässt sich aufgrund seiner mehr als wirren, bzw. im Gespräch kaum zu erkennenden Argumentationslinien leicht auf seine Rolle als verrückter Außenseiter reduzieren. Die Person Mahler dient so als Katharsis für den durchschnittsdeutschen Antisemiten, der zwar etwas gegen Juden hat, sich aber dennoch distinktiv mit dem Mainstream gegen den bösen Nazi abgrenzen und damit am Ende des Tages mit gutem Gewissen einschlafen kann.
Was bleibt ist ein neuer Gemeinplatz für den nächsten Stammtisch, dass »der Mahler zwar mit den Juden und den Amis irgendwie recht hat – muss ja mal gesagt werden dürfen – aber dass er ansonsten eben nicht ganz richtig tickt.« So wird wieder einmal der sich hierzulande konstant großer Beliebtheit erfreuende Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft externalisiert und das eigentliche Problem bis auf weiteres verdrängt. Hätte Poschardt tatsächlich das Bedürfnis gehabt, die Übereinstimmung der deutschen Mehrheitsbevölkerung mit Positionen der extremen Rechten zu zeigen, so wäre eine einfache Straßenbefragung in egal welcher Region dieses Landes die gangbarere Alternative gewesen. Dafür hätte man sich also noch nicht einmal nach Ostdeutschland wagen müssen, der Antisemitismus findet sich auch im Westen in allen Bevölkerungsschichten wieder. Dort könnte man sich dann ziemlich übereinstimmende Statements mit denen Mahlers anhören, und das wahrscheinlich sogar, ohne dabei schon nicht mehr pseudowissenschaftlich zu nennenden Hegelinterpretationen ertragen zu müssen. Nur wäre dies im Gegensatz zu der bühnenreif inszenierten Begegnung Friedman/Mahler wohl weit weniger Kaufanreiz für das Vanity Fair Klientel. Genauso wie es auch kaum ein so großes Presseecho mit sich gebracht hätte.
Überhaupt lohnt die Betrachtung des medialen Hintergrundrauschens um das Interview. Denn die Dichotomie von der öffentlichen Verurteilung der extremen Rechten bei zumindest teilweiser Reproduktion ihrer Ideologie lässt sich auch hier gut wiederfinden. Wenn auf einmal die ganze Politlandschaft von CDU bis hin zur Linkspartei versucht sich über den vermeintlichen Skandal als die wahren Antifaschisten zu präsentieren, ist dies im harmlosesten Fall als moralische Heuchlerei, in politischen Kategorien gedacht hingegen als latent gefährlich zu bezeichnen. Denn damit leugnen und relativieren sie deutsche Realitäten, wie Antizionismus/Antisemitismus, Rassismus und Geschichtsrevisionismus, die sie täglich mitproduzieren.
Eine emanzipatorische Betrachtung des Ganzen also darf sich nicht darauf beschränken, die Debatte in all ihrer Vorhersehbarkeit weiter am Leben zu erhalten. Sie muss versuchen, den Fokus von der gespielten Aufregung über das Interviews weg auf den eigentlichen Skandal zu verschieben. Und der heißt nach wie vor Deutschland, in all seiner Normalität. Denn wenn auch die Darsteller dieses medialen Laientheaters wechseln, die Zustände bleiben die gleichen. So gab es eine ähnliche Auseinandersetzung bereits 1993, als ausgerechnet Henryk M. Broder, dessen Reaktion auf das Mahler-Interview vor moralischer Entrüstung kaum noch übertroffen werden kann, Schönhuber in der TAZ zu dessen politischen Ansichten befragte. Dies brachte Wiglaf Droste damals dazu, auf das wachsende Berdürfnis Nazis verstehen zu wollen in der Arranca! eine Antwort zu formulieren. Diese wurde unter dem nicht ganz unbekannt scheinenden Titel »Mit Nazis reden« veröffentlicht und deren Fazit hat auch heute noch Gültigkeit:
»Muß man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen.[…]Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich[…]«
13.12.2007 / 2:02 am
»weit hinter alle bisherigen Standards zum medialen Umgang mit Nazis zurückfallen?«?? — ist doch nicht das erste interview mit nem nazi in einer auflagenstarken publikation in krautland
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