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Distinktion und Entgrenzung: Der Hipster als Sozialtypus

»I’m running S.K.i.R., love things like good red wine, france, uk, nyc, scandinavia, iceland and other beautiful places. oscar wilde, mini cooper old fashioned and new one…french cars from the 60ies. vintage clothes, french movies from the 60ies, serge gainsbourg, jane birkin, joy division, electro, house, tech house, vinyl, record stores, nightlife&clubbing and many more.«1

Mit diesen Worten – Rechtschreibung im Original – stellt sich der Betreiber des Blogs Stylish Kids in Riot den geneigten Leser und Leserinnen vor. Der Name des Online-Magazins spielt mit dem Verbalradikalismus der Mittelklasse. Seiner Online-Existenz hat der Betreiber den wenig überraschenden, dafür umso prätentiöseren Namen Sir Dorian gegeben. Und Sir Dorian weiß es besser – vor allem wenn es um ihn geht. Katrin Kruse hatte auf Spiegel Online einen Artikel über die Liebe des Hipsters zur Retro-Mode veröffentlicht. Mit modischen Griff in die Vergangenheit, so Kruse, »wollen die Hipster unverwechselbar erscheinen – erweisen sich aber nur als Opfer ihres schwachen Egos.«2 Das mochte Sir Dorian nicht auf sich sitzen zu lassen. »[W]er 2011 sowas bringt, der hat alles verschlafen.« Nicht um den bloßen Rückgriff auf vergangene Zeiten ginge es, sondern darum »aus Altem etwas Neues zu machen«, »kreativ« zusammenmixen und nicht »[e]ngstirnig« zu denken.

S.K.i.R. ist eines von Hunderten Hipster-Magazinen. Der Substantiv-Cluster der Unterzeile – »Love, Fashion, Music, Event« umreißt die kulturellen Themenfelder so nichtssagend wie eindrücklich. Sir Dorian wiederum ist einer von Tausenden Hipstern dieser Welt. Kühl dreinblickend, den Seitenscheitel leicht in die Augen hängend, und durch eine modisch getönte Brille posiert er auf seinem Profilbild. Und wie Tausende andere Hipster, möchte auch Sir Dorian keiner sein. Mehr noch, dem Hipster schlägt von Kreuzberg bis Williamsburg Hass, Verachtung und Spott entgegen; und das vor allem von jenen, die man phänomenologisch selbst dem Hipster-Kosmos zuschlagen würde. Bei Lajuli, Autorin des »Online-Jugendmagazines« Spiesser, klingt das so:

»Lieber Berliner Szene-Hipster, jeden Morgen sehe ich dich im Café sitzen, wie du deinen Latte Macchiato trinkend sehr geschäftig auf das Display deines MacBook Pro schaust. Schon klar, Digital Bohéme und so, doch wieso dieses dicke, schwarze Kassengestell auf deiner Nase. Achso, das macht dich individueller. Und du nimmst dich ja selbst nicht so ernst, sagst du: alles just for fun.«Lajuli missfällt die »bisweilen arrogante Miene« des Hipsters: »Du bist gelangweilt und angewiedert [sic!] von diesen Mainstream-Menschen. Keiner ist schließlich so individuell wie du, und schon gar keiner hat diesen geilen Mode‑ und Musikgeschmack wie du.« Und als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, ist der Hipster in den Augen Lajulis am Ende auch noch ein Schmarotzer: »Arbeiten? Nebensächlich! Du bist Hipster, du kannst dir das leisten. Mami und Papi zahlen sicherlich.«3

Der Hipster ist ein Phantom der westlichen Metropolen. Linke Sozialwissenschaftler und ein kulturaffines Feuilleton versucht ihm verzweifelt Herr zu werden.4 Kaum jemand möchte dazugehören, doch alle kennen sie ihn; deswegen ist »Hipster« zunächst und vor allem ein Distinktionsbegriff. Auf Dutzenden Blogs, Stickern und Graffitis schlägt dem Hipster ein Ressentiment entgegen, das überrascht. So rät ein sogenanntes Berliner »Szenemagazin« seinen Lesern: »Niemals, niemals, niemals, darf man sich selbst als ’Hipster’ oder ’Scenester’ bezeichnen. Hipster müssen für den krampfhaften Versuch, ’cool’ oder ’in’ sein zu wollen, verachtet und verurteilt werden, da jeder Versuch auf das Defizit in ihrer Authentizität hinweist.«5 Eine falsche, ja, geheuchelte Individualität, eine simulierte Originalität werfen ihm jene vor, die im Sozialen wie im Kulturellen auf der Suche nach Ursprünglichkeit zu sein scheinen. Abneigung erfährt auch sein ausgeprägtes Spezialisten‑ und Geschmäcklertum. Als eine solche Negativfolie und Hassobjekt zeugt der Hipster vom Verfall der Subkulturen in den Metropolen. Die Kritisierenden und die Kritisierten – unterstellt man einmal, das beim Hipster der humanistische Wunsch jemand zu sein, tatsächlich vorhanden ist – behaupten und verteidigen, was die Kulturindustrie längst geschluckt hat. Was das Besondere verbürgen soll, ist vor allem der eklektische Rückgriff auf die Vergangenheit.

Dies geschieht allerdings nicht, weil Elemente der Tradition tatsächlich als der Rettung würdig befunden werden. Vielmehr erfolgt der Rückgriff, das modische Spiel mit dem Stil, vor allem vermittels der Kernattitüde der Postmoderne: der Ironie. Von außen betrachtet symbolisiert der Hipster den Beginn des 21. Jahrhunderts als Beliebigkeit und Entgrenzung. Im Fashion-Patchwork verschwimmt der Stil, der einst eine soziale Klasse markierte, um zur neuen Mode einer gebeutelten Mittelschicht zu werden. Plötzlich zieren sich die spätgeborenen Kinder mit dem Chic südstaatlerischer Rednecks: Truckermütze, metallne, großformatige Gürtelschnallen, Flanellhemd, Shirts von möglichst unbedeutenden Provinzcolleges oder kleinen Betriebe des mittleren Westens. In ironischer Äquidistanz dominiert eine ästhetische Androgynisierung. Nur in einem duldet der Hipster keine Ironie, in den Fragen des (vornehmlich Musik)Geschmacks.

Das ästhetische Kokettieren mit der Mode einer längst verschwundenen Arbeiterklasse reibt sich an der tatsächlichen Stellung des Hipsters zum Produktionsprozess. Waren Flaneur und Dandy – jene Figuren eines aufstrebenden und selbstbewussten Bürgertums, die Walter Benjamin so eindrücklich beschrieben hat–, noch der zum Sozialtypus geronnene Protest gegen die Produktivität, sind die Hipster des 21. Jahrhunderts einsame Konkurrenten um die letzten Anteile an einer sich verflüchtigenden Arbeitswelt. Die historische Bohème beruhte auf der durch Wohlstand freigewordenen Zeit für sich und für andere und stellte durch ihren offensiv präsentierten Müßiggang den Gegenpart zur aufstrebenden Bourgeoisie dar. Die Digitale Bohème, mit der der Hipster häufig assoziiert wird, war von Anfang an ein mehr oder minder effektiv verkleidetes Krisenphänomen. Weil ihnen wie so vielen anderen in jedem Moment der Absturz droht, stellen sie sich in ihrer Formbarkeit und Anschmiegsamkeit ganz in den Dienst der Produktion; nur darf es nicht so aussehen. Dass im Café arbeitet, wer sich kein Büro leisten kann oder wer auf den fragwürdigen Status des Freiberuflers zurückgeworfen ist, der üblicherweise mit einem kaum mehr zu bremsenden Ineinanderfallen von Arbeit und Freizeit bezahlt wird, verschwindet hinter dem Unabhängigkeitspathos der digitalen Bohemiens. Dass die Spiesser-Redakteurin sich dies nur durch Schmarotzertum erklären kann, zeigt nur, dass es ihr scheinbar nicht anders geht.

Als Phänomen einerseits und als Negativfolie anderseits befindet sich der Hipster einer ökonomisch-subjekttheoretischen Schnittstelle und nur das macht ihn eigentlich interessant: Als Objekt des Ressentiments und des Spotts führt der Hipster unweigerlich den Verfall von Individualität vor Augen. Der Hass auf dem Hipster scheint der Ahnung zu entspringen, dass gleichsam niemand mehr jemand ist, weswegen die unterstellte Pose des Hipsters umso mehr aufreizt. Er selbst ist nicht minder ein Sozialtypus in der Defensive, ein Kompensationsprodukt. Denn wo ökonomisch prekäre Verhältnisse sich immer mehr verallgemeinern und die Menschen einander immer mehr angleichen, dort bleibt dem Subjekt wenig mehr als die Pflege dessen, was gesellschaftlich irrelevant ist, seinem Geschmack. Dabei handelt es sich nicht nur um einen letzten Versuch, Individuum zu sein, sondern auch um die Hoffnung, gerade ein ausgeprägter Geschmack und die entsprechenden Sekundärtugenden Flexibilät, (Selbst)Organisationstalent und ein zielsicheres Manövrieren durch den Dschungel des Underground mögen schließlich die Pforten öffnen zu einer finanziell abgesicherten Existenz; nämlich im Business von Medien, Mode und Musik.

Phänomenologie und Geschichte
Der Begriff des Hipsters ist keineswegs neu. Bereits 1948 veröffentlichte Anatole Broyard in der Zeitschrift Partisan Review »A Portrait of a Hipster«. Nicht mal zehn Jahre später folgte Norman Mailers kontroverser Essay »The White Negro«, mit dem das Adjektiv »hip« und die dazugehörige Personenbezeichnung endgültig prominent und kulturkritisch verortet wurden. Ursprünglich handelte es sich um ein Phänomen der schwarzen Subkultur in Amerika. Doch sowohl Broyard als auch Mailer begriffen den Hipster schon damals als ein als Krisenbewältigungsphänomen. Der Hipster, so Broyard, machte aus der Not seiner gesellschaftlichen Isolation eine Tugend und bildet eigene Codes, eine eigene Sprache, Stil und ein geheimes Wissen aus. Bebop, eine im damaligen kulturellen Klima mindestens verstörende Musik, wurde zur paradigmatischen kulturellen Ausdrucksform des Hipsters.

Ob erwünscht oder nicht, das Ergebnis dieser Abgrenzunggeste und der Kultivierung des Arkanen war Integration. Norman Mailers Essay »The White Negro« hat nicht zufällig die Faszination des weißen Hipsters für seinen schwarzen Gegenpart zum Thema. Unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Konzentrationslager und dem amerikanischen Atombombenabwurf verstand Mailer die Nachkriegszeit als sozialpathologische Ära des Konformismus und der Stagnation. Die sogenannte Beat-Generation war vielleicht die erste Gruppe, die der Anästhesie des durch den New Deal induzierten Wohlstandes eine poetische und phänomenologische Gestalt verliehen. »Beat« – geschlagen, erschöpft und heruntergekommen –; darin hallt noch ein Stück der Bedrückung nach, mit der diese Zeit charakterisiert wurde. Was auch heute im Spott über den Hipster mitschwingt – die Sehnsucht nach Authentizität – war auch zu Norman Mailers Zeiten charakteristisch für den neuen weißen Hipster. Was an den schwarzen Hipstern am meisten faszinierte, war die für den Rassismus typische imaginierte Ursprünglichkeit. Wie sie wollte man nun auf die Stagnation mit einer existenziellen Geste reagieren, einem Sprung nach vorne. Im Zuge dessen begann sich auch die Bedeutung des Wortes »beat« aufs rhythmische, bewegte und pulsierende, zu verschieben. »Hip« wurde zur Denomination dessen, was aus der Masse hervorstechen und gleichzeitig nur Eingeweihten zugänglich sein sollte. Als Zentrum dieser gestischen Verweigerung machte Norman Mailer Körper und Sexus aus. Nicht zu Unrecht wurde ihm diesbezüglich eine romantisierende Anverwandlung rassistischer Stereotype vorgeworfen. In einer kruden Melange aus Wilhelm Reichs populärer Theorie der sexuellen Befreiung und Bonmots wie dem vom »Jazz als Orgasmus« reproduzierte er die Vorstellung des naturhaften Wilden, dem sich der Hipster als moderne und weiße Kopie desselben anschmiegt.

Liest man heute die Beschreibung von Norman Mailer, wird der historische Hipster als postmodernes Phänomen avant la lettre deutlich, das Ende der 90er Jahre in der Mittelschicht der westlichen Metropolen zu sich selbst kommen sollte. Narzisstisch enthoben von der Gesellschaft und ihren geläufigen politischen Beschreibungsmodi, gestisch rebellierend aber ohne klares Feindbild, verliebt in die Komplexität, getragen von unendlichen Fragen und keinen Antworten. Was in Mailers »White Negro« noch als eine durchaus ernst gemeinte existenzielle Pose beschrieben wurde – und nicht umsonst war der Existenzialismus in den 50er und 60er en vogue –, wurde beim Hipster des ausgehenden 20. Jahrhunderts fast zur Gänze durch Ironie ersetzt. Mit dieser Strategie – wie bewusst oder unbewusst sie auch sein mag – wurde eine merkwürdige Überblendung historischer Zeiten möglich. Das Neue, das der Hipster symbolisieren möchte, vollzieht sich über Embleme und kulturelle Artefakte der Vergangenheit. Die Kulturindustrie hält hierfür die Worte »Retro« und »Vintage« bereit.

Vor allem die 80er Jahre feierten als historischer Bezugsrahmen sowohl modisch als auch musikalisch ein überraschendes Comeback. Auch die Bildästhetik des Hipsters, sein Auge – historisch bestimmt wie nur irgendein Organ – vollzieht diese Bewegung in die Vergangenheit. Heute, da das Wissen, wie ein Film in die Kamera gelegt wird, geschweigeden wie er zu entwickeln sei, im Verschwinden begriffen ist, kehrt vermittelst modernster Technik die Ästhetik der Photographie von vor 30 Jahren wieder. Bilder im Stile der Lomo oder Polaroid-Sofortbildkamera lassen sich bequem mit dem treffenderweise »Hipstamatic« genannten App auf dem Iphone erzeugen oder nachträglich am Computer generieren. Tausendfach reproduziert findet sich die Bilderwelt des Hipsters heute im Vice Magazine oder den Werbekampagnen von American Apparel. Stand der Flaneur in Walter Benjamins Passagenwerk schon dem Begriff nach für Bewegung, scheint der der postmoderne Hipster eher eine Figur des Stillstands zu sein. Still gestellt auf Millionen von Bildern im Retro-Chic, die ihn sitzend im Café oder stehend auf der Party zeigen. Nicht zufällig begann der Hype um den Hipster mit der Website lastnightsparty.com, die sich einzig und allein der Dokumentation und Ästhetisierung hedonistischer Exzesse im Polaroidformat widmete.

Was sich am Verhältnis zu Tradition und Geschichte zeigt – Entdifferenzierung – scheint für den Hipster allgemein zu gelten. Verschwommen sind nicht nur die Differenzen im Bereich der Mode – was sich gleichzeitig auf die Inszenierung des Geschlechterverhältnisses überträgt –, auch in der Emblematik politischer und klassenspezifischer Zugehörigkeit verschwimmen beim Hipster die Grenzen. College-Shirts und Hornbrillen markieren ihre Träger einerseits als die ewigen Studenten, anderseits kehren mit dem südstaatlichen Redneck-Style Accessoires einer eher als reaktionär wahrgenommen Klasse von Arbeitern und Farmern wieder. Das weiße Unterhemd heisst nicht umsonst im Englischen »wifebeater« und zeigt an, welche Schichten und Milieus man ursprünglich einmal mit dem Kleidungsstück verband. So siedelt sich der Hipster irgendwo zwischen den Klassen an, in einer stillstehenden Zwischenwelt von lolitahafter, ewiger Jugendlichkeit für die weiblichen Vertreterinnen und einzig durch den Oberlippenbart gebrochene Spätadoleszenz bei den Männern.

Hass und Selbsthass des Hipsters
Wenn der Hipster aber bloß eine unbedeutende und beliebige Collage ist, was ist es dann, dass an ihm so abstößt? Was einem als despektierliche Geste hier und da auf einer Party, im Gespräch mit Freunden oder im Szenecafé begegnet, wird dort manifest, wo wirklich jeder sich äußern kann, in der Welt der Blogs: Der Hipster ist ein Hassobjekt. So wirbt die Website Diehipster.com mit der Unterzeile: »Ein Ort für echte New Yorker, um sich Luft zu machen über die Invasion aufmerksamkeitssüchtiger, nutzloser Erwachsener, die wir als Hipster kennen.« Manche stellen gar Hipster-Fallen in den New Yorker Straßen auf (als Köder fungieren eine pinke Sonnenbrille, eine Fahrradkette und eine Büchse Bier der Marke Papst Blue Ribbon).6

Offensichtlich geht vom Phantom des Hipsters etwas Irritierendes, ja Abstoßendes aus. Dabei ähneln das Ressentiment durchaus jenem, dass zu Zeiten eines aufstrebenden Bürgertums dem Adel entgegenschlug: Dünkelhaftigkeit, Hochnäsigkeit, Unproduktivität, alles in allem eine falsche weil oberflächliche Individualität. Dass Adel und Bohème gleichsam synonym mit Urbanität waren, wiederholt sich heute, allerdings unter verkehrten Vorzeichen. So werden heutzutage Hipster immer wieder mit dem Schreckgespenst aller »alternativen« Stadtviertel, der Gentrifizierung, assoziiert. Ein Kuriosum wie der Berliner Verband Kritischer Hipster wendet das sogar selbstkritisch: »Der Verband Kritischer Hipster ist ein lockerer Zusammenschluss von Menschen, die im Prenzlauer Berg wohnhaft sind und sich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem eigen Umfeld kritisch auseinandersetzen. Dabei verstehen wir uns auch als Teil der kritisierten Gruppen.«7 Was früher mit dem Land‑ und Dorfleben verbunden wurde, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Familiarität, wird heute umstandslos auf den Lieblingskiez in Berlin projiziiert und der Hipster für dessen Zerstörung verantwortlich gemacht.

Der Vorwurf, beim weißen Hipster handele es sich um nicht nur um die Vorhut, sondern um den zum Sozialtyp geronnenen Ausdruck dessen, was man Gentrifizierung nennt, ist durchaus nicht zu weit hergeholt. So zog in den 90er Jahren in Amerika die weiße Mittelklasse in Scharen in jene urbanen Zentren zurück, die sie in den 70er Jahren, der Zeit der white flight verlassen hatten. Der New Yorker Stadtteil Williamsburg beispielsweise in den letzten Jahrzehnten nicht nur eine gravierende Wandlung und Kommerzialisierung durchgemacht, sondern greift derzeit auch immer mehr in ethnisch stärker bestimmte und sozial niedriger rangierende Stadtviertel aus. Was dennoch kaum einer zugeben möchte – und hier zeigt der öminöse Verband Kritischer Hipster durchaus Einsicht –, ist, dass so ziemlich jeder die kosmopolitisch oder gar multikulturell markierten Viertel denen der sogenannten Unterschichten vorziehen würde.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Vorwurf des Oberflächlichen und Unauthentischen, der den Hipster immer wieder ereilt. Aus dem Blick gerät dabei nicht nur, dass die Kritiker des Hipsters phänomenologisch selbst diesem Kosmos zuzurechnen sind, sondern auch, dass sich der Wunsch, Individuum zu sein, vor allem vermittels Ironie vollzieht. Der Hipster ist also gerade nicht einfach nur der »Terror des Authentischen«, wie Philipp Goll im antideutschen Lifestyle-Magazin Hate schreibt. Vielmehr ist er die als Ironie verkaufte Absage an alles Authentische und wird deswegen von all jenen gehasst, die in sich – ob bewusst oder nicht – noch ein Fünkchen Sehnsucht nach (sub)kultureller Wärme verspüren. Gerade der von allen vollzogene und allzu oft von allen bemerkte Bruch zwischen Habitus und Alltag – wie Skater, Musiker, Künstler aussehen aber nichts davon zu sein – ist es, der am Hipster immer wieder abstößt. Wo, wie unterstellt wird, bloße Oberfläche ist, da wird sich immer ein Fürsprecher des Wahren, Tiefen und Ursprünglichen finden, der kitten möchte was niemand mehr kitten kann.

Die Ironie ist tatsächlich die stärkste Waffe des Hipsters. So fand kürzlich in Berlin eine Hipster-Olympiade statt, bei der das Online Musik-Magazine Kultmucke die Berliner Hipster, jene die es sind und die die es nicht sein wollen gegeneinander antreten ließ; unter anderem in den Disziplinen Starbucks‑ Becher‑ um‑ die‑ Wette‑ Rollen, Club-Mate-Kisten Wettrennen, Latte‑ Macchiato‑ Kekse‑ Stapeln und Hornbrillen‑ Weitwurf. Dabei wurde betont: »Die Olympiade ist jedoch keine Spaßveranastaltung. Bei der Hipster-Olympiade handelt es sich um eine Ironische Demonstration gegen zunehmende Gentrifizierung und damit einhergehende Homogenisierung von Lebensstilen in Berliner Innenstadtbezirken.«8

Im Gegensatz zur klassischen – und das heißt vornehmlich antiken – Ironie handelt es sich hierbei aber tatsächlich um eine leere Pose. Nur dass die Leere keine ist, die der subjektiven Oberflächlichkeit des Hipsters entspringt, sondern sie ist objektiv. Dass hinter der Fassade kaum noch etwas zu entdecken ist, Künstlichkeit, Bewegung, das Verdampfen alles Stehenden und Ständigen zur bürgerlichen Gesellschaft gehört wie das Gewitter zur Wolke, das ist die Tragik, die der Vorwurf des Unauthentischen zu kompensieren sucht. Ironie war als rhetorische Figur vor allem List, die auf einen Wahrheitskern verwies, der sich durch Verstellung und Verkehrung hindurch den Zuhörenden dennoch erschließen sollte. Das geteilte Wissen, das Ironie zu einer sinnvollen Strategie werden ließ, ist heute weitgehend verschwunden oder mindestens unklar. So verweist die Hipster-Olympiade auf nichts anderes als das, wogegen sie sich – ironisch – richtet. Sie hat keinen Gegenpart, keine Wahrheit die sich durch ihr Gegenteil hindurch entziffern ließe. Inszeniert als Event, treffen sich stattdessen die Protagonisten des Konformismus zur kollektiven Autosuggestion, gerade sie seien anders als die anderen.

Distinguo ergo sum
Insgeheim scheinen all jene, denen »Hipster« als Schimpfwort gilt, ganz genau zu wissen, das dass, was da verteidigt wird, nicht nur im Verschwinden begriffen ist, sondern sich selbst an der eigenen Person nur noch gebrochen findet. Übel nimmt man nimmt dem Hipster den vermeintlichen Bonus der Avantgarde, in dem das gerade als Neu deklarierte schon wieder dem Verdikt des Althergebrachten verfällt. Weil jeder weiß, dass sich Individualität nicht zuletzt über Kaufkraft bestimmt und dass die Kulturindustrie Trends in Mode und Musik schneller produziert als ihnen Menschen mit einem vernünftigem Tagesablauf folgen können, weil jeder weiß, dass was heute »in« ist, morgen schon wieder »out« sein kann (und mit ihr die ganze Person), genau deshalb hadert man mit dem Gestus des Hipsters, immer schon zu wissen wohin die Reise gehen wird. Wo jeder dazugehören will, wo jeder insgeheim auch einmal »in« sein möchte – und sei es durch bewusstes Sich-Entziehen von aller »Coolness« – und aber gleichzeitig bewusst ist, dass das »kulturelle Kapital« (Pierre Bourdieu), als Fähigkeiten im Umgang mit Produkten der Kulturindustrie, nicht nur rar ist, sondern auch erarbeitet werden will und selbst dann noch keine Rechnungen zahlt, genau dort zieht der Hipster das Ressentiment auf sich.

Der Gestus des Spezialisten und sein Geschmäcklertum, also die weltanschauliche Überhöhung persönlicher, mehr oder weniger gut begründeter ästhetischer Vorlieben, steht deswegen ganz vorn bei den verachteten Eigenschaften des Hipsters. Und auf den ersten Blick mag es so aussehen, als würde gerade die Virtuosität in Fragen des Musik‑ oder Modegeschmacks gegen die These vom Hipster als entindividualisiertem Sozialtypus der Postmoderne sprechen. Schließlich ist die Eigenschaft „Geschmack zu haben“ etwas, was eher den Zeiten eines starken Bürgertums entstammt, als ökonomischer Wohlstand überhaupt erst die Zeit freilegte, sich ernsthaft mit einem künstlerischen Gegenstand auseinanderzusetzen. Es scheint, als würde der Hipster gegen die landläufige Meinung, über Geschmack sei nicht zu streiten gerade das Gegenteil einwenden: über Geschmack ist unbedingt zu streiten. Sein Beharren auf ästhetischen Kleinstunterscheidungen und die gleichzeitig Einverleibung dieser Geschmacksfragen in sein Bild von Subjektivität und Individualität bringen dem Hipster deswegen immer wieder den Vorwurf ein, lediglich auf Distinktion bedacht zu sein. Dagegen wurde der Hipster in der taz von Aram Lintzel prompt verteidigt. Doch selbst bei dieser Verteidigung gab es einen faden Beigeschmack: Man solle »vom Hipster lernen auch wenn er nervt.«9 Mercedes Lauenstein ging in dieser Abneigung auf dem Internetportal der Süddeutschen Zeitung noch ein Stück weiter: »Es ist wichtiger als Erster ein Iphone zu besitzen, als sich um die Briefwahlunterlagen zur Bundestagswahl zu kümmern. […] Die persönliche Profilierung erfolgt nicht durch intellektuelle Bewandtnis auf einem Gebiet, sondern durch puren Style.«10

Ein politisches Profil scheint der Hipster tatsächlich nicht zu haben, zumindest keines was über »irgendwie links und demokratisch« hinausgeht. So wird der Kauf bei American Apparel schon einmal mit den vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen gerechtfertigt.11 Und doch scheint sich hinter der Opposition von ernstem politischen oder intellektuellen Engagement – wie bei Lauenstein so etwas Revolutionäres wie die Anforderung der Briefwahlunterlagen zur Bundestagswahl – und bloß ästhetischer Oberfläche mehr zu verbergen als ein bloßes Lamento über eine nicht genauer bestimmte Politikverdrossenheit. Der Hipster versenkt sich in die Kulturindustrie und reklamiert etwas, wofür eine Mehrheit der Menschen weder Zeit noch die entsprechenden Fähigkeiten im Umgang mit dem Material haben: Geschmack und einen Sinn für das Neue und Angesagte. Dabei kultiviert der Hipster diese Tugend – meistens im Bereich der Musik – vornehmlich als Geheimwissen. Nur im Untergrund, dem angenommenen Gegenteil des Mainstreams, finden sich die Zukunft und das wirklich Neue. Hier partizipiert der Hipster am Aufstieg der Kategorie »Indie« Ende der 90er Jahre. Hat die Kulturindustrie jedoch einmal etwas als Trend etabliert, liegen für den Hipster die wahren Perlen der Mode und der Musik in der Vergangenheit. Anders gesagt, der Hipster denkt geschichtsphilosophisch: aber verfalls‑ und fortschrittsgeschichtlich zugleich.

Elemente einer politischen Ökonomie des Hipsters
Wäre aber nicht des Hipsters Wille zum Geschmack, eben der Wunsch, jemand zu sein, in Zeiten der Entindividualisierung gerade zu verteidigen? Unabhängig von der Frage, ob Geschmack zu wollen gleichzeitig bedeutet, Geschmack zu haben, lässt sich dies nur mit Blick auf die Rolle von Individualität in der Kulturindustrie und die politische Ökonomie des Hipsters beantworten. Mit nichts anderem verführt schließlich die ungeheure Warenwelt, als mit dem Versprechen, etwas ganz besonderes zu sein. Aus der Not jemand sein zu müssen, der wohl nicht selten die lähmende Frustration der Provinz und das Glücksversprechen urbaner Zentren vorausging, macht der Hipster gleichsam eine Tugend. Er wird zum Sisyphos der Metropolen; immer einen Schritt voraus. Damit sind es nicht zuletzt die Hipster, die zur ständigen Verjüngung der Kulturindustrie beitragen, der Wiederkehr des Ewiggleich in sich ständig wandelnden Gewändern.

Es war Pierre Bourdieu, der in Die feinen Unterschiede darauf beharrte, dass sich im Habitus – dessen integraler Bestandteil die Ausbildung oder Zur-Schaustellung eines Geschmacks ist – die Einteilung der Gesellschaft in Klassen fortsetzt.12 Bourdieu folgt allerdings nicht dem Gedanken, dass es sich bei der Affirmation und Inszenierung gesellschaftlicher Unterschiede gerade um ein Zeichen des Verfalls der Klassengesellschaft in den westlichen Metropolen handeln könnte. Weil die traditionelle Unterscheidung in Klassen zwar analytisch zutrifft, an der Realität, d.h. am Bewusstsein ihrer vorgeblichen Mitglieder allerdings weitestgehend vorbeigeht, muss sie auf andere Art und Weise und an anderen Orten immer wieder suggeriert werden. Das Distinktionsgebaren des Hipsters, vermittels der Zurschaustellung seines modischen oder musikalischen Geschmacks, ist deswegen aber kein Klassenbewusstsein im traditionellen Sinn. Vielmehr handelt es sich beim Habitus des Hipsters um den Ausdruck einer gesellschaftlichen Notwendigkeit. Denn seine Mühen, das Neue immer wieder zu entdecken, die Sekundärtugenden der Vernetzung, der flexiblen Kommunikation, des souveränen Umgangs mit dem Internet, kurzum, all jene Fähigkeiten denen Holm Friebe und Sascha Lobo in Wir nennen es Arbeit ein ganzes anbiederndes Buch widmen, all das spielt politökonomisch durchaus eine Rolle. Walter Benjamins Beschreibung des Pariser Flaneurs nahm präzise nicht nur die Mechanismen der Kulturindustrie vorweg, sondern auch die Funktion des Hipsters und der sogenannten digitalen Bohème darin. »Der Flaneur ist der Beobachter des Marktes. Sein Wissen steht der Geheimwissenschaft von der Konjunktur nahe. Er ist der in das Reich des Konsumenten ausgeschickte Kundschafter des Kapitalisten.«13

Kein Wunder also, dass sich die beispielsweise die Musik‑ und Medienindustrie um die Jahrtausendwende herum immer stärker begann, sich personell und strukturell, bei der immer größer werdenden Klasse der kreativen, untergrundversierten und gut vernetzten Hipster zu bedienen. Dass das »Leben jenseits der Festanstellung« möglicherweise einem sinkenden Bedarf an lebendiger Arbeit entspringt, kommt den digitalen Bohemiens allerdings nicht zu Bewusstsein. Sascha Lobo und Holm Friebe erwähnen zwar, dass die prekäre Existenz mit Armut und allerlei Sachzwängen einhergeht, verkaufen es allerdings als Freiheit. Wo sich Hipster und Bohemiens auf der verzweifelten Suche nach einem Anteil des Bruttosozialprodukts ganz den Maßgaben der Produktion anverwandeln, erhält ihnen das »anrüchige Wort ’Selbstvermarktung’ […] dadurch einen geradezu emanzipatorischen Beiklang.«14 Mit einem Lächeln wird die Elendsverwaltung empfohlen, die Bohemiens als »wichtiger Wirtschafts‑ und Standortfaktor«15 gepriesen und suggeriert »zu jedem Zeitpunkt selbst Herr des Geschehens zu sein.«16 Die Renaissance der Do-it-yourself-Idee in der Neo-Bohème von Portland, Berlin oder New York hat insofern eine verwertungslogische Funktion. Wo traditionelle Arbeitsverhältnisse rar sind, der ideelle Anspruch an das Verhältnis von Arbeit und Leben aber besonders hoch, dort reüssieren kleine Boutiquen, das eigen Label, der Plattenladen oder das Freiberuflertum unzähliger Booker, Eventmanager oder Graphikdesigner.

Es sind nicht zufällig diese Bereiche der Produktion, in die es den Hipster treibt, lassen sie sich doch vorzüglich verbinden mit seiner Kernkompetenz, seinem Geschmack. Damit setzt auch eine eigentümliche Verkehrung dessen ein, was Benjamin über den Flaneur des 19. Jahrhunderts geschrieben hatte. Während dieser in seinem Müßiggang und dem scheinbar interesselosen Umherstreifen einen Protest gegen den Produktivitätsfetischismus des aufsteigenden Kapitalismus darstellte17, sind Hipster und digitaler Bohemien die zeitgemäßen Ausdrücke der Produktionsverhältnisse. Bei der Digitalen Bohème als Nonkonformismus daherkommende Überaffirmation dessen, was sowieso geschieht, beim Hipster als auf immer höhere Metaebenen gesteigerte »ironische« Brechung des Verfalls von Individualität, handelt es sich in beiden Fällen um Kompensations‑ und Verdrängungsprojekte. Wer sich im Vergleich dazu einmal in den entsprechenden Stadtteilen New Yorks bewegt und vielleicht ein paar Gespräche geführt hat, der spürt den Menschen wenigstens eine Ahnung von der Schlechtigkeit eines Lebens an, das zwischen zwei »Day Jobs« und den mühevoll abgerungenen Stunden als Künstler, Musiker oder Graphiker stattfindet. Während der Hipster die Schwierigkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit, ein Individuum zu sein, offenlegt, verrät, wer das Leben in diesen Verhältnisse mit der Rede von der Bohème schmückt, die Idee eines guten Lebens, die früher einmal mit den Antagonisten der Bourgeoisie verbunden war.

Anmerkungen

  1. www.stylishkidsinriot.com()
  2. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,782552,00.html()
  3. http://www.spiesser.de/artikel/brief-den-berliner-szene-hipster()
  4. Vgl. Greif et al. (Hrsg.), What was the Hipster, New York 2010()
  5. http://www.spreeblick.com/2010/03/08/der-berliner-szenemensch/()
  6. http://uk.gawker.com/5781582/someone-is-setting-hipster-traps-in-new-york()
  7. http://verbandkritischerhipster.wordpress.com/der-vkh-stellt-sich-vor/()
  8. http://www.kultmucke.de/hipsterolympiade/()
  9. http://www.taz.de/1/nord/kultur/artikel/?ressort=ku&dig=2011%2F02%2F08%2Fa0122&cHash=cdb4a3a57d/()
  10. http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/493964()
  11. Gerade als diesen kritischen Konsumente möchte Aram Lintzel den Hipster auch prompt retten.()
  12. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt a.M: 1987, 279()
  13. Walter Benjamin, Das Passagenwerk, Frankfurt a.M. 1998, 537f.()
  14. Sascha Lobo/Holm Friebe, Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème ider Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, München 2009, 41.()
  15. Ebd., 31.()
  16. Ebd., 33.()
  17. Benjamin, Das Passagenwerk, 538.()
10 Kommentare zu diesem BeitragAuch was zu sagen?
  1. Normalerweise verfolge ich nicht diesen Blog. Ich finde den Artikel aber überraschend gut. Vor allem der Rekurs auf Bourdieu und die Ökonomie des Hipsters finde ich gelungen und notwendig.

    Beim Hipster kommt im Grunde die Distinktion – die ja ein gesellschaftlich Allgemeines ist – als Besonderes zu sich selbst: die Distinktion wird keiner anderen gesellschaftlichen Klasse wie der des Hipsters wesentlich. Die Hipster-Disses sind ebensosehr als Distinktion aufzufassen, meist von unteren Klassen wie denen der Kleinbürger – vor allem aber gibt es auch einen Gegensatz von Stadt und Land: Die in die Stadt zugezogenen werden entweder emphatisch zu Hipstern, oder lernen sie hassen. Das zeigt auch, dass Hipster ein urbanes Phänomen ist.

    Dass der Autor dem Hipster solche akribische Aufmerksamkeit schenkt und um solch ein differenziertes Urteil bemüht ist, das zeugt von guter Urteilskraft. Aber ich würde dem Hipster nicht solche Aufmerksamkeit zuteilen, sondern in allgemeinere Betrachtungen höchstens einbetten. Also keine »Politische Ökonomie des Hipsters« (was das auch immer sein soll…), sondern Soziologie oder Gesellschaftskritik – wenn man so will. Und da wären wir wieder bei Bourdieu.

    An einer Stelle bei den feinen Unterschieden erwähnt er die »Vermassung des intellektuellen Habitus« – das ist für mich gerade das Wesentliche beim Hipster. Schon in seiner Zeit sieht Bourdieu, dass die steigende Bildung bei der Bevölkerung für eine Inflation der Bildungstitel sorgt und immer mehr Menschen studieren können usw. Was früher eine elitäre Veranstaltung war – das Studium – ist jetzt ein allgemeiner Brei. Und das sage ich gerade nicht in elitistischer Absicht. Das zeigt nämlich, dass die Prätentiösität, die beim Hipster ihm aus jedem Kleidungsstück scheint, gerade in der Anlehnung an einen intellektuellen Lebensstils herrührt, der im Grunde kitschige Vorstellungen von »dem Intellektuellen an sich« bildet und ihm nacheifert – jedoch bloß in der Prätention landet. Deshalb lacht man objektiv überall über den Hipster, die Hipster tun es ja selbst schon.

    Beim »Hipster« und »Intellektuellen« vollzieht sich nämlich nochmals die Dialektik von Kleinbürgertum und Bürgertum: Der Kleinbürger macht sich klein, um groß zu werden, eben ein Bürger. Dabei ahmt er den Lebensstil des Bürgers nach – jedoch in den Kategorien des Kleinbürgers, weil er eben ein Kleinbürger ist. Der Bürger aber ahnt es und macht sich über den Kleinbürger lustig, erkennt seine Prätention – auch weil seine Kategorien eben bürgerliche sind und nicht kleinbürgerliche. Auf dieser Mitte/Vermittlung findet die objektive Distinktion zwischen beiden Extremen statt.

    Das zeigt für mich abermals: Das Phänomen des Hipsters ist nicht genuin ins 21. Jahrhundert zu verfrachten, sondern ist eben von der kapitalistischen Gesellschaft induziert. Ich würde die große Erzählung der Postmoderne nicht so schnell schlucken… Es geht um die Transformation der Intellektuellenklasse, die eine Inflation erfährt und sich deshalb über einen breiten sozialen Raum zerstreut. Auf diesem Boden finden die Aneignungskämpfe statt – die über kulturelles Kapital entschieden werden. Kultur aber beim Hipster scheint mir ein einziges gigantisches Akzidenz zu sein, es ist müßig darüber zu sprechen…

    Danke jedenfalls für den Artikel.

  2. Wiederwärtiger text irgendwie, aber es geht wohl nicht anders. Der ganze merkwürdige Kult und um den »Hipster« muss mal auf den Tisch und durchexerziert werden. Ich persönlich bezeichne mich übrigens bereits seit Jahren als Hipster, korrekterweise. Wenn das jetzt auch noch in cool werden sollte, muss ich leider damit aufhören. Hm.

  3. Erst mal Respekt für diese intensive Untersuchung eines Phänomens. Aber ein paar Einwände:

    Dem Vergleich Hipster – Flaneur kann ich wenig abgewinnen. Der Hipster versucht sich selbst zur Schau zu stellen, aufzufallen. Den Flaneur stelle ich mir eher unauffällig vor. So unauffällig, dass er in urbaner Landschaft nicht aus dem Rahmen fällt – nicht aufreizend mondän, aber auch nicht provinziell. Der Hipster versucht aus dem Rahmen zu fallen, natürlich nicht Richtung Provinz. Der Hipster möchte aus sich raus, etwas aus sich machen, und betreibt die dafür notwendige Nabenschau. Der Flauneur beobachtet seine Umgebung. Der Hipster ist voller Ungeduld, der Flaneur eher ein Spaziergänger. Den Vergleich Dandy-Hipster finde ich schon vielversprechender. Aber der Dandy ist hintergründiger, vereinzelter; der Hipster repräsentiert Trends, wenn auch als erster.

    Mir fehlt in dem Text übrigens die Perspektive des Punks auf den Hipster, des Prinzips No-Future auf das Prinzip hip sein. Durch diese ließe sich eine Form dessen, was der Text hinlänglich in Frage stellt, vielleicht doch noch rechtfertigen: Hass gegen den Hipster.

  4. Das ist übrigens ein richtig, richtig guter Text. Ehrlich frage ich mich, warum auf demselben Blog so ein Quatsch wie dieses Wigger-Bashing wegen Burzum erscheint. Das Blog scheint ja durchaus Anspruch zu haben.

  5. Zunächst muss ich vorausschicken, daß es mir schwerfällt, das Wort »Hipster« ungezwungen zu gebrauchen, schließlich hat es den Anschein, daß diese einem Urteil gleichkommende Bezeichnung im selben Augenblick auch über einen selbst gefällt wird. Dies mag in meinem Falle gerechtfertigt sein oder nicht; eine Kritik gleich welcher Art erleichtert dieser Umstand allerdings nicht.

    Den Hipster als Abkömmling einer postmodernen Bohème zu betrachten, scheint zunächst eine naheliegende Erklärung zu sein. Allerdings komme ich zu dem Schluß, daß es sich bei dem Hipster viel mehr um den fleischgewordnen, eklektischen Habitus handelt, der auch einst der Postmoderne anhaftete und diese freilich maßgeblich konstituierte. Ihn im Jahre 2011 deswegen dieser Kulturepoche angehörig zu erklären, scheint mir zu ungenau getroffen. Die Postmoderne liegt – glücklicherweise! – längst hinter uns, deshalb muss die Frage erlaubt sein, wie das eklektische Gebaren sonst zu erklären sei.

    Ich denke, die Antwort liegt im grenzenlosen Individualliberalismus der Neunziger Jahre. In einer Gesellschaft, die die freie Entfaltung des Einzelnen predigt, darf es nicht verwundern, daß so manch einer sich lieber im Inventar der Kulturgeschichte bedient, statt wie alle anderen nach neuen Ideen zu suchen. Wenn der Hipster sich also an den Achtzigern orientiert, dann vermutlich nur, weil sein eklektischer Geschmack darin eine Zeit sieht, in der die breite Gesellschaft seine eigene Maxime lebte (in deren Nachfolge er sich nun auf einmal ganz allein erkennt). In einer solchen Gesellschaft kann der Hipster also nicht wie ein unverbesserlicher Postmoderner auftreten, er wird in der Perspektive des Individualisten gesehen: ein Sektierer, der das Geschenk des Liberalismus nicht zu würdigen weiß. Dies wird auch durch den Geschmack des Hipsters bestätigt: da findet sich kein Fünkchen Postmoderne (denn selbst die hatte einen unverwechselbaren Stil).

    Das ist jedoch nur die Situation des alten Jahrtausends. Man muß staunend fragen, wie das Hipstertum auch zehn Jahre nach den Anschlägen vom elften September noch überleben konnte, geschweige denn sich einer derart wachsenden Beliebtheit gegenübersieht. Die westlichen Gesellschaften (– die anderen aber auch –) waren einem kulturellen Zerwürfnis erlegen, dessen erstes Opfer die repräsentative Kraft der Bilder, der Filme, der Kunst – kurz: weiter Teile der Gegenwartskultur – war. Der zweite Streich galt notwendigerweise der Ironie. Seitdem hat sie in der (Hoch‑)Kultur keinen Stellenwert mehr. Daher stellt sich die Frage: Wie kann sich das Hipstertum auf Ironie begründen? Ist es, präziser, die Ironie der Ironie? (Oder sollte es besser nicht als Hochkultur bezeichnet werden? Soviel scheint gewiß.) Diese Behauptung erschließt sich mir leider auch nach der Lektüre dieses Pamphlets nicht.

  6. Ich hoffe, ich schaffe es dieser Tage noch, auf die Anmerkungen und Kritiken zu dem Text zu antworten. Sehr witzig fand ich aber zunächst, dass mein Text den Macher des SKIR Blogs erreicht hat, der sich beschwert, warum ich sein digitales Alter Ego kritisiere, obwohl ich ihn nicht kenne. Darauf nur soviel: Selbst wenn das, was »Sir Dorian« dort über sich angibt nichts mit der »realen« Person dahinter zu tun hat (was ich nicht glaube), wäre eben genau zu fragen, warum er sich dieses Alter Ego mit eben diesen Vorlieben zulegt und kein anderes. Zu finden hier: http://www.stylishkidsinriot.com/2011/09/wir-sollten-uber-virtuelle-rollenspiele-reden-daisy/

    Gelesen habe ich das Gespräch mit Daisy noch nicht.

  7. @Robert

    Spät aber doch, bzgl deiner Frage: Das Alter Ego hab ich mir vor 10 Jahre zugelegt. Damals war das DJ Dorian Gray. Hab in österreichischen Indie Clubs unter dem Namen aufgelegt. Aus DJ Dorian Gray wurde dann irgendwann nur mehr SirDorian was ich dann 2007 bei der SKIR Gründung einfach übernommen habe. Oscar Wildes Buch hab ich damals gelesen und fand es einfach grandios. Oscar Wilde Fan bin ich nach wie vor.

    In unserem Gespräch hat Daisy von Horstson gemeint das es nicht möglich ist sich im Netz zu verstellen. Ich bin der Meinung das es möglich ist. Da ich genügend Menschen kennengelernt habe, die persönlich dann anders waren.

  8. ad HIPSTER noch:
    viel mehr als ein marketing begriff war HIPSTER in der heutigen zeit auch nie. es gibt massig szenen da draussen, die firmen wollten einfach das ganze einen namen geben und die medien haben das einfach übernommen bis der nächste begriff auftaucht.

  9. Deine Art zu schreiben äshthetisiert das Phänomen, was du kritisierst. Ich weiß, Leuten, die sich so gut mit Politik und Philosophie auskennen, ist dieses affirmative moment des eigenen stils (seiten-layout, themen, musik, selbst das schwache gerede vom ,Fetisch-Charakter der Ware und sein Geheimnis’ passt in dieses links-alternative Klishee).
    Man muss nur an manchen Stellen aufpassen, dass das stilistische Gerüst nicht in sich zusammenstürzt. und dies geschieht bei dem klassischen akademischen Bluff sehr leicht: Z.B. Der Begriff Phänomenologie taucht in diesem Text als eine solche Sollbruchstelle auf. Vollkommen deplatziert entmystifiziert er so den doch so schönen Schein des analytischen.
    Reine Mode!

  10. Yea I like the song–the clips in the video are really gob&1#821d;Rooert looks super sexy!! I’m with you Nicole, I almost cried when I saw the breakup scene again. I know I will be bawling at the movie, you just feel Bella’s pain!! Kristen does a really good job too.

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