Von Chris
In Erinnerung an Eike Geisel.
»Dass die Deutschen mit der nämlichen Betriebsamkeit, die sie einst beim Vernichten und dann beim Vergasen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machten, diesem Umstand haftet etwas Groteskes an. […] Gerade die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhass und parteiübergreifendem Patriotismus, wohingegen wahrhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzig darin bestünde, den notorischen Zusammenhang zu kündigen.«
Eike Geisel
Eike Geisel, Kritiker, Polemiker, Essayist, Historiker und einer der ersten Antideutschen im weitesten Sinne verstarb im Alter von 52 Jahren viel zu früh, hätte er doch angesichts der momentanen internationalen völkisch-antisemitischen Mobilmachung gegen Juden und Israel und der ungeheueren Entsorgung der deutschen Geschichte von links bis rechts so viel zu sagen gehabt, wie kaum ein anderer. Keine Kritik im konstruktiven Sinne übte Geisel in seinen Essays, die damals in KONKRET, der zu dieser Zeit noch wenigstens pluralistisch statt antisemitisch eingestellten jungen Welt, der Wochenzeitung, taz, Ha´aretz oder der ZEIT erschienen, sondern eine, wie sie Marx einst treffend eine vernichtende nannte. Eike Geisel traf die Deutschen und ihre Erinnerung – v.a. während des nationalen Taumels und dessen rassistischer Pogrome kurz nach der Wiedervereinigung – genau da, wo man sie am besten treffen konnte: in ihrer grundsätzlichen Güte und ihrem nahezu guten Willen, das deutsche Menschheitsverbrechen anhand einiger Ekelerregender Kompensationskompetenzen in eine deutsche Tragödie abzuwandeln, die nicht nur Juden als Opfer, sondern eben und vor allem auch Deutsche kennt. Geschärft an der Kritischen Theorie verstand er es, den Deutschen mit essayistischen Bonmots ins Gesicht zu spucken und der Lichterketten-Volksgemeinschaft eine gehörige Portion Backpfeifen zu verpassen.
Eike Geisel war ein Kind der 68er-Bewegung, das schon immer anders war, als seine Genossinnen und Genossen, die mittlerweile das tun, was Hannah Arendt einmal in anderem Zusammenhang als Wechselspiel zwischen »Mob und Elite« bezeichnete und wofür er die Alt-Linken schon damals unnachgiebig kritisierte. Als er einmal nach einem längeren Israel-Aufenthalt zu seinen ehemaligen Genossen der APO zurück kam, war ihm die zu dieser Zeit bis in alle Winkel vorherrschende Palästina-Solidarität unverständlich, schließlich begriff er als Linksradikaler Israel als das was es nun einmal war: die logische Konsequenz aus Auschwitz. Und nicht einmal 25 Jahre nach dem deutschen Zivilisationsbruch hatte ein Häufchen Linker, deren Eltern und Großeltern maßgeblich und in erster Linie TäterInnen waren, nichts Besseres zu tun, als dem Staat der Shoah‑Überlebenden das Existenzrecht abzusprechen und in den verschiedenen palästinensischen völkisch-klerikalen Banden, das neue revolutionäre Subjekt zu sehen.
Auch der später folgende Versöhnungskitsch zwischen Deutschen und Juden ließ ihm keine Ruhe. Als »nationale Kuschelecke« bezeichnete er das Holocaust-Mahnmal in Berlin, das neueste Projekt der heuchelnden »Vernichtungsgewinnler«, das schon zu seinen Lebzeiten eher den Anstrich einer nationalen Selbstbeweihräucherungsstätte hatte, als ein angemessener Ort, um den jüdischen Opfern des deutschen Vernichtungsdrangs zu gedenken.
Seine Störmannöver machten vor keinem Halt. Weder vor der Linken und noch weniger vor der Doppelmoral einer Gesellschaft, die sich auch zu seiner Zeit im »Otto Normalvergaser« manifestierte, dem anständigen deutschen Bürger, der glaubt, dass »Auschwitz gewissermaßen ein – vielleicht etwas überzogener – Akt putativer Selbstverteidigung gewesen war« und sich darüber hinaus »nie als Bürger dieser Welt, sondern immer als Verdammte dieser Erde gesehen« hat.
Aus erklärter Feindschaft gegen Staat und Kollektiv bereitete er so manchem unbequeme Gedanken. Wider die Verdummung und Heuchelei anzukämpfen, das setzte er sich als Aufgabe. Eike Geisel war nicht, wie seine ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus den Zeiten der 68er, zum Marsch durch die Institutionen angetreten, um nachher in selbstdarstellerischer Manier einen gut bezahlten Regierungsposten inne zu haben. Er wollte nicht einsehen, solch einen Weg einzuschlagen, der Verbitterung und allmählichen Verzicht auf Kritik am Bestehenden zur Folge hätte.
Wie vielen Kritikerinnen und Kritikern seines Schlages war es ihm jedoch nicht mehr vergönnt, die so bitter notwendige Emanzipation von den Verhältnissen mitzuerleben. Eike Geisel verstarb am 06. August 1997. Seine unermüdliche Kritik zu bewahren und nicht in der Mottenkiste verstauben zu lassen bleibt unumstößlich für alle, die die momentane Konstituierung dieser Gesellschaft nicht hinnehmen wollen und das Fünkchen Hoffnung auf Veränderung noch nicht aufgegeben haben.
Die Bücher Eike Geisels können bei der Edition Tiamat bestellt werden. Eine ausdrückliche Empfehlung sei hiermit ausgesprochen.
XHTML: Du kannst die folgenden Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Keine Kommentare
Zum Kommentar - Formular | Kommentare als RSS-Feed [?] | trackback url [?]