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Sodom und Logorrhoe

Eva Herman besucht die Loveparade

Sie dürfte die Bilder von der Loveparade am vergangenen Samstag im Fernsehen gesehen haben. Vielleicht im ARD-Brennpunkt direkt nach der Tagesschau, die sie vor einer Weile noch moderieren durfte. Eine Massenpanik auf dem Duisburger Festivalgelände kostete 19 PartybesucherInnen das Leben. Über 500 wurden zum Teil schwer verletzt. Eva Herman ist erschüttert und greift daraufhin in die Tasten. Sie veröffentlicht auf der Website des neurechten Kopp-Verlages einen durchgezimmerten Artikel, der weder versucht das Unglück journalistisch zu rekonstruieren, noch moralbesoffen die Opfer in der Blüte ihres Lebens zu beklagen. Die Mutterkreuzträgerin bringt es nur zu einer Anklageschrift gegen die verrottete Institution Loveparade, die »in Wahrheit eine riesige Drogen‑, Alkohol‑ und Sexorgie« sei.

Damit ist Herman in ihrem Element. Sie lädt durch und entsichert. »Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance. Das ohrenbetäubende, stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat, zerschmettert ihnen über zahllose Stunden Trommelfelle und Nervenkostüme.« Auf dem grünen Hügel in Bayreuth wäre ihnen das nicht passiert! Doch geht es der Autorin nicht allein um die gesundheitlichen Folgen von Soundsystemen oder die Betonung musiktheoretischer Differenzen. Der Dummdusel der Stampfmusik klopft aus den Menschen ihrer Ansicht nach nur das Schlechteste heraus. Darin ist sich die ehemalige TV-Sprecherin mit ihrem ideologischen Zellennachbarn Jürgen Elsässer einig, der auch nicht kommentarlos an sich halten kann. Auf seinem Blog formuliert er ein schmissiges »Keine Macht den Drogen!« und zürnt zuvor über »partywütige Eskapisten«, die »in einem letzten Ausbruchsversuch über Ihresgleichen hinweg« trampeln. Es entladen sich »blutige Gewitter«, die Eva Herman für die Loveparade auch ohne Unglücke auf dem Wetterradar ausmacht. »Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung.«

Kurzum: die Leute haben ihren Spaß und klinken sich für ein paar Stunden aus Lehrstelle, Job, Beziehungsproblemen und Familienstress aus. So armseelig die dort zeitweilig eingelösten Glückskonzepte auch sein mögen – dass zwischenmenschlicher Kontakt hier nicht der Familienplanung dient und die BürgerInnen der Ravenation auch mit Wodka, MDMA und Bassline auf ihre Kosten kommen wollen, kann man ihnen nicht verübeln. Jedenfalls kein schlechtes Wort gegen etwas, das Frau Herman missbiligt. »Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt.« Diesen Abgrund der Zivilisation, den Höllenschlund von Verderbung und Sittenverfall muss jemand geöffnet haben. Die Großväter, die noch auf Ketten in Urlaub gefahren sind und deren Lager noch nicht Centerparks hießen, werden es nicht gewesen sein. »Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!« Sie haben die Libertinage in die westlichen Gesellschaften gepflanzt und den Muff von 1000 Jahren durchs geöffnete Fenster hinaus gelassen. Reproduktionsfreier Sex, offene Homosexualität, Feminismus, Atheismus und Individualismus werden heute weitgehend toleriert bis akzeptiert. So funktionieren moderne, offene Gesellschaften nunmal, die immer noch scheiße sind, aber nicht, weil sie den Adenauer-Lifestyle mit der bedrückenden Enge der Kleinfamilie aufgelöst haben. Welche Gesellschaft Eva Herman vorschwebt, kann man in Giesela Elsners Roman »Berührungsverbot« lesen oder anhand der aktuellen Verhältnisse in Ungarn und Polen studieren. Mit der Mischung aus Katholizismus, Antisemitismus und Homophobie lässt sich auch wirklich prima leben. Im Wort zum Sonntag von Eva Herman klingt das dann so: »Ich habe nämlich einen Traum: Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind.«

Dieser gegenseitige Respekt hat aber natürlich seine Grenzen. Wer nicht diesem angegammelnten Ideal genügt, das noch hinter den bürgerlich-aufgeklärten Anspruch zurückfällt; wer partout nicht in einer cleanen Gemeinschaft glücklich sein will, den billigt vielleicht die ehemalige Nachrichtensprecherin, nicht aber ihr Gott. »Mir persönlich hilft dabei die Überzeugung von der Anwesenheit unseres Schöpfers, in dessen Gesetzen und Geboten wir nun einmal leben.« Bei einem Regelverstoß wie bei der sittenlosen Loveparade winkt dann schon mal die volle, menschenfreundliche Sanktions-Packung des Führers im Himmel. Ihr Gott hat nach dem alten Testament in ähnlich gelagerten Fällen wie in Duisburg nicht lange gefackelt. »Als die Sonne über dem Land aufgegangen (…) war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs. (…) Er schaute gegen Sodom und Gomorra und auf das ganze Gebiet im Umkreis und sah: Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen.« (Moses 19, 23–28.)

Nur folgerichtig, dass man nach dem Loveparade-Unfall eins und eins zusammen zählt. »Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!«, findet Eva Herman. Wenn sich ihr lieber Gott zur Brandrodung von Tanzmäusen herablässt und konservative Erleichterung verbreitet, ist er vielleicht auch für einen bescheideneren und vernichtungsfreien Wunsch zugänglich. Gütiger und gnädiger Gott von Eva Herman, mach dass sie die Schnauze hält. Amen.

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