Am 22.11.2011 starb der Kabarettist, Liedermacher und Schriftsteller Georg Kreisler in Salzburg im Alter von 89 Jahren. Ein Nachruf.
»Wenn der Tod kommt, erschreckt er mich nicht.«
(Georg Kreisler)
Der Tod ist der Triumph des Leibes über den Geist. Diese Erkenntnis fällt angesichts des körperlichen Zerfalls durch Alter oder Krankheit nicht sonderlich schwer. Dass der Tod damit aber auch über den Geist triumphieren wird, ist diesem unbegreiflich, weil der Geist sich nur als etwas denken kann, das existiert. Es ist der Geist, so Christoph Türcke, »der den menschlichen Lebensprozess über den bloßen Stoffwechsel hinaushebt und sich dagegen sträubt, dass Vegetieren und Verenden schon alles gewesen sein soll«. Darum liegt es in der Natur der Menschheit, sich auf das Leben konzentrieren zu wollen, den Geist als »Unvergängliches im Vergänglichen« zu beschwören.
Auf das Leben konzentrierte sich auch der Kaberettist, Liedermacher und Schriftsteller Georg Kreisler und zwar ebenso geistreich, wie er gegen dieses Leben opponierte. Im Bewusstsein vom alltäglichen Grauen sind Kreislers Chansons, Gedichte und Prosastücke Wider‑ und Einsprüche gegen die Tragik und die Ungerechtigkeit der Gegenwart.
1938 als Jude aus Wien vertrieben, wurde der junge Kreisler mit seinen Eltern in Hollywood/Los Angeles aufgenommen. Vom Komponisten Arnold Schönberg protegiert und später mit der Tochter von Friedrich Hollaender verheiratet, arbeitete er unter anderem mit Charlie Chaplin und Hanns Eisler zusammen. In den USA entdeckte und entwickelte Kreisler in den Bars und Amüsierbetrieben der Stadt auch sein Talent als Entertainer alter Schule.
Seine Lieder versprühten trotz aller Komik immer auch eine gewisse Trauer und Melancholie, wie sie Charlie Chaplin auf der Leinwand verkörperte – und in der sowohl die Verstaubtheit und Enge der Zeit, als auch der Gedanke an ein besseres Leben kondensiert waren. Dabei gefiel sich Kreisler nicht in der, für den deutschen Sprachraum so typischen Innerlichkeit. Statt dessen wählte er als ästhetischen Ausdruck den schwarzen Humor – als Negation, auch des eigenen Metiers. Dem Schlager hat Kreisler, so schrieb Magnus Klaue treffend zu dessen 80. Geburtstag, »die unschuldige Fassade genommen und hinter seiner verbissenen Lebensfreude die alltägliche Brutalität enthüllt.« Die vordergründige gute Laune seiner Chansons wurde durch die bitterbösen Texte konterkariert – und so hielt er den verkümmerten Gestalten dieser maroden und oftmals marodierenden Gesellschaft den Spiegel vor die Nase. Das machte die Radikalität seiner Werke aus: Kreislers Komik war immer etwas, worüber man nicht nur lachen konnte. Das Lachen blieb einem oft genug im Halse stecken.
Und doch hat Lachen und Lachenkönnen bei Kreisler auch immer etwas Befreiendes – nicht zuletzt von der Verkniffenheit der Linken. Kreislers Ironie und Scharfsinn machten ihn zu einem politischen Künstler, der sich nie vereinnahmen ließ und dennoch an einem universellen Wahrheitsgehalt festhielt; ein Wahrheitsgehalt, der sich vor allem aus einer starken Selbstidentität und persönlichen Integrität zu speisen schien. Er war »anders als die anderen« – anders, als der nur acht Tage vor ihm verstorbene Franz Josef Degenhardt oder anders als Hannes Wader, die während der Studentenrevolte viel klarer und dogmatischer Position für die Forderungen und Belange der Studenten bezogen und sich damit als popkulturelle Fixsterne der damals im Entstehen begriffenen Neuen Linken etablierten.
Trotz der von ihm betonten Sympathie für kommunistische Ideen und Utopien bewahrte sich Kreisler immer eine integre Distanz, weil »viele Dinge daran«, wie er es in einem Interview formulierte »wirklich abschreckend« für ihn waren; weil der Dogmatismus und die vermeintliche Ernsthaftigkeit der Linken seiner Auffassung widersprach, dass man »wenn man politische Lieder bringt, so und so zu sein hat. Ich kann als Kabarettist, als Bürger und Privatmann ohne weiteres politisch diskutieren und hier und da einen Witz machen – und man kann auch hier und da über Dinge lachen.«
Georg Kreisler wurde vom oft genug groben Kulturbetrieb und der meist nicht weniger groben Restöffentlichkeit trotz seines Erfolgs immer als Außenseiter und Spinner wahrgenommen. Sein österreichisches Publikum meinte selbst bei Liedern wie »Wien ohne Wiener«, Kreisler hätte stets die anderen und aber nie sie selbst gemeint. Theater‑ und Fernsehintendanten zeigten sich empört, dass Kreislers Programme regelmäßig abgelehnt wurden, nur um sie dann selbst zurück zu weisen. Dass nun sogar die Tagesschau eine Meldung zu seinem Tod brachte, hätte er wahrscheinlich mit Charme und Witz kommentiert: »Man stieß mein Hintertürchen auf und sang ’Hurra’ – in Moll. Ich ließ den Lügen ihren Lauf und fand es einfach toll.«



