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Marxismus, Kunst & Gesellschaft

Von Roger Behrens

Dem nachfolgenden Text liegt ein zugrunde, den der Autor am 28. Februar 2008 im Hamburger gehalten hat. Wiedergegeben wird hier der Teil über die – für Fragen der wichtigen – gesellschaftstheoretischen Grundlagen des respektive der kritischen Theorie. Da die – zugegeben: eigentlich für das Vorhaben entscheidenden – Abschnitte über gegenwärtig nur in Stichworten vorliegen, wird auf sie zunächst verzichtet; geplant ist, sie nach und nach zu ergänzen. Zu beachten ist, dass es sich bei den Ausführungen insgesamt um eine Einführung handelt, die sich an ein Publikum richtet, das mit einer vertiefenden -Debatte kaum vertraut ist.

Der als Gespenst

»Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. So haben es die
Lauen auch mit gehalten, tun gern dumm, auch heute noch.«

Bloch, », aufrechter Gang, konkrete Utopie«1

Man muss kein Marxist sein, um anzuerkennen, dass wohl niemand das zwanzigste Jahrhundert so sehr, so nachhaltig so ambivalent beeinflusst hat wie Karl . Mit seinem Namen wird nicht nur der reale Sozialismus in seinen unterschiedlichen historischen Manifestationen identifiziert, sondern ebenso und allgemein der Kommunismus, die Utopie der freien und befreiten überhaupt. und die von ihm entwickelte Theorie wird weitgehend als synonym mit gesetzt, auch wenn selber gegen einen Personenkult, der sich in Frankreich um seinen Schwiegersohn Paul Lafargue zur Mode formierte, gesagt haben soll: »Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.«2 – Dennoch bezeichnet im engeren Sinne die von Karl (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) im neunzehnten Jahrhundert entwickelte Gesellschaftstheorie, namentlich das, was von den beiden in der Auseinandersetzung mit der Industrialisierung und der sich im Zuge dessen etablierenden bürgerlich-kapitalistischen als Kritik der politischen Ökonomie dargelegt wurde.

In der an Partei und Staat gebundenen Arbeiterbewegung des ausgehenden neunzehnten und vor allem zwanzigsten Jahrhundert hat sich der allerdings von einer Wissenschaft zur Weltanschauung verselbstständigt und fungiert als bloßes Etikett für einen Katechismus fixer Ideen und Dogmen: hier paart sich der mit anderen Ismen, vor allem den Leninismus (-Leninismus), schließlich auch Trotzkismus, Stalinismus, Maoismus und so weiter.

Grundsätzlich abzugrenzen davon ist ein – auch wenn es partielle Überschneidungen mit Lenin, Leo Trotzki oder Mao Tse-tung gegeben hat und gibt – , den Georg Lukács 1923 – und das mag irritierend klingen – als »orthodoxen« gegen die in den Parteistatuten erstarrte Marxsche Theorie verteidigt hat. Zur Erläuterung: das griechische Wort »orthodox« bedeutet richtige Lehre oder korrektes Denken (eigentlich Meinung; die Worteile sind sicherlich geläufig, etwa durch Orthografie – Rechtschreibung). Lukács forderte eine Rückbesinnung auf die Theorie von selber, um so wieder Bewegung in die marxistische Diskussion zu bringen. Diese Rückbesinnung zielte vor allem auf eine stärkere Betonung der philosophischen Grundlagen der Marxschen Theorie, insbesondere Hegels Philosophie einer systematisch-dialektischen Logik. Mit Lukács und Karl Korsch entwickelte sich in den zwanziger Jahren ein , der auf eben dieses Wort alsbald verzichten konnte, oder sich selbst in Abgrenzung vom Parteimarxismus als Neomarxismus begriff: eine der , die im Sinne einer kritischen Selbstreflexion den beständigen Versuch unternahm, die drei Grundkonzeptionen marxistischer Theorie zu prüfen und zu aktualisieren: Diese Grundkonzeptionen sind a) die Dialektik, b) die in der Dialektik begründete Geschichtsauffassung, und c) der von diesem Geschichtskonzept ausgehende Materialismus – also der dialektisch-historische Materialismus, der eben in den parteimarxistischen Varianten zum HISTO-DIAMAT erstarrt war. – Dieser, philosophisch wie gesagt an Hegel orientierte verdrängte allerdings auch Varianten wie den Austromarxismus – hier sind Otto Bauer oder Max Adler zu nennen – oder den so genannten ethischen Sozialismus – hier kann auf Kurt Eisner verwiesen werden –, Ansätze, in denen die Philosophie Immanuel Kants eine größere Bedeutung zukam. – Im Sinne eines pluralen haben Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci oder Jean-Paul Sartre eigene Interpretationslinien der Marxschen Theorie entwickelt. Schließlich hat sich – nicht zuletzt durch den Zusammenbruch des Realsozialismus und damit auch durch das faktische Bedeutungsloswerden des Parteimarxismus bedingt – ein postmoderner oder Postmarxismus formiert; in ihm spiegelt sich kritisch insbesondere der Einfluss der neueren, vom (Post‑)Strukturalismus ausgehenden Philosophie.

Diese Strömungen können mit dem Sammelbegriff zwar nicht adäquat beschrieben, so doch aber wenigstens verortet werden: als im weitesten Sinne der . – Das ist mir im Übrigen im Umkehrschluss wichtig zu betonen: eine , die nicht von und Engels ausgeht, ist keine und ebenso Begriffsschwindel wie ohne kritisch-theoretischen Grundimpuls.

Nun ist nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt; immerhin hat er seinen Einfluss auf das bürgerliche Zeitalter nicht dadurch gewonnen, dass er die bestehende gesellschaftliche Ordnung verbessern wollte und auch nicht verteidigt hat; ihm ging es vielmehr um die fundamentale Veränderung der herrschenden Verhältnisse, um die Abschaffung des Kapitalismus, mit einem anderen Wort: um Revolution. Damit macht man sich die bestehende nicht zum Freund, zumal wenn dem noch die Erkenntnis hinzutritt, dass diese sich selbst verändert, abschafft und revolutioniert. Dass dieser Theorie dann im zwanzigsten Jahrhundert das menschheitsgeschichtlich einzigartige »experimentum mundi« einer wirklichen Umwälzung folgte, der Versuch einer kommunistischen Weltgesellschaft, provozierte einmal mehr die Affronts gegen und – auch wenn alle realsozialistischen Unternehmungen, von der Sowjetunion bis Cuba, aus marxistischer Sicht als gescheitert gelten müssen. Jedenfalls ist es nicht verwunderlich, dass mit dem Wort nicht nur positive, affirmative Zuschreibungen verbunden sind, sondern eine Reihe von Ressentiments, bloßen Meinungen und dummen Vorurteilen. Ja, es gibt wohl keinen Autor, über den soviel Unfug verbreitet, soviel Quatsch geschrieben wurde und soviel Nonsens sich als Allgemeinwissen durchgesetzt hat. Noch immer wird als Autor nicht sonderlich ernst genommen; ebenso wenig ist vom bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb anerkannt. Es scheint einen akademischen Freibrief zu geben, über und allen möglichen Unsinn verbreiten zu können, ohne dass damit der Ruf gefährdet wäre; das sind mitunter solche groben Schnitzer, die bezogen auf andere Themen Karriere schädigend wären und Konsequenzen für die Forschung und Lehre haben können. Um es polemisch zu sagen: heute kann eine mit Marxschen Theorieflickwerk verkleidete Dummheit durchaus zur soliden Grundlage einer akademischen Laufbahn werden. Nach wie vor scheint es so zu sein, wie Ernst Bloch vor vierzig Jahren, 1968, befand, dass »ein Wissen von , oder sage man nur eine Neugier darauf, immer noch bezeichnend gering oder flach oder dressiert schief«3 ist.

Nach wie vor, ja seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus erst recht, ist das allgemeine Bild des von Überzeugungen geleitet, die einfach falsch sind, sich aber hartnäckig halten: sei der Erfinder des Kommunismus gewesen und Kommunismus sei die Diktatur des Proletariats, die Diktatur des Proletariats wiederum die Herrschaft des Zentralkomitees und die DDR habe schließlich bewiesen, dass nicht funktioniere. Eine andere Version ist die nachgerade absurde Vorstellung, hätte die Ansicht vertreten, dass alle Menschen gleich im Sinne von uniform und dementsprechend zu behandeln seien. hätte damit zwar, wie dann gerne pseudohumanistisch eingeräumt wird, eine »gute Idee« gehabt, die aber – was abermals der Realsozialismus gezeigt haben soll – nicht zu verwirklichen sei, weil, so der dann übliche Zusatz des Bescheidwissens, der Mensch nun einmal egoistisch wäre.

Gleichzeitig, und das gehört mit den Verirrungen und Verwirrungen, die sich über das Themenfeld und als ideologischer Schatten verbreitet haben, kursieren die landläufigen Meinungen über und Engels mit einem gewissen, wenn man das so sagen darf, »fröhlichen Positivismus«: ist beliebt, und scheint umso beliebter, je missbilligender der von ihm abgeschüttelt wird (in den inszenierten Auseinandersetzungen um »’68« gibt es das noch mit raffinierten Sperenzchen). So hat man es bisweilen mit den typischen Paradoxien des gegenwärtigen Bewusstseins zu tun, wenn in einer , die ihren kritisch-revolutionären Impuls vollständig verloren und jede kommunistische Utopie verworfen hat, zur selben Zeit etwa ein »-Lesebuch« erscheint, welches als »Sachbuch des Monats« (Selbstanzeige, Februar 2008) reüssiert. Im Übirgen wird auch mit Büchern wie » für Manager« (Eichborn 2002, von Robert Misik) ein heute gängiges Format bedient. Der Untertitel »Was Kapitalisten über ’Das Kapital’ wissen sollten« pariert die verbreitete Meinung, die einzigen, die von etwas gelernt haben oder lernen können, seien die Unternehmer.

* * *

Sie kennen vielleicht die berühmte Formulierung, mit der Karl und Friedrich Engels das »Kommunistische Manifest« von 1848 – übrigens im Februar in London vor einhundertsechzig Jahren erschienen – eröffnen: »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.«4

Heute erscheint der als Gespenst; und wenn auch nicht mehr als unheimliches Schreckgespenst, so doch als gruselig-unterhaltsames Spektakel. selbst hat sich zum Hausgeist der kapitalistischen Ökonomie verwandelt. Und die kommunistische Revolution ist nur noch ein ungefährliches Abenteuer der Vergangenheit, ein Spuk.

Die alten Gespenster des neunzehnten Jahrhunderts sind nicht vertrieben worden, sondern allesamt wiedergekehrt. Hatte das Gespenst noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein die bürgerliche in Angst und Schrecken versetzt, so scheint es indes, als hätte man sich längst mit den alten Geistern arrangiert: Das Gespenst hat ausgerechnet im Kunstbetrieb ein politisches Asyl gefunden – anders gesagt: wenn es einen Bereich gibt, in dem , , Marxsche Theorie Konjunktur haben, dann sind es die Künste in ihren unterschiedlichen institutionalisierten Formen. So ist es möglich, auch die alten Gespenster der in harmloser Verkleidung wiederzubeleben.

Ich möchte nun nicht über ’ Gespenster sprechen, sondern den und seine Aktualität in Bezug auf das Verhältnis von und diskutieren. ist wesentlich der . ist die Domäne der Marxschen Theorie. Ganz anders ist es mit der als Thema der marxistischen Theorie: und Engels haben sich nur sehr beiläufig und fragmentarisch zur geäußert; in der Marxschen Theorie kommt ihr scheinbar zunächst kein systematischer Stellenwert zu. Gleichwohl haben sich im zwanzigsten Jahrhundert nicht nur zahlreiche marxistische Kunsttheorien etabliert, sondern , die Künste und im weitesten Sinne Kultur wurde in die marxistischen Theoriedebatten integriert, ja zum Teil sogar zum wesentlichen Focus oder Telos der kritischen Theorie.

1. , Kritik der politischen Ökonomie

»Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten
nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu
vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden,
rücksichtslos sowohl in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren
Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikte mit den
vorhandenen Mächten.«
an Ruge5

Ich komme zum Begriff der und seinen Implikationen. Wie gesagt, es ist ein schlechtes Vorurteil anzunehmen, und Engels sei es um einen programmatischen Entwurf einer kommunistischen gegangen. Aus gutem Grund heißt das 1867 im ersten Band veröffentlichte theoretische Hauptwerk von »Das Kapital« »und nicht etwa »Aufruf zum Sozialismus«6. Zweifellos ist ein Kommunist, aber der ist nicht zu verwechseln mit dem, was der flache bürgerliche Verstand sich unter Kommunismus vorstellt, weder mit einem ausgepinselten Idealreich jenseitiger Zukunft, noch mit dem farb‑ und fantasielosen Realsozialismus diesseitiger Vergangenheit.

In der ersten Gemeinschaftsarbeit von und Engels, der »Deutschen Ideologie« heißt es: »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.«7

Um diese Voraussetzungen grundlegend kritisieren zu können, muss die Theorie radikal sein – radikal von lateinisch radix bedeutet Wurzel; und fordert die Kritik auf, ad hominem zu demonstrieren, also am Menschen. Er schreibt: »Die Theorie … demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.«8 Weiter heißt es, »dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei.«9

Hieraus leitet sich für ein kategorischer Imperativ ab – verweist mit diesem Postulat eines kategorischen Imperativs auf die Moralphilosophie Immanuel Kants, die in mehreren Varianten einen kategorischen Imperativ formuliert, etwa: »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne« (KdpV. S. 36); oder: »Handle nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass die zu allgemeines Gesetz werde« –, der folgendermaßen lautet: »… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«.10

Wir sehen hier, dass der keine – wie es im Jargon der bürgerlichen Sozialwissenschaft heißt – normative Theorie ist. Das heißt, es geht nicht darum darzustellen oder Vorstellungen davon zu entwickeln, wie Menschen leben sollen. ist aber auch keine deskriptive Theorie, die einfach beschreibt, wie es ist. Vielmehr ist der eine : und zwar Kritik im Sinne des griechischen Wortursprungs = Teilen, Ur-Teilen, Zerlegen etc.

Die Marxsche Theorie kann als Versuch aufgefasst werden, die Kritik der Verhältnisse aus der Logik der Verhältnisse selbst freizulegen. Und in diesem Sinne ist der kritisch. – Wenn man das in Analogie zu dem philosophischen Programm Immanuel Kants sagen möchte – bei Kant geht es ja um die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis –, dann lässt sich für die von Karl und Friedrich Engels sagen, ihr geht es um die Bedingungen der Möglichkeit von Emanzipation.

* * *

ist also , und als solche Theorie der . Was bedeutet aber in diesem Zusammenhang ?

ist nicht etwas, was es immer schon gegeben hat. Man kann natürlich sagen, der Mensch ist seit seinen Ursprüngen in bestimmte Formen der Vergesellschaftung eingebunden: in Familien, Stämmen, Sippen etc. Aber die spezifische Gestalt, die mit dem Begriff der in der Weise gefasst wird, wie wir heute von reden, ist überhaupt erst hervorgegangen aus den Prozessen, die mit der Entfaltung der modernen , der Moderne selbst verbunden sind. in diesem Sinne bezeichnet, so , die »konkrete Totalität« menschlichen Daseins. Das heißt: die Gesamtheit der Wirklichkeit und Möglichkeit menschlicher Existenz.

Entscheidend ist der systematische Zugang zur Welt. Ausgangspunkt ist hier die Philosophie des deutschen Idealismus, maßgeblich die Philosophie Hegels.

schreibt im Vorwort zu seiner »Kritik der Politischen Ökonomie« von 1859 (es handelt sich bei diesem Buch um eine Vorstudie zum »Kapital«): »Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, dass Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der so genannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ’bürgerliche ’ zusammenfasst, dass aber die Anatomie der bürgerlichen in der politischen Ökonomie zu suchen sei.«11

Weiter heißt es an dieser Stelle – und jetzt folgen die für den Marxschen Begriff der zentralsten Gedanken: »Das allgemeine Resultat, das sich mir ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der , die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«12

Sein und Bewusstsein, Basis und Überbau, das sind gleichsam die konzeptuellen Fundamente der Marxschen kritischen Theorie der . In diese Struktur ist der Mensch eingebunden beziehungsweise diese Struktur ist durch den Menschen bestimmt. »In seiner Wirklichkeit«, so in den berühmten Thesen über Feuerbach, ist das »menschliche Wesen … das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.«13 Und: »Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizism[us] veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis.«14

Der damit von begründete Materialismus begreift den Menschen derart »subjektiv«, das heißt in Bezug auf seine »’revolutionäre’, … ’praktisch-kritische’ Tätigkeit«15. Der Standpunkt dieses, wie sagt, neuen Materialismus ist »die menschliche oder die gesellschaftliche Menschheit«.16

* * *

In diesen Sätzen haben wir gewissermaßen den Spannrahmen der Marxschen kritischen Theorie der als historischer Materialismus, als materialistische Auffassung von der Geschichte.

Hier kommt nun die Dialektik ins Spiel, nämlich als die, Geschichte und konstitutiv bestimmende, Logik: es geht dabei um Widersprüche, die für die bestehenden Verhältnisse nicht zufällig sind, sondern notwendig und wesentlich diesen Verhältnissen eingeschrieben sind. und Engels haben mit anderen Worten erstmals die als strukturelle Dynamik begriffen.

Die bürgerliche unterscheidet sich nunmehr wesentlich von den ihr vorausgegangenen Gesellschaftsformationen nicht nur durch die Intensität der Widersprüche, sondern auch durch ihre tendenzielle Verlagerung in die abstrakt bleibende Struktur. Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus tendieren anders gesagt notwendig dazu, unsichtbar zu werden – die Widersprüche laufen »hinter dem Rücken der Menschen« ab.

Das liegt daran, dass die kapitalistische von einer ohnehin abstrakten Logik bestimmt ist, nämlich der, der allgemeinen Warenproduktion zugrunde liegenden, Tauschwertlogik. Wir gehen Arbeiten, gehen Einkaufen und reproduzieren damit permanent das kapitalistische System als Ganzes, ohne dass uns bewusst ist, warum und wieso. Vielmehr erscheint uns die in ihren grundsätzlichen Verhältnissen – Lohnarbeit, Warentausch, Warenproduktion, Geld, Staat etc. – als natürlich.

Fragen wir uns spontan, was unsere kennzeichnet, so fällt uns vermutlich eine spezifische Kultur oder Politik ein, zivilisatorische Errungenschaften oder Techniken, Werte und Normen – davon, dass diese aber vor allem eine warenproduzierende ist, sehen wir in der Regel ab. Tatsächlich haben diese Vorstellungen wenig mit dem zu tun, was unser eigenes gesellschaftliches Leben ausmacht. Wir kommen in den Bildern, die wir uns von der machen – und wir sind ja ein Teil davon – eigentlich kaum vor.

Hier gibt es einen weiteren Begriff im , der allerdings in sehr unterschiedlicher und widersprüchlicher Weise interpretiert wird: Ideologie. Mit Ideologie bezeichnen und Engels das notwendig falsche Bewusstsein. Das sind keine individuellen Abweichungen oder verkehrte Meinungen. Vielmehr ist Ideologie die, das moderne Denken prägende, moderne Bewusstseinsform. spricht hier vom Warenfetischismus: Genauso, wie man einem Fetisch eine Macht einräumt, die ihm nicht zukommt, die aber im fetischistischen Bewusstsein sich bestätigt – etwa eine kleine Figur, die bei entsprechender Behandlung Regen erzeugt; wenn der Regen ausbleibt, liegt es am falschen Umgang mit der Figur – genauso ist der Fetischcharakter der Ware zu begreifen.

»Sie wissen das nicht, aber sie tun es.«17 Slavoij Zizek hat vorgeschlagen, diesen Satz von als Definition für Ideologie zu nehmen.

2.

Wie verhält sich diese der nun zur , beziehungsweise was bedeutet das für die , für die Künste, für die Kultur?

Wir müssen zunächst feststellen: und auch Engels haben nicht viel über geschrieben. Auch die Interpretation, »Kultur« stellt nach den »Überbau« dar, ist im Übrigen nicht ganz korrekt. Tatsächlich kommt der Begriff der Kultur, so wie er heute etwa in den Kulturwissenschaften verwendet wird, bei noch nicht vor. Das ist wichtig für die Frage, welches Verständnis und Engels von der haben: ist nämlich nicht, wie es sich in der bürgerlichen Theorie im neunzehnten Jahrhundert etabliert, Teil oder Träger der Kultur – als von der abgetrennte Sphäre affirmativer Werte und Vorstellungen, sondern ist als soziales Verhältnis zu begreifen. Und als soziales Verhältnis steht im Vordergrund a) die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion, b) die Frage nach den spezifischen Produktionsverhältnissen der beziehungsweise der Künste. Die gesellschaftliche Funktion geht dabei nicht im Ökonomischen auf (etwa im Sinne einer Kritik der Kommerzialisierung von ), sondern impliziert die Ästhetik, aber nicht als idealistische Theorie der Wahrnehmung und des Schönen etc., sondern als materialistische Analyse der Funktion des Scheins, als Dialektik der Ideologie (deshalb spricht der marxistische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton von der Ideologie der Ästhetik [»The Ideology of the Aesthetic«, 1990]).

Anmerkungen

  1. 1968, in: »Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz«, GA 11, Frankfurt am Main 1985, S. 445()
  2. Brieflich zitiert von Engels an Paul Lafargue am 27. August 1890, in: MEW Bd. 37, S. 450; vgl. auch Engels in MEW Bd. 22, S. 69.()
  3. Ernst Bloch, », aufrechter Gang, konkrete Utopie«, in: »Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz«, GA 11, Frankfurt am Main 1985, S. 445 f.()
  4. Karl und Friedrich Engels, »Das Manifest der Kommunistischen Partei«, in: MEW Bd. 4, S. 461.()
  5. »Briefe aus den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, September 1843, in: MEW Bd. 1, S. 344()
  6. Vgl. Ernst Bloch, », aufrechter Gang, konkrete Utopie«, in: »Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz«, GA 11, Frankfurt am Main 1985, S. 455.()
  7. und Engels, »Deutsche Ideologie«, MEW Bd. 3, S. 35.()
  8. , »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«, in: MEW Bd. 1, 385.()
  9. , »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«, in: MEW Bd. 1, 385.()
  10. , ›Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung›, in: MEW Bd. 1, 385.()
  11. , ›Zur Kritik der Politischen Ökonomie · Vorwort›, MEW Bd. 13, S. 8.()
  12. , »Zur Kritik der Politischen Ökonomie – Vorwort«, MEW Bd. 13, S. 8 f.()
  13. , »[Thesen über Feuerbach]«, in: MEW Bd. 3, S. 6.()
  14. , »[Thesen über Feuerbach]«, in: MEW Bd. 3, S. 7.()
  15. , »[Thesen über Feuerbach]«, in: MEW Bd. 3, S. 5.()
  16. , »[Thesen über Feuerbach]«, in: MEW Bd. 3, S. 7.()
  17. , »Das Kapital«, Band 1, MEW Bd. 23, S. 88.()

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  1. hui 29.06.2008 / 5:25 pm

    gibt es den Vortrag auch als Audiodatei ?

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