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Musik für die Massen

Von Sebastian

oder: ‑ ein kritischer Rückblick

Pop ist toll. Unter dieser Prämisse entstand in ein Wallfahrtstreffen für Freundinnen und Freunde gepflegter Unterhaltungsmusik, das Anfang Mai 2003 bereits zum zweiten Mal mit guten Bands, Messetischen und Diskussionen aufwartete. So nett das auch im Konkreten sein mag‑ und um es bereits hier zu erwähnen‑ auch der Autor hatte tatsächlich seinen Spaß- krankt die ganze Veranstaltung doch spätestens an seinen Ansprüchen. Und die lesen sich wie folgt: Laut sei die eine gute Sache, »weil anders als bei der Popkomm, die Musikindustrie nicht bloß in ihrer eigenen, längst verkommenen Suppe kocht, […] weil nicht das Großkapital den Ton angibt.«1 Stark gemacht wird der Independent Gedanke, als Musik von und für Enthusiasten, Freaks, die sich aus der »Liebe zu den Tönen« (Tomte) unendlich viel Arbeit ans Bein binden, um mal eine coole Platte als Band aufzunehmen oder als Label zu veröffentlichen, ein Konzert zu geben, dabei gut auszusehen und sich sicher zu sein der Gesellschaft den Mittelfinger gezeigt zu haben.

Was damit noch nicht klar wird, ist die Frage von was oder wem sich denn Indie unabhängig machen will. Von den Marktstrukturen der Großen der oder vom Kapitalismus selbst? Ohne dass die und Ihre VerfechterInnen eine Antwort gegeben hätten, liegt sie doch auf der Hand: Beides haut nicht hin und lässt die ausgeschenkte Independent‑ Soße recht geschmacklos auf dem Tisch stehen. So schön es auch für die Befindlichkeit sein mag, sich punkrockmäßig gegen was zu stemmen, fällt gerade dies aber recht schwer, wenn man keinen Begriff von dem hat, was einen stört. Mainstream und Subkultur sind so ein netter Jargon der , der frei jedes kritischen Gehalts, lediglich unterschiedliche Konsumentenschichten bezeichnet. »Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann, die Unterschiede werden eingeschliffen und propagiert.«2 Anstatt sich der Tatsache bewusst zu werden, als Subkulturhörer nur einfach einem anderen Marktsegment zu entsprechen, als der No Angels Fan, impliziert die gängige Begrifflichkeit bereits die Illusion man würde im Indie autonomer Kunst anhängen, die so gar nichts mit den fiesen Verhältnissen zu tun hätten, die man durchschaut glaubt. »Subkultur ist [jedoch] nicht […] Gegenkultur, vielmehr wird die und ihre Ideologie im kleinen Maßstab nachgestellt.«3

Auch auf der PopUp lässt sich Kunst nur als Ware denken, die den gleichen Strukturen aus Reklame und Massenbetrug unterliegt. Die Inszenierung des Musikers als Star, die Verwechslung von Musikkritik und Kaufempfehlung, das Kreieren von Lifestyle und Mode, und die selektive Gewalt gegen jene, die dem nicht entsprechen‑ gleichen aufs Haar dem Zustand des sogenannten Mainstream. Hier wie dort bindet die Zerstreuung und das Amusement, das die Kulturprodukte feilbieten, den Konsumenten umso tiefer in den alltäglichen Mief zwischen Kleinfamilie und Arbeitsstelle ein. „Vergnügen heisst [auch auf der PopUp] allemal: nicht daran denken müssen, das Leiden vergessen, noch wo es gezeigt wird. Ohnmacht liegt ihm zu Grunde. Es ist in der Tat Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlechten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene noch übrig gelassen hat. Die Befreiung die Amusement verspricht, ist die von Denken als von Negation.“4

Die PopUp ist in diesem Sinne eine unkritische Veranstaltung, wie jedes Konzert und jedes Festival auch‑ nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie eben dies bestreitet. Sie ist die PopKomm auf kleiner Flamme, weitaus homogener, in den symphatischeren Clubs, mit nicht‑ oder unterbezahlten OrganisatorInnen, den netteren Menschen, und der subjektiv als „besser“ empfundenen Musik. Natürlich waren die Konzerte mit Komeit, Robocop Kraus, Beige GT und anderen wirklich toll‑ aber unter dem Deckmantel und der Lebenslüge Independent kann einem auch das noch vergehen. Abhilfe hätte nicht etwa eine popkritische Veranstaltung geschaffen, die als dissonanter Zwischenton zeigt, wie reflektiert man doch ist, sondern einzig und allein die Wahrheit in Form eines deutlichen Abschieds von Pop‑ Subkultur. Denn die gibt es nicht.

Anmerkungen

  1. Nr.265 (Mai 2003), S.63.()
  2. Adorno/Horkheimer‑ Dialektik der Aufklärung, S. 131.()
  3. R. Behrens‑ Ton, Klang, Gewalt, S.41.()
  4. Adorno/Horkheimer‑ Dialektik der Aufklärung, S.153.()

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