This girl is not alright

Von Chris

Ein Streetart-Phantom in Paris sorgt für Aufsehen und zeigt, wie diffus die Postmoderne mit vermeintlichen Gewissheiten aufzuräumen pflegt: mit der Adaption von islamistischen Symboliken zieht »Princess Hijab« in ihren Djihad. Ihre Waffen dabei: Stencil, Edding und Spraydose.

Was Diedrich Diedrichsen einst in seinem Essay »The kids are not alright« über die gegenkulturellen Entwürfe und deren vermeintlich fortschrittliches Grundgerüst erkannte, lässt sich auch auf eine popkulturelle Erscheinungsform übertragen, die viele Linke in den letzten Jahren für sich entdeckt haben: überall dort, wo sich die bloße und parolenhafte Ästhetisierung der Politik gegenüber einer wirklichen Politisierung durchsetzt, ist Vorsicht geboten. Die Oberflächlichkeit in der sich derlei politische Praxis zwangsläufig äußern muss, will sie sich als massenkulturelles Phänomen begreifen, bleibt damit im Sumpf der jeweils verschiedenen Deutungshoheiten stecken. Bloße Symbolpolitik war schon immer identitär und wahllos interpretierbar, weil sie es darauf anlegt, große Teile der Gesellschaft zu erreichen und zumeist in der beliebigen Interpretation der Konsumenten endet. Streetart als popkulturelle Symbolik und Codierung des öffentlichen Raumes ist davon nicht ausgenommen. Es sollte demnach also nicht verwundern, dass Streetart, die sich als jugendlichste und revolutionärste Form von Gegenwartskunst geriert, ebenso von anti-emanzipativen Veräußerungen vereinnahmt werden kann.

»Princess Hijab«, Jahrgang 1988, ist seit 2006 als Phantom auf den Straßen von Paris unterwegs und kennt nur einen Auftrag: die »Hijabisierung« des öffentlichen Raums, den Djihad gegen die als westlich imaginierte Werbewelt der Hochglanzposter und freizügigen Kampagnenbilder. Ihre Waffen im Kampf gegen L‘Oréal und Kate Moss sind Stencils, Paperdolls, Marker und Spraydosen. Ihre Streetart kokettiert mit islamischen Religionsutensilien. Tschador‑ und Burka-Motive sind ihre beliebten Gimmicks. Mit diesen überklebt oder übermalt sie die nackte Haut der omnipräsenten Dessous-Models, aufreizende Werbebilder oder die Gesichter bekannter Filmstars und Werbeikonen. Mit mythischer Anonymität bewegt sie sich im öffentlichen Raum, ihr Weltbild besteht aus selbstgewählter Einsamkeit und moralischer Überlegenheit. Dabei bleibt zu fragen, ob man »Princess Hijabs« Streetart tatsächlich als islamistische Kunst abwatschen kann oder der Rückgriff auf religiöse Symbolik letztlich ihr eigens gewähltes Vehikel für eine antikapitalistische Kritik ist.

Sie selbst sieht sich jedenfalls in der Tradition der »Adbuster«-Bewegung, die schon vor Jahren versuchten, mittels Stencil und anderen Hilfsmitteln auf plakative Art und Weise ihre Kapitalismuskritik im alltäglich öffentlichen Raum zu artikulieren. Wo sich »Adbusters« noch den Vorwurf gefallen lassen musste, mit platten Attitüden Gefahr zu laufen, die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse in oberflächlicher Konsumkritik aufgehen zu lassen, schlittert »Princess Hijab« aber ins vollends Reaktionäre. Durch die vermeintlich kritische, letzten Endes aber religiös-reaktionäre Aufladung ihrer Kunst bedient sie Ressentiments und bornierte Identitäten. Sie steht mit ihrer Kritik an der als westlich halluzinierten, aufreizenden und unsittlichen Konsum‑ und Werbekultur für keinerlei kritische Stoßrichtung, sondern bedient sich offensiv der Symboliken islamistischen Tugendterrors, den sie geschickt in popkulturelles Trendsetting verpackt. »Princess Hijab« steht mit ihrem radical chic für eine neue Generation von Jugendlichen in Europa, die zwischen Koranversen und den Verlockungen der gegenwärtigen Moderne einen schmalen Grat gefunden hat.

Im Zeitalter einer als postmodern bezeichneten Kommunikations‑ und Informationsgesellschaft, dem anything goes, verwundert es kaum, warum sich auch Künstler rückwärts gewandten Islamisten – vor allem in Europa – zuwenden und den Zweck von den Mitteln heiligen lassen. Auf die modernsten Ausuferungen der Kunst, gar der angeblichen Gegen-Kunst zurückgreifen war in dieser Logik schon immer ein Tabubruch, der erst einmal für Aufsehen sorgt. So ist »Princess Hijab« die zeitgenössische Form einer reaktionären Guerilla, die mit einer diffusen Mischung so sehr den modernen Typus des Djihadisten verkörpert: durchaus in der Lage sich im Hier und Jetzt der von ihnen so verhassten Gesellschaft zu bewegen, sich deren kommunikative Veräußerungen anzueignen, mit ihnen zu spielen. Als Kind dieser Gesellschaft, weiß sie um den populären Gehalt dieser vermeintlich rebellischen Gesten. Dazu passt auch ihr punkiges und individuelles Understatement, die Betonung ihrer Rolle als weibliche Djihadistin, mit dem sich »Princess Hijab« einen recht plumpen Anstrich von Unabhängigkeit und Kritik geben mag. Zwar betont sie in dem Manifest auf ihrer Homepage, sie gehöre keiner politischen oder religiösen Organisation an – doch ist es genau das, was sie letzten Endes tut: die Hofierung klerikal-faschistischer Gesellschaftsmodelle durch ihre Interpretation eines modernen Typus des Untergrundkämpfers; autonom, aber ideologisch gefestigt und moralisch höherwertig als der westliche Schund, den man bekämpft.

Angesichts dessen mag es auch kaum verwundern, dass in den schlechteren Teilen der Gesellschaft, in denen alles als Diskurs verstanden wird und in falsch verstandener Toleranz enden muss, solcherlei Umtriebe für Interesse sorgen. Vom 22. Mai bis 29. August 2009 sind einige Aufnahmen von »Princess Hijab« im Rahmen einer Streetart-Ausstellung im »Austrian Cultural Forum« in New York zu sehen. Es wäre zu hoffen, dass dort mindestens das passiert, was noch jeder gegenkulturellen Performance geschehen ist, die musealisiert wurde: dass ihr der tatsächlich subversive Zahn gezogen wird und sie in Bedeutungslosigkeit verschwindet.


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  1. NancySpungen 09.09.2009 / 3:48 pm

    attraktiv

  2. l 04.10.2009 / 2:46 am

    Daneben Damen im Tschador, lebensgroß, in der Pose eines Pin-up-Girls. Andere mit Pilotenbrillen und gezogener Pistole, dazu High Heels und blanke Knie. (SpOn)

    kann man das so eindeutig beantworten?

    und das:

    Die letzte Arbeit von Princess Hijab war eine Ausnahme. Sie stieg in Sèvre-Babylone aus der U-Bahn, einer Jugendstil-Metro-Station, und diesmal war ihr Ziel ein Mann. An der Wand hing ein Plakat für einen Film mit Jennifer Aniston und Owen Wilson. Er heißt »Marley & Ich«, es geht um einen Hund, und beide Darsteller lachen in die Kamera – so glatt, so Hollywood-kitschig und bedeutungslos, dass der Film nervt, schon bevor man ihn gesehen hat.

    Nach der Kunstattacke trägt Owen Wilson nun eine schwarze Burka, Stoffgitter vor den Augen. Keine Haare, kein Weichzeichner, kein Lachen mehr. (SpOn)

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,621747,00.html

    dass in den schlechteren Teilen der Gesellschaft

    wieso sollte man sowas nicht ausstellen und zur diskussion stellen? ist doch spannend. du schreibst ja auch drüber! weil es so uninteressant und bedeutungslos ist wahrscheinlich nicht …

    dass ihr der tatsächlich subversive Zahn gezogen wird und sie in Bedeutungslosigkeit verschwindet.

    tipp: nicht über sie schreiben. denn natürlich ist dieser artikel ein beitrag zum diskurs – und trägt zu ihrer weiteren prominenz bei. :P

Reiss die Fresse auf:

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